Diane Oliver: Nachbarn: Storys

Die amerikanische Autorin Diane Oliver (1943–1966) gewann während ihres Studiums an der University of North Carolina ein Stipendium und wechselte daraufhin zu der University of Iowa. Dort schrieb sie sich in den Schreibkurs ein. Während ihres Studiums veröffentlichte sie die Kurzgeschichte Nachbarn und drei weitere. Ihre schriftstellerische Karriere hätte nun weitergehen können, wenn nicht ein tödlicher Verkehrsunfall kurz vor ihrem dreiundzwanzigsten Geburtstag gewesen wäre. Was danach geschah, spricht für das Talent der jungen Autorin. Posthum erhielt sie den MFA-Abschluss und eine Auszeichnung für ihre literarischen Leistungen.

Der wechselfreudige Literaturmarkt ließ Diane Oliver zurück: Die Gesellschaft veränderte sich. Im Laufe der Jahre entdeckten Verlage und Literaturagenturen für sich immer mehr Autorinnen und später auch schwarze Autorinnen. Nachdem die Britin Elise Dillsworth bei Diane Olivers Schwester und deren Nichte einen Stapel Manuskripte fand, darf sich die Leserschaft auf neue Erstveröffentlichungen freuen. Die Professorin und Autorin Tayari Jones erklärt in ihrem Nachwort, wie Diane Oliver ihr Denken beeinflusst habe und die Autorin aus diesem Grund eine literarische Vorgängerin sei.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Alina Herbing: Tiere, vor denen man Angst haben muss

Ein marodes, abgeschiedenes Haus samt einem verwahrlosten Grundstück im Norden von Mecklenburg. Dazu Kinder, die weitestgehend auf sich allein gestellt sind und eine Mutter, die sich lieber um verlassene Tiere kümmert, anstatt um ihre Familie. Alles andere als eine heimelige Landidylle also und schon gar kein Ort und keine gute Basis für zwei Schwestern im Teenageralter.

Der Umzug in das verwahrloste Bauernhaus entwickelt sich für die Ich-Erzählerin Madeleine und ihre Schwester Ronja zu einer äußerst entbehrungsreichen Lebensstation. Den Mädchen bleibt keine Wahl. Sie müssen sich mit dieser Situation arrangieren, so gut es irgendwie geht. Einzig die Mutter scheint hier richtig angekommen zu sein. Für sie ist das Haus der Ort, an dem sie herrenlosen Tieren Zuflucht gewährt, ein Zuhause gibt. Dass sie dabei ihre eigenen Kinder vernachlässigt, tangiert sie wenig. Ihr Credo scheint zu sein, dass Verzicht üben in jeglicher Hinsicht zum Leben gehört.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Donal Ryan: Seltsame Blüten

Der irische Schriftsteller Donal Ryan (Jahrgang 1976) hat mit „Seltsame Blüten“ sein fünftes Buch geschrieben. Es ist am 21. Februar 2024 im Diogenes Verlag erschienen. Übersetzt wurde es von Anna-Nina Kroll. Mit seinem letzten Buch „Die Stille des Meeres“ aus dem Jahre 2021 stand Ryan auf der Longlist des Man Booker Prize.

„Seltsame Blüten“ im grünen Irland

In „Seltsame Blüten“ versetzt Donal Ryan die Lesenden ins Irland der 1970er Jahre. Die Familie Gladney, Paddy, Kit und ihre Tochter Mary, leben in einem Cottage einer kleinen Gemeinde im County Tipperary. Paddy arbeitet als Briefträger und kümmert sich als Knecht außerdem um die Ländereien und das Vieh der Familie Jackman, auf deren Land sie wohnen. Kit macht die Buchhaltung für ein paar Kaufleute aus der Gegend. Mary, genannt Moll, ist ein ruhiges und angepasstes Mädchen. Doch mit zwanzig Jahren verschwindet sie plötzlich. Für ihre Eltern bricht die Welt zusammen.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ingrid Noll: Gruß aus der Küche

Irma Krugel, von den Körpermaßen rund wie eine Kugel, übernimmt in ihrem badischen Heimatdorf das Wirtshaus ihrer Eltern und macht daraus das vegetarische Restaurant „Aubergine“. Sie ist zwar herzensgut, führt aber ein strenges Regiment. Ihr Team besteht zum einen aus dem Kellner Josch, ungefähr acht Jahre jünger als sie, Träger eines „Man-Bun“ und Irmas hin-und-wieder-Lover. Am Herd steht Irma Nicole zur Seite, ihre Freundin aus Schulzeiten. Als Küchenhilfe arbeitet die hippe, freche Lucy in der „Aubergine“. Abgerundet wird die Besatzung von einem „Gemüsemann“.

Dr. Soloth ist Akademiker und schon sehr alt, macht sich aber nützlich, indem er Berge an Gemüse schnippelt. Dafür bekommt er täglich ein Mittagessen. Nicht alle im Team verstehen und vertragen sich. Es gibt Liebschaften, mit denen nicht alle einverstanden sind. Hin und wieder spielt jemand einem anderen aus Rache für einen üblen Scherz einen Streich oder kann kein Geheimnis für sich behalten. So ist immer etwas los rund um die nudeldicke Irma und ihren spannenlangen Kellner. Letztendlich steht sogar eine Hochzeit ins Haus, es gibt einen Toten und es geht um ein beträchtliches Erbe.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Naomi Krupitsky: Die Familie

Für Fans von „Der Pate“: Hier ist die weibliche Perspektive dazu! Während sich die Männer der „Familie“ draußen die Finger schmutzig machen – sprich: Erpressungsgelder einkassieren, Leute einschüchtern, Nasen brechen, Leichen versenken – sind ihre Frauen zu Hause zum stillen Warten verdammt. Sie pflegen Haushalt und Kinder, nie wissend, ob ihre Männer lebend nach Hause kommen. Das passive Ausgeliefertsein kann manchmal noch zermürbender sein, als die aktive Gewalt.

In diese mafiösen Familienstrukturen werden die Freundinnen Sofia  und Antonia im New York der 20er Jahre hineingeboren. Schnell erkennen sie, dass sie anders sind. Kinder in der Schule wollen nicht mit ihnen spielen, ihre Väter sind oft nächtelang unterwegs, ständig bekommen sie Besuch von merkwürdigen  „Onkeln“. Als Antonia acht Jahre alt ist, verschwindet ihr Vater Carlo spurlos. Ihre Mutter wird depressiv und zieht sich von allen anderen italienischen Familien zurück. Erst als sie zu Erwachsenen heranreifen, wird den beiden Freundinnen klar: Carlo wurde umgebracht, weil er aus der Mafia aussteigen wollte. Beide jungen Frauen wählen nun ihrerseits Wege, um gegen das System der Familie aufzubegehren.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Scott Alexander Howard: Das andere Tal

Der kanadische Autor und promovierte Philosoph Scott Alexander Howard erklärt in seinem Interview, sein Debütroman sei in erster Linie eine Meditation über die Vergangenheit und ihre Präsenz in unserem Leben. Es geht ihm dabei um kausale Zusammenhänge: Weil früher etwas Bestimmtes geschah, entwickeln sich durch eine Kettenreaktion folgenreiche Veränderungen, die den Lebenslauf eines Menschen festlegen.

In seinem Roman erfährt die kluge Schülerin Odile Ozanne, dass sie durch das strikte Befolgen von Regeln nicht nur in Gewissenskonflikte gerät, sondern auch rückblickend durch ihren Gehorsam einen gravierenden Fehler gemacht hat. Ihre Verzweiflung ist so groß, dass sie tiefgreifende Entscheidungen trifft, die ihre Biografie in eine Abwärtsspirale katapultiert.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Shelly Kupferberg: Isidor

Er war ein Lebemann und Schöngeist, erfolgreich, charismatisch, den angenehmen Dingen des Lebens zugetan. Aus einem konservativen jüdischen Dorf im Hinterland Galiziens hat sich Isidor Geller als Kommerzialrat an die Spitze der Wiener Gesellschaft hochgearbeitet. Seinen wirklichen Vornamen Israel hat er abgelegt. Vermeintlich geschützt durch Renommee und Reichtum, glaubt er, dass diese aufkommenden Nationalsozialisten ihm nichts anhaben können. Eine fatale Fehleinschätzung. Die in Berlin lebende Journalistin und Moderation Shelly Kupferberg zeichnet anhand von Briefen, Archivrecherchen und Besuchen in Wien den Werdegang ihres Urgroßonkels nach. Herausgekommen ist eine ergreifende Familiengeschichte. Sie stellt Schritt für Schritt die Ausgrenzung, den Abstieg und die Entrechtung der Juden dar bis hin zu Deportation und Tod.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Verena Dolovai: Dorf ohne Franz

Maria wächst mit ihren Brüdern Josef und Franz auf einem Bauernhof auf. Wir befinden uns in den 1960-er Jahren. Franz, das Nesthäkchen, ist der absolute Liebling der Mutter. Maria bekommt in dieser patriarchalisch geprägten Gesellschaft wenig Liebe und Fürsorge ab. Sie darf auch keine weiterführende Schule besuchen und keinen Beruf erlernen, weil sie ja ohnehin einmal heiraten wird. Für sie, die Stämmige, Kräftige, bleibt nur Toni, der erstgeborene Sohn des Wirtes, als Heiratskandidat über.

Alle anderen Mädchen gehen in die Stadt, wie die elegante Theresa, oder berechnen genau, wer ihnen von den Burschen ein gutes Leben bieten kann. Die gutmütige Maria heiratet Toni, der sich schnell als Quartalssäufer herausstellt und aus diesem Grund auch von seinem Vater das Wirtshaus nicht überschrieben bekommt. Lediglich die Einliegerwohnung wird Maria und ihm zugestanden. Den Betrieb übernimmt sein jüngerer Bruder Ferdinand, den eine (homoerotische) Freundschaft mit Marias Bruder Franz verbindet. Trotzdem nimmt Ferdinand Anna zur Frau.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar sein

Geheimagent und Gentleman – aus heutiger Sicht vielleicht ein bisschen antiquiert, aber nicht minder gut zu lesen wie vor Jahrzehnten. Immerhin ist das Buch, das jetzt zum 100. Geburtstag des Autors neu aufgelegt wurde, bereits 1960 erschienen. Viele werden den Bestseller damals gelesen und inzwischen vielleicht vergessen haben. Es lohnt sich, ihn mit dem Wissen von heute, vor dem Hintergrund der Entwicklungen, die Simmel damals ja nicht vorhersehen konnte, noch einmal zu lesen. Die Sprache mag ein bisschen seltsam anmuten, der damaligen Zeit entspricht sie ebenso wie die Rechtschreibung, die ja mittlerweile reformiert worden ist. Das mag zu Anfang ein bisschen seltsam wirken, aber nach ein paar Seiten, nimmt man das gar nicht mehr richtig wahr.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Paul Murray: Der Stich der Biene

Der irische Schriftsteller Paul Murray (u.a. „Skippy stirbt“) porträtiert in seinem neuen Roman „Der Stich der Biene“ die Familie Barnes, indem er die Kapitel abwechselnd aus Sicht der einzelnen Mitglieder erzählt: Tochter, Sohn, Mutter, Vater – in dieser Reihenfolge.

Es handelt sich um eine Familie in Schwierigkeiten. Das Autohaus, in dem Vater Dickie arbeitet, droht pleite zu gehen, Mutter Imelda, die eigentlich lieber den Bruder ihres Mannes geheiratet hätte, kommt mit dem finanziellen Niedergang schlecht zurecht, Teenager-Tochter Cass droht im Alkoholexzess unterzugehen, und der zwölfjährige Sohn PJ plant die Flucht. Keiner der Charaktere ist ein Sympathieträger. Das alles ist recht deprimierend und von wenig Freude durchzogen.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: