Hartmut Lange: Der Lichthof

In fünf unterschiedlichen Novellen beschreibt Hartmut Lange Menschen in ihrem Alltag, der durch bestimmte Ereignisse kein Alltag mehr ist. Sie erleben Grenzerfahrungen, die ein Umdenken, Anpassen oder sogar ein Aufgeben erforderlich machen:

Eine Frau, die für ihren Mann ihre gut dotierte Stellung aufgibt, wird nach dem gemeinsamen Umzug auf einmal von ihrem Ehemann verlassen.

Ein Paar verreist nach Italien, während ihr defektes Navigationsgerät für Umwege und Unstimmigkeiten sorgt.
Ein Schauspieler gerät an seine körperlichen Grenzen und sieht ein Scheitern auf sich zukommen.
Ein Politologe erlebt nach seiner Emeritierung eine erhellende Reise.
Und als letzte Novelle erzählt Hartmut Lange von einem Umbruch in seiner Kindheit, in der Mord, Flucht und Gewalt seiner Biografie eine gravierende Wendung geben.

Der Autor und Dramaturg Hartmut Lange hat sich im Laufe seines Schaffens auf Novellen spezialisiert, in denen Ereignisse und nicht die Personen eine Veränderung erfahren. Weiterlesen

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Chris Inken Soppa: Der große Muntprat

Lütfrid Muntprat wurde 1383 in Konstanz geboren und nach seinem Vater, einem reichen Kaufmann, benannt. Er starb 1447 in seiner Heimatstadt. Zwischen diesen beiden Daten lag ein ereignisreiches Leben voller Gefahren, Reisen und erfolgreichem Handel. Lütfrid der II., auch genannt der große Muntprat, erwarb sich den Ruf eines freidenkenden Mannes, der zum reichsten Kaufmann in Süddeutschland wurde.

Seine Geschichte ist eine der Willenskraft, der Klugheit, aber auch des Glücks.

„… Zu vielem hatte man ihn im Leben gemacht, zum Kaufmann, zum Vater, zum Ehegenossen. Zum Ratsherrn, Gesandten des Königs, zum Bürgermeister und Vogt.“ (S. 491)

Mit enormen Fleiß und Akribie ist der Autorin Chris Inken Soppa ein wunderbarer biografischer Roman gelungen, der spannungsreich, informativ und wendungsreich den Leser in die Vergangenheit entführt, in der sich das Überleben, mehr als nur schwierig erweist. Ein starres Kastensystem durch die Zünfte und den handeltreibenden Städten sowie unfaire Steuern belasten nicht nur die Kaufleute. Auch die Weber werden gezwungen, so wenig Leinen zu weben, so dass sie kaum von dem Erlös leben können. Die künstliche Verknappung verhilft dagegen den Kaufleuten zu Reichtum. Ein Leben im Mangel findet ebenfalls bei den Bauern und Dienstboten statt, die ihren Herren völlig ausgeliefert sind. Das falsche Wort im falschen Moment, eine Flucht vor Hunger und Unterdrückung werden so hart bestraft, dass Nachahmer ihren Mut verlieren. Weiterlesen

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Fabricio Gatti: Der amerikanische Agent: Tatsachenroman

Er nennt sich Simone Pace. Nach dreißig Jahren im Geheimdienst bietet er dem Journalisten Fabrizio Gatti Informationen an. Die Interviews finden natürlich in der Heimlichkeit statt, denn der Italiener leidet unter Verfolgungswahn. Unter anderem. Sein Gewissen leidet unter den erworbenen Einblicken. Sie haben sein Weltbild vollständig verändert.

„… Krieg ist eine ansteckende Geisteskrankheit. Sie verhindert, dass Konflikte durch Worte gelöst werden. Sie befällt die Regierenden und ihre Anhänger. … Die Regierenden, die davon befallen sind, werden … nicht in Quarantäne genommen. … Wenn der Krieg eine … Bevölkerung befällt, nennt man deren Reaktion Verteidigung.“ (S. 273)

Der Journalist und Autor Fabricio Gatti erhielt 2007 den Europäischen Journalistenpreis für seine Recherche als Illegaler, der den Weg nach Europa geschafft hatte. 2008 erschien hierzu sein Buch.

Seinen aktuellen „Tatsachenroman: Der amerikanische Agent“, übersetzt von Friederike Hausmann und Rita Seuß, widmet er allen Opfern politischer Gewalt.

Fabrizio Gatti fokussiert über die Schilderungen des Simone Pace, wie sein Weg als Agent begann und er im Laufe von drei Jahrzehnten Einblicke in die Methoden der CIA gewonnen hat. Seine Handlangerdienste bestanden anfangs aus der Beschaffung von Informationen, die er als Polizist leicht gewinnen konnte. Das schnell verdiente Geld gefiel ihm genauso gut wie die angenehmen Aufgaben. Doch die damit einhergehende, schleichende Abhängigkeit katapultierte ihn bei Mord und Folter in Gewissenskonflikte. Weiterlesen

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Keigo Higashino: Unschuldige Täter

Es sollten gemütliche, vielleicht sogar langweilige Schulferien am Meer werden. Weil seine Eltern mit der Eröffnung der neuen Filiale ganz in Anspruch genommen sind, fährt Kyohei zur Tante, der älteren Halbschwester seines Vaters. Sie wohnt in Harigaura, einem verblichenen Ferienort am Meer. Zusammen mit ihrem kranken Mann und ihrer Tochter betreibt sie die in die Jahre gekommene Pension Grüner Felsen.

Kyohei sollte der einzige Gast sein. Doch dann erscheinen mit ihm zusammen zwei weitere Gäste, ein Professor und ein pensionierter Kommissar. Bereits in der ersten Nacht stirbt der Pensionär unter unklaren Umständen. Der Sturz vom Deich sieht nach einem Unfall aus. Und so möchte die örtliche Polizei diesen Tod auch zu den Akten legen, wenn nicht ein ehemaliger Kollege des Verstorbenen und die Witwe auf eine Autopsie bestehen würden. Bei den intensiven Ermittlungen sorgt jedes neue Detail für mehr Verwirrung. Ob Unfall oder Mord, die Zahl der Verdächtigen irritiert nicht nur die Sonderkommission. Auch der Professor, der die Polizei in Tokio häufig als Berater unterstützt, soll in der Pension Augen und Ohren offen halten. Seine aufkeimende Freundschaft zu Kyohei entwickelt sich schnell zu einem Ermittlerteam der besonderen Art, denn der Junge ahnt nichts von seiner erhellenden Rolle. Weiterlesen

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Christina Clemm: AktenEinsicht: Geschichten von Frauen und Gewalt

Wenn Frauen Gewalt erfahren, dann steckt dahinter häufig eine Geschichte: eine biografische Geschichte, in der Gewalterfahrung zum Alltag gehört, eine Beziehungsgeschichte, in der ein Lebenspartner Frau und Kinder massiv schikaniert, oder es kann auch eine kulturelle Geschichte sein, in der Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile zu einer Akzeptanz von Gewalt führt.

Die Rechtsanwältin und Autorin Christina Clemm schreibt in ihrem Epilog: „Vielleicht sind es die Ignoranz und die Apathie großer Teile der Gesellschaft, die mich im Laufe der Jahre wütender werden lassen. Es gibt keinen Ort, keine Schicht, kein Alter, keine soziale Situation, in der Frauen keine Gewalt erleben …“ (S. 193) Den Nährboden für den allumfassenden Machtmissbrauch darf man in patriarchalen Gesellschaftssystemen sehen, in denen mehrheitlich Männer mehr Geld und Einfluss, höhere Positionen im Beruf, in der Politik, bei den Behörden und der Polizei innehaben.

Die Autorin lässt den Leser an ihrem berufsbedingten Einblick in geschlechtsspezifische Gewalt teilhaben. In neun Fallbeispielen stellt sie Gewalterfahrungen und die dazugehörige Rechtslage vor. Hierbei fällt auf, dass auf Seiten des Gesetzes und ihrer Vertreter das Ungleichgewicht zwischen dem Stärkeren und Schwächeren gefördert wird. Prinzipiell wird der Frau ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen, und wenn sie nicht als Nebenklägerin auftritt, befindet sie sich im Status einer Sache. Weiterlesen

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Dirk Kurbjuweit: Haarmann

Nach dem gewaltsamen Tod seiner Mutter bei einem Schusswechsel französischer Soldaten macht sich der Bochumer Kommissar Lahnstein unbeliebt. Er fragt so beharrlich bei den Besatzern nach dem Verantwortlichen, dass er sich letztendlich nur durch eine Versetzung in Sicherheit bringen kann.

In Hannover wird zur gleichen Zeit in einer festgefahrenen Ermittlung ein neuer leitender Kommissar gebraucht. Für den politisch motivierten Polizeichef kommt Bochums bester Ermittler wie gerufen. Für die anstehenden Wahlen braucht er in der Presse positive Nachrichten. Denn die stetig wachsende Zahl von vermissten Jugendlichen und jungen Männern hat nicht nur bei den trauernden Eltern, sondern auch in der Bevölkerung für Unmut gesorgt.

Allmählich findet Lahnstein heraus, dass sowohl die Zeugen aus der Schwulenszene als auch seine Kollegen mehr verschweigen, als sie sagen. Mit seiner Beharrlichkeit macht er sich deshalb auch in Hannover unbeliebt. Und wer im Fokus steht, den kann man systematisch zum Sündenbock stilisieren. Viel zu schnell steht Lahnsteins Ermittlungsarbeit, seine Person und weitere Vermisste in der öffentlichen Kritik.

Der Reporter und Autor Dirk Kurbjuweit bearbeitet in seinem Kriminalroman den berühmten Fall um den Massenmörder Haarmann, über den schon einige geschrieben haben. Der Film Der Totmacher mit Götz George dürfte manchem noch in Erinnerung sein. Dirk Kurbjuweit setzt diesen Fall in einen politischen und gesellschaftlichen Kontext. In einem trüben Dickicht aus Schweigen und Korruption sucht der fast fiktive Lahnstein einen Massenmörder. Weiterlesen

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Benjamin & Fabian Eckert: Die 35-Tage-Challenge: Dein Weg in ein umweltbewusstes Leben

Sachbücher über Umwelt, Gesundheit und Lebensplanung gibt es viele. Die 35-Tage-Challenge der Brüder Benjamin und Fabian Eckert darf man als ein Experiment betrachten. In ihrem Buch wird alles miteinander vereint. Darüber hinaus entstand ein interaktives, ganzheitliches Buch.

Das Ziel ihrer vorgeschlagenen Herausforderungen: Jeder kann seinen persönlichen Energieverbrauch senken. „… Wenn du wirklich etwas für das Klima tun willst, sollte der Verbrauch pro Person etwa bei 600 bis 700 kWh pro Jahr liegen, wobei auch 300 kWh pro Jahr und Person möglich sind.“ (S. 63)

Wie man dahin kommt, beschreiben die Autoren ausführlich. Die praktischen Übungen für Anfänger und Experten sind in wöchentliche Aufgaben unterteilt, die jeder schaffen kann. Die größte Herausforderung besteht darin, den engen Kreis aus Gewohnheiten und Bequemlichkeit zu verlassen. Die Autoren erhoffen sich, dass ihre aktiv gewordenen Leser auf ihr direktes Umfeld eine Vorbildfunktion ausüben und andere wiederum die Klugheit eines klimafreundlichen Lebens in ihr eigenes Verhalten integrieren. Weiterlesen

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Nuruddin Farah: Im Norden der Dämmerung

Der ehemalige somalische Botschafter Mugdi und seine Frau Gacalo haben in Oslo ihre zweite Heimat gefunden. Das beschauliche Leben des älteren Ehepaares könnte harmonisch verlaufen, wenn ihr Sohn sich nicht den Dschihadisten in Somalia angeschlossen hätte. Kurz vor seinem Selbstmordattentat bittet er Gacalo: ‚Falls mir etwas passiert, kümmert euch um meine Frau und die beiden Kinder.‘

Viel zu schnell stehen die trauernden Eltern einer strenggläubigen Witwe und ihren beiden Kindern aus erster Ehe gegenüber. Naciim ist zwölf Jahre alt und seine vierzehnjährige Schwester Saafi von einer Gruppenvergewaltigung traumatisiert. Verantwortung und widersprüchliche Gefühle prallen bei der unfreiwilligen Familienzusammenführung aufeinander.

Nuruddin Farah, geboren 1945 in Baidoa, zählt zu Afrikas bedeutendsten zeitgenössischen Schriftstellern. Seine Romane thematisieren sein unmittelbares Erleben im Bürgerkrieg, bei der Flucht sowie im Exil. Er plädiert für die Freiheit des Einzelnen und lehnt damit jegliche Form von totalitärer Herrschaft ab. Der kulturelle Hintergrund des Islams verlangt von dem zwölfjährigen Naciim, die Rolle des Familienvorstands für seinen verstorbenen Stiefvater zu übernehmen. Wenn er zum Beispiel nicht in der Wohnung ist, dürfen weibliche Familienmitglieder weder die Wohnungstür öffnen noch ein Telefonat annehmen. Weiterlesen

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Antti Tuomainen: Klein-Sibirien

Seit einem Jahr und sieben Monaten ist Joel Huhta Pfarrer in Hurmevaara, einer 1000 Seelen-Gemeinde im Osten Finnlands, nahe der russischen Grenze. Normalerweise ist dieser Ort für ein überschaubares Leben wie geschaffen, wenn nicht dieser Meteorit in den Wagen eines seiner Bewohner gerauscht wäre. Wie durch ein Wunder überlebt der Fahrer, ein ehemaliger Rennfahrer, der nun auf eine Belebung seiner Karriere hofft. Denn wer dieses seltene Gestein aus dem All verkauft, darf sich um eine Million reicher fühlen.

Sechs Tage wird im Ort über nichts anderes gesprochen. Bis der Meteorit in das Weltraumlabor nach Helsinki gebracht wird, bewacht ihn das Komitee des Dorfes im Militärmuseum. Denn die nächste Polizeiwache ist etwa 90 km von Hurmevaara entfernt, und einen professionellen Sicherheitsdienst gibt es ebenfalls nicht.

Bei seiner ersten Nachtwache wird Joel im Militärmuseum überfallen. Seit dieser Nacht sieht der Pfarrer die Dorfbewohner mit anderen Augen. Jeder von ihnen könnte zu den Einbrechern gehören. Ob aus Dummheit oder Unwissenheit, sie haben eine Handgranate gestohlen. Weiterlesen

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Tanya Tagaq: Eisfuchs

Es gibt Bücher, die eine Sonderstellung in der Belletristik einnehmen: Sie lassen sich nicht mit anderen Romanen vergleichen, haben ein besonderes Anliegen und bewegen sich sprachlich auf einem ganz eigenen Niveau.

Die Autorin, Sängerin, Komponistin und Performerin Tanya Tagaq wurde 1975 im heutigen Nunavut (Cambriges Bay, Kanada) geboren. Sie erzählt die mythologisch unterlegte Geschichte eines Mädchens im Norden von Kanada über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren, beginnend im Geburtsjahr der Autorin, in der ihr kultureller Hintergrund systematisch von der christlichen Religion zersetzt wird. Dies geht so weit, dass ein verstorbener Schamane nicht mehr beerdigt werden darf und auf der Mülldeponie verrottet. Das Leben im ewigen Eis, minus 50 Grad Celsius bei monatelanger Dunkelheit im Winter und durchgängigem Sonnenschein in den Sommermonaten rahmen die Überlebenszähigkeit der Ureinwohner ein. Sex, Drogen und Countrymusik sorgen für Unterhaltung, bei der die Feiern häufig einem festen Rhythmus folgen:

„… Bier im Bauch,
Leer die Seele,
Arm die Moral,
Außer Kontrolle
Ich freue mich auf den Moment, wenn alle sich wieder in die Menschen verwandelt haben werden, die ich liebe.“ (S.112) Weiterlesen

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