Ava Reed: Wenn ich die Augen schließe

Norah und ihre Freunde feiern. Wie alle anderen haben sie auf der Party Spaß, tanzen und trinken Alkohol. Am frühen Morgen wollen sie in Tims Wagen wieder nach Hause fahren. Sie wissen, dass Tim ebenfalls getrunken hat und erst seit kurzem einen Führerschein besitzt. Vielleicht verliert er deshalb die Kontrolle über sein Fahrzeug, während die anderen noch ausgelassen zur lauten Musik singen. Alle bis auf Norah kommen mit ein paar Kratzern und dem Schrecken davon. Denn Norah war als einzige nicht angeschnallt und wird durch die Frontschreibe geschleudert. Nachdem sie irgendwann aus dem Koma erwacht, erfährt sie, dass sie hätte sterben können. Abgesehen von den Blessuren und der Notoperation spürt Norah noch eine Veränderung. Etwas in ihr ist anders.

„… Ich fühle mich wie eine Uhr, die nicht mehr läuft, wie ein Habicht mit gebrochenen Flügeln. Ich bin ein Zebra ohne Streifen oder ein Baum ohne Wurzeln.“ (S. 50)

Aus irgend einem Grund fehlen ihr die Erinnerungen aus den letzten drei Jahren, und sie weiß nicht mehr so genau, was sie ausmacht. Gefühle und Neigungen müssen neu entdeckt werden. Nur ihr alter Freund Sam kann helfen, glaubt Norah. Ihm vertraut sie ihre Gedanken an. Weiterlesen

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Carolin Wahl: Zwei Leben in einer Nacht

Carolin Wahls Jugendroman beginnt mit einer Warnung. Es sollten nur diejenigen das Buch lesen, die mit den Themen Depression, Trauer, Tod, Suizid und Ängsten umgehen können. In ihrer Danksagung schreibt die Autorin, sie habe vor Jahren Berichte über die sogenannte Blue Whale Challenge in Russland gelesen, durch die viele Jugendliche den Tod fanden. Und weil dieses Thema sie nicht mehr los ließ, schrieb sie die einnehmende Geschichte zweier Fünfzehnjähriger, die sich in der Nacht zu Freitag, dem 13., auf einem Bahnhof treffen.

Sam und Caspar sind sich völlig fremd, doch sie haben ein paar Gemeinsamkeiten, die alles aufwiegen. Sie wollen beide in wenigen Stunden sterben und vorher noch einige Aufgaben erfüllen, die ihnen der geheimnisvolle Ghost über den Hashtag #zweilebenineinernacht zuschicken wird. Nach jeder erledigten Aufgabe schicken sie ihm einen Beweis, um kurz darauf ein neues Ziel mit Zeitangabe zu erfahren. Sam und Caspar lernen sich in dieser extremen Nacht sehr gut kennen. Sie haben nichts mehr zu verlieren, und leisten sich deshalb Ehrlichkeit. Doch was ist Ehrlichkeit wert, wenn einer etwas Wesentliches verschweigt, das alles in Frage stellt? Weiterlesen

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Erik Eggers: Der Mensch als Fisch

Der Husumer Otto Kemmerich (1886 – 1952) war ein Extremsportler, der das Abenteuer im Meer suchte. Nach seiner beruflichen Karriere als Herausgeber von mathematischen Formeln wurde er Profischwimmer. Hierfür entwickelte er den Schwimmstil in Seitenlage weiter und schwamm lebensgefährliche und damit auch medientaugliche Routen. Ganz auf sich gestellt suchte er das offene Meer bei jedem Wetter, jeder Strömung und Wassertemperatur, um nach Stunden zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle vor Publikum an Land zu gehen.

Vorträge und Gastspiele in den Kurorten, der Verkauf von Autogrammen und vieles mehr dienten der Versorgung seiner Familie. Auch das lukrative Preisgeld für die Querung des Fehmarnbelts half ihm, seine Berühmtheit zu festigen. Vermutlich hätte er den Ärmelkanal in einer sehr guten Zeit schaffen können. Er wollte unbedingt schneller sein als Trudy Ederle, um die Überlegenheit des Mannes wieder ins richtige Licht zu rücken. Doch unterwegs wurde er vermutlich von einem Hai attackiert und verletzt, so dass seine Begleiter den bewusstlosen Kemmerich aus dem Wasser ziehen mussten. Einen zweiten Versuch dieser kostspieligen Expedition konnten weder sein Sponsor noch er selbst stemmen. Damit platzte Kemmerichs Traum, für seine Familie eine finanzielle Absicherung zu schaffen. Also tingelte er weiter mit immer neuen spektakulären Aktionen zu den friesischen Kurbädern. Weiterlesen

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Anne-Kathrin Kilg-Meyer: Gertrude Trudy Ederle: Eine Schwimmerin verändert die Welt

„… Oh, es war ein schönes Leben! Ich war sehr glücklich, wenn ich geschwommen bin. Es hätte immer so weitergehen können.“ (S. 120) Im Oktober 1905 wird Trudy in New York geboren. Ihre Eltern, deutsche Auswanderer, erlebten mit ihrer Metzgerei den amerikanischen Traum. Vor diesem finanziell gesicherten Hintergrund erfuhr Trudy die Erziehung modern denkender Eltern, die ihren Töchtern unter anderem den Schwimmunterricht ermöglichten. Dies hatte durchaus praktische Erwägungen, weil sie auch ein Haus in Küstennähe besaßen und sichergehen wollten, dass keines ihrer Kinder ertrank. Schnell stellte sich heraus, dass nicht nur die beiden älteren Töchter im Schwimmen talentiert waren. Die kleine Trudy übertraf sie alle. Erst als junge Frau begreift sie, wie weit sie ihrer Zeit voraus war. Denn sie konnte im Vergleich zu vielen anderen Frauen nicht nur schwimmen, sie schwamm auch ohne die bis dato übliche Bekleidung. In einem enganliegenden gestrickten Einteiler mit kurzem Bein zeigte sie mehr von ihrem Körper als andere Frauen, von denen erwartet wurde, mit langen Kleidern und Haube ins Wasser zu gehen. Nachdem sie als Jugendliche dank eines ausgeklügelten Schwimmtrainings ihren einzigartigen, perfekten Kraulstil beherrschte, gewann sie ab 1920 viele Schwimmwettkämpfe, zu denen erstmalig Frauen zugelassen worden waren. Weltrekorde und Medaillen bei den Olympischen Spielen 1924 kamen hinzu. Als erste Frau, die den Ärmelkanal bezwang und dies schneller als jeder Mann vor ihr, wurde Trudy von den Medien zur »Königin der Wellen« gekürt und damit zu einem Weltstar gemacht. Weiterlesen

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Candice Carter-Williams: Queenie

„… Kyazike lachte. ‚Denkst du, das Leben ist ein Film? Und selbst wenn es einer wäre, Fam, wir sind schwarz. Egal, in welcher Schattierung‘, ahmte sie meine Stimme nach, ‚wir wären die Ersten, die sterben müssen.‘“ (S. 372) Die Auszeit sollte befristet sein. Dies hatten Queenie und Tom vereinbart. Danach wollten sie wieder für ein Gespräch zusammenkommen, um ihre Beziehung zu kitten. Mit viel Hoffnung zog Queenie aus der gemeinsamen Wohnung, die sie allein nie hätte finanzieren können. Eine bezahlbare Wohnung in London zu finden, bedeutet für sie, in einer Bruchbude ein WG-Zimmer zu mieten. Und während sie auf das Ende der Auszeit wartet und sich auf ein gemeinsames Leben mit Tom freut, stürzt Queenie von einem Chaos ins nächste. Anfangs dachte sie, wenn sie sich eine Liste mit Vorsätzen schreibt, hätte sie einen Leitfaden für ein ruhigeres Leben. Sie glaubt, Regeln reduzieren automatisch das ständige Chaos in ihrem Leben. Gleichzeitig lässt sie sich auf Parties mit den falschen Männern ein. Schneller als gedacht, erlaubt sie eine Ausnahme und dann nach eine, bis Queenie schließlich wieder all ihre Regeln bricht. Das Chaos wächst, bis eine heftige Panikattacke sie zum Nachdenken zwingt.

Candice Carty-Williams arbeitet unter anderem als Journalistin und Drehbuchautorin. Der Roman Queenie ist ihr überzeugendes Debüt, in dem sowohl kurzweilige Unterhaltung, Drama aber auch aktuelle Gesellschaftspolitik miteinander verbunden sind. Henriette Zeltner-Shane übersetzte den gelungenen Roman. Weiterlesen

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Anne Stern: Fräulein Gold: Scheunenkinder

… ‚Mich gruselt es‘, sagte Hulda und ließ ihren Blick über die verwaisten Bürgersteige … gleiten, ‚zu sehen, wie wir hier in Berlin vor die Hunde gehen … Dieser Ausnahmezustand muss ein Ende haben!‘“ (S. 279)

Das Geld hat im Oktober 1923 kaum einen Wert. Jeder Bürger ist mehrfacher Millionär und kann sich doch kein einziges Hühnerei leisten, sofern man es überhaupt kaufen kann.

Die Hebamme Hulda Gold hat sich im Berlin der zwanziger Jahre einen Namen gemacht. Viele Frauen wissen, dass sie bei der engagierten jungen Frau in guten Händen sind. Über die Vermittlung ihres Vaters lernt sie eine jüdische Familie im berüchtigten Scheunenviertel kennen. Zwiste, Religion und die tiefe Armut bieten der neu hinzugezogenen Familie einen Nährboden für noch mehr Leid. Zwei Tage nach der Entbindung eines gesunden Jungen ist dieser spurlos verschwunden und die Mutter an einer Wochenbettdepression erkrankt. Was Hulda am meisten irritiert, ist die Erleichterung der Schwiegermutter. Und es sieht so aus, als wäre Hulda die Einzige, die das Neugeborene finden will. Ohne den mit ihr befreundeten Kommissar beginnt sie mit der Recherche, während Karl förmlich in unzähligen Delikten ertrinkt. Inzwischen hat er einige Kollegen, die nur schützend eingreifen, wenn die Religion des Opfers mit ihrer Weltanschauung im Einklang steht. Weiterlesen

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Simon Beckett: Versteckt

… Ich kann mich nicht wirklich als Kurzgeschichtenautor bezeichnen. Die meisten … werden nie vollendet … während ich voll und ganz auf das Buch fokussiert bin. … Oft bleiben sie, wie sie gerade sind, … unter der Rubrik ‚Für später‘ …“ (Vorwort, S. 7)

„Für später“ ist in Simon Becketts aktuellem Buch gerade wahr geworden. Dank der Begleitumstände von Corona. Seine Kurzgeschichten wurden von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn übersetzt

Der Autor dürfte jeder/m LiebhaberIn von Kriminalromanen bekannt sein. Simon Beckett nannte seinen schmalen Kurzgeschichtenband »Versteckt«, weil nicht nur seine Texte in der berühmt-berüchtigten Schublade ruhten sondern auch wegen der darin verborgenen Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten.

Natürlich packt er diese Geheimnisse in Mordgeschichten, die so unerwartet in das Leben der Protagonisten eindringen, dass die Betroffenen viel zu spät die Verbrechen als solche erkennen. Weiterlesen

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Han Kang: Weiß

Weiß wurde zu ihrer Projektionsfläche. Das reine Weiß, zart und zerbrechlich steht für ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit und für Gegenstände, die mit der Farbe assoziiert werden können. Die Ich-Erzählerin leidet unter einer starken Migräne. Schon lange sucht sie nach erlösenden Gedanken und flieht in ein anderes Land, um in der Zurückgezogenheit klärende Einsichten unter anderem im Betrachten des Schnees zu finden.

„… Sie sitzt an ihrem Schreibtisch wie jemand, dem noch nie Leid geschehen ist. Nicht wie jemand, der gerade geweint hat oder es noch tun wird.“ (S. 105)

Der Trost der Vergänglichkeit tröstet sie nicht, denn …

„… Ich habe es noch nicht geschafft, mit mir ins Reine zu kommen.“ (S. 114)

Die Künstlerin und Autorin Han Kang gilt in Korea als wichtige Stimme. Mit ihrer Lyrik wurde sie 1993 bekannt, danach wechselte sie zur Prosa. In ihrem aktuellen Buch vereint sie Textminiaturen mit Elementen der Lyrik, die von Ki-Hyang Lee übersetzt wurden. Alle Kapitel zusammen könnte man mit einem Windspiel vergleichen, dass, mal hin und hergerückt, schließlich ein Gesamtbild kreiert. Weiterlesen

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Hans Rosenfeldt: Wolfssommer

Er wollte bei einer Drogenübergabe alles für sich allein. Um an das Geld und die Drogen heranzukommen, ging er über Leichen. Er tötete die Kunden seines Chefs und seine Kollegen. Es hätte das große Ding seines Lebens werden können, wenn der Wagen nicht auf einem einsamen Waldweg eine Panne gehabt hätte. Die finnische Grenze hatte er bereits hinter sich gelassen. Zu diesem Zeitpunkt, mitten in der Nacht, wusste in Schweden niemand, wer er war. Eigentlich die idealen Bedingungen, unerkannt zu fliehen, wenn nicht zu der Wagenpanne in der Nähe der Stadt Haparanda noch ein Unfall hinzugekommen wäre. Der Unfallverursacher hätte die Polizei rufen und einen toten Fremden melden können. Aber er tat es nicht. Der unerwartete Reichtum in dem anderen Fahrzeug und die juristischen Folgen seiner Ehrlichkeit verleiteten ihn zu schweigen. Wie so oft in seinem Leben entschied der Finder sich für den scheinbar leichtesten Weg.

Doch die Tradition der falschen Entscheidungen hat nun tödliche Folgen, weil unglückliche Zufälle eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang setzen. Erschreckend schnell sucht sowohl die Polizei als auch eine russische Profi-Killerin nach ihm. Weiterlesen

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Erich Kuby: Rosemarie (1958)

1958 veröffentlichte Erich Kuby seinen Roman Rosemarie, der inhaltlich anders gewichtet ist als seine Verfilmung. Im Zentrum steht Rosemaries Geschichte, die im Deutschland der Nachkriegszeit, einer Zeit des Aufbruchs und des anwachsenden Wohlstands geschah und in der Presse 1957 für viel Wirbel sorgte. In seinem Vorwort schreibt Erich Kuby, dass es ihm weniger darum ging ein Kunstwerk zu schaffen. Er wolle „… eine Erschütterung des Ansehens, welches die Rosemarie-Kunden als Leitbilder unserer Gesellschaft skandalöserweise genießen …“ (S. 10)

Es gibt viele Rosemaries, die keiner beachtet und unbeachtet ihr Leben verlieren. Die eine, über die der Autor schreiben musste, erfuhr über einen Zufall ihren sensationellen Aufstieg, den einflussreiche und vermögende Kunden förderten. Parallel hierzu beschreibt Erich Kuby die Machenschaften einiger Bonzen, die in die Rüstungsindustrie einsteigen wollten. Die Dynamik der Gier und das Streben nach Macht entfachten ein durchtriebenes Spiel, in dem Rosemarie unter anderem als Lockvogel eingesetzt wurde.

Erich Kuby (1910 – 2005) wurde posthum mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. Der Chronist der Bundesrepublik Deutschland pflegte in seinen Büchern gesellschaftliche Missstände zu kritisieren. Nach der Verfilmung schrieb er mit schneller Hand das Buch Rosemarie und traf damit eine neue Perspektive auf die Rollenbilder erfolgreicher Geschäftsmann und starker junger Frau, die eine Geschäftsbeziehung auf Augenhöhe pflegten. Weiterlesen

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