Marlies van der Wel: Seesucht

Als Jonas zwei Jahre alt ist, lernt er das Meer und seine Bewohner kennen. Er ist von dieser ersten Erfahrung so begeistert, dass ihn die Liebe zum Wasser und seinen Bewohnern nicht mehr loslässt. Auch die Fischer, seine Retter in heiklen Situationen, sind mit dem Meer verbunden. Sie sind immer in der Nähe, wenn sich Jonas und die Fische begegnen, und manchmal spotten sie über seine Abenteuerlust.

Marlies van der Wel ist Trickfilmregisseurin und Illustratorin. Nachdem ihr Animationsfilm Jonas and the Sea ab 2016 mehrfach auf internationalen Festivals ausgezeichnet wurde, erscheint in diesem Jahr das eigenständige Bilderbuch zu Jonas‘ Seesucht. Die kurzen Textpassagen wurden von Birgit Erdmann aus dem Niederländischen übersetzt.

Der zunächst noch kleine Jonas fällt mit seiner kreisrunden Brille, der roten Mütze und dem rotgeringelten Pullover auf und bleibt seinem Kleidungsstil sein Leben lang treu. Sein offener, staunender Blick nimmt immer wieder Kontakt zu seinen Betrachtern auf, als wolle er jeden auf seine Reise mitnehmen. Weiterlesen

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Sam Lloyd: Der Mädchenwald

„Katastrophe ist ein Wort, das viel hübscher ist als seine Bedeutung, finde ich.“ (S. 52)

Ein Schachgenie wird während der Pause eines Wettkampfes überwältigt, betäubt und entführt. Irgendwann erwacht das Schachgenie in einem Keller im irgendwo. In dem abgeschlossenen Raum ist es stockdunkel, kalt und die im Boden verankerte Kette, an der das Schachgenie mit einer Handschelle verbunden ist, erlaubt nur einen kleinen Bewegungsradius. Das Schachgenie heißt Elissa und ist dreizehn Jahre alt.

Der Brite Sam Lloyd hat mit seinem Thriller eine mitreißende Geschichte vorgelegt, die von Katharina Naumann übersetzt wurde. Sein Sprachstil, die unterschiedlichen Elemente des Grauens und seine Charaktere sind so angelegt, dass man sie ohne weiteres in einem Bestseller von Stephen King vermuten könnte.

Drei Personen erzählen, wie sie Elissas Leid erleben. Zum einen erfährt man von Elissa, wie sie den ersten Schock überwindet und geschickt zu taktieren beginnt. Ihr gegenüber steht unter anderem der altklug wirkende Elijah, der zurückgezogen in der Nähe zu wohnen scheint. Schnell fällt er mit ungewöhnlichen Äußerungen auf. Elijah nennt zum Beispiel den benachbarten Wald Mädchenwald und einen darin befindlichen See Knöchelchensee. Doch in seiner überschaubaren Welt sind nicht nur Zauber, Geister und Märchen sondern auch Unsicherheit und Angst. Als er heimlich die gefangen genommene Elissa aufsucht, könnte er sie nicht nur theoretisch retten. Weiterlesen

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Garry Disher: Hope Hill Drive

Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, wurde vor einem Jahr in Sydney degradiert. Darüber hinaus musste er sich seine Versetzung gefallen lassen. In der australischen Kleinstadt Tiverton fährt er allein Streife und kümmert sich um alle Vorfälle im wenig besiedelten Buschland. Ausgerechnet zur Weihnachtszeit werden Ponys abgeschlachtet oder verletzt, und kaum haben die Medien dieses Ereignis in Szene gesetzt, findet Hirsch zwei Mordopfer.Das beschauliche Leben in Tiverton hat sich schlagartig in ein Minenfeld verwandelt.

Wer den erfolgreichen Krimiautoren Garry Disher noch nicht kennengelernt hat, dürfte mehr als nur einen Krimiautoren verpasst haben. Sein aktuelles Buch, erneut von Peter Torberg übersetzt, beginnt – wie all seine wunderbaren Geschichten – in den ländlichen Bereichen von Südaustralien. Abgesehen von dem einzigartigen Lokalkolorit begleitet man einen Einzelgänger, der auf kriminelle Machenschaften stößt, die mitunter zu einer Gewissensfrage werden. Aus der Perspektive von Hirsch erfährt der Leser in einer chronologisch aufgebauten Geschichte, wie der Constable unter der brennenden Dezemberhitze unterschiedliche Bewohner befragt. Unter der kritischen Beobachtung seiner Vorgesetzten und deren Dienstherren aus Sydney sucht der in Ungnade gefallene Hirsch Kleinkriminelle, vermisste Kinder und Mörder. Dabei findet er mehr heraus, als für sein Wohlbefinden gut ist. Weiterlesen

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Jihyun Kim: Sommer

In Südkorea ist endlich Sommer geworden.Trotzdem sieht man von schräg oben eine Stadt nur in zarten beige-grau Tönen. Sogar die wenigen Bäume fallen zwischen den Hochhäusern kaum auf. Das Leben auf der Straße ist scheinbar zum Erliegen gekommen. Die Illustratorin Jihyun Kim zeigt eine dreiköpfige Familie mit ihrem Hund. Während die Eltern in ihrer Stadtwohnung geschäftig aufräumen, spielt ein kleiner Junge in seinem Zimmer alleine auf dem Boden hockend. Er liebt Autos und malt gerne.

Und dann geht die Reise los. Raus aus der Stadt, über den Fluss, durch einen Wald zu den Großeltern.

Dieser Sommertag wird für den kleinen Jungen zu einem besonderen Abenteuer.

Seit zehn Jahren arbeitet Jihyun Kim als Illustratorin und Grafikerin. Sommer ist ein Bilderbuch, das die Betrachter ganz ohne Worte erreicht. Dies liegt vor allem an den zart ausgestalteten Bildern. Jedes einzelne stellt eine harmonische Szene dar, die eine Familie vorstellt. Ohne Überladen zu wirken, zeigen die Bilder in ihren Details den liebevollen Umgang aller Beteiligten. Als der kleine Junge mit seinem Hund die Umgebung erkundet, geschieht dies völlig angstfrei und ohne Vorurteile. Weiterlesen

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Stefano Mancuso: Die Pflanzen und ihre Rechte: Eine Charta zur Erhaltung unserer Natur

Viele LeserInnen dürfte der Titel irritieren. Warum sollten Pflanzen Rechte haben, wenn sie in unserem Bewusstsein zu den Dingen gehören, die man unter anderem kaufen, wegschmeißen, züchten, essen, einpflanzen, jäten, fällen, beschneiden kann. Pflanzen sind selbst bei oberflächlicher Betrachtung Lebewesen. Sie können wachsen, sich fortpflanzen und haben eine bestimmte Lebensdauer. Ihre Fähigkeiten gehen jedoch noch um ein vielfaches weiter. „… Pflanzen nehmen Licht, Temperatur, Schwerkraft, chemische Verbindungen, elektrische Felder, Berührungen, Schall und vieles andere wahr, was sie äußerst empfindsam für ihre Umgebung macht.“ (S. 119) Sie sind ein Synonym für Leben, weil ohne sie die meisten Lebensformen undenkbar wären.

In unseren Gesetzen haben wir Menschenrechte verankert. Es gibt inzwischen auch viele Fürsprecher, die den Tieren Rechte geben. Ob Artenschutz oder artgerechte Haltung, für beides gibt es verbindliche Vorschriften. Nur bei den Pflanzen nicht, obwohl ohne ihre Fotosynthese das Leben auf der Erde ganz anders aussähe.

„… nur mit ihnen zusammen können wir weiter existieren. Darüber sollten wir uns immer im Klaren sein.“ (S. 13/14)

Und weil Stefano Mancuso Pflanzen am Herzen liegen, beschloss er, ihr Fürsprecher zu werden, in dem er der kühnen Idee Raum gab, die Rechte der Pflanzen zu entwerfen. Er stellt nun seine Charta des Lebens vor. Zu jedem der acht erstellten Artikel schrieb er nachvollziehbare Begründungen, die wachrütteln und zum Nachdenken anregen. Weiterlesen

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Patrícia Melo: Gestapelte Frauen

„… Carla war tot. Rita war tot. Meine Mutter war tot. Um mich herum stapelten sich die toten Frauen. All die Namen, die ich in meinem Heft notiert hatte. All die vergeudeten Leben.“ (S. 207)

Die junge Anwältin und Ich-Erzählerin könnte in São Paulo Karriere machen, doch ihr Engagement gilt den Frauen, die gewaltsam gestorben sind. Es sind viel zu viele Fälle, in denen die Täter straffrei ausgehen. Sie kennt die Choreographie der Gewalt zu genau. Zuerst kommen harte Worte und Beleidigungen, dann Handgreiflichkeiten, die bis zum Mord ausufern.

Kurz bevor sie sich nach Acre schicken läßt, einem Ort im Amazonasgebiet, bekannt für Kautschukgewinnung, Drogenhandel und der landesweit höchsten Sterberate für Frauen, erlebt sie ein ähnliches Muster für Bedrohung bei ihrem Freund. Seine grundlose Eifersucht, eine Ohrfeige und Beschimpfungen wollen zu ihrem Traummann so gar nicht passen. Der Auftrag, Daten für ein Buch über Gerichtsfälle zu sammeln, schenkt ihr die nötige Distanz. Sie fühlt sich wieder sicher, bis sie einem etablierten System der Gewalt gegenübersteht. Der brutale Mord einer 14-jährigen Ureinwohnerin durch drei junge weiße Männer aus der oberen Gesellschaftsschicht zeigt der Erzählerin, wie Justiz, Strafverfolgung und Presse für die Freilassung und den guten Ruf der Angeklagten sorgen.

Der Kontakt zu der Familie des Opfers führt die Erzählerin in den Urwald, und sie begreift, dass viel mehr auf dem Spiel steht als die Rechte der Opfer. Sie muss sich erinnern, Verdrängtes aus ihrer Kindheit zerren, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Weiterlesen

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Meredith Russo: Birthday – Eine Liebesgeschichte

Ein Unwetter hält zwei Familien bei der Geburt ihrer Kinder in einem Krankenhaus fest. So kommt es, dass sich nicht nur die Eltern miteinander anfreunden. Auch Eric und Morgan werden im Laufe ihrer Kindheit allerbeste Freunde. Sie lieben die Tradition, mit ihren Eltern den gemeinsamen Geburtstag zu feiern. Als Morgans Mutter an Krebs stirbt, ändert sich alles. Die Freundschaft zwischen Erics Eltern und Morgans Vater zerbricht. Morgan und sein Vater müssen in einen Trailer ziehen, während Eric und seine Eltern jeden Luxus haben, den man sich nur wünschen kann. Doch der Schein trügt. In beiden Familien brodelt es. Auch in Eric und Morgan brodelt es. Während Eric etwas fühlt, was er nicht versteht, spürt Morgan, dass etwas in ihm anders ist. Sein Körper fühlt sich falsch an, und er glaubt, mit ihm sei etwas verkehrt. Auch andere merken dies und lehnen Morgan deshalb ab. Nur Eric hält zu ihm. Irgendwann begreift Morgan, sein Leben braucht dringend eine Wendung zum Besseren. Er weiß nur nicht, wie.

„… Die Typen an der Schule beschimpfen mich als Weichei und Heulsuse … und das, obwohl ich wirklich nie, niemals weine. Die Traurigkeit steigt normalerweise nie höher als bis in meine Kehle. Nur heute Abend kann ich sie nicht mehr aufhalten.“ (S. 167)

Meredith Russo lebt seit 2013 als Frau. Ihr Debütroman „Als ich Amanda wurde“ war in den USA eines der ersten Bücher zum Thema Transgender. In diesem Jahr erscheint von ihr ein Jugendroman zu ihrem Lebensthema. Er wurde von Anne Brauner und Susanne Klein übersetzt. Entstanden ist eine ergreifende, wunderschöne Liebesgeschichte, wie man sie selten zu lesen bekommt. Weiterlesen

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Sarah Klymkiw & Kim Hankinson: Make Fashion Better

Was würde geschehen, wenn jeder beim Kauf eines T-Shirts wüsste, dass hierfür circa 2.700 Liter Trinkwasser verbraucht worden sind? Sollte dieses Kleidungsstück für ein paar Euro über die Ladentheke gehen, hat man auf der einen Seite ein Schnäppchen gemacht. Auf der anderen Seite trägt die Käuferin, der Käufer vermutlich minderwertige Ware nach Hause, die schnell unansehnlich und nach ein paar Mal Waschen weggeworfen wird. Für die Autorin Sarah Klymkiw und die Künstlerin Kim Hankinson war es aus diesem Grund eine Herzensangelegenheit, ein Buch über Mode zu gestalten, in dem Kreativität und ein schonender Umgang mit den Ressourcen vorgestellt wird. Bereits auf der Innenseite des Einbandes findet sich ein Zitat der Autorin, das die Lesereise beschreibt:

„Wir können gemeinsam die Welt verändern, indem wir unsere Kleidung ändern.“

Wie dies funktioniert, wird unter anderem in den Kapiteln Kleiderpflege, Reparatur und neue Gestaltung beschrieben. Ob Kleidung mit anderen Materialien geschmückt wird oder neue Kombinationen entstehen, hängt von der Kreativität der Gestalterin, des Gestalters ab. Dies setzt natürlich Kenntnisse in der Handarbeit voraus. Weiterlesen

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Glennon Doyle: Ungezähmt

Hinter dem Titel Ungezähmt verbirgt sich ein Ratgeber im Stil eines Erfahrungsberichtes, der von Sabine Längsfeld übersetzt wurde.

Glennon Doyle reiht in ihrem kurzweiligen Buch viele Episoden aneinander, um die Leserinnen auf das Thema Innere Freiheit vorzubereiten. Als Einstieg erzählt sie, wie sie bereits als Kind gelernt hat, sich selbst zu verleugnen. Die Rollen als Mädchen und heranwachsende Frau wollten einfach nicht zu ihr passen. Trotzdem wurden sie zu ihrer zweiten Natur. Sie passte sich an, ohne zu hinterfragen. Ihre erste Suchterkrankung begann mit der Pubertät. Weitere kamen hinzu und blieben bis zu ihrer Schwangerschaft. Als Erwachsene erkennt Glennon Doyle einen Zusammenhang zwischen ihrer Suchtkarriere und dem Drang, es allen recht machen zu müssen.

Die Autorin beschreibt in einer unmißverständlichen Sprache ihren Lernprozess. Von der Ebene ihrer persönlichen Erkenntnisse wechselt sie immer wieder auf die Ebene der Allgemeingültigkeit, nach dem Motto: Hier ist ein System erkennbar, in dem auch andere Frauen gefangen sind. Anschaulich beschreibt sie die zahlreichen Manipulationen in den Traditionen, der Kultur oder der Konditionierung auf Rollenbilder. Weiterlesen

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Viktor Martinowitsch: Revolution

„[…] Wenn du das liest und dich entsetzt […], berücksichtige bitte die Plötzlichkeit des Ganzen. Ich konnte nicht eine Sekunde nachdenken und überlegen. Das hatten sie, wie es aussieht, auch so kalkuliert.“ (S. 195)

Der Ich-Erzähler Michail gerät in den Fokus einer geheimen Organisation, deren Strukturen so diffus sind wie ihre Ziele. Seltsame Umstände bringen ihn in einen Konflikt mit der Polizei, die mit einer Gefängnisstrafe droht. Doch der Zufall schickt ihm die Hilfe eines fremden Freundes. Michail ist gerettet und gleichzeitig in einer Abhängigkeit gefangen, weil die neuen Freunde von ihm Gegenleistungen verlangen. Spontane Anrufe katapultieren ihn in Gewissenskonflikte. Von einem Mittfünfziger, dessen Gesicht und Leibesfülle für ein geruhsames Leben sprechen, erfährt Michail, dass die eigene Unversehrtheit nur über erfolgreiche Aufträge gesichert ist.

Im Laufe der folgenden Monate lernt Michail alle Hemmschwellen zu überwinden.

Viktor Martinowitsch studierte Journalistik und lehrt heute Politikwissenschaft. Revolution ist sein dritter Roman und wurde wie die vorhergehenden Romane von Thomas Weiler übersetzt. Der Autor thematisiert in seinem aktuellen Roman die Auswirkungen der Macht. Der Gegenspieler des Ich-Erzählers, der alte Batja, erklärt sein Erfolgsrezept: Macht müsse man sich nehmen und jeden aus dem Weg räumen, der etwas dagegen habe. Die Macht, die durch eine Wahl gewährt wird, sei keine Macht im eigentlichen Sinne. Weiterlesen

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