Jeanine Cummins: American Dirt

Lydia hätte es wissen müssen. Die Gewalt der rivalisierenden Banden hält nicht nur das einst ruhige Acapulco fest in ihrem Griff; sie hat auch ganz Mexiko geprägt. Als der kultivierte Javier ihren Buchladen zum ersten Mal betritt und sich zwischen ihnen eine Freundschaft entwickelt, weiß sie noch nichts von seinem zweiten Leben als Bandenchef. Und als sie es erfährt und ihr Mann, ein bekannter Journalist, über Javier einen Artikel in seiner Zeitung veröffentlicht, glaubt Lydia, Javier werde den Artikel gutheißen. Sie und ihre Familie seien nicht in Gefahr.

Zwei Wochen später, auf einem Familienfest im Garten ihrer Mutter, entkommen Lydia und ihr achtjähriger Sohn Luca nur knapp einem Massaker. Und wenn sie weiterleben wollen, müssen sie in die Vereinigten Staaten fliehen. Es gibt Tausende wie sie, die in Richtung Norden ziehen. Und es gibt auf dem Weg ebenso viele, die an den Flüchtlingen verdienen wollen. Wer nicht zahlen kann, stirbt.

2015 erklärte Angela Merkel: „Wir schaffen das.“ Für eine überschaubare Zeit wurden die Grenzen nach Europa geöffnet, und unzählige Flüchtlinge aus Kriegsgebieten erfuhren Hilfe. Die Grenzen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten dagegen werden immer dichter und strenger bewacht. Die Folgen hieraus beschreibt die Autorin Jeanine Cummins in ihrem zweiten Roman, übersetzt von Katharina Naumann, so plastisch aus der Sicht einer Mutter und ihres Sohnes, dass man als Leser die beiden wie gebannt durch alle Gefahren begleiten muss. Weiterlesen

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Sasha Filipenko: Rote Kreuze

Sie nimmt eines der Bilder […] Ein Nachtzug durchschneidet diagonal die Erde. Schwarzblaue Farbtöne. Kein Passagierzug, sondern Güterwaggons. Schatten und Nebel. Ein gelbes Licht erleuchtet nur die Frontscheibe des Führerstands. Die Lokomotive ist winzig und schmal – die Leinwand groß.“ (S. 54)

Was soll man inhaltlich über einen grandiosen Roman schreiben, ohne zu viel zu verraten? Wer würde allein dem Hinweis »unbedingt lesen!!« vertrauen??

In seinem ersten Roman erzählt der Autor Sasha Filipenko von einem jungen Mann, der 2001 von Moskau nach Minsk zieht. Dort wohnen seine Schwiegereltern. In dieser fremden für ihn tristen, grauen Stadt glaubt Alexander, hier bliebe seine besondere Geschichte geheim.

Er glaubt und irrt auch in anderen Dingen. Dies begreift er, als seine neue Nachbarin Tatjana Alexjewna, eine an Alzheimer leidende alte Dame, ihm überraschend klar und deutlich aus ihrem Leben erzählt. Mit der Wucht eines ungebremsten Zuges überrollt ihn die russische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Tatjana, die 1910 in London geboren wurde, zog als Kind nach Moskau. Ihr intellektueller Vater glaubte nach der Ermordung des Zaren, in seiner alten Heimat entstünde ein neues Land, und er wolle beim Aufbau helfen und sehen, wie neue Menschen ihr neues Leben annehmen.

Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, studierte Literatur und arbeitete als Journalist, Drehbuchautor, Gag-Schreiber und Fernsehmoderator. Von ihm gibt es inzwischen fünf Romane in russischer Sprache. Weiterlesen

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Katrine Engberg: Glasflügel

… Kopenhagen hat eine Liebesbeziehung mit dem Meer. Steht man am Hafen, ist deutlich zu spüren, dass die Stadt am Wasser gebaut wurde … Das Wasser weicht die harten Kanten auf und bringt Leben mit sich, das Wasser spült den Dreck weg.“ (S. 316)

Es gibt selten einen perfekten Zeitpunkt, um eine Mordermittlung zu leiten: Jeppe hat aufgrund seiner Scheidung sein Haus verkauft und wohnt für die Übergangszeit in seinem ehemaligen Kinderzimmer. Seine Mutter freut sich sehr über den Einzug ihres Sohnes und belebt ihre Mutterrolle, die Jeppe wiederum nicht gebrauchen kann. Zur gleichen Zeit stillt seine Kollegin Annette ihre Tochter, die viel schreit und wenig schläft. In der geringen Freizeit leidet die stillgelegte Kommissarin unter Langeweile. Die Ermordung einer Bekannten verleitet sie zu privaten Nachforschungen.

In den nächsten zwei Tagen werden weitere Mordopfer im Wasser abgelegt und kurz darauf gefunden. Recht schnell finden Jeppe und seine Kollegen heraus, dass alle Getöteten in einer ehemaligen psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche gearbeitet haben.

Doch die Suche nach Zeugen geht ungewöhnlich beschwerlich voran. Manche können sich nicht mehr genau erinnern, andere Zeugen wollen sich nicht erinnern, oder sind aufgrund ihrer psychischen Erkrankung wenig glaubwürdig. Darüber hinaus sind ehemalige Mitarbeiter und Patienten nicht erreichbar. Jeppe sieht eine Fülle von Informationen und Hindernissen, die auf viele Verdächtige zeigen. Weiterlesen

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Deepa Anappara: Die Detektive vom Bhoot-Basar

Der neunjährige Jai lebt mit seiner Familie in einem Basti, einem stark verzweigten Slum, in dem es kleine Plätze aber auch Steinhäuser gibt. In Sichtweite stehen die HiFi-Hochhäuser, die Wohntempel der Reichen. Wer dort eingezogen ist, hat es geschafft. Jais Eltern haben es nicht geschafft. Zu viert leben sie in einer Einraumhütte, die jeder jederzeit betreten kann. Er hört den Zank der Nachbarn, riecht deren gekochtes Essen und wird Ohrenzeuge ihrer Vertraulichkeiten. Auch von den Gerüchten seines verschwundenen Klassenkameraden hört er und ist erschrocken. Wie kann Bahadur verschwinden, ohne dass es ihm selbst aufgefallen ist?

Jai schlägt seinen besten Freunden, der schlauen Pari und dem muslimischen Faiz, vor, wie die berühmten Detektive nach Bahadur zu suchen und gleichzeitig ihr Basti zu retten. Denn die korrupte Polizei droht, bei einer Durchsuchung jede Hütte zu planieren.

Innerhalb weniger Monate verschwinden weitere Kinder spurlos, und Jais Detektivarbeit geht nicht nur in den Hausaufgaben unter. Die Angst der Erwachsenen erschwert seine Recherche. Schon bald fallen Interessenvertreter auf, die die Bewohner gegeneinander aufwiegeln. Weiterlesen

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Alex Wheatle: Home Girl

Naomi ist 14 Jahre alt und lebt in einem Heim. Streit und Prügeleien gehören genauso zur Tagesordnung wie ein fehlender Schulunterricht. Wer wie Naomi schon von vielen Schulen verwiesen wurde, darf kaum auf eine erneute Chance hoffen. Auch die Hoffnung auf ein normales Familienleben will sich nicht einfinden, denn bei den Pflegefamilien bleibt sie nie lange. Inzwischen glaubt Naomi, mit ihr komme kein Mensch zurecht.

Doch dann wird sie für die Übergangszeit bei einer schwarzen Familie mit zwei Kindern untergebracht. Zum ersten Mal erfährt Naomi echte Zuneigung. Ihre Festung aus Ablehnung beginnt zu bröckeln, was nicht jedem gefällt.

Alex Wheatle hatte eine geniale Idee. Er begann Jugendromane zu schreiben und dies so gut, dass seine Bücher mit Preisen gewürdigt wurden. Seine Geschichten ranken um charakterstarke Jugendliche in sozialen Brennpunkten, die aus extremen Situationen einen Ausweg suchen. Weiterlesen

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Hartmut Lange: Der Lichthof

In fünf unterschiedlichen Novellen beschreibt Hartmut Lange Menschen in ihrem Alltag, der durch bestimmte Ereignisse kein Alltag mehr ist. Sie erleben Grenzerfahrungen, die ein Umdenken, Anpassen oder sogar ein Aufgeben erforderlich machen:

Eine Frau, die für ihren Mann ihre gut dotierte Stellung aufgibt, wird nach dem gemeinsamen Umzug auf einmal von ihrem Ehemann verlassen.

Ein Paar verreist nach Italien, während ihr defektes Navigationsgerät für Umwege und Unstimmigkeiten sorgt.
Ein Schauspieler gerät an seine körperlichen Grenzen und sieht ein Scheitern auf sich zukommen.
Ein Politologe erlebt nach seiner Emeritierung eine erhellende Reise.
Und als letzte Novelle erzählt Hartmut Lange von einem Umbruch in seiner Kindheit, in der Mord, Flucht und Gewalt seiner Biografie eine gravierende Wendung geben.

Der Autor und Dramaturg Hartmut Lange hat sich im Laufe seines Schaffens auf Novellen spezialisiert, in denen Ereignisse und nicht die Personen eine Veränderung erfahren. Weiterlesen

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Chris Inken Soppa: Der große Muntprat

Lütfrid Muntprat wurde 1383 in Konstanz geboren und nach seinem Vater, einem reichen Kaufmann, benannt. Er starb 1447 in seiner Heimatstadt. Zwischen diesen beiden Daten lag ein ereignisreiches Leben voller Gefahren, Reisen und erfolgreichem Handel. Lütfrid der II., auch genannt der große Muntprat, erwarb sich den Ruf eines freidenkenden Mannes, der zum reichsten Kaufmann in Süddeutschland wurde.

Seine Geschichte ist eine der Willenskraft, der Klugheit, aber auch des Glücks.

„… Zu vielem hatte man ihn im Leben gemacht, zum Kaufmann, zum Vater, zum Ehegenossen. Zum Ratsherrn, Gesandten des Königs, zum Bürgermeister und Vogt.“ (S. 491)

Mit enormen Fleiß und Akribie ist der Autorin Chris Inken Soppa ein wunderbarer biografischer Roman gelungen, der spannungsreich, informativ und wendungsreich den Leser in die Vergangenheit entführt, in der sich das Überleben, mehr als nur schwierig erweist. Ein starres Kastensystem durch die Zünfte und den handeltreibenden Städten sowie unfaire Steuern belasten nicht nur die Kaufleute. Auch die Weber werden gezwungen, so wenig Leinen zu weben, so dass sie kaum von dem Erlös leben können. Die künstliche Verknappung verhilft dagegen den Kaufleuten zu Reichtum. Ein Leben im Mangel findet ebenfalls bei den Bauern und Dienstboten statt, die ihren Herren völlig ausgeliefert sind. Das falsche Wort im falschen Moment, eine Flucht vor Hunger und Unterdrückung werden so hart bestraft, dass Nachahmer ihren Mut verlieren. Weiterlesen

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Fabricio Gatti: Der amerikanische Agent: Tatsachenroman

Er nennt sich Simone Pace. Nach dreißig Jahren im Geheimdienst bietet er dem Journalisten Fabrizio Gatti Informationen an. Die Interviews finden natürlich in der Heimlichkeit statt, denn der Italiener leidet unter Verfolgungswahn. Unter anderem. Sein Gewissen leidet unter den erworbenen Einblicken. Sie haben sein Weltbild vollständig verändert.

„… Krieg ist eine ansteckende Geisteskrankheit. Sie verhindert, dass Konflikte durch Worte gelöst werden. Sie befällt die Regierenden und ihre Anhänger. … Die Regierenden, die davon befallen sind, werden … nicht in Quarantäne genommen. … Wenn der Krieg eine … Bevölkerung befällt, nennt man deren Reaktion Verteidigung.“ (S. 273)

Der Journalist und Autor Fabricio Gatti erhielt 2007 den Europäischen Journalistenpreis für seine Recherche als Illegaler, der den Weg nach Europa geschafft hatte. 2008 erschien hierzu sein Buch.

Seinen aktuellen „Tatsachenroman: Der amerikanische Agent“, übersetzt von Friederike Hausmann und Rita Seuß, widmet er allen Opfern politischer Gewalt.

Fabrizio Gatti fokussiert über die Schilderungen des Simone Pace, wie sein Weg als Agent begann und er im Laufe von drei Jahrzehnten Einblicke in die Methoden der CIA gewonnen hat. Seine Handlangerdienste bestanden anfangs aus der Beschaffung von Informationen, die er als Polizist leicht gewinnen konnte. Das schnell verdiente Geld gefiel ihm genauso gut wie die angenehmen Aufgaben. Doch die damit einhergehende, schleichende Abhängigkeit katapultierte ihn bei Mord und Folter in Gewissenskonflikte. Weiterlesen

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Keigo Higashino: Unschuldige Täter

Es sollten gemütliche, vielleicht sogar langweilige Schulferien am Meer werden. Weil seine Eltern mit der Eröffnung der neuen Filiale ganz in Anspruch genommen sind, fährt Kyohei zur Tante, der älteren Halbschwester seines Vaters. Sie wohnt in Harigaura, einem verblichenen Ferienort am Meer. Zusammen mit ihrem kranken Mann und ihrer Tochter betreibt sie die in die Jahre gekommene Pension Grüner Felsen.

Kyohei sollte der einzige Gast sein. Doch dann erscheinen mit ihm zusammen zwei weitere Gäste, ein Professor und ein pensionierter Kommissar. Bereits in der ersten Nacht stirbt der Pensionär unter unklaren Umständen. Der Sturz vom Deich sieht nach einem Unfall aus. Und so möchte die örtliche Polizei diesen Tod auch zu den Akten legen, wenn nicht ein ehemaliger Kollege des Verstorbenen und die Witwe auf eine Autopsie bestehen würden. Bei den intensiven Ermittlungen sorgt jedes neue Detail für mehr Verwirrung. Ob Unfall oder Mord, die Zahl der Verdächtigen irritiert nicht nur die Sonderkommission. Auch der Professor, der die Polizei in Tokio häufig als Berater unterstützt, soll in der Pension Augen und Ohren offen halten. Seine aufkeimende Freundschaft zu Kyohei entwickelt sich schnell zu einem Ermittlerteam der besonderen Art, denn der Junge ahnt nichts von seiner erhellenden Rolle. Weiterlesen

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Christina Clemm: AktenEinsicht: Geschichten von Frauen und Gewalt

Wenn Frauen Gewalt erfahren, dann steckt dahinter häufig eine Geschichte: eine biografische Geschichte, in der Gewalterfahrung zum Alltag gehört, eine Beziehungsgeschichte, in der ein Lebenspartner Frau und Kinder massiv schikaniert, oder es kann auch eine kulturelle Geschichte sein, in der Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile zu einer Akzeptanz von Gewalt führt.

Die Rechtsanwältin und Autorin Christina Clemm schreibt in ihrem Epilog: „Vielleicht sind es die Ignoranz und die Apathie großer Teile der Gesellschaft, die mich im Laufe der Jahre wütender werden lassen. Es gibt keinen Ort, keine Schicht, kein Alter, keine soziale Situation, in der Frauen keine Gewalt erleben …“ (S. 193) Den Nährboden für den allumfassenden Machtmissbrauch darf man in patriarchalen Gesellschaftssystemen sehen, in denen mehrheitlich Männer mehr Geld und Einfluss, höhere Positionen im Beruf, in der Politik, bei den Behörden und der Polizei innehaben.

Die Autorin lässt den Leser an ihrem berufsbedingten Einblick in geschlechtsspezifische Gewalt teilhaben. In neun Fallbeispielen stellt sie Gewalterfahrungen und die dazugehörige Rechtslage vor. Hierbei fällt auf, dass auf Seiten des Gesetzes und ihrer Vertreter das Ungleichgewicht zwischen dem Stärkeren und Schwächeren gefördert wird. Prinzipiell wird der Frau ihre Glaubwürdigkeit abgesprochen, und wenn sie nicht als Nebenklägerin auftritt, befindet sie sich im Status einer Sache. Weiterlesen

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