Sarah Moss: Zwischen den Meeren

Ally und Tom heiraten. Beide lieben ihre Freiheit und wollen sich gegenseitig darin unterstützen. Nachdem Ally mit Bestnoten eine der ersten Ärztinnen in England geworden ist und eine bezahlte Stelle sucht, wird Tom von seinem Chef nach Japan geschickt. Für viele Monate soll der erfahrene Ingenieur den Bau von erdbebensicheren Leuchttürmen unterstützen.

Ally und Tom gehen auf Zeit eigene Wege.

Sarah Moss hat mit ihrem aktuellen Roman Zwischen den Meeren die Geschichte ihrer Heldin Ally fortgeführt. Während im Roman Wo ist Licht die junge Ally den grausamem Erziehungsmethoden ihrer Mutter entflieht, um zu studieren, glaubt die Dreißigjährige nach ihrem abgeschlossenen Medizinstudium alles geschafft zu haben. Doch Ally irrt sich. Sie braucht eine Antwort auf die Frage, ob eine berufstätige Ärztin auch Ehefrau sein kann. Sie weiß, dass insbesondere Frauen ihrer Grundrechte beraubt, unterdrückt und ausgebeutet werden. Das Patriarchat hat ihr zwar über das Studium ein Schlupfloch in die Unabhängigkeit erlaubt, doch die Akzeptanz in der englischen Gesellschaft fehlt. Dies wird besonders deutlich in der tragischen Mutter-Tochter-Beziehung. Die Autorin zeigt eine seelisch verletzte Frau, der das Kämpfen nicht liegt. Auf der einen Seite hat die Wissenschaftlerin eigenständiges Denken gelernt, und auf der anderen Seite wurde ihr Gehorsam und Demut eingeprügelt. Weiterlesen

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Helga Schubert: Vom Aufstehen: Ein Leben in Geschichten

Helga Schubert blickt auf 80 Jahre zurück, auf ein bewegtes Leben. Sie hat viele Geschichten zu erzählen. Jetzt ist ihr Erzählband „Vom Aufstehen – Ein Leben in Geschichten“ erschienen. Geboren 1940 in Berlin, großgezogen von ihrer Mutter – der Vater fiel 1941 an der Wolga – ein Kriegskind, ein Flüchtlingskind. Schule, Studium und Arbeitsleben in Berlin, inzwischen wohnt sie mit ihrem Mann in Neu-Meteln in der Nähe von Schwerin. Sie hat als Psychologin gearbeitet und war seit den 70er Jahren als freie Schriftstellerin erfolgreich. Sie veröffentlichte Kinderbücher und Erzählbände, aber auch Sachbücher. Für die Titelgeschichte erhielt sie 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis.

In 29 Geschichten schreibt Helga Schubert über ihr Leben. Die einzelnen Texte sind allesamt biographisch, aber nicht chronologisch angeordnet. Sie behandeln scheinbar zufällig Lebensstationen der Autorin und Ich-Erzählerin.  Ich lese von sorgenfreien Sommerferien bei der Großmutter, davon, wie Mutter und Vater sich fanden und wieder verloren, vom Alltag in der DDR und ihrer Freude über die deutsche Einheit, von Begegnungen mit anderen Menschen und immer wieder werde ich eingeladen, Bilder und Assoziationen wirken zu lassen oder verschiedensten Betrachtungen zu folgen. Manche Geschichten sind wie kurze Streiflichter auf ein Objekt geworfen, andere greifen ein Ereignis auf, um daraus ein Geflecht aus Erinnerungen und Gedanken zu erschaffen. Weiterlesen

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Erika Swyler: Der Tag, an dem mein Vater die Zeit anhielt

Bei der Lektüre dieses Romans war ich oft zwischen Lachen und Weinen hin und her gerissen. Und habe mir die Frage gestellt, wie ein Buch so schön sein kann, wenn man gleichzeitig nicht einmal die Hälfte von dem versteht, was geschieht?

Die mit Mann und Kaninchen auf Long Island lebende Autorin erzählt in ihrem sensiblen und trotzdem hochspannenden Roman die Geschichte von Nedda. Diese ist im Hauptstrang, der im Jahr 1986 spielt, 11 Jahre alt und lebt zusammen mit ihren Eltern in Florida in unmittelbarer Nähe zur Startrampe der NASA-Weltraumraketen. Die Handlung setzt ein am Tag des Challenger-Unglücks, für Nedda, die von allem, was mit Weltraum und Astronauten zu tun hat, begeistert ist, ein geradezu traumatisches Erlebnis. Zusammen mit ihrem Freund Denny versucht sie, damit klarzukommen, es zu verarbeiten.

Neddas Vater Theo, ein versponnener Wissenschaftler und ehemaliger NASA-Mitarbeiter, der seine Tochter abgöttisch liebt, tüftelt an einer Art Zeitmaschine, die helfen soll, Neddas Kindheit zu konservieren, sie länger zu bewahren. Im Gegensatz dazu beschäftigt sich Neddas Mutter Betheen vor allem mit Backen, ersinnt und erprobt ständig neue Rezepte. Dabei war auch sie einmal Wissenschaftlerin, nach Theos Worten sogar die bessere von ihnen beiden. Weiterlesen

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Nadia Bozak: Der Junge

Honey ist auf dem Weg zu ihrer Mutter Marianne, die seit Jahren in der Grenzregion in der Wüste lebt. Der Besuch soll eine Überraschung werden. Selbst Honeys Mann Keith, der dienstlich unterwegs ist, weiß nichts davon. Marianne ist eine typische „Aussteigerin“. Von den Einheimischen wird sie auch „alte Hippie-Hexe“ genannt. Sie hat sich dorthin zurückgezogen, um zu malen und – was den Bewohnern ein großer Dorn im Auge ist – sie stellt für die durchziehenden Menschen aus dem Süden, die die Grenze illegal überwinden wollen, Essen und Getränke hinter ihren Trailer.

Nachdem Honeys Wagen eine Panne hat, muss sie sich die letzten Meilen bis zu Mariannes Zuhause erst mit dem Greyhoundbus und dann zu Fuß durch das öde Niemandsland schlagen. Die Hitze macht ihr zu schaffen. Sie ist Besseres gewöhnt: das Leben in der Stadt, morgens das Schwimmen im Pool, ihre geregelte Arbeit als Lehrerin. An einer Tankstelle geben ihr die Söhne des Besitzers den guten Rat, wieder umzukehren und zurück nach Hause zu fahren: „Is’ nich der richtige Ort für ’ne Lady“, sagt Luke. „Vor allem nich für eine, die genauso aussieht wie ihre Mutter. Das bringt die Leute durcheinander.“ (Seite 34)

Sie werden mit ihrer Warnung Recht behalten.

Als Honey endlich am Trailer ankommt, stellt sie fest: Ihre Mutter ist verschwunden. Auch deren Hund Baez ist nirgends zu finden. Honey macht sich mit Mariannes altem Auto auf die Suche und gerät in Schwierigkeiten. Da taucht Chávez auf, „der Junge“ nach dem dieser Roman benannt ist. Er behauptet, zu wissen, wo Marianne sich aufhält, und bietet Honey an, sie für 5.000 Dollar dorthin zu führen. Weiterlesen

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Klaus Modick: Fahrtwind

Wie sähe Joseph von Eichendorffs spätromantische Taugenichts-Erzählung von 1826 aus, wenn man sie heute schreiben würde? Dieses literarische Experiment wagt Klaus Modick in seinem Roman „Fahrtwind“. Herausgekommen ist ein ausgesprochen vergnüglicher Text, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Es geht um die Liebe, die Musik, den Rausch und das süße Nichtstun. Ironie und ein gewisses Augenzwinkern sind ständige Begleiter bei der Lektüre.

Ein junger Mann hat keine Lust, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, der das Firmenschild seines Sanitär-Großhandels-Unternehmens gerne mit dem Zusatz „& Sohn“ versehen würde. Stattdessen packt dieser Sohn seine Siebensachen inklusive Gitarre und macht sich ohne viel Geld und ohne ein rechtes Ziel auf den Weg hinaus in die weite Welt. Wie bei Eichendorff wird er von zwei Damen aufgegabelt, nur dass die nicht in einer Kutsche unterwegs sind, sondern in einem Mercedes-107-Cabrio, wie es in den 70er-Jahren, in denen der Roman spielt, modern war. Und natürlich verliebt sich unser Ich-Erzähler in die jüngere der beiden Frauen.

Gespickt ist dieser Roman mit allerlei Gedichten und Naturbeschreibungen – wie das unvergleichliche Licht in Italien – und ihre Wirkung auf den jungen Mann. Weiterlesen

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Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels

Haruki Murakami … Tja, was soll ich sagen? Unvoreingenommen starten kann ich diesen Text auf jeden Fall nicht. Oder besser unfüreingenommen. Denn an jenem Abend, als ich meinen ersten Haruki-Murakami-Roman auf einem fremden Schrank fand, vergessen, verstaubt, verwaist, an jenem Abend gewann ich auch ein Stück Weltliteratur, das ich nicht mehr missen möchte. Also bitte wundert euch nicht, wenn ich allzu überschwänglich über diesen, meinen Lieblingsautoren schreibe, der mich so für sich eingenommen hat, obgleich ich ihn selten verstehe.

Der 2020 erschienene Roman „Die Chroniken des Aufziehvogels“, der schon 1994 unter seinem japanischen Namen „Nejimaki-dori kuronikuru“ publiziert wurde, ist noch immer so brandaktuell und flüssig zu lesen, als wäre er just gestern aus Murakamis Feder geflossen. Eine Eigenschaft, die all den verworrenen Erzählungen des Japaners zu Eigen sind und die einen Teil ihres Charmes ausmachen. In diesem Werk geht es um Herrn Aufziehvogel, dessen wahrer Name nichts zur Sache tut. Auf über tausend Seiten verliert er seine Frau und sich selbst, steigt in wasserlose Brunnen und lernt Menschen seltsamer Namen wie Natur kennen, die ihn einführen in die Kunst der mentalen Reise. Er wartet viel und findet schließlich. Die Katze. Einen Weg durch die Wand. Das Wasser. Seine Frau. Sich selbst? Weiterlesen

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Dana Grigorcea: Die nicht sterben

Achtung: Lassen Sie sich von Titel und Cover nicht täuschen! Wer hier eine klassische Vampirgeschichte mit blutrünstigen Untoten erwartet, wird enttäuscht. „ER“ wabert, klettert, fliegt und sexelt lediglich im Hintergrund. Auf 260 Seiten wird ihm gerade einmal eine Dialogzeile zugesprochen. Stattdessen entscheidet sich die aus Bukarest stammende Autorin für eine andere Perspektive: Für einen Sitten- und Gesellschaftsroman Rumäniens beginnend im 15. Jahrhundert über Diktatur und Wende bis in die Gegenwart. Die wahren Blutsauger sind allgegenwärtig: Menschen mit ihrer unersättlichen Habgier nach Geld, Macht, Besitz. Ob im Makrokosmos der Politik oder im Mikrokosmos eines kleinen Feriendorfes.

Erzählt wird die Geschichte aus Sicht einer Künstlerin, die in einem Bergdorf nahe Transsilvanien die Sommer ihrer Kindheit verbracht hat. Im Haus ihrer Tante Margot ging die betuchte Bukarester Gesellschaft ein und aus. Nach ihrem Studium in Paris kommt die junge Frau zurück, um sich von der Naturschönheit der Gegend inspirieren zu lassen. Doch etwas hat sich verändert – ihr Blickwinkel.

Die kindliche und jugendliche Autorin sieht den Glanz des Sternenhimmels, das ausgelassene Toben in den Feldern mit den Dorfkindern, die illustre Gesellschaft der Bukarester High Society, einen Sommer voller Freizeitvergnügungen. Die erwachsene Erzählerin entdeckt das Dahinter. Illegale Müllhalden im Wald, nicht minder illegale Abholzung in Naturschutzgebieten, Korruption auf allen Ebenen, verfallene Bauruinen, ärmliche Alte und immigrierende Junge. Weiterlesen

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Romalyn Tilghman: Die Bücherfrauen

Den Unterschied zwischen Erwartung und Realität nennt man Enttäuschung. Und hinsichtlich dieses Romans wurde meine Erwartung leider nicht erfüllt.

Erzählt wird die Geschichte einer Kleinstadt in Kansas. Oder ist es die Geschichte von Angelina, die ihre Dissertation über die Bibliothek der Stadt schreiben will? Oder ist es die Geschichte von Traci, der Künstlerin, die für ein Jahr nach New Hope kommt, um dort Kunstprojekte zu realisieren und die Frauen und Jugendlichen der Stadt künstlerisch anzuleiten? Oder welche Geschichte erzählt uns die Autorin?

Genau das ist der Punkt, während des gesamten Romans wurde mir das nicht wirklich klar. Geschrieben ist er aus drei wechselnden Perspektiven. Zum einen der von Angelina, die in den Ort ihrer Geburt zurückkommt, vordergründig, um ihre Doktorarbeit zu vollenden. Deren Thema sind die von Andrew Carnegie zahlreich gespendeten öffentlichen Bibliotheken in amerikanischen Kleinstädten. Gleichzeitig folgt sie aber auch den Spuren ihrer Großmutter, die sich für die Gründung und den Erhalt der örtlichen Bibliothek schon vor einhundert Jahren einsetzte. Von Bedeutung sind hier besonders deren verschollene Tagebücher. Weiterlesen

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Beat Sterchi: Capricho: Ein Sommer in meinem Garten

Der Schweizer Schriftsteller Beat Sterchi (Jahrgang 1949) hat in seinem Debütroman „Blösch“ aus dem Jahr 1983 die Geschichte eines spanischen Gastarbeiters auf einem Bauernhof in der Schweizer Provinz geschrieben. Am 24. März 2021 ist sein neues Buch mit dem Titel „Capricho – Ein Sommer in meinem Garten“ im Diogenes Verlag erschienen.

In „Capricho“ (auf Deutsch „Laune“) kommt ein Autor wie jedes Jahr im Sommer in ein spanisches Dorf, um Urlaub zu machen. Inzwischen gehört ihm auch ein „huerto“, ein über ein Kanalsystem bewässerter Gemüsegarten. In der Zeit seiner Abwesenheit hat sich dort das Unkraut breit gemacht. Aber der Ich-Erzähler macht sich unverdrossen und freudig an die Arbeit. Er will Kartoffeln setzen. Aber eigentlich hat er sich vorgenommen, die Geschichte des Dorfes aufzuschreiben. Nur stellt sich keine Schreiblaune bei ihm ein. So verbringt er die meiste Zeit in seinem „huerto“. Hört sich geduldig die guten Ratschläge der spanischen Nachbarn an und ringt um den „roten Faden“ für seinen Text. Zwischendurch besuchen ihn seine Ehefrau und seine Tochter für ein paar Tage. Er füllt Notizbücher mit Stichwörtern, liest Bücher und Zeitungen, fährt zum Einkaufen in die Stadt oder zum Baden ans Meer. Und die Launen der Natur (Wetter, Tiere) durchkreuzen die Ernte einiger Gemüsesorten. Aber die Kartoffeln schmecken herrlich. Erst kurz vor der Abreise gelingt dem Autor der Durchbruch bei seinem Schreibprojekt. Weiterlesen

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Howard Jacobson: Rendezvous und andere Alterserscheinungen

Zum Niederknien komisch: Howard Jacobson schafft es, eine politisch völlig unkorrekte Person so darzustellen, dass wir ihr beim Lesen mit Haut und Haar verfallen. Die 99-jährige Beryl ist latent rassistisch, überheblich, besserwisserisch, resolut, sarkastisch. Ihre ausländischen Pflegerinnen werden von ihr permanent „optimiert“, Männern hat sie nach etlichen Beziehungen abgeschworen, die eigenen Söhne – ganz zu schweigen von den lästigen Enkeln und Urenkeln – sieht sie am liebsten von hinten, beim Verlassen des Hauses. Ihr Hobby: Textilien mit ausgefallenen Sprüchen über den Tod zu besticken. Beispiel: „Das Leben ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten.“

Keine Frage: Beryl ist „Bad Ass“! Aber sie zieht ihr Ding durch. Die ehemalige Lehrerin ernennt sich kurzerhand selbst zur Prinzessin. Sie lässt sich weder von beginnender Demenz, noch von anderen Altersgebrechen ins Bockshorn jagen. Sie sagt, was sie denkt. Gibt zu allem ungefragt ihren Senf dazu. Scheut sich nicht, verwegenen Gedankengängen nachzuspüren. Daraus ergeben sich skurrile Situationen mit tiefschwarzem Humor. Weiterlesen

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