Alice Feeney: Ich weiß, wer du bist

Schon seit einer Weile wird die Schauspielerin Aimee Sinclair gestalkt. Als ihr Mann Ben den Vorschlag macht, nach London zu ziehen, hofft sie, endlich Ruhe zu finden. Doch ihre Hoffnungen gehen ins Leere, genauso wie die Hilfe der Polizei verpufft. Zwei Tage vor Drehende verschwindet Ben spurlos, ohne Schuhe, Handy, Schlüssel und Jacke. Und wieder gehen die üblichen Ermittlungen der Polizei in die falsche Richtung. Nach einer erneuten Hausdurchsuchung wird Aimee verhaftet. Ihre Karriere, ihr bisheriges Leben drohen zu zerbrechen. Doch was ist mit einem Leben, das schon lange keines mehr ist? Aimee, die seit ihrer Kindheit das Leben einer anderen spielt, sieht sich gezwungen, das zu tun, was sie am besten kann.

Die Journalistin und Autorin Alice Feeney hat mit ihrem zweiten Thriller »Ich weiß, wer du bist« wieder eine kurzweilige Unterhaltung geschrieben, die schnell fesselt. Sprachlich schafft sie es immer wieder, prägnante Sätze wie Pfeile zu schleudern. Wenn es um das Verschwinden ihres Mannes geht, erklärt Aimee: „… Ben kann nicht tot sein. Weil ich ihn nicht getötet habe. Daran würde ich mich erinnern. Ich erinnere mich an alle, die ich getötet habe.“ (S. 198/199)

In der Vergangenheit wurde dem Mädchen Aimee nach traumatischen Erlebnissen ein Gedächtnisverlust diagnostiziert. Weiterlesen

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Joris-Karl Huysmans: Lourdes: Mystik und Massen (1906)

1906 veröffentlichte Joris-Karl Huysmans (1848-1907) seinen Erfahrungsbericht über den berühmten Wallfahrtsort Lourdes, wo Pilger und Kranke um Wunder und -heilung beten. Über zwei Jahre widmete er sich dem Thema Mystik und Massen und begann mit der Außensicht. Er schaute dabei so genau hin, dass auch der Kunstkritiker in ihm zu Wort kommen musste. „In Lourdes herrscht ein derartiges Übermaß an Banalität, ein solcher Blutsturz des schlechten Geschmacks, dass sich zwangsläufig der Gedanke an einen Einfluss aus den tiefen der Hölle aufdrängt.“ (S. 78) Zur künstlerischen Gestaltung der Basilika schreibt er: „… Es handelt sich tatsächlich nicht um einen Mangel an Talent, sondern es fehlen das ABC und die Grundlagen, und es handelt sich hier um die absolute handwerkliche Unfähigkeit gesteigert durch die infantile Sentimentalität des Arbeiters aus katholischem Umfeld, der einen im Tee hat!“ (S. 81)

Bekannt wurde der Autor über seine Romane und Literaturkritik. Sein Hauptwerk beschäftigt sich mit der Dekadenz, die unweigerlich auch in seinem Bericht mitschwingt. Die Natur des Menschen im Allgemeinen und die des Kritikers stoßen frontal aufeinander: „Niemand glaubt mehr an die Redlichkeit der Politiker, …, an die Unabhängigkeit der Justiz. … Es herrscht momentan eine Art Malaria der Respektlosigkeit, und niemand kann sich dieser Infektion der Seele entziehen, jeden hat sie mehr oder weniger infiziert, denn niemand kann den Einflüssen seiner Zeit entkommen …“ (S. 183)

In verschiedenen Kapiteln arbeitet sich der Autor durch die Themen Religion,  Wunderheilung sowie die Begleitumstände der Pilgeranstürme. Vieles missfällt ihm und findet Eingang in seinen Beschreibungen, meist mit dem abschließenden Ausrufezeichen. Huysmans zetert, kritisiert, staunt, schimpft, lästert, wundert sich, denkt analysierend über das Phänomen Lourdes nach. Weiterlesen

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Parker Bilal: London Burning: Crane und Drake ermitteln

Detektive Cal Drake lebt nach der Devise, man muss selbst etwas tun, damit es besser wird. Deswegen hat er sich als Jugendlicher von allen negativen Einflüssen befreit, wurde Soldat, nach einer Kriegsverletzung Militärpolizist und schließlich Detektiv. Aber es will einfach nicht besser werden. Weder bei den Kollegen, die alles Fremde diskriminieren, noch auf den Straßen von London.

Der Schmelztiegel London brennt. Sowohl miteinander konkurrierende Kleinkriminelle als auch verbrecherische Organisationen bekämpfen sich bis auf das Blut. Fressen oder gefressen werden. Die Macht des Stärkeren regiert, im Dunkeln wie in den eleganten Bürotürmen.

Als Cal Drake von der Zentrale zu einem angeblichen Einbruch auf die Baustelle für zukünftige Luxuswohnungen geschickt wird, findet er in einer Grube zwei gefesselte Menschen vor, die gesteinigt worden sind. Drake sieht in diesem grausamen Fund einen Weg, sich endlich zu rehabilitieren und seinen alten Dienstgrad zurückzubekommen. Aber dafür muss er möglichst schnell den Täter überführen. Auch andere wittern ihre Chance. Viel zu schnell steht Drake seinem Erzrivalen und ehemaligen Partner Pryce gegenüber, der als Chef der neu einberufenen Sondereinheit die Richtung bei der Mordermittlung vorgibt, und zwar Terrorismus und Kampf gegen den Islam. Weiterlesen

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Anne Enright: Die Schauspielerin

Der Roman Die Schauspielerin ist Anne Enrights siebter Roman, der von Eva Bonné übersetzt wurde. Erneut geht es um die Familie, das manchmal schwierige Miteinander.

Eine alleinerziehende, geschiedene Mutter in den 1950er Jahren war noch eine Besonderheit. Erst recht in Dublin. Für die vaterlos heranwachsende Norah war Katherine O’Dell jedoch viel mehr als nur eine arbeitende Mutter.

„… Unten an der Tür drehte sie sich endlich zum Spiegel um und setzte sich zusammen, und das zu sehen war wunderbar; wie sie Blickkontakt zu ihrem Spiegelbild aufnahm und sich durch eine unmerkliche Veränderung in ihr öffentliches Ich verwandelte. … Und dann ging sie zur Tür hinaus und war den ganzen Tag berühmt.“ (S. 203)

Eine Aneinanderreihung von glücklichen und weniger glücklichen Ereignissen prägen das besondere Mutter-Tochter-Verhältnis. Für die Erzählerin, die im Schatten eines Stars aufwächst, spielt es im Laufe der Jahre eine immer größere Rolle, ihre eigene Identität zu finden.

Früher pflegten Tochter und Mutter das Ritual: „,… Du warst wunderbar‘, sagte ich, und sie fragte: ‚Wirklich? War es in Ordnung?‘“ (S. 287)

Dieser Austausch macht aus der Tochter eine Vertraute und Wegbegleiterin, aber auch eine Zeugin, wenn der Star der Familie kometenhaft auf seinem Sinkflug verglüht. Katherine O’Dell geht diesen Weg unbeabsichtigt. Und als sie nicht mehr die junge, schöne Frau spielen kann, bleiben ihr die Berühmtheit, kleine Rollen und die geheimen, ganz privaten Erlebnisse. Weiterlesen

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Zora Neale Hurston: Barracoon

Die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston (1891-1960) war Aktivistin der künstlerischen Bewegung Harlem Renaissance. In der Zeit von 1918 bis 1920 studierte sie an der Howard University in Washington, D.C. 1925 erhielt sie ein Stipendium am Barnard College Anthropologie und studierte zuletzt an der Columbia University.

Im Sommer 1927 erhielt sie den Auftrag, einen Artikel über den letzten amerikanischen Sklaven, Cudjo Lewis, zu schreiben, der zu dieser Zeit häufig interviewt wurde.

1927 war Cudjo Lewis ein einsamer, alter Mann, der noch immer für seine Gemeinde als Küster arbeitete und seinen Garten bestellte. Er lebte in einer fensterlosen Holzhütte. Seine fünf Kinder und Ehefrau waren gewaltsam oder durch eine Krankheit verstorben. Er selbst starb 1935 im Alter von 95 Jahren.

Im Dezember 1927 suchte die Autorin Cudjo Lewis zu weiteren Interviews auf und führte darüber hinaus Feldforschungen in Arbeiter- und Gefangenenlagern fort. (Noch heute kann man im Internet Filmaufnahmen hierüber finden.)

So nach und nach erzählte Lewis über seine Zeit als freier Mensch in Afrika und über die Hintergründe seiner Versklavung: Sein friedliches Leben begann unter dem afrikanischen Namen Kossola 1841 in Benin, Westafrika. Der Süden des Landes grenzt an den Golf von Guinea, wo sich auch der Regierungssitz Cotonou und die Hauptstadt Porto Novo befinden. Zu den angrenzenden Ländern zählen Togo, Burkino Faso und Niger, die durch ihre Kriege und Gewaltexzesse bekannt wurden. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold. Schatten und Licht

Am 24. Mai 1922 wird nachts in Berlin eine alternde Prostituierte über die Brüstung einer Brücke gestoßen. Sie ertrinkt unbemerkt im Fluss. Jeder aus dem Milieu, der die fixe Rita kannte, denkt sofort an Mord. Doch die Polizei will lieber an Selbstmord glauben. Täglich stößt die Hebamme Hulda Gold auf große Not. Sie kann einfach nicht wegsehen und muss aus einem inneren Bedürfnis heraus helfen. Als sie von einer Patientin erfährt, die angeblich ertrunkene Frau sei ihre Nachbarin und Freundin gewesen, wird Hulda neugierig. Und je mehr sie den Unstimmigkeiten nachgeht, um so mehr schreckt sie die falschen Leute auf. Auch ihre Begegnung mit dem ermittelnden Kommissar hat Folgen.

Die Berlinerin Anne Stern hat mit ihrem Roman Fräulein Gold Schatten und Licht den ersten Band einer Reihe vorgestellt, der den Leser in die Nachkriegszeit führt, in der die Folgen des Ersten Weltkriegs zum Alltag gehören. Statt für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen, bekämpfen sich die politischen Vertreter bis aufs Blut. In diesem Machtvakuum übernimmt der Skrupellose die Regie. Die Metropole Berlin in der Zeit der Goldenen Zwanziger hat sich zu einer Arena für unterschiedliche Interessen entwickelt. Vor diesem politischen und gesellschaftlichen Hintergrund dürfte die Autorin auf reichlich Stoff stoßen, die eine alleinstehende, engagierte junge Frau in spannende Abenteuer und Schwierigkeiten verwickeln kann. Weiterlesen

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Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Ständig werden Menschen vermisst, viele von ihnen tauchen in absehbarer Zeit auf. Und dann gibt es die Menschen, die scheinbar spurlos aus dem Leben ihrer Familien verschwinden. Ida kann sich noch gut an den Morgen erinnern, als ihr Vater verschwand. Um 6.16 Uhr klingelte sein Wecker. Er schlug so fest auf ihn, dass er stehen blieb. Sebastiano stand auf, kleidete sich an und ging wortlos aus dem Haus. Als Ida kurz darauf aufwachte und sich für die Schule fertig machte, bemerkte sie das Fehlen des Vaters. Sie ahnte Schlimmes, doch die Dreizehnjährige beschloss, abzuwarten und zur Schule zu gehen. Inzwischen sind dreiundzwanzig Jahre vergangen. Der alte Wecker steht noch immer auf 6.16 Uhr, und das Bett des Vaters ist leer. Ida fühlt sich schuldig und kann den Verlust nicht überwinden.

So bald wie möglich zog sie nach Rom und heiratete. Inzwischen will ihre Mutter aufräumen, die einst gemeinsame Wohnung instandsetzen lassen. Eher widerwillig fährt Ida von Rom nach Messina.

„… Ich war naiv genug gewesen, zu glauben, dass wir ohne die Bosheiten auskommen würden, die jahrelang geschwiegen hatten, doch weder die Distanz noch das Alter hatte die Wut eindämmen können, die uns verband.“ (S. 106)

Mit den Instandsetzungsarbeiten wird auch die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung bearbeitet. Weiterlesen

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Nancy Vo: Der Outlaw

Jahrelang wurde ein Ort in der Prärie von einem Fremden heimgesucht. Auch der Zug, der in die Richtung dieses Ortes fuhr, wurde von dem Fremden nicht verschont.

„… Alle kannten ihn durch die Spur seiner Missetaten.“ (Zweiter Satz)

Der fremde Gesetzlose fand sogar seinen Platz in den Redewendungen der Eltern, wenn sie ihren Kindern sagten: Wer nicht artig ist, wird von dem Gesetzlosen geholt.

Und dann, eines Tages, kam der Gesetzlose nicht mehr. Sogar die Spuren seiner Missetaten waren nicht mehr zu sehen. Eigentlich hätte jeder aufatmen können. Das erstarrte Leben hätte sich von der Angst befreien können. Es begann jedoch erst, als ein Fremder erschien und ungefragt Dinge reparierte.

Nancy Vo wuchs in der Prärie, im Wilden Westen der USA, auf. Nach einem Studium in Kunst und Architektur wollte sie Kinderbücher schreiben und illustrieren. Heute arbeitet sie als Städteplanerin in Vancover BC in Kanada. Weiterlesen

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Tom Chatfield: Hier ist Gomorrha

Der Hacker Azi Bello dachte immer, er sei im Internet ein Geist. Unzählige Streiche und Hacks gehen auf sein Konto. Im Laufe der letzten Jahre baute er sich eine virtuelle Person. Jim war im realen Leben geboren und früh gestorben. Inzwischen ist Jim eine Kunstfigur, ein Aktivist in der rechtsradikalen Szene. Über ihn will Azi eine gefährliche Gruppierung unterwandern.

„… Jim existiert. Die Welt sucht und findet ihn. Waffen, Drogen – er hat, was das Herz begehrt.“ (S. 32) Auszug aus: Tom Chatfield. „Hier ist Gomorrha.“ iBooks.

Die Kontakte zu den neuen Freunden mit rechter Gesinnung sprechen für einen gelingenden Hack in naher Zukunft. Mitten in seinen Aktivitäten bittet ihn Munira, ebenfalls eine Hackerin, um Hilfe. Sie sei auf der Flucht und müsse ihn unbedingt treffen. Kurz darauf wird er von einem dubiosen Geheimdienst genötigt, das Vertrauen der Hackerin zu gewinnen. Nur über Munira könne man wichtige Daten über den IS und seine Hintermänner erhalten. Normalerweise würde Azi nie zusagen. Doch wenn der Geheimdienst Druck auf ihn ausübt, dann ist nichts mehr normal. Weiterlesen

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YORN: Gast im Glück

Als der neunzehnjährige Jürgen Michaelsen und seine Schwester 1956 nach Paris fuhren, erhielt er über Beziehungen die Einladung zu einer Modenschau von Christian Dior. Auch sonst war ihm das Glück ein guter Freund, denn er durfte Christian Dior persönlich eigene Modeentwürfe zeigen. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, war, dass Diors Assistent am Vortag zum Militärdienst einberufen und deshalb ein Neuer gesucht wurde. Der junge Michaelsen erhielt nach dem kurzen Gespräch den Job und blieb der Pariser Haute Couture erhalten. Kurz darauf gab Dior seinem Assistenten einen leicht auszusprechenden Kurznamen und schenkte ihm auf diese Weise den späteren Markennamen Yorn.

Drei Jahre später las eine Wahrsagerin aus Jürgen Michaelsens Hand, er sei ein Gast im Glück und umgeben von Frauen, die ihm Ruhm und Reichtum bescheren. Er würde sich selbst und andere glücklich machen. Es dauerte nur wenige Jahre, bis Yorn sein eigenes Haute-Couture-Haus eröffnete.

In Paris verblüffen couture et cuisine jedes Jahr mit neuesten Kreationen. Aus diesem Grund war es nur naheliegend, Vertragsverhandlungen mit Gaumenfreuden zu kombinieren. Je köstlicher die Speisen, um so geneigter verabschiedeten sich seine Vertragspartner. Rückblickend auf ein erfülltes, glückliches Leben beschloss Yorn, seine Erlebnisse mit liebgewonnenen Rezepten zu verknüpfen. Als er sich diesbezüglich mit seinem Freund Sempé, dem berühmten Illustrator des Kleinen Nick, beriet, sagte dieser spontan seine Unterstützung zu. Weiterlesen

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