Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

Das ist wieder einmal so ein Roman, bei dem es schwerfällt, sich ein eindeutiges Urteil zu bilden. Das Thema, dessen sich die in Ost-Berlin geborene Autorin annimmt, ist interessant und kann nicht oft genug angesprochen werden. Der Stil ist modern, rasant, brachial, aber auch verstörend, nicht einfach zu lesen. Die Figuren sind es aber vor allem, die diesen Roman zu einer schwer verdaulichen Lektüre machen.

Die junge Nike, in Berlin beim DAAD arbeitende Jüdin, hadert mit ihrem Leben, mit ihrer Familie, mit sich selbst. Sie hat Erfahrungen hinter sich, die sie physisch und psychisch beschädigt haben, über die sie aber weder mit anderen noch mit sich selbst reflektieren kann. Ganz spontan beschließt sie, für ein Jahr nach Israel zu gehen und sich dort für den DAAD einzusetzen. Sie tauscht mit einer Israelin die Wohnung und findet in Tel Aviv auch recht gut Anschluss an die dortigen Kolleginnen.

Noam, der in Tel Aviv beim Haaretz als Journalist tätig ist und dort eine regelmäßige Kolumne veröffentlicht, ist ein ähnlich zerrissener Charakter. Auch er hat in Kindheit und Jugend schlimmste Erlebnisse verarbeiten müssen bzw. hat sie bis heute nicht verarbeitet. Weiterlesen

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Sylvie Schenk: Roman d’amour

Charlotte Moire ist im Buch Schriftstellerin und die Protagonistin. Für ihren „Roman d’amour“ hat sie einen Literaturpreis bekommen. Einen völlig unbedeutenden Preis, der zum ersten Mal verliehen wird und nur mit einem bescheidenen Geldbetrag ausgelobt ist. Zudem, so findet Charlotte, entspricht ihr Liebesroman gar nicht den Kriterien dieses Preises.  Dennoch freut sie sich darüber und reist über sechshundert Kilometer weit auf eine Nordseeinsel zur Preisverleihung. Vorab soll sie dort ein Interview mit einer Journalistin für einen Radiobeitrag führen.  Im Gespräch mit der Journalistin Frau Sittich, wird der Inhalt des Romans aufgerollt. So lesen wir von der Affäre eines verheirateten Lehrers, der sich auf eine Liebesbeziehung mit der älteren Rektorin Klara seiner Schule einlässt. Die Protagonistin hat ihre eigene Geschichte, die sie im Roman nacherlebt, in die Erzählung hineinverwoben. Weiterlesen

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Elena Ferrante: Zufällige Erfindungen

Elena Ferrante kennt man bislang von mehreren erfolgreichen Romanen – unter anderem der vierbändigen Neapolitanischen Saga, die ihr eine weltweite Fangemeinde beschert hat. Dass Ferrante auch die Kunst der kurzen Geschichten beherrscht, zeigt sie in ihrem neuesten Buch „Zufällige Erfindungen“. Hierin liest man 52 Kolumnen, die sie ein Jahr lang vom Januar 2018 bis Januar 2019 jede Woche für den britischen Guardian verfasst hat. Aus einer Liste mit Themenvorschlägen hat sie sich spontan ausgesucht, über was sie schreiben wollte. Die Situation, sich zum Schreiben verpflichten zu lassen und sich durch die vorgegebene Form auch noch auf ein Minimum zu beschränken, war für die Romanschreiberin Elena Ferrante neu. Dennoch hat sie sich darauf eingelassen.

Den Kolumnenanfang macht die Schilderung eines ersten Mals. Das Ende des Buchs bezieht sich auf die Geschichte von einem letzten Mal. Dazwischen schreibt sie über unterschiedlichste Themen (einige der Titel lauten „Töchter“, „Zittern“, „Schlaflos“, „Schlechte Stimmungen“, „Lügen“, „Vegetation“, „Eifersucht“…). Immer wieder befasst sie sich mit dem Thema Schreiben. Einmal geht es um das Tagebuchschreiben, was Elena Ferrante (wie die Leser, die sie von ihren Romanen her kennen, wissen) selbst praktiziert. Unter anderem geht daraus hervor, dass die Autorin im Tagebuch alles aufschrieb, was sie lieber verschwiegen hätte und sich dabei auch eines Wortschatzes bediente, den sie nie in den Mund genommen hätte. Oder man liest, wie ihr Tagebuch selbst zu einer Erfindung wurde, weil sie ihre unaussprechlichsten Wahrheiten in erfundene Geschichten umlenkte. Weiterlesen

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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Ein Buch, wie dafür geschaffen, es in einem Atemzug zu verschlingen. Evaristo legt ein mitreißendes Tempo vor. Mit Witz, Wagemut und sehr viel Empathie erzählt sie die Geschichten von 12 überwiegend schwarzen Frauen in England. Beginnend um die Zeit des Ersten Weltkrieges bis ins pulsierende London der Jetzt-Zeit hinein. Dabei geht es in ihrem Roman nicht nur um Rassismus. Es geht um sehr viel mehr: Die Rede ist von Feminismus, Gender, Sexualität, Generationenkonflikten, Klassenzugehörigkeit, Urbanisierung und Gentrifizierung. Evaristo setzt dort an, wo es zu offener oder verdeckter Ausgrenzung kommt. Und sei es nur, dass diese unbewusst in Gedanken stattfindet. Dabei ist Evaristos Botschaft universell. Es geht auch darum, den eigenen Platz in dieser Welt zu finden, im Wechselspiel mit den Bedürfnissen und Ansichten anderer Menschen. Kurz: Mit diesem Buch ist der britischen Autorin ein ganz großer Wurf gelungen. Sie erhielt völlig zu Recht als erste schwarze Autorin den Booker Prize im Jahr 2019.

Im Mittelpunkt steht Dramaturgin Amma, die ein neues Stück über historisch belegte Amazonen auf die Theaterbühne bringt. Der Weg dahin war steinig. Denn als schwarze, lesbische Frau aus bescheidenen Verhältnissen, ist sie gleich mehreren Vorbehalten ausgesetzt. Ihre Antwort darauf war Rebellion in jeglicher Form. Von denkwürdigen Auftritten mit ihrer alternativen Theatergruppe bis hin zu ihrer Unterstützung der Feminismusbewegung und LGTB-Community. Hat sie nun endlich ihr Ziel erreicht? Wird das provokante Stück beim Publikum ankommen? Weiterlesen

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Jemma Wayne: Der silberne Elefant

Emilienne nennt sich „Emily“, seit sie in London lebt. Nicht nur, weil die Engländer das besser aussprechen können. Die junge Frau aus Ruanda verbirgt hinter diesem fremden Namen auch ein Stück von sich selbst. Sie liebt die Anonymität in England, „die Möglichkeit, nicht bemerkt, nicht identifiziert, nicht kategorisiert zu werden“. Als Tutsi musste sie in ihrer Heimat Grausames sehen und erleiden. Meist versteckt sie ihre traumatischen Erlebnisse in ihrem Inneren, oft zieht sie sich von der Welt zurück oder wandert durch die Gegend, um sich abzulenken, aber manchmal brechen die Erinnerungen mit Macht hervor und stürzen sie in Hilflosigkeit und Verzweiflung.

Nach drei Jahren wollen ihre Tante und ihr Onkel, bei denen sie in den ersten Jahren in London wohnt, ihr Schweigen und ihre Ausbrüche nicht mehr mittragen. Emily zieht aus und versucht, sich mit Putzstellen über Wasser zu halten. Dann fällt ihr ein Flyer für eine Pflegeausbildung in die Hände. Ob das etwas für sie wäre?

Vera plagen Schuldgefühle, die sie mit niemandem teilen kann. Zu schwer wiegt, was sie getan hat. Als sie Luke kennenlernt, hat sie das Gefühl, dass er und sein Gott sie retten können. Der gläubige Christ gibt ihr Halt, sie hofft, dass er ihr helfen kann, ein besserer Mensch zu werden. Doch ihre Zweifel wollen nicht verschwinden. Was wird geschehen, wenn sie ihm die Wahrheit über sich erzählt? Und dann ist da noch Charlie, mit dem sie früher um die Häuser gezogen ist und dessen Charme sie nur schwer widerstehen kann. Weiterlesen

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Sylvain Prudhomme: Allerorten

Sascha ist ein erfolgreicher Schriftsteller und ein Einzelgänger, der Menschen lieber auf Abstand sieht und nicht in der eigenen Wohnung.

Mit vierzig beschließt er, diesen Abstand zu vergrößern. Er zieht nach V., wo nur ein Cousin und eine Bekannte von ihm wohnen. Sascha glaubt, es sei der ideale Ort, um wie ein Einsiedler zu leben und zu arbeiten. Doch kaum ist er angekommen, erfährt er auf einer Begrüßungsparty, der Anhalter, sein alter Freund, lebe auch in V. Noch sehr genau erinnert sich Sascha daran, wie er dem Anhalter vor zwanzig Jahren die Freundschaft aufgekündigt hatte. Sie seien einfach zu verschieden, findet er. Der eine habe die Eigenschaft eines tönernen und der andere die des eisernen Topfes. Dies seien die besten Voraussetzungen für das Zerbrechen des Schwächeren.

Sein Freund, der Anhalter, lebt inzwischen mit Frau und Sohn in einem Haus. Sehr schnell finden die beiden wieder zueinander. „Wir genossen es, uns frei unterhalten zu können, […] wir redeten, hörten auf zu reden, blieben lange Minuten still […] Es war, als würde der Anhalter nach all den Tagen auf den Straßen loslassen.“ (S. 82)

Abgesehen vom Alter scheint sein Freund trotzdem der Alte geblieben zu sein. „Er liebte die braunen Schilder am Rand der Autobahn. Die illustren Namen mitten in der verlassenen Landschaft, hoch über dem Standstreifen.“ (S. 89)

Und Sascha wundert sich. Obwohl oder vielleicht sogar trotz des familiären Glücks geht sein alter Freund wie früher auf spontane Reisen. So wie sie es gemeinsam getan hatten – Daumen hoch und mal schauen, wie weit und wohin es geht. Sascha und die Familie des Anhalters werden immer vertrauter miteinander.

Sascha, der Sonderling, verändert sich. Weiterlesen

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Valeria Parrella: Versprechen kann ich nichts

Die Italienerin Valeria Parrella (Jahrgang 1974) lebt in Neapel und dort spielt auch ihr neuer Roman „Versprechen kann ich nichts“, der am 15. Februar 2021 im Carl Hanser Verlag, übersetzt von Verena von Koskull, erschienen ist.

Begeistert habe ich 2017 Valeria Parrellas Erzählungen „Liebe wird überschätzt“ (ebenfalls im Carl Hanser Verlag veröffentlicht) gelesen, so dass ich ihren Roman mit einiger Spannung erwartet habe.

In „Versprechen kann ich nichts“ unterrichtet Elisabetta Maiorano, fünfzig Jahre alt und verwitwet, Mathematik in dem Jugendgefängnis der Stadt Neapel auf der Insel Nisida. Dort landet eines Tages die 16jährige Rumänin Almarina, weil sie ein Handy gestohlen hat. Vom Vater geschlagen und vergewaltigt ist sie mit ihrem jüngeren Bruder nach Italien geflüchtet. Der Bruder kommt in eine Pflegefamilie, Almarina in den Jugendknast.

Nach dem plötzlichen Herztod ihres Mannes fühlt sich Elisabetta alleingelassen und verzweifelt. Vergeblich hatten die beiden versucht, Kinder zu bekommen. Im Gefängnis, dem Ort, dem alle anderen wieder entfliehen möchten, fühlt sie sich „freier“. Almarina kommt in ihren Mathematik-Unterricht. Über Weihnachten darf sie das Mädchen zu sich nach Hause nehmen. Und dann wird Almarina in eine betreute Wohngruppe entlassen. Aber Elisabetta kämpft um die Vormundschaft für das Mädchen, das zu ihr sagt: „Aber versprechen kann ich nichts.“ Weiterlesen

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Durian Sukegawa: Die Katzen von Shinjuku

Ein anrührender, einfühlsamer Roman um zwei Menschen auf der Schattenseite des Lebens. Yama, ein junger, schüchterner Fernsehautor, der von seinem Vorgesetzten auf das Heftigste drangsaliert wird, betritt eines Abends eine winzige Bar im Viertel Shinjuku. Hinter der Theke der Bar bedient die ebenfalls sehr junge Yume. Eine wortkarge Frau, die schielt und die eine ganz besondere Beziehung zu Katzen hat. Um diese Katzen dreht sich auch die Katzenwette, bei der einige der Kneipengäste darauf wetten, welche Katze als nächste durch ein Oberlicht in den Raum hineinsehen wird. Zur besseren Unterscheidung der Tiere hat Yume einen sogenannten Katzenplan gezeichnet, der stets an der Kühlschranktür hinter der Theke hängt.

Im Laufe der vielen Abende, die Yama nach seinem ersten Besuch in der Bar „Karinka“ verbringt, kommen Yama und Yume sich etwas näher, auch wenn das sehr vorsichtig und behutsam geschieht. Schließlich zeigt Yume ihm sogar, wo sie die vielen Katzen, um die sie sich kümmert, versorgt.

Währenddessen quält sich Yama in mehreren Jobs, in denen er gegängelt, ausgenutzt und missachtet wird. Er selbst traut sich wenig bis gar nichts zu, bis Yume ihn dazu anregt, Gedichte zu schreiben. Doch dann schlägt das Schicksal grausam zu und Yume wird brutal mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Weiterlesen

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Kristina Hauff: Unter Wasser Nacht

Ein Buch um Trauer, Schuld und Zweifel, um Freundschaft und Nähe und um Fremdheit, ein Roman über Menschen, die verzweifelt um ihre Träume kämpfen.

Es ist fast so etwas wie eine großräumige WG, in der sie leben. Sophie und Thies in dem einen Haus und direkt daneben Inga und Bodo mit ihren Kindern Jella und Lasse. Schon lange sind die Vier eng befreundet und wohnen nun nah beieinander, teilen Grundstück und Windrad, Scheune und Garten, Vergangenheit und Erinnerungen.

Doch werden sie auch eine gemeinsame Zukunft haben? Aaron, der Sohn von Sophie und Thies ist vor etwas mehr als einem Jahr ums Leben gekommen, ertrunken in der Elbe. Sophie, die schon immer Inga um ihre heile Familie beneidete, kann die Anwesenheit der Freundin und den Anblick der nachbarlichen Idylle kaum ertragen, zieht sich immer mehr von den Freunden zurück. Und auch mit ihrem Mann kann sie über das Vergangene kaum sprechen. Thies hingegen, ein seit Aarons Tod berufsunfähiger Lehrer, findet keine Ruhe, streift durch die Umgebung. Weiterlesen

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Claudia Piñeiro: Wer nicht?

Hernán wird von seiner Mutter beauftragt, das Haus vom verstorbenen Großvater Martín zu verkaufen. Er erfüllt diese Aufgabe nur, weil er der Lieblingsenkel gewesen ist und als Architekt arbeitet. Mit der verborgenen Überraschung hat er nicht gerechnet. „Er starrt weiterhin die aufgebrochene Wand vor ihm an. Und dann geht er, als hätte er auf einmal begriffen, mit bloßen Fäusten auf das bröckelnde Mauerwerk los, schiebt die Stücke zur Seite.“ (S. 102)

Jeder Mensch kann in eine Ausnahmesituation geraten. Wenn diese dann auch noch mit einer Erkenntnis verbunden ist, haben die Betroffenen nicht nur eine Entscheidung zu treffen. Sie hat auch Auswirkung auf das eigene Leben.

In Claudia Piñeiros facettenreichen Erzählungen finden sich Personen im scheinbar harmlosen Alltag wieder. Ob es sich hierbei um so etwas Banales wie das Raustragen des Hausmülls, ein unbedachtes Wort im Spiel oder einen zweiten Koffer handelt, in jedem Ereignis verbergen sich Fallstricke, die eine Veränderung einleiten. Aus diesem Grund bleiben die Geschichten in Erinnerung. Die von Peter Kultzen übersetzten Texte berühren, erschüttern oder lassen im Kopfkino eine dramatische Fortsetzung entstehen.

Für viele Charaktere beginnt danach ein neuer Lebensabschnitt. Die Autorin bietet viele Möglichkeiten an. Dabei schafft sie es, persönliche Schicksale zu fokussieren. Unter anderem beschreibt sie ihre weiblichen Charaktere als anpackend oder hart arbeitend in ihrem Beruf. Ihre Frauen hinterfragen die ihnen auferlegte Rolle als Mutter, Tochter oder Ehefrau. Sie zeigen sowohl Mitgefühl als auch persönliche Grenzen. Weiterlesen

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