Anne Stern: Fräulein Gold. Schatten und Licht

Am 24. Mai 1922 wird nachts in Berlin eine alternde Prostituierte über die Brüstung einer Brücke gestoßen. Sie ertrinkt unbemerkt im Fluss. Jeder aus dem Milieu, der die fixe Rita kannte, denkt sofort an Mord. Doch die Polizei will lieber an Selbstmord glauben. Täglich stößt die Hebamme Hulda Gold auf große Not. Sie kann einfach nicht wegsehen und muss aus einem inneren Bedürfnis heraus helfen. Als sie von einer Patientin erfährt, die angeblich ertrunkene Frau sei ihre Nachbarin und Freundin gewesen, wird Hulda neugierig. Und je mehr sie den Unstimmigkeiten nachgeht, um so mehr schreckt sie die falschen Leute auf. Auch ihre Begegnung mit dem ermittelnden Kommissar hat Folgen.

Die Berlinerin Anne Stern hat mit ihrem Roman Fräulein Gold Schatten und Licht den ersten Band einer Reihe vorgestellt, der den Leser in die Nachkriegszeit führt, in der die Folgen des Ersten Weltkriegs zum Alltag gehören. Statt für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen, bekämpfen sich die politischen Vertreter bis aufs Blut. In diesem Machtvakuum übernimmt der Skrupellose die Regie. Die Metropole Berlin in der Zeit der Goldenen Zwanziger hat sich zu einer Arena für unterschiedliche Interessen entwickelt. Vor diesem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dürfte die Autorin auf reichlich Stoff stoßen, die eine alleinstehende, engagierte junge Frau in spannende Abenteuer und Schwierigkeiten verwickeln kann. Weiterlesen

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Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Ständig werden Menschen vermisst, viele von ihnen tauchen in absehbarer Zeit auf. Und dann gibt es die Menschen, die scheinbar spurlos aus dem Leben ihrer Familien verschwinden. Ida kann sich noch gut an den Morgen erinnern, als ihr Vater verschwand. Um 6.16 Uhr klingelte sein Wecker. Er schlug so fest auf ihn, dass er stehen blieb. Sebastiano stand auf, kleidete sich an und ging wortlos aus dem Haus. Als Ida kurz darauf aufwachte und sich für die Schule fertig machte, bemerkte sie das Fehlen des Vaters. Sie ahnte Schlimmes, doch die Dreizehnjährige beschloss, abzuwarten und zur Schule zu gehen. Inzwischen sind dreiundzwanzig Jahre vergangen. Der alte Wecker steht noch immer auf 6.16 Uhr, und das Bett des Vaters ist leer. Ida fühlt sich schuldig und kann den Verlust nicht überwinden.

So bald wie möglich zog sie nach Rom und heiratete. Inzwischen will ihre Mutter aufräumen, die einst gemeinsame Wohnung instandsetzen lassen. Eher widerwillig fährt Ida von Rom nach Messina.

„… Ich war naiv genug gewesen, zu glauben, dass wir ohne die Bosheiten auskommen würden, die jahrelang geschwiegen hatten, doch weder die Distanz noch das Alter hatte die Wut eindämmen können, die uns verband.“ (S. 106)

Mit den Instandsetzungsarbeiten wird auch die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung bearbeitet. Weiterlesen

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Nancy Vo: Der Outlaw

Jahrelang wurde ein Ort in der Prärie von einem Fremden heimgesucht. Auch der Zug, der in die Richtung dieses Ortes fuhr, wurde von dem Fremden nicht verschont.

„… Alle kannten ihn durch die Spur seiner Missetaten.“ (Zweiter Satz)

Der fremde Gesetzlose fand sogar seinen Platz in den Redewendungen der Eltern, wenn sie ihren Kindern sagten: Wer nicht artig ist, wird von dem Gesetzlosen geholt.

Und dann, eines Tages, kam der Gesetzlose nicht mehr. Sogar die Spuren seiner Missetaten waren nicht mehr zu sehen. Eigentlich hätte jeder aufatmen können. Das erstarrte Leben hätte sich von der Angst befreien können. Es begann jedoch erst, als ein Fremder erschien und ungefragt Dinge reparierte.

Nancy Vo wuchs in der Prärie, im Wilden Westen der USA, auf. Nach einem Studium in Kunst und Architektur wollte sie Kinderbücher schreiben und illustrieren. Heute arbeitet sie als Städteplanerin in Vancover BC in Kanada. Weiterlesen

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Tom Chatfield: Hier ist Gomorrha

Der Hacker Azi Bello dachte immer, er sei im Internet ein Geist. Unzählige Streiche und Hacks gehen auf sein Konto. Im Laufe der letzten Jahre baute er sich eine virtuelle Person. Jim war im realen Leben geboren und früh gestorben. Inzwischen ist Jim eine Kunstfigur, ein Aktivist in der rechtsradikalen Szene. Über ihn will Azi eine gefährliche Gruppierung unterwandern.

„… Jim existiert. Die Welt sucht und findet ihn. Waffen, Drogen – er hat, was das Herz begehrt.“ (S. 32) Auszug aus: Tom Chatfield. „Hier ist Gomorrha.“ iBooks.

Die Kontakte zu den neuen Freunden mit rechter Gesinnung sprechen für einen gelingenden Hack in naher Zukunft. Mitten in seinen Aktivitäten bittet ihn Munira, ebenfalls eine Hackerin, um Hilfe. Sie sei auf der Flucht und müsse ihn unbedingt treffen. Kurz darauf wird er von einem dubiosen Geheimdienst genötigt, das Vertrauen der Hackerin zu gewinnen. Nur über Munira könne man wichtige Daten über den IS und seine Hintermänner erhalten. Normalerweise würde Azi nie zusagen. Doch wenn der Geheimdienst Druck auf ihn ausübt, dann ist nichts mehr normal. Weiterlesen

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YORN: Gast im Glück

Als der neunzehnjährige Jürgen Michaelsen und seine Schwester 1956 nach Paris fuhren, erhielt er über Beziehungen die Einladung zu einer Modenschau von Christian Dior. Auch sonst war ihm das Glück ein guter Freund, denn er durfte Christian Dior persönlich eigene Modeentwürfe zeigen. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass Diors Assistent am Vortag zum Militärdienst einberufen und deshalb ein Neuer gesucht wurde. Der junge Michaelsen erhielt nach dem kurzen Gespräch den Job und blieb der Pariser Haute Couture erhalten. Kurz darauf gab Dior seinem Assistenten einen leicht auszusprechenden Kurznamen und schenkte ihm auf diese Weise den späteren Markennamen Yorn.

Drei Jahre später las eine Wahrsagerin aus Jürgen Michaelsens Hand, er sei ein Gast im Glück und umgeben von Frauen, die ihm Ruhm und Reichtum bescheren. Er würde sich selbst und andere glücklich machen. Es dauerte nur wenige Jahre, bis Yorn sein eigenes Haute-Couture-Haus eröffnete.

In Paris verblüffen couture et cuisine jedes Jahr mit neuesten Kreationen. Aus diesem Grund war es nur naheliegend, Vertragsverhandlungen mit Gaumenfreuden zu kombinieren. Je köstlicher die Speisen, um so geneigter verabschiedeten sich seine Vertragspartner. Rückblickend auf ein erfülltes, glückliches Leben beschloss Yorn, seine Erlebnisse mit liebgewonnenen Rezepten zu verknüpfen. Als er sich diesbezüglich mit seinem Freund Sempé, dem berühmten Illustrator des Kleinen Nick, beriet, sagte dieser spontan seine Unterstützung zu. Weiterlesen

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Ann Petry: The Street/Die Straße (1946)

Es gibt Menschen, die glauben der Lüge, jeder sei seines Glückes Schmied. Doch Lutie Johnson begreift allmählich, dass hinter den Fehlschlägen ein Plan steckt, der insbesondere von weißen Händen arrangiert worden ist. Hinter jeder offenen Tür, die ein besseres Leben verspricht, findet sie einen neuen Käfig, der ihr immer weniger Schlupflöcher erlaubt.

Die alleinerziehende junge Mutter eines achtjährigen Jungen verlässt das untervermietete Zimmer bei ihrem Vater, weil dessen Lebensgefährtin ihrem Sohn Alkohol und Zigaretten gibt und in seiner Nähe der Prostitution nachgeht.

Lutie will für ihren Sohn einen besseren Start ins Leben. Also zieht sie in Harlem in eine billige Dachgeschosswohnung. Die Straßen in ihrem neuen Umfeld erweisen sich viel zu schnell als das, was sie nie wollte: einen sozialen Brennpunkt, in dem besonders Frauen schlecht behandelt werden. In Harlem, dem Viertel der Farbigen, lebt auch ein alter weißer Mann. Mit viel Geschick ist er reich und einflussreich geworden. Ihm würde es gefallen, wenn es Lutie so schlecht ginge, dass sie wie die anderen Frauen ihren Körper verkauft. Zur gleichen Zeit stellt ihr der Hausmeister nach. Luties Zuhause erweist sich jeden Tag mehr als eine Falle, in der auch ihr Sohn gefangen ist.

Die Straße zeigt ihr hässlichstes Gesicht; ihr scheint niemand aus eigener Kraft zu entkommen.

Ann Petrys fesselnder Debütroman The Street, übersetzt von Uda Strätling, wurde 1946 erstmalig veröffentlicht; ein Jahr nachdem James Baldwin dem Tod bringenden Rassismus in den USA den Rücken kehrte und mit 40 Dollar Startkapital sein schriftstellerisches Schaffen in Frankreich fortsetzte. Seine Aussage, er sei kein Nigger, er sei ein Mensch, wurde berühmt. Weiterlesen

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Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch

Michel de Palma soll in drei Wochen in den Ruhestand gehen. „… Hunderte von Verhaftungen hatte er miterlebt, … Es waren jedes Mal harte Brüche gewesen. Menschenleben, die an Paragrafen zerschmettert waren.“ (S. 343)

Als der Taucher und Archäologe Fortin bei der Erforschung der Unterwasserhöhle an der Küste der Calanques verunglückt, vermutet die Forschungsleiterin darin einen Angriff mit Todesfolge. Und weil viele Indizien für ihre These sprechen, nimmt de Palma seine Ermittlungen auf. Dabei taucht er tief in die Fachgebiete der Archäologie, Mythologie und Psychiatrie ein.

Wenige Wochen darauf flieht Thomas Autran aus der geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Der zu einer lebenslangen Verwahrung Verurteilte sieht an den Umständen des Tauchunfalls ein Zeichen, das auf seine eigene Vergangenheit verweist.

Auch de Palma glaubt an einen Zusammenhang, denn in der Höhle gibt es Handabdrücke, die denen von Thomas Autran ähneln, als dieser seine eigenen als Visitenkarte neben seinen Mordopfern hinterließ.

Ein wertvoller archäologischer Fund und unklare Todesfälle haben de Palmas Augen geöffnet, und er kann nicht mehr wegsehen. Weiterlesen

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Dashka Slater: Bus 57

2012 lebte Richard wieder in Oakland bei seiner Mutter. Wegen einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen ihm, seinen Freunden und einer Gruppe weißer Jugendlicher war er bereits als 14-Jähriger zu dem Verbleib in einer Jugendgruppe verurteilt worden. Über ein Jahr lang befand er sich in einer Betreuung und unter Beobachtung. Vieles hat sich nach seiner Rückkehr geändert. Er wollte mehr für die Schule lernen, regelmäßig zum Unterricht gehen und sich verantwortungsvoll verhalten. Doch anderes war geblieben. Wenn er mit den falschen Leuten zusammenhing, vergaß er seine Vorsätze. Auch sein Naturell war geblieben, das ihn dazu verleitete, den Spaßmacher zu spielen.

Die Chancen, für afroamerikanische Jungen auf dem Rücksitz eines Streifenwagens zu landen, waren für Richard nach wie vor sehr hoch. Jungen wie er „… machten nur dreißig Prozent der minderjährigen Bevölkerung Oaklands, aber fünfundsiebzig Prozent aller verhafteten Jugendlichen aus.“ (S. 104)

Am 04. November 2013 war er erneut mit den falschen Leuten zusammen, mit denen er herumalberte. Für seine 16 Jahre wirkte er deutlich jünger und unreifer. Im Bus 57 saß Sasha in ihrer Nähe, die/der zu einer Weste und Kappe einen weißen Rock trug. Sasha war offensichtlich anders als die/der durchschnittliche Jugendliche. Weiterlesen

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Peter Grandl: Turmschatten

Der Neonazi Karl Rieger wurde wegen Erpressung und schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Doch schon nach fünfzehn Monaten kommt er wieder auf Bewährung frei. Inzwischen hat sich an seiner Einstellung mehr geändert, als er für möglich hält: Er liebt eine Jüdin. Und da ist noch sein 13-jähriger Schützling Thomas, der wie Karl ungewollt in die rechtsradikale Szene reingerutscht ist und nun dringend Hilfe braucht, um sein Leben noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Karls erste Schritte in Freiheit verlaufen jedoch völlig anders als geplant. Dies liegt nicht nur an dem eskalierten Erstgespräch mit seiner Bewährungshelferin, die ihn beim kleinsten Regelverstoß ins Gefängnis zurückschicken will. Kurz darauf erfährt er von seinen Kameraden, zu denen er offiziell keinen Kontakt mehr haben darf, dass für einen Überfall Thomas die Rolle des Lockvogels übertragen wurde. Karl glaubt, nur wenn er sich an der Operation beteiligt, könne er den Jungen beschützen und das Schlimmste verhindern. Doch auch diese Aktion eskaliert und entwickelt sich zu einem medialen Großereignis mit Folgen.

Wer als Regisseur gearbeitet hat und heute als Texter und Drehbuchautor tätig ist, dem darf man blind Können und Handwerk unterstellen. In seinem Debüt zeigt Peter Grandl all dies und noch viel mehr. Was an seinem in jeder Hinsicht gelungenen Thriller auffällt, ist die Kombination von Desastern. Weiterlesen

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David Lama: Sein Leben für die Berge: Von ihm selbst erzählt

Es gibt Menschen, die für ihre Passion alles geben und deshalb intensiv und kompromisslos leben. David Lama lebte so und erfuhr in seiner Familie eine scheinbar grenzenlose Unterstützung. Bereits als Dreijähriger begleitete er seine Eltern in die Berge. Davids Vater, Rinzi Lama, ein ehemaliger Sherpa aus der Everest Region, begegnete 1987 seiner zukünftigen Frau Claudia, als diese und ihre Freundinnen einen Führer für eine dreiwöchige Wanderung buchten. Ein Jahr später heirateten sie und wohnten zusammen in Österreich. 1990 wurde David geboren.

David Lama war bereits im Alter von fünf Jahren vom Klettern begeistert. Dank der Beharrlichkeit seiner Mutter wurde er in eine Kletterschule für Kinder aufgenommen. Schon am ersten Tag fiel sein grandioses Talent auf, und David gewöhnte sich daran, immer und überall der Kleinste und Jüngste zu sein. Dies fällt auch bei den unzähligen Wettkämpfen und Weltmeisterschaften auf, bei denen der Junge David häufig zu den Besten zählte. Nach der Bezwingung des Cerro Torre im Freikletterstil war er endgültig dem Alpinismus verfallen und nahm an keinem Wettkampf mehr teil. Dieser rigorose Entschluss war auch in seiner Jugend eines seiner Wesensmerkmale. Denn um sich als Jugendlicher voll auf die Wettkämpfe zu konzentrieren, verließ er trotz zahlreicher Widerstände die Schule. Wenn Klettern, dann sollte es richtig gemacht werden, mit ganzem Herz und ganzer Seele. Weiterlesen

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