„… Oh, es war ein schönes Leben! Ich war sehr glücklich, wenn ich geschwommen bin. Es hätte immer so weitergehen können.“ (S. 120) Im Oktober 1905 wird Trudy in New York geboren. Ihre Eltern, deutsche Auswanderer, erlebten mit ihrer Metzgerei den amerikanischen Traum. Vor diesem finanziell gesicherten Hintergrund erfuhr Trudy die Erziehung modern denkender Eltern, die ihren Töchtern unter anderem den Schwimmunterricht ermöglichten. Dies hatte durchaus praktische Erwägungen, weil sie auch ein Haus in Küstennähe besaßen und sichergehen wollten, dass keines ihrer Kinder ertrank. Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur die beiden älteren Töchter im Schwimmen talentiert waren. Die kleine Trudy übertraf sie alle. Erst als junge Frau begreift sie, wie weit sie ihrer Zeit voraus war. Denn sie konnte im Vergleich zu vielen anderen Frauen nicht nur schwimmen, sie schwamm auch ohne die bis dato übliche Bekleidung. In einem enganliegenden gestrickten Einteiler mit kurzem Bein zeigte sie mehr von ihrem Körper als andere Frauen, von denen erwartet wurde, mit langen Kleidern und Haube ins Wasser zu gehen. Nachdem sie als Jugendliche dank eines ausgeklügelten Schwimmtrainings ihren einzigartigen, perfekten Kraulstil beherrschte, gewann sie ab 1920 viele Schwimmwettkämpfe, zu denen erstmalig Frauen zugelassen worden waren. Weltrekorde und Medaillen bei den Olympischen Spielen 1924 kamen hinzu. Als erste Frau, die den Ärmelkanal bezwang und dies schneller als jeder Mann vor ihr, wurde Trudy von den Medien zur »Königin der Wellen« gekürt und damit zu einem Weltstar gemacht. Weiterlesen
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Candice Carter-Williams: Queenie
„… Kyazike lachte. ‚Denkst du, das Leben ist ein Film? Und selbst wenn es einer wäre, Fam, wir sind schwarz. Egal, in welcher Schattierung‘, ahmte sie meine Stimme nach, ‚wir wären die Ersten, die sterben müssen.‘“ (S. 372) Die Auszeit sollte befristet sein. Dies hatten Queenie und Tom vereinbart. Danach wollten sie wieder für ein Gespräch zusammenkommen, um ihre Beziehung zu kitten. Mit viel Hoffnung zog Queenie aus der gemeinsamen Wohnung, die sie allein nie hätte finanzieren können. Eine bezahlbare Wohnung in London zu finden, bedeutet für sie, in einer Bruchbude ein WG-Zimmer zu mieten. Und während sie auf das Ende der Auszeit wartet und sich auf ein gemeinsames Leben mit Tom freut, stürzt Queenie von einem Chaos ins nächste. Anfangs dachte sie, wenn sie sich eine Liste mit Vorsätzen schreibt, hätte sie einen Leitfaden für ein ruhigeres Leben. Sie glaubt, Regeln reduzieren automatisch das ständige Chaos in ihrem Leben. Gleichzeitig lässt sie sich auf Parties mit den falschen Männern ein. Schneller als gedacht, erlaubt sie eine Ausnahme und dann nach eine, bis Queenie schließlich wieder all ihre Regeln bricht. Das Chaos wächst, bis eine heftige Panikattacke sie zum Nachdenken zwingt.
Candice Carty-Williams arbeitet unter anderem als Journalistin und Drehbuchautorin. Der Roman Queenie ist ihr überzeugendes Debüt, in dem sowohl kurzweilige Unterhaltung, Drama aber auch aktuelle Gesellschaftspolitik miteinander verbunden sind. Henriette Zeltner-Shane übersetzte den gelungenen Roman. Weiterlesen
Anne Stern: Fräulein Gold: Scheunenkinder
„… ‚Mich gruselt es‘, sagte Hulda und ließ ihren Blick über die verwaisten Bürgersteige … gleiten, ‚zu sehen, wie wir hier in Berlin vor die Hunde gehen … Dieser Ausnahmezustand muss ein Ende haben!‘“ (S. 279)
Das Geld hat im Oktober 1923 kaum einen Wert. Jeder Bürger ist mehrfacher Millionär und kann sich doch kein einziges Hühnerei leisten, sofern man es überhaupt kaufen kann.
Die Hebamme Hulda Gold hat sich im Berlin der zwanziger Jahre einen Namen gemacht. Viele Frauen wissen, dass sie bei der engagierten jungen Frau in guten Händen sind. Über die Vermittlung ihres Vaters lernt sie eine jüdische Familie im berüchtigten Scheunenviertel kennen. Zwiste, Religion und die tiefe Armut bieten der neu hinzugezogenen Familie einen Nährboden für noch mehr Leid. Zwei Tage nach der Entbindung eines gesunden Jungen ist dieser spurlos verschwunden und die Mutter an einer Wochenbettdepression erkrankt. Was Hulda am meisten irritiert, ist die Erleichterung der Schwiegermutter. Und es sieht so aus, als wäre Hulda die Einzige, die das Neugeborene finden will. Ohne den mit ihr befreundeten Kommissar beginnt sie mit der Recherche, während Karl förmlich in unzähligen Delikten ertrinkt. Inzwischen hat er einige Kollegen, die nur schützend eingreifen, wenn die Religion des Opfers mit ihrer Weltanschauung im Einklang steht. Weiterlesen
Simon Beckett: Versteckt
„… Ich kann mich nicht wirklich als Kurzgeschichtenautor bezeichnen. Die meisten … werden nie vollendet … während ich voll und ganz auf das Buch fokussiert bin. … Oft bleiben sie, wie sie gerade sind, … unter der Rubrik ‚Für später‘ …“ (Vorwort, S. 7)
„Für später“ ist in Simon Becketts aktuellem Buch gerade wahr geworden. Dank der Begleitumstände von Corona. Seine Kurzgeschichten wurden von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn übersetzt
Der Autor dürfte jeder/m LiebhaberIn von Kriminalromanen bekannt sein. Simon Beckett nannte seinen schmalen Kurzgeschichtenband »Versteckt«, weil nicht nur seine Texte in der berühmt-berüchtigten Schublade ruhten sondern auch wegen der darin verborgenen Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten.
Natürlich packt er diese Geheimnisse in Mordgeschichten, die so unerwartet in das Leben der Protagonisten eindringen, dass die Betroffenen viel zu spät die Verbrechen als solche erkennen. Weiterlesen
Han Kang: Weiß
Weiß wurde zu ihrer Projektionsfläche. Das reine Weiß, zart und zerbrechlich steht für ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit und für Gegenstände, die mit der Farbe assoziiert werden können. Die Ich-Erzählerin leidet unter einer starken Migräne. Schon lange sucht sie nach erlösenden Gedanken und flieht in ein anderes Land, um in der Zurückgezogenheit klärende Einsichten unter anderem im Betrachten des Schnees zu finden.
„… Sie sitzt an ihrem Schreibtisch wie jemand, dem noch nie Leid geschehen ist. Nicht wie jemand, der gerade geweint hat oder es noch tun wird.“ (S. 105)
Der Trost der Vergänglichkeit tröstet sie nicht, denn …
„… Ich habe es noch nicht geschafft, mit mir ins Reine zu kommen.“ (S. 114)
Die Künstlerin und Autorin Han Kang gilt in Korea als wichtige Stimme. Mit ihrer Lyrik wurde sie 1993 bekannt, danach wechselte sie zur Prosa. In ihrem aktuellen Buch vereint sie Textminiaturen mit Elementen der Lyrik, die von Ki-Hyang Lee übersetzt wurden. Alle Kapitel zusammen könnte man mit einem Windspiel vergleichen, dass, mal hin und hergerückt, schließlich ein Gesamtbild kreiert. Weiterlesen
Hans Rosenfeldt: Wolfssommer
Er wollte bei einer Drogenübergabe alles für sich allein. Um an das Geld und die Drogen heranzukommen, ging er über Leichen. Er tötete die Kunden seines Chefs und seine Kollegen. Es hätte das große Ding seines Lebens werden können, wenn der Wagen nicht auf einem einsamen Waldweg eine Panne gehabt hätte. Die finnische Grenze hatte er bereits hinter sich gelassen. Zu diesem Zeitpunkt, mitten in der Nacht, wusste in Schweden niemand, wer er war. Eigentlich die idealen Bedingungen, unerkannt zu fliehen, wenn nicht zu der Wagenpanne in der Nähe der Stadt Haparanda noch ein Unfall hinzugekommen wäre. Der Unfallverursacher hätte die Polizei rufen und einen toten Fremden melden können. Aber er tat es nicht. Der unerwartete Reichtum in dem anderen Fahrzeug und die juristischen Folgen seiner Ehrlichkeit verleiteten ihn zu schweigen. Wie so oft in seinem Leben entschied der Finder sich für den scheinbar leichtesten Weg.
Doch die Tradition der falschen Entscheidungen hat nun tödliche Folgen, weil unglückliche Zufälle eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang setzen. Erschreckend schnell sucht sowohl die Polizei als auch eine russische Profi-Killerin nach ihm. Weiterlesen
Erich Kuby: Rosemarie (1958)
1958 veröffentlichte Erich Kuby seinen Roman Rosemarie, der inhaltlich anders gewichtet ist als seine Verfilmung. Im Zentrum steht Rosemaries Geschichte, die im Deutschland der Nachkriegszeit, einer Zeit des Aufbruchs und des anwachsenden Wohlstands geschah und in der Presse 1957 für viel Wirbel sorgte. In seinem Vorwort schreibt Erich Kuby, dass es ihm weniger darum ging ein Kunstwerk zu schaffen. Er wolle „… eine Erschütterung des Ansehens, welches die Rosemarie-Kunden als Leitbilder unserer Gesellschaft skandalöserweise genießen …“ (S. 10)
Es gibt viele Rosemaries, die keiner beachtet und unbeachtet ihr Leben verlieren. Die eine, über die der Autor schreiben musste, erfuhr über einen Zufall ihren sensationellen Aufstieg, den einflussreiche und vermögende Kunden förderten. Parallel hierzu beschreibt Erich Kuby die Machenschaften einiger Bonzen, die in die Rüstungsindustrie einsteigen wollten. Die Dynamik der Gier und das Streben nach Macht entfachten ein durchtriebenes Spiel, in dem Rosemarie unter anderem als Lockvogel eingesetzt wurde.
Erich Kuby (1910 – 2005) wurde posthum mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. Der Chronist der Bundesrepublik Deutschland pflegte in seinen Büchern gesellschaftliche Missstände zu kritisieren. Nach der Verfilmung schrieb er mit schneller Hand das Buch Rosemarie und traf damit eine neue Perspektive auf die Rollenbilder erfolgreicher Geschäftsmann und starker junger Frau, die eine Geschäftsbeziehung auf Augenhöhe pflegten. Weiterlesen
GartenWerkStadt Marburg (Hrsg.): taschenGARTEN 2021
Die Natur ist für jeden etwas anderes. Denn die eigenen Interessen erschaffen die Perspektive, über die man seine persönliche Umgebung wahrnimmt. Wer das Gärtnern für sich entdeckt hat, egal ob dies auf der Fensterbank, dem Balkon oder einem Grundstück ausgelebt wird, der stellt schnell fest, dass Pflanzen einen eigenen Willen haben: Sie gedeihen anders als geplant und gewollt.
Der berühmte grüne Daumen wirkt dort, wo es ei
nen offenen und ganzheitlichen Blick auf die Pflanzenwelt gibt. Im taschenGarten 2021 geht der Blick weiter und ist ein moderner. Verschiedene Fachleute berichten und lassen den Leser an ihren Erfahrungen teilhaben. Die breitgefächerten Informationen schenken Einblicke, die von der Pflanze, zur Wurzel und schließlich zum Boden wandern. Der Ausgangspunkt für ein erfolgreiches Gärtnern, der gesunde Boden, ist kein lebloses mit Nährstoffen angereichertes Substrat. Er ist ein Zusammenspiel von biologischen Prozessen, die von Mikroorganismen, Insekten, Würmern, Pilzen und vielem mehr bevölkert werden. Der Erdboden könnte zu einem leicht zu düngenden, freigiebigen Spender werden, wenn das Zusammenspiel von Menschen und Pflanzen ein gegenseitig stützendes geworden ist. Weiterlesen
Kai Magnus Sting: Hömma, so isset!
Am Anfang war das Wort und die Bude, der Ort, wo Menschen ihr Pils trinken und sich austauschen.
„… , wie is denn?
Muss. Un selbs?
Muss, ne.
Ja, klar muss eben.
Kannz nicht klagen.
Nee, kannz nich.
Könnz klagen …“ (S. 21/22)
Der Kabarettist und Autor Kai Magnus Sting kommt aus dem Ruhrpott. Seine Liebeserklärung zu einem besonderen Menschenschlag, dem Ruhrpötti, liest sich wie eine Anekdotensammlung aus seiner Familie und den Menschen, denen er auf das Maul geschaut hat. In Dialogen kreiseln die Gedanken der Gesprächsteilnehmer umeinander herum, verwirbeln Grammatik und Logik, bis sie sich überraschenderweise gedanklich einig werden oder auch nicht. Die wichtigste Lektion des Autors: Nur falsch ist richtig, und richtig ist falsch.
Wie die Sprache im Detail funktioniert, erklärt Sting stets in Einschüben, damit der Nicht-Ruhrpötti alles nicht nur inhaltlich verfolgen kann. Stets ergeben sich neue Situationen voller Komik, die amüsieren oder zum Lachen einladen. Weiterlesen
Clemens Fuest: Wie wir unsere Wirtschaft retten
Wenn im Badezimmer ein Wasserrohr bricht und man – wie es der Zufall erlaubt – dies schon nach Stunden und nicht erst nach einem Urlaub bemerkt, dann hilft in der Not der Absperrhahn. Doch was ist, wenn dieser so fest sitzt, dass er beim sehr kräftigen Losdrehen abbricht und auch der Absperrhahn im Keller, seit Ewigkeiten nicht gewartet, nur eingeschränkt funktioniert. Wie es weiter geht, mag sich jeder alleine vorstellen.
Seit dem Ausbruch der Corona Pandemie gibt es unterschiedliche Vorstellungen, wie es weiter gehen könnte. Viele Meinungen prallen aufeinander. Darüber hinaus geben die Prognosen der Fachleute aus dem Bereich Finanzen und Wirtschaft Anlass für weitere Diskussionen.
Clemens Fuest gilt als renommierter Ökonom und ist Präsident des Ifo Instituts. In seinem Buch analysiert er die aktuelle Wirtschaftslage und nimmt seine Leser mit auf eine informative Reise. Umfassend erfährt man bei der kurzweiligen, aber auch anspruchsvollen Lektüre, wie eng verzahnt Bildung, Konsum und Globalisierung geworden sind. Unterbrochene Produktionsketten, wegbrechende Steuern, erhöhte Ausgaben zeigen eine unglückliche Asymmetrie. Denn in dem Moment, in dem der Finanzbedarf am größten ist, müssen alle mit einem Minimum auskommen. Am Beispiel der Lufthansa, die in jeder Stunde eine Millionen Euro verlor und über Monate hinweg extrem wenig verdient, zeigt sich, wie wichtig Rücklagen sind. Weiterlesen