Louis-Philippe Dalembert: Die blaue Mauer

Es ist ein bekanntes Phänomen, dass Katastrophen oder Gräueltaten großen Ausmaßes für diejenigen, die davon nicht betroffen sind, nur sehr abstrakt bleiben, wenn man die schieren Opferzahlen nennt. Sobald jedoch Einzelschicksale herausgegriffen, individuelle Geschichten erzählt werden, dann sind die Zuhörer, die Leser entsetzt, schockiert, geraten in Wut oder trauern.

Diese Vorgehensweise, den wohlbehüteten Europäern die menschenverachtenden Vorgänge im Zusammenhang mit der Flucht über das Mittelmeer nach Europa vor Augen zu führen, funktioniert auch in diesem Roman.

Der Autor Louis-Philippe Dalembert wurde in Haiti geboren, er lebt heute in Paris und Port-au-Prince. Seine Geschichten und Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet, auch „Die blaue Mauer“ war für den Prix Goncourt 2019 nominiert.

„Die blaue Mauer“ – Zu Beginn habe ich mich nach dem Sinn des Titels gefragt. Doch der erschließt sich sehr schnell und hätte prägnanter kaum gewählt werden können. Diese blaue Mauer, das ist nichts anderes als das Mittelmeer, das ist die Mauer zwischen der EU und den Flüchtenden, die aus Afrika kommen, weil alles besser ist als das Leben, das sie zurücklassen. Und die EU, so will es immer wieder scheinen, ist froh um diese Mauer. Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Astrid Lindgren – Helle Nächte, dunkler Wald …

Astrid Ericsson wächst auf dem Land nahe der schwedischen Kleinstadt Vimmerby auf, wo ihre Eltern den Pachthof Näs bewirtschaften. Schon bald müssen auch Astrid und ihre Geschwister in der Landwirtschaft mit anpacken. Das ist nicht immer einfach, doch lehrt es sie, diszipliniert zu arbeiten und einiges auszuhalten. Vor allem die strenge und gläubige Mutter legt großen Wert darauf. Der Vater ist zwar fleißig und in der Gemeinde engagiert, aber er ist der sanftere und liebevollere Elternteil, der seinen Kindern den Rücken stärkt.

Astrid ist klug und dank der Fürsprache des Bankdirektors Ingeström, dem Vater ihrer Freundin Madicken, erlauben es die Eltern dem Mädchen, auf die Realschule zu gehen – obwohl der Besuch viel Geld kostet. Dort ist der Studienassessor Tengström so begeistert, von Astrids Aufsätzen, dass er sogar einen davon dem Chefredakteur der Vimmerby Tidning, Reinhold Blomberg, zeigt, der ebenso angetan davon ist und den Text veröffentlicht. „Unsere Selma Lagerlöf“, wird Astrid daraufhin oft genannt und damit aufgezogen. Ihre Mutter sieht schon vor sich, wie Astrid sich der schlimmsten aller Sünden schuldig macht: der Hoffart –viel zu eitel und hochmütig kommt sie daher. Doch Astrid ist zu dieser Zeit noch überzeugt: Schriftstellerin wird sie nie werden. Weiterlesen

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Ali Smith: Frühling

Da liegt er nun auf dem Tisch. Der dritte Band des Jahreszeitenquartetts „Frühling“ von Ali Smith, wie auch die ersten beiden Bände („Herbst“, 2019 und „Winter“, 2020) übersetzt von Silvia Morawetz. Das Buch der schottischen Schriftstellerin ist am 29. März 2021 im Luchterhand Literaturverlag erschienen.

Nach „Herbst“ und „Winter“ lässt Ali Smith es nun für die Leserinnen und Leser „Frühling“ werden. Und sie bringt uns zum Auftakt gleich auf Trab mit einer ihrer unnachahmlichen Tiraden zu „Fake News“. Dann startet der Frühling durch. Aber zunächst steht der mehr oder weniger bekannte Regisseur Richard Lease im Oktober 2018 auf dem Bahnsteig eines nordschottischen Bahnhofs und wartet. Richards gute alte Freundin Paddy, die Drehbuchautorin Patricia Heal, ist tot. Richard erinnert sich an ihr Kennenlernen, ihre Zusammenarbeit und ihr Leben. Er ist aus London vor einem neuen Filmprojekt (mit dem Titel „April“) geflüchtet, in dem es um um eine fiktive Liaison zwischen Katherine Mansfield und Rainer Maria Rilke geht. Irgendwann guckt er aus dem Gleisbett unter einem Zug hervor in die Augen eines Mädchens, das zu ihm sagt: „Ich könnte Sie hier oben echt gut brauchen.“ (S.109). Weiterlesen

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Bernhard Heckler: Das Liebesleben der Pinguine

Auf nur 200 Seiten fasst Bernhard Heckler ebenso knackig wie treffsicher das Liebes- und Lebensdilemma einer ganzen Generation zusammen. Seine Mittdreißiger sind gut darin, sich auf Instagram, Tinder oder in Fitnessstudios zu inszenieren. Ob durch Steroide, Haartransplantationen, Ghostwriter – was tut man nicht alles, für Fame und Follower? Mit der Realität hat dies allerdings wenig gemein. Auffallend ist, dass alle auf eine gewisse Art ihrem eigenen Körper entfremdet sind. Die einen sprichwörtlich, durch Magersucht, durch Extrem-Bodybuilding, durch Partydrogen. Die anderen auf sexueller Ebene. Sie pendeln zwischen den Geschlechtern, handeln widersprüchlich, laufen vor sich selbst davon, zur Not bis nach Addis Abeba. Als stilistischen Schachzug setzt der Autor diesen von ihrer Natur entfremdeten Akteure die Welt der Pinguine gegenüber. Die bleiben im Gegensatz zu den wankelmütigen menschlichen Beziehungen ein Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Noch dazu betritt im Buch ein echter Pinguin namens Ophelia das literarische Parkett.

Niko und Sascha waren seit Kindertagen befreundet. Im Alter von 15 Jahren kommt Sascha mit der schönen Nura zusammen, fährt dann über den Sommer nach Italien. In der Zwischenzeit funkt es zwischen Niko und Nura, was zum Bruch zwischen den Freunden führt. Achtzehn Jahre später begegnen sich beide wieder. Über die Dating-Plattform Grindr verabreden sie sich unwissentlich zu einem homoerotischen Date. Plötzlich erscheint das Gewesene in einem völlig anderen Licht: Haben beide damals mehr als nur Freundschaft füreinander empfunden? Weiterlesen

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Charles Lewinsky: Melnitz

Angst vor dicken Büchern? Für Melnitz sollte man unbedingt eine  Ausnahme machen und sich überwinden, denn die Geschichte ist so packend geschildert, dass die Seiten im Nu umgeblättert sind.

Charles Lewinsky, der schon zahlreiche Preise gewonnen hat, wurde mit seinem Roman Melnitz, der erstmals 2006 aufgelegt wurde, international berühmt.

Melnitz ist eine Familiensaga, die sich über fünf Generationen auf 944 Seiten erstreckt. Die Handlung spielt zwischen 1871 und 1945 im damaligen Judendorf Endingen, im schweizerischen Kanton Aargau. Den Ausgrenzungen der heimischen Bevölkerung begegnen die dort angesiedelten Juden mit Fleiß, Geschäftstüchtigkeit und Angepasstheit. – Ja, auch in der Schweiz, wie überhaupt weltweit, waren die Juden unterschiedlichsten Denunziationen ausgesetzt.

Die Geschichte beginnt also mit dem Jahr 1871 und der Familie des Viehhändlers Salomon Meijer und seiner Frau Golde, samt ihren Töchtern, der koketten Mimi und der angenommenen, besonnenen Chanele. Schnell fühlt man sich beim Lesen wie ein  Familienmitglied, denn alles liest sich so packend und authentisch, als säße man selbst inmitten der Meijers am Küchentisch.

Nicht alle Juden in der Kleinstadt Endingen sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie der rechtschaffene Salomon Meijer. Als Janki, ein entfernter Verwandter auftaucht, wird das Leben der Familie Meijer ganz schön aufgemischt. Janki bezirzt Mimi und Chanele gleichermaßen und ist in Wirklichkeit gar nicht der Kriegsheld, als der er sich ausgibt, sondern aus der französischen Armee geflohen. Später avanciert er zum erfolgreichen Tuchhändler in Zürich und ist mit Chanele verheiratet. Mimi heiratet den Metzger Pinchas Pomeranz. Weiterlesen

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Carole Fives: Kleine Fluchten

Es sind tatsächlich kleine, anfangs winzige Fluchten, die sich die Protagonistin des kurzen Romans der französischen Autorin gönnt. Diese junge Frau ist eine alleinerziehende Mutter, ihr Sohn ist gerade einmal zwei Jahre alt. Noch hat sie keinen Krippenplatz für ihn gefunden, sie muss von zu Hause arbeiten, sie ist Graphikerin. Immer wieder verliert sie Aufträge, weil sie des Kindes wegen Termine nicht einhalten kann. Der Kleine ist anstrengend, er verlangt Aufmerksamkeit, Zuwendung. Ständig ruft er nach der Mutter, ruft „Zu mir, zu mir.“

Die Mutter hat keine anderen Bezugspersonen, ist in die kleine Wohnung wie eingesperrt, dazu kommen Geldsorgen, Zukunftsängste. So erlaubt sie sich kleine Fluchten, verlässt abends, sobald das Kind schläft, die Wohnung. Sie streift durch die Straßen, schaut in Fenster, beobachtet Menschen. Erst kurz, nur wenige Minuten, doch nach und nach werden diese Ausflüge, die nächtlichen Fluchten länger.

Neben den wenigen Kontakten, die sie hat, sucht sie Anschluss in Internetforen, sucht Mütter in der gleichen Situation, mit denselben Problemen. Doch wenn sie, unter einem Nickname, ehrlich von ihren Gefühlen erzählt, ergießt sich schnell ein Shitstorm über sie. Die anderen Mütter, obwohl selbst ähnlich gestresst, wollen gleichzeitig perfekt erscheinen, lassen Versagen nicht gelten. Immer wieder versucht die Protagonistin, über diese Plattformen Bestätigung, Hilfe zu erhalten, doch vergebens.

Schließlich dehnt sie ihre Flucht über eine ganze Nacht aus. Weiterlesen

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Angelika Overath: Nahe Tage: Roman in einer Nacht

Angelika Overath hat mit diesem Buch im Jahr 2005 ihr Debüt vorgelegt. Der btb-Verlag hat den Roman jetzt als Taschenbuch neu herausgebracht. Die in Karlsruhe geborene Autorin, die für diesen und andere Romane für diverse Buchpreise nominiert wurde, erzählt hier die Geschichte einer Nacht.

Johanna, Anfang 40, unverheiratet und kinderlos, steht im Krankenhaus am Bett ihrer soeben verstorbenen Mutter. Schließlich kehrt sie für eine Nacht in deren Wohnung zurück. Das erste, was sie tut, sie sortiert die Wäsche, belädt die Waschmaschine, startet das Waschprogramm. Dann fragt sie sich, warum sie dies tut. Johanna streift durch die Wohnung, sieht dies, nimmt jenes in die Hand und alles weckt in ihr Gefühle, Erinnerungen. Es sind gute und es sind schlimme Gefühle, die diese Erinnerungen in ihr wachrufen. Es sind Gerüche vor allem, die Johanna an Dinge, Vorfälle oder Erlebnisse aus ihrer Kindheit und Jugend erinnern.

Johannas Mutter hat immer wieder von „Zuhaus“ gesprochen, dieses „Zuhaus“ war der Bezugspunkt im Leben von Johannas Mutter ebenso wie ihrer Großmutter, die viele Jahre bei der kleinen Familie lebte. Weiterlesen

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Lukas Hartmann: Schattentanz: Die Wege des Louis Soutter

 „‚[…] ich muss mich von allem befreien, was mich beengt, sonst gelingen mir die Bilder nicht.‘
‚Und wann sind sie gelungen?‘, fragte ich.
‚Eine dumme Frage, Charles-Edouard. Wenn sie fertig sind, wenn ich beschließe, nichts mehr daran zu ändern.‘
‚Ich kann dich bei dieser Malweise nicht unterstützen‘, sagte ich.
‚Du willst nicht sehen, was sich dahinter verbirgt.‘ Seine Stimme senkte sich, er flüsterte bloß.“
(S. 238)

Als Charles-Edouard 1927 seinen Cousin Louis Soutter besucht, befindet sich der begnadete Maler in einer Abgeschiedenheit, die für viele nur schrecklich und trostlos wäre. Doch Louis arrangiert sich 19 Jahre lang mit seiner Entmündigung und auch mit seinem Zimmer in einem Altenheim für Mittellose. Hier entstehen seine wichtigsten Werke, die von seinen Zeitgenossen nur am Rande gewürdigt werden. So manches Bild nehmen Angestellte des Heims, um damit den Ofen zu entzünden. Dies ändert sich erst, als Louis im Beisein seiner Mitbewohner ein Honorar für einige Werke erhält.

Der Schweizer Lukas Hartmann studierte Germanistik und Psychologie. Sein bunter Werdegang über Lehramt, Journalismus und die Welt der Medien brachte ihn schließlich zu der Kunst des Schreibens von Kinder- und Erwachsenenromanen. Heute zählt er in seinem Heimatland zu den bekanntesten Schriftstellern. Weiterlesen

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Arnon Grünberg: Besetzte Gebiete

Mit „Besetzte Gebiete“ legt der niederländische Erfolgsautor Arnon Grünberg einen fast schon irrwitzig oder grotesk zu nennenden Roman vor, der durch immer neue Wendungen überrascht.

Weil sich der Psychiater Otto Kadoke etwas zu sehr mit einer Patientin einlässt, verliert er in Amsterdam seine Zulassung und beschließt, sich zusammen mit seinem altersschwachen Vater ins Westjordanland abzusetzen, wo die widerspenstige Anat wohnt, mit er zuvor eine erotische Nacht auf dem Sofa verbracht hat.

Grünberg würzt seinen Roman mit Zutaten, die auf den ersten Blick nicht zueinander zu passen scheinen: Humor und Zionismus-Kritik zum Beispiel – oder die Kritik an einer allzu gottergebenen Haltung der Juden im Westjordanland, die sogar das Putzen in ihren schäbigen Baracken vernachlässigen, weil ja doch bald der Erlöser kommt. Immer wieder heißt es, sie seien im 19. Jahrhundert stehen geblieben. Weiterlesen

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Martin Lechner: Der Irrweg

Lars absolviert seinen Zivildienst in den Werkstätten der Psychiatrie Brockwinkel. Hier lebt es sich allemal besser als zu Hause mit der alkoholkranken Mutter. Dabei geht es im Brockwinkel tatsächlich reichlich verrückt zu. Oder spielen sich die Verrücktheiten teilweise nur im Kopf von Lars ab?

Die psychischen Störungen der Insassen vom Brockwinkel beeinflussen auch maßgeblich das Leben von Lars. So wird Hanna, zu der er eine besondere Beziehung hat, immer wieder ausfällig und gewalttätig ihm gegenüber. Man wird nicht recht schlau aus Hanna und Hedwig, die ein Auto anzündet, das Lars dann löscht. Auch die zwei Arbeitstherapeuten scheinen ein seltsames Spiel mit Lars zu treiben. Die Aufträge, die Lars von einem der beiden erhält,  missfallen dann dem anderen wieder.

Zwischendurch liest man immer wieder davon, wie sich Lars‘ Leben zu Hause mit seiner Mutter und in der Schule abgespielt hat. So erfährt man unter anderem von der Fürsorgepflichtvernachlässigung, die vom Jugendamt überprüft wurde oder davon, dass Lars‘ Mutter, die noch weitaus verrückter scheint als die Insassen der Psychiatrie, in einem Pflegeheim arbeitet. Auf einem Film, den die Mitschüler von Lars über das Handy verbreitet haben, ist zu sehen, wie Lars seine volltrunkene Mutter aus einer Kneipe zerrt. Weiterlesen

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