Antti Tuomainen: Klein-Sibirien

Seit einem Jahr und sieben Monaten ist Joel Huhta Pfarrer in Hurmevaara, einer 1000 Seelen-Gemeinde im Osten Finnlands, nahe der russischen Grenze. Normalerweise ist dieser Ort für ein überschaubares Leben wie geschaffen, wenn nicht dieser Meteorit in den Wagen eines seiner Bewohner gerauscht wäre. Wie durch ein Wunder überlebt der Fahrer, ein ehemaliger Rennfahrer, der nun auf eine Belebung seiner Karriere hofft. Denn wer dieses seltene Gestein aus dem All verkauft, darf sich um eine Million reicher fühlen.

Sechs Tage wird im Ort über nichts anderes gesprochen. Bis der Meteorit in das Weltraumlabor nach Helsinki gebracht wird, bewacht ihn das Komitee des Dorfes im Militärmuseum. Denn die nächste Polizeiwache ist etwa 90 km von Hurmevaara entfernt, und einen professionellen Sicherheitsdienst gibt es ebenfalls nicht.

Bei seiner ersten Nachtwache wird Joel im Militärmuseum überfallen. Seit dieser Nacht sieht der Pfarrer die Dorfbewohner mit anderen Augen. Jeder von ihnen könnte zu den Einbrechern gehören. Ob aus Dummheit oder Unwissenheit, sie haben eine Handgranate gestohlen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Tanya Tagaq: Eisfuchs

Es gibt Bücher, die eine Sonderstellung in der Belletristik einnehmen: Sie lassen sich nicht mit anderen Romanen vergleichen, haben ein besonderes Anliegen und bewegen sich sprachlich auf einem ganz eigenen Niveau.

Die Autorin, Sängerin, Komponistin und Performerin Tanya Tagaq wurde 1975 im heutigen Nunavut (Cambriges Bay, Kanada) geboren. Sie erzählt die mythologisch unterlegte Geschichte eines Mädchens im Norden von Kanada über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren, beginnend im Geburtsjahr der Autorin, in der ihr kultureller Hintergrund systematisch von der christlichen Religion zersetzt wird. Dies geht so weit, dass ein verstorbener Schamane nicht mehr beerdigt werden darf und auf der Mülldeponie verrottet. Das Leben im ewigen Eis, minus 50 Grad Celsius bei monatelanger Dunkelheit im Winter und durchgängigem Sonnenschein in den Sommermonaten rahmen die Überlebenszähigkeit der Ureinwohner ein. Sex, Drogen und Countrymusik sorgen für Unterhaltung, bei der die Feiern häufig einem festen Rhythmus folgen:

„… Bier im Bauch,
Leer die Seele,
Arm die Moral,
Außer Kontrolle
Ich freue mich auf den Moment, wenn alle sich wieder in die Menschen verwandelt haben werden, die ich liebe.“ (S.112) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Janna Steenfatt: Die Überflüssigkeit der Dinge

… Ich konnte mich nicht erinnern, Entscheidungen getroffen zu haben.“ (S. 37) Dass Unentschlossenheit auch eine Form der Entscheidung ist, bereitet Katharina anfangs keine Sorgen, bis die Einmischung anderer ihr immer weniger gefallen. Auf einmal fühlt sich im Leben der jungen Frau ziemlich viel falsch an.

„… Ich hatte geglaubt, nach dem Studium würde sich beruflich irgendetwas ergeben, aber es hatte sich nichts ergeben, nichts bis auf diverse unterbezahlte Nebenjobs, unbezahlte Praktika und die regelmäßigen obligatorischen Erniedrigungen durch das Arbeitsamt.“ (S. 101)

Sie ist deshalb so unsichtbar geworden, wie es ihr möglich ist. Bei Falk wohnt sie seit drei Jahren zur Untermiete. Alle denken, er wäre ihr Freund. Falks Wohnung ist Falks Wohnung geblieben, spartanisch eingerichtet mit leeren Wänden. Auch ihr Zimmer gestaltet Katharina minimalistisch. Eine Matratze auf dem Boden, kaum Möbel.

Als ihre Mutter stirbt, beginnt sie ihr vergangenes Leben zu reflektieren. Am emotionalen Tiefpunkt angekommen, kann es zu ihrem Glück nur noch aufwärtsgehen. Katharina nimmt einen Aushilfsjob in der Kantine des Theaters an. Überraschenderweise gefällt ihr die Arbeit und auch die Hoffnung, in ein paar Monaten ihrem Vater zu begegnen. Wolf Eschenbach, der bekannte Intendant, kehrt an den Ort zurück, wo er Katharinas Mutter kennengelernt und viel zu früh verlassen hat. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andreas Aschberg: Puppenspiel

Nach einem gefährlichen und misslungenen Auftrag sehnt sich der in die Jahre gekommene Detektiv Egidius Stahl nach einem einfachen Auftrag. Seine jungen Kollegen spüren deshalb eine verwirrte Mandantin auf, die für die Suche nach ihrer vermissten Katze zahlen will. Ihre Geschichte von einer beobachteten Entführung, die keine gewesen sein soll oder dem Einbruch in ihrem Haus, den die Polizisten nicht glauben, klingt so verworren, dass sie Egidius Interesse weckt. Er und seine Kollegen finden recht schnell Spuren von einer technisch hochwertigen Drohne, die in die Richtung einer der größten Sicherheitsfirmen zeigt. Ehe sie die Zusammenhänge begreifen, katapultiert der neue Auftrag Egidius und sein Team in ihren gefährlichsten und größten Fall.

Andreas Aschberg weiß aus der Perspektive des Projektleiters und Managers, wie Konzerne funktionieren und was Erfolgsdruck mit den Menschen machen kann. Dieses Thema verpackt er in einen Detektivroman, der im Deutschland der nahen Zukunft spielt. 2040 tragen die meisten Menschen Livebrillen, die sie mit der virtuellen Welt verbinden. Wer gefühlsecht ins Livenet eintauchen will, steigt in einen mit Plasma gefüllten Tank. Dank vieler Sensoren spürt der Spieler das Gleiche wie sein Avatar. Bisher hat der alternde Egidius das Livenet gemieden. Für seine aktuelle Ermittlung muss er zum ersten Mal in einen Tank klettern, um in der beliebten virtuellen Galaxis auf Douglas Adams Pfaden nach Verbrechern zu suchen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Stefano Mancuso: Die unglaubliche Reise der Pflanzen

Nach seinem erfolgreichen Buch „Die Intelligenz der Pflanzen“ hat Stefano Mancuso, Professor für Pflanzenkunde, seine Leidenschaft in ein weiteres Buch fließen lassen. Im Zentrum stehen Pflanzen, die sich mithilfe ausgeklügelter Fortpflanzungsmethoden durch Raum und Zeit bewegen. Mit viel Liebe zum Detail erfährt der Leser von besonderen Extremen, die die Überlebens- und Anpassungsfähigkeit beschreiben. Ob es um hohe Windgeschwindigkeit, Trockenheit bei 50 Grad Celsius oder extreme Kälte geht, aber auch durch Umweltbelastungen, wenn trotz atomarer Sprengköpfe und die dadurch entstehenden Hitzewellen bis zu 6000 Grad die Wurzeln von Bäumen erneut ausschlagen. Auf informative und unterhaltsame Weise spannt Stefano Mancuso einen weiten Bogen, um die ganze Spannweite pflanzlicher Überlebenskunst unter Beweis zu stellen, aber auch, wie verletzlich ein uralter, einzelner Baum mitten in der Wüste der südlichen Sahara ist, wenn er innerhalb einiger Jahre von zwei Lkws angefahren wird und an den Folgen der Zusammenstöße stirbt.  Aber manchmal können Pflanzen auch zurückschießen, insbesondere der Sandbüchsenbaum, der seinen Samen mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 250 Kilometern pro Stunde über 40 Meter weit katapultiert. Trotz dieser ungewöhnlichen Leistungen stoßen Pflanzen – so der Autor – auf geringes Interesse, „…, weil den meisten Menschen ihre grundlegende Bedeutung für das Leben auf diesem Planeten gar nicht bewusst ist.“ (S. 129) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ellen Marie Wiseman: Alles, was sie hinter sich ließ

Das letzte Schuljahr verbringt die siebzehnjährige Izzy wieder in einer neuen Schule. Mobbing und neue Freunde bestimmen ihre Tage, aber auch das Museumsprojekt ihrer Pflegemutter Peg. In Willard, einer ehemaligen Heilanstalt für Geisteskranke, will Peg den Werdegang einiger Patienten für eine Ausstellung aufbereiten. Bei der Durchsicht alter Koffer findet Izzy Claras Tagebuch. Auf einem Foto sieht die junge Frau alles andere als geisteskrank aus. Izzy wird neugierig und erfährt bei ihrer Recherche viel über eine andere Zeit und gleichzeitig über sich selbst heraus.

Ellen Marie Wisemans zweiter Roman, übersetzt von Sina Hoffmann, erschien bereits 2015 unter dem Titel Die dunklen Mauern von Willard State und legte damit den Fokus auf den Ruf der Pflegeanstallt. Der amerikanische Journalist Wyatt Redd benannte das Willard State Asylums als One Of The Creepiest Places On Earth. Dieses staatliche Pflegeheim begann seinen Dienst 1869 und beendete ihn 1995. Unter gefängnisähnlichen Bedingungen wurden dort psychisch Erkrankte und abgeschobene, unerwünschte Personen beaufsichtigt. Durch sogenannte medizinische Anwendungen, die offiziell der Heilung dienten, erlitten die Patienten unzählige Grausamkeiten. Clara wird 1930 auf Verlangen ihres Vaters wegen angeblicher Wahnvorstellungen nach Willard gebracht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Ziebula: Der rote Judas

… – doch in Stainers Brust tobte er weiter, der Krieg. Und würde immer gegenwärtig sein – in jeder Schießerei, in jedem Mordopfer.“ (S. 310)

Major Paul Stainer sitzt im ersten Zug, der ihn und seine schwer verwundeten Kriegskameraden aus der Gefangenschaft nach Leipzig zurückbringt. Der ehemalige Kommissar leidet unter Gedächtnisverlust und Traumata. Nach der Kapitulation im Ersten Weltkrieg werden die politischen Folgen spürbar. Zwischen den Nationalisten und den Sozialisten geht der Meinungskrieg weiter. Die einen wollen die erlittene Niederlage in Aktionismus verwandeln, während die anderen den Frieden trotz des hohen Preises begrüssen. Gerade zurück steht Stainer als Verlierer da. Seine Frau weist ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Sie habe einen neuen Mann und wolle die Scheidung. Nur ein paar Briefe liegen für ihn bereit. Einer von ihnen lädt ihn zum Vorstellungsgespräch ins Kommissariat ein. Unverhofft warten auf Stainer nicht nur die Beförderung zum Kriminalinspektor sondern auch noch die dringende Aufklärung mehrer Morde. Abgesehen von diesem komplexen Fall erfährt Stainer viele böse Überraschungen. Schon in den ersten Minuten im Kommissariat begreift der Heimkehrer, wie viel von seiner geistigen Gesundheit abhängt: Seine Karriere und Ehe stehen auf dem Spiel aber auch sein Überleben, weil er immer mehr in den Fokus brutaler Mörder rückt.

Der freie Autor Thomas Ziebula schrieb bisher historische und Fantasy Romane. Mit seinem ersten Kriminalroman Der rote Judas wechselt er überzeugend das Genre. Ein Ermittler mit gesundheitlichen und privaten Problemen kämpft und wächst aus sich heraus, weil dies sein Überlebenstrieb verlangt. Aufgeben ist keine Option. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Charlie English: Die Bücherschmuggler von Timbuktu

Timbuktu war ein geheimnisvoller Ort, der vor etwa 250 Jahren die Fantasie der Westeuropäer beflügelte. Die Gerüchte vom unermesslichen Reichtum in einem unerreichbaren und unerforschten Land in Afrika forderte so manchen Abenteurer heraus. In dieser Zeit waren Amerika und Asien bereits bereist und deren Entdecker berühmt. Es blieb nur noch Afrika, das für die Kartographen aus vielen weißen Flächen bestand. Vor allen Dingen in der Mitte des Kontinents, wenn man aus dem Norden kommend noch die Durchquerung der Sahara vor sich hatte, um den Niger zu erreichen. Ein Fluss, von dem kein Europäer wusste, wo sein Ursprung oder sein Verlauf war und wo er schließlich das Meer erreichte. Irgendwo an diesem Fluss sollte Timbuktu liegen, eine Stadt voller Schätze.

Nach der Gründung der African Association endeten die Annäherungsversuche der ersten Forschungsreisenden tödlich. In einem Brief berichtete Major Laing seinem Schwiegervater von einem überstandenen Überfall und den erlittenen Verletzungen:

„… Um oben zu beginnen: Ich habe drei Säbelwunden am Scheitel und drei an der linken Schläfe, allesamt Frakturen, bei denen ich viel Knochenmasse verloren habe. Ein Säbelhieb auf der linken Wange hat meinen Kiefer zerschmettert und mein Ohr zerschnitten … einen weiteren erhielt ich auf der rechten Schläfe. … eine klaffende Wunde im Nacken, … eine Musketenkugel in der Hüfte, fünf Säbelwunden am rechten Arm und der rechten Hand,  … drei Wunden am linken Arm, der gebrochen ist, eine leichte Verletzung am rechten Bein,   … zwei am linken …“ (S. 16, 17) Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Miriam Toews: Ein komplizierter Akt der Liebe

… Die Stadt ist so ernst. Und so still. Und die Stille macht mich verrückt. Ob man daran sterben kann?“ (S. 11)

Nomi erkennt kurz vor ihrem Schulabschluss, dass ihre große Schwester Tash aus einem guten Grund aufgehört hat zu lachen, obwohl oder weil sie das normalste Mitglied der Familie Nickel ist. Sie verließ vor drei Jahren als erste die Familie, den einsamen Ort ihrer Kindheit und die strenggläubige Gemeinde der Mennoniten. Ein paar Monate später verschwindet ihre Mutter Trudi ohne Abschied aus ihrem Leben. Sogar ihr Pass bleibt in der Schublade liegen. Die für sie vorgesehene Zukunft macht Nomi ebenfalls angst. Soll sie wie alle anderen in der Hühnerfabrik von East Village arbeiten und sich an dem täglichen Töten der Tiere beteiligen? Das Einzige, was sie kurz vor ihrem Schritt in die Welt der Erwachsenen weiss, ist, dass ihr der Kompass fehlt.

Miriam Toews zählt zu den wichtigsten kanadischen Gegenwartsautorinnen. Nach einem Studium der Filmwissenschaften und Journalismus arbeitet sie für Presse und Rundfunk. Für ihre Romane Ein komplizierter Akt der Liebe, übersetzt von Christiane Buchner, Die fliegenden Trautmans und Das gläserne Klavier erhielt sie Preise. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Eduardo Haflon: Duell

… Ich nahm einen zweiten Schluck, den ich noch unangenehmer fand als den ersten, und gleichzeitig befiel mich ein Gefühl von … Traum … Die alte Frau beobachtete mich mit festem Blick … Es wird Ihnen helfen, Ihre Wahrheit zu sehen … , die Wahrheit, die Sie in sich tragen, sagte sie.“ (S. 59 E-Book)

Der Erzähler hat in seiner Jugend viele Geschichten über seine Familie gehört, manche immer wieder, als gelte es, etwas in der Erinnerung zu verankern, andere überraschen oder irritieren aufgrund des innewohnenden Widerspruchs. Doch ein bestimmter roter Faden zieht sich durch seine Familienbiographie, das Schweigen über Salomon, dem verstorbenen Bruder seines Vaters. Nach seinem Tod wurde niemand mehr in der Familie auf diesen Namen getauft, als wolle man die Tradition dieser Namensvergabe ebenfalls beerdigen.

Im Laufe der Jahre kommen neue Geschichten hinzu, manche halbwahr, manche erfunden. Salomon könnte vollständig in Vergessenheit geraten, wenn nicht dieses im Jahr 1940 entstandene Foto aus New York wäre. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: