Robin Robertson: Wie man langsamer verliert

Der schottische Dichter Robin Robertson (Jahrgang 1955) stand mit „The Long Take or A Way to Lose More Slowly“ (Originaltitel) auf der Shortlist des Man Booker Prize 2018. Am 15. März 2021 ist die deutsche Version „Wie man langsamer verliert“ in einer Übersetzung von Anne-Kristin Mittag beim Carl Hanser Verlag erschienen.

Der kanadische Kriegsveteran Walker kommt 1946 nach New York City. Geplagt von seinen Erinnerungen an die Erlebnisse beim Einmarsch der Alliierten in die Normandie, streift er durch die Straßenschluchten auf der Suche nach Arbeit. Er findet sie auf den Docks am Hafen. In einer Kneipe trifft er auf den Regisseur Robert Siodmak, der ihm von seinen nächsten Dreharbeiten in Los Angeles erzählt. Walker beschließt, nach Westen zu gehen. Dort trifft er auf Billy Idaho, Exsoldat und obdachlos, der ihm die „Stadt der Engel“ zeigt. Er ergattert einen Job bei einer Zeitung in der Lokalredaktion. Für eine Reportage über Obdachlose reist Walker nach San Francisco. Mit im Gepäck seine Kriegserlebnisse und die Erinnerungen an seine kanadische Heimat Nova Scotia. Zurück in Los Angeles macht er ein Geständnis. Weiterlesen

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Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Nach Walters Tod beginnt für Vesta ein neuer Lebensabschnitt. Das Ende einer langen Ehe, ein zu großes Haus und die innere Leere motivierten sie, wegzuziehen. Jetzt lebt sie mit ihrem Hund Charlie mitten im Wald. Das alte, vernachlässigte Haus, der See vor der Tür könnten auf sie heimelig wirken. Doch immer wieder rütteln Vesta Erinnerungen auf. Sie war mit Walter so eng verbunden, dass sie ihn häufig in ihren Gedanken reden hört: „So etwas ist nichts für dich […]. Deine Nerven sind zu empfindlich. Du bist ein […] kleiner Spatz, aber du willst unbedingt ein Falke sein. […] tanz ein bisschen, kehr den Boden. Mein federleichtes kleines Mädchen.“ (S. 188)

Vesta legt alte Gewohnheiten ab, eine nach der anderen, bis sie auf eine Überraschung stößt. In der neuen Umgebung findet sie eines Morgens einen mit Steinen beschwerten Zettel, der sie ablenkt und beschäftigt: „Sie hieß Magda. Niemand wird je erfahren, wer sie ermordet hat.“ (S. 7) Und Vesta findet mehr heraus, als sie für möglich hält.

Ottessa Moshfegh wurde für ihre Romane mehrfach ausgezeichnet. Anke Caroline Burger hat Den Tod in ihren Händen übersetzt, so dass man sich sprachlich und dramaturgisch auf eine fintenreiche Lesereise begeben darf. Denn nichts ist so, wie es scheint. Weiterlesen

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Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

Thommie Bayers Protagonist Philipp Dorn ist Autor. Auf einer Italienreise verarbeitet er das Verhältnis zu seiner verstorbenen Mutter und zu seiner letzten Lebensgefährtin Bettina.

Der Schriftsteller gönnt sich also einen Urlaub und fährt mit seinem neuen Auto, das er übrigens Joe nennt und mit dem er immer wieder mal spricht, in die Toskana, wo er sich ein Haus gemietet hat. Hier will er entspannen, hier kann er nachdenken über seine gescheiterte Beziehung zu Bettina und über seine Mutter, mit der er zum Schluss auch oft in Italien gewesen war. Oft hatte sie das Gespräch zu ihm gesucht, um über sehr Privates zu reden, was Philipp jedoch immer unangenehm gewesen war und deshalb nie hören wollte.

In der Nacht bemerkt er, dass eine Frau im Pool seines Feriendomizils badet, die sich anschließend wieder davonschleicht. Nachdem diese Szene sich in der nächsten Nacht wiederholt, legt er es darauf an und kommt mit der fremden Schönen ins Gespräch, die sich als seine Vermieterin Livia, die im Nachbarhaus wohnt, entpuppt. Es wird ein langes Gespräch, das in der darauffolgenden Zeit immer wieder aufgenommen wird. Philipp versteht sich gut mit Livia und sie erzählen sich gegenseitig aus ihrem Leben. So erfahren wir von Philipps Kindheit im Pfarrhaus, vom kühlen Verhältnis seiner Eltern zueinander, von seinem Vater, der nicht in der Lage war zu verzeihen und von seiner schönen Mutter, die letztlich ihr Glück für ihn, Philipp, geopfert hat. Weiterlesen

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Stella Starling: Rosavia Royals 01: Royaler Rebell

Edwin Blom, genannt Eddie, arbeitet in der königlichen Bibliothek. Nachdem er von seinem Freund Hans verlassen wurde, ist er am Boden zerstört. Als er auf der Eröffnungsfeier seine kleine Schwester vor dem berüchtigten Rebell und Thronfolger Leopold retten will, wendet sich das Blatt. Schon bei ihrer ersten Begegnung springt der Funke über und sorgt für Herzklopfen. Doch das Edwin bei dem offiziell heterosexuellen Prinzen überhaupt eine Chance? Und was ist mit Leo? Wie geht er damit um, dass seine Eltern ihn zwingen in einem Monat den Partner fürs Leben zu finden?

„Royaler Rebell“ ist der erste Teil der Rosavia Royals Reihe von Stella Starling und hat mich positiv überrascht. Ich hatte erwartet auf Klischees zu treffen, wurde aber durch die ansprechende Schreibweise und die Ideen regelrecht erfrischt.

Leo und Eddie dabei zu verfolgen, wie sie ihren Alltag meistern, sich neuen Prüfungen stellen und sich langsam ineinander verlieben war wirklich schön. Es hat einfach Spaß gemacht zu erleben, was die beiden erleben. Weiterlesen

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Conny Bischofberger: Herzschweißen

Die österreichische Top-Journalistin Isabella Mahler ist die Hauptperson in diesem Buch. Sie interviewt Politiker, Künstler und Stars. Ihre Kolumnen werden gerne gelesen und sind geschätzt. Sie wohnt in Wien, ist 57 Jahre alt, hat zwei erwachsene Söhne und eine Ehe hinter sich. Eines Tages bleibt ihr Blick an Christoph Regner hängen. Er, der neue Chef von Amnesty International Österreich, wird in einer Fernsehsendung vorgestellt. Isabella ist elektrisiert. Sie schreibt ihm ein Mail, Regner antwortet. Sehr schnell (meines Erachtens zu schnell) geht es darum „… Alltagsmasken abzulegen und sich ein Stück weit zu zeigen.“ (S. 26) Bald spielen sie ein intensives intellektuelles und auch erotisches Mail-Ping-Pong. Reale Begegnungen gibt es nur zwei Mal. Regner ist verheiratet, hat Familie. Wenn sie sich treffen, ist die Stimmung magisch.

Sie schreiben einander, tasten sich mit Worten ganz aneinander heran, bis Regner den Kontakt einstellt. Einfach so. Ohne einen Grund zu nennen.

Offen gestanden, ein bisschen kitschig kommt sie schon daher, die Korrespondenz von Isabella Mahler und Christoph Regner. Von Seelenverwandtschaft und tiefstem Gleichklang, von nie dagewesener emotionaler Intensität ist die Rede. „Liebe Isabella! Deine Sprache klingt in mir nach. Deine Sätze berühren meine Seele, mein Innerstes, wärmen mich und stärken mich. Du bist so ein liebenswerter Mensch […] Christoph“ (S.265) Weiterlesen

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Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Ein geradezu grausames Buch, das umso wirkungsvoller ist, da diese Geschichte jedem von uns jeden Tag passieren könnte. So realitätsnah ist sie. Und so erschütternd gut ist sie geschrieben.

In die Protagonistin dieses kleinen Romans kann sich jeder, der berufstätig ist, mit Leichtigkeit einfühlen. Mathilde, früh verwitwet, lebt allein mit ihren drei Söhnen, ein Zwillingspaar und deren älterer Bruder. Sie liebt ihre Arbeit, bei der sie sich immer anerkannt fühlte und wo sie bisher erfolgreich und beliebt war. Doch das ändert sich schlagartig, ohne dass es ihr gelingt, die Ursache für diese gravierende Änderung zu ergründen.

Mathilde hatte auch zu ihrem Vorgesetzen bislang eine, wie sie glaubte, gute und tragfähige Beziehung. Doch von einem Tag auf den anderen beginnt er, sie zu mobben, ja regelrecht zu drangsalieren. Zuerst denkt sie an ein Missverständnis, erträgt die Schikanen, sucht das Gespräch mit Jacques, ihrem Vorgesetzten. Doch der weigert sich, mit ihr zu sprechen, ihr irgendetwas zu erklären. Die Dinge eskalieren immer mehr, Mathilde wird von wichtigen Besprechungen ausgeschlossen, Benachrichtigungen erreichen sie nicht mehr, schließlich wird sie sogar aus ihrem Büro verdrängt. Weiterlesen

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter

Für Pietro ist der Name der Mutter, der Name einer Fremden. Sie hat ihn verlassen, als er noch sehr klein war. Seit diesem Tag wächst er bei seinem Vater Ettore im ländlichen Norditalien auf. Der schweigsame Ettore erzieht Pietro so, wie er es von seinem schweigsamen Vater gelernt hat. Sie sprechen nur das Nötigste, weil die tägliche Arbeit im Vordergrund steht. Pietro wächst zu einem Mann heran, der nur eine strenge Erziehung und wenig Liebe kennt.

Noch immer schweigt sein Vater das Thema Mutter aus. Auch die Großeltern schweigen über die verschwundene Tochter, die alles hinter sich gelassen hat, die Familie, ihren Sohn, das Dorf und die an sie gesetzten Erwartungen. Und dann wird Pietro selbst Vater, und es sieht so aus, als könnten sich bestimmte Unzulänglichkeiten wiederholen.

Roberto Camurri gewann 2018 mit seinem ersten Roman A Misura d’Uomo gleich zwei Preise. Mit seinem zweiten Roman, Der Name seiner Mutter, übersetzt von Maja Pflug, stellt sich der Autor erstmalig dem deutschen Publikum vor. Weiterlesen

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Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiß

Köstlicher schwarzer Humor und Männer, deren forciertes Ableben nonchalant, fast schon beiläufig erfolgt: Seit nunmehr 30 Jahren ist dies das unschlagbare Erfolgsrezept der Bestsellerautorin Ingrid Noll. Auch in diesem Roman geht die Rechnung voll und ganz auf. Zwei Frauenfiguren, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, wachsen im Plot über sich selbst hinaus. Wehe, wenn die Alten, Hässlichen, Ungeliebten oder anderweitig zu kurz Gekommenen losgelassen werden!  Herrliche Dialoge, schrullige Charaktere und das „vermeintlich“ starke Geschlecht, dass sich permanent selbst bloßstellt. In „Kein Feuer kann brennen so heiß“, zeigen Nolls Protagonistinnen, dass sie ihrem Gegenüber bei Bedarf ordentlich einheizen können. Wenn Leidenschaft nur noch Leiden schafft, ist mit diesen Frauen nicht zu spaßen.

Im Mittelpunkt steht die 30-jährige Lorina, die im Leben zu kurz gekommen ist. Das Aussehen eines „Plumploris“, dazu noch Tollpatschigkeit und ihr wohl größter Fehler – kein ersehnter Stammhalter geworden zu sein – haben ihr von Kindheit an den Ruf des hoffnungslosen Mauerblümchens eingebracht. Mit Dreißig noch Jungfrau, stützt sich Lorina in ihren Beruf als Altenpflegerin, in dem sie endlich Erfüllung findet. Denn den Alten, Behinderten, Vergessenen ist ihr Äußeres samt mangelnder Grazie egal. Mit ihrer neuen Stelle in der noblen Villa von Frau Alsfelder hat sie das große Los gezogen. Die Arbeitsbedingungen sind angenehm luxuriös, zudem scheint die einsame Alte sie nicht nur als bloße Pflegekraft, sondern auch als Gesellschafterin zu schätzen. Frau Alsfelder schwimmt zwar in Geld, doch nach einem Schlaganfall wurde sie von ihrem Mann verlassen und ist als halbseitig Gelähmte nicht nur auf die Hilfe der Pflegerin angewiesen, sondern auch auf die Unterstützung ihres großspurigen Neffen Christian, der ihre Finanzen regelt. Wohl nicht ganz uneigennützig … Weiterlesen

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Yanick Lahens: Sanfte Debakel

Der Richter Raymond Berthier ist tot. Brutal ermordet von mächtigen Männern, deren kriminellen Machenschaften er zu nahe gekommen ist. Seine Frau Thérèse und seine Tochter Brune trauern – jede auf ihre Weise. Während Thérèse sich an Rituale klammert, um nicht unterzugehen, verarbeitet Brune ihren Verlust mit Hilfe der Musik. Die junge Frau ist eine hervorragende Sängerin, die ihre ganzen Gefühle in ihre Lieder legt: „Im Gesang, in der Sprache erfinde ich, was fehlt, um im Grau der Tage auszuhalten.“ (Seite 146)

Pierre, Brunes Onkel, versucht zu ergründen, was mit seinem Schwager Raymond passiert ist. Über seine Beziehungen beschafft er sich die Ermittlungsakten. Doch die Polizei hält sich bei ihren Untersuchungen vornehm zurück. In Pierres Haus verkehren einige junge Leute, Freunde von Brune. Da ist Ézéchiel, arm, intellektuell, wütend und hungrig nach Nahrung und Gerechtigkeit. Nur seine Freundin Nerline kann ihn ab und zu besänftigen. Doch auch sie kämpft: für die Rechte der Frauen. Waner dagegen hält es mit der Gewaltlosigkeit und entkommt der Armut und der Bedrängnis in der Stadt, indem er einen Hof auf dem Land bewirtschaftet.

Bei einem von Brunes Auftritten lernen die Freunde Francis kennen, einen französischen Journalisten. Sie nehmen ihn in ihren Kreis auf und zeigen ihm ihre Stadt. Brune sagt zu ihm: „Weißt du, hier darfst du deine Träume nicht trödeln lassen. Hier ähneln sich Leben und Tod wie ein Ei dem anderen. Du lebst schnell. Du lässt die Worte, die Farben und die Noten umherwirbeln. Du betrachtest die Schwindel, die dich befallen.“ (Seite 46) Brune ist eigentlich mit Cyprien zusammen, einem jungen, ehrgeizigen Anwalt. Weiterlesen

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Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

Wer kennt ihn nicht, den alten Schwarz-Weiß-Film „Ist das Leben nicht schön“ mit James Stewart, den man jedes Jahr um die Weihnachtszeit im Fernsehen anschauen kann. An diesen Film erinnert mich der neue Roman des britischen Autors Matt Haig.

Nora Seed, Mitte Dreißig, ist in ihren eigenen Augen eine komplette Versagerin. Sie verliert ihren Job, ihre Katze wird überfahren, ihre beste Freundin hat den Kontakt zu ihr abgebrochen und ihr Bruder will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Nora beschließt, es ist Zeit, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch statt zu sterben, landet sie in der Mitternachtsbibliothek. Diese heißt so, weil dort die Uhr stets auf Mitternacht steht. In dieser Bibliothek finden sich alle Bücher ihres Lebens, der Leben, die sie hätte führen können, wenn sie an dieser oder jener Wegkreuzung anders abgebogen wäre. Nora bekommt die Gelegenheit, diese möglichen Lebenswege auszuprobieren, um herauszufinden, ob sie wirklich sterben will. Die „Bibliothekarin“ in der Mitternachtsbibliothek, die für Nora die passenden Bücher heraussucht, ist Mrs Elm, die während Noras Schulzeit die Bücherei leitete und zu der Nora eine enge Beziehung hatte. Mrs Elm fragt Nora nach den Entscheidungen oder Handlungen in ihrem Leben, die sie am meisten bereut. Davon ausgehend wählt Nora beispielsweise das Buch, welches ihr das Leben zeigt, das sie als Polarforscherin geführt hätte. Oder das Leben als erfolgreiche Schwimmerin. Doch wenn die Lebensalternativen ihr nicht zusagen, kommt sie stets zurück in die Mitternachtsbibliothek. Weiterlesen

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