Anne Gesthuysen: Wir sind schließlich wer

Ihren Roman „Wir sind doch Schwestern“ habe ich sehr gemocht. Er hatte Tiefgang, die Figuren waren authentisch, nachvollziehbar. Das kann man leider von dem neuen Roman von Anne Gesthuysen nicht sagen.

Dennoch habe ich ihn verschlungen, denn unterhaltsam ist er gleichwohl. Doch bleibt er durchweg seicht, auf Groschenheft-Niveau. Das liegt nicht nur an den adeligen Protagonisten, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Die Figuren sind oberflächlich, flach, ohne Kontur, ohne Profil. Sie wirken wie fehlbesetzte Schauspieler, die mit ihrer Rolle fremdeln.

Worum geht es: Anna von Betteray ist frisch angekommen in einer Kleinstadt am Niederrhein, übernimmt dort vertretungsweise die Stelle des Pfarrers. Die Gemeinde macht es ihr nicht leicht, ihr, der jungen Frau, die den alten beliebten Pfarrer ersetzen soll. Viele dichten ihr alle möglichen und unmöglichen Geschichten an, die Gerüchteküche im Ort brodelt.

Das insbesondere, als ihre Schwester Marie in dramatische Ereignisse verwickelt wird. Ihr Mann wird wegen Cum-Ex-Geschäften verhaftet und viele weitere böse Geheimnisse werden aufgedeckt. Dazwischen agieren noch die dünkelhafte Mutter von Anna und Marie sowie die allwissende 90-jährige Großtante. Und selbstredend tauchen auch noch attraktive Kommissare, Tischler und andere Figuren auf. Weiterlesen

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Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

Florian Illies ist ein Satzvirtuose. Sätze, die er verfasst, wirken wie gemeißelt, fein ziseliert oder sanft gedrechselt. Dabei immer lebendig und brillant formuliert. So auch in diesem Buch, welches sich mit Liebesgeschichten von Künstlern und Künstlerinnen in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts befasst.

Beginnend 1929, erzählt Illies von allen den schillernden, kreativen, oft auch einflussreichen Schriftstellern, Malerinnen, Schauspielern, von den Kindern und Ehepartnern der oft verrückten, oft verruchten, gerne auch mal versponnenen Künstler in Deutschland und Europa.

Dabei zeichnet er in kurzen, manchmal sehr kurzen Sequenzen ein buntes, fesselndes Bild dieses Jahrzehnts, zeigt er all die Facetten in den oft ungewöhnlichen, manchmal aber auch erstaunlich gewöhnlichen Lebensläufen. Das liest sich flott, sehr unterhaltsam, niemals langweilig und, dank seiner Virtuosität, mit großer Freude an den Worten.

Doch gleichzeitig sind diese Streiflichter zu kurz, zu hektisch wechselt der Schauplatz, steht abrupt ein anderer Autor, eine andere Tänzerin im Scheinwerferlicht, das Illies auf sie oder ihn richtet. Weiterlesen

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Richard Wagamese: Der Flug des Raben

Vor einigen Monaten durfte ich „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese lesen und war begeistert. Der kanadische Autor mit indianischen Wurzeln, der bereits 2017 verstarb, hatte darin, in Anlehnung an sein eigenes Leben, das Schicksal eines Jungen geschildert. Dieser wurde, so wie auch der Protagonist des vorliegenden Romans, als kleines Kind von den kanadischen Behörden seiner Familie entrissen und damit von seinen Wurzeln getrennt.

Und wie schon bei diesem ersten Roman, den ich von ihm las, hatte ich auch diesmal wieder das Gefühl, neben dem Autor am Lagerfeuer zu sitzen und seinen Geschichten zu lauschen. Er erzählt uns von Garnet Raven, der im Alter von drei Jahren aus seiner Familie entfernt und erst in ein Heim und später in wechselnde Pflegefamilien gesteckt wird. Heimisch wird er aber an keinem dieser Orte.

Er beginnt, seine indianische Herkunft zu verleugnen, ja geradezu zu ignorieren. Er schämt sich, wenn er alkoholisierte, bettelnde Indianer sieht und will auf keinen Fall zu diesem Volk gehören. Dann schon eher zu den Schwarzen, besonders zur Familie von Delma und ihren Kindern. Dort fühlt er sich wohl, zugehörig und er beginnt, sich wie ein Schwarzer zu kleiden, zu benehmen, zu fühlen. Weiterlesen

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Gerard Donovan: In die Arme der Flut

Dieses Buch lässt mich etwas ratlos zurück. Nämlich ratlos, wie ich es beurteilen soll, wie es mir gefällt.

Die Handlung ist relativ schnell zusammengefasst: Luke möchte sich umbringen, steht auf einer Brücke und will springen. Doch stattdessen rettet er einen Jugendlichen vor dem Ertrinken. Daraufhin wird Luke in seinem Wohnort und darüber hinaus als Held gefeiert, gegen seinen Willen. Denn Luke ist ein Eigenbrötler, ein Einsiedler, der gerne für sich ist. Doch irgendwann wendet sich das Blatt um Hundertachtzig Grad, als nämlich über Social Media eine Hatz beginnt gegen Luke.

Mich hat das Buch nicht angesprochen, der Stil ist mir zu langatmig, zu absonderlich. Allein die Szene am Anfang, als Luke auf der Brücke steht, um sich in den Fluss zu stürzen, zieht sich über Dutzende Seiten. Ich bekomme keinen Zugang zum Protagonisten, alles bleibt auf Distanz. Alles wirkt ungemütlich, fremd, die Art, wie der Autor mir seine Geschichte erzählt, erreicht mich nicht. Weiterlesen

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Mhairi McFarlane: Du hast mir gerade noch gefehlt

Es gibt Autorinnen,  die enttäuschen ihre Leserinnen nie. Mhairi McFarlane ist so eine Autorin. Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, den ersten Satz, den ersten Absatz liest und dann erst wieder aufschaut, wenn man den letzten Satz gelesen hat – dann ist es bestimmt ein Buch von ihr.

Sie fängt ihre Leserin ein, sofort. Dabei ist es schwer zu sagen, woran es liegt, warum es sofort, auf der ersten Seite geschieht. Vielleicht liegt es an den so lebendigen, sympathischen Figuren, die stets so wirken, als könnten es deine Nachbarn sein, Kolleginnen, Menschen, die du gerne zum Freund, zur Freundin hättest. Vielleicht liegt es an ihrem so lebendigen Stil, den Dialogen, die so lebensecht, natürlich klingen, so wie die Menschen um dich herum eben sprechen. Oder liegt es an der durchdachten, mit hohem Tempo ablaufenden Handlung, die ihre Spannung bis zur letzten Seite hält, auch wenn erfahrene Leserinnen das Happy End natürlich ahnen.

Woran auch immer es liegt, die Bücher der schottischen Autorin Mhairi McFarlane machen einfach Spaß. Im vorliegenden Roman ist der übliche Humor sehr zurückhaltend, ist doch die Geschichte an mancher Stelle wirklich tragisch. Weiterlesen

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Marcel Huwyler: Frau Morgenstern und die Verschwörung

Was für ein spannender, was für ein exzellent geschriebener Roman! Und was für eine abgefahrene Story.

Der Schweizer Autor hat in diesem bereits dritten Band um die Auftragsmörderin Violetta Morgenstern alle Register gezogen, die einen Krimi mit Tiefgang auszeichnen. Die Figuren sind plastisch, sympathisch, lebendig und dabei so realistisch. Die Geschichte zwar völlig irrsinnig, aber vermutlich (leider) nicht völlig unmöglich. Die Szenen unglaublich dynamisch, ohne falsche Action, mit reichlich Cliffhangern und mit etlichen Nebenhandlungssträngen, die aber mindestens so fesselnd und spannend sind wie der Hauptplot. Und diese Sprache, diese herrliche, so punktgenau treffende Wortmalerei, die ihresgleichen sucht.

Ich weiß nicht, ob solche Formulierungen wie „sie hühnerte herum“ oder „er hirnte“ oder gar „er schlückelte“ typische schweizerische Worte oder Teil des sehr speziellen Wortschatzes von Marcel Huwyler sind, ich weiß nur, dass man beim Lesen solcher Sätze sofort das Bild vor Augen hat, sofort drin ist in der Szene. Weiterlesen

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Jonathan Carroll: Das Land des Lachens

Ein Buch für Träumer, Fantasten und kindliche Gemüter. Ein Buch, das überrascht mit absurden Wendungen, mit unerwarteten Stilbrüchen und wundersamen Figuren. Ein Buch, das Freude macht.

Der Roman war der erste des amerikanischen Autors Jonathan Carroll, veröffentlicht 1980. Er erzählt von Thomas Abbey, Sohn eines berühmten Schauspielers und Lehrer an einer Privatschule. Vor allem aber ist er glühender Fan der Bücher von Marshall France, eines geheimnisvollen Autors von fantastischen Kinderbüchern. France, inzwischen verstorben, gab nie Interviews und es existieren auch keine Biografien über ihn. Da reift in Thomas die Idee, eine solche zu schreiben.

Zusammen mit seiner neuen Freundin Saxony reist er auf gut Glück nach Galen, dem Ort, an dem France all seine Bücher geschrieben hat und wo heute noch seine Tochter Anna lebt. Entgegen der Warnung des Verlegers von Frances Büchern erweist sich Anna als entgegenkommender als erwartet. Dennoch geht irgendetwas in Galen nicht mit rechten Dingen zu, erscheint Thomas und Saxony vieles merkwürdig, absonderlich und erschreckend. Weiterlesen

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Bethany Clift: Die Letzte macht das Licht aus

Wenn die Fiction von der Realität überholt wird…

Das hat sich die Autorin dieses hochspannenden und psychologisch fesselnden Thrillers auch nicht träumen lassen. Sie begann 2018 an ihrem Roman zu schreiben. Ein Roman um die letzte Überlebende einer tödlichen Pandemie. Drei Monate nach Unterzeichnung ihres Buchvertrags erfuhr sie zum ersten Mal von dem in China aufgetretenen Virus. „Ich habe ein Buch über eine fiktionale Pandemie geschrieben, das während oder während der Nachwehen einer echten Pandemie erscheinen wird.“ (Nachwort, S. 461)

Wer beginnt, dieses Buch zu lesen, legt es erst wieder aus der Hand, wenn die letzte Seite umgeblättert ist. Bethany Clift schildert in ihrem Debütroman, wie eine Frau nicht nur ums Überleben kämpfen muss, sondern auch gegen ihre inneren Dämonen. Die namenlose Protagonistin, die ihr ganzes bisheriges Leben unter Angstattacken litt, die wenig eigenständig entschied, die alles ihrem Lebensgefährten überließ, die sich in den falschen Beruf, in die falsche Beziehung treiben ließ, diese Frau ist nun plötzlich ganz auf sich allein gestellt. Weiterlesen

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Carla Berling: Was nicht glücklich macht, kann weg

Das ist wieder einmal so ein Titel, der keinerlei Bezug zum Inhalt des Buches hat. Manchmal frage ich mich wirklich, wie ein Verlag zu solchen unpassenden Titeln kommt, die noch dazu die falschen Erwartungen wecken.

Denn dieser Titel hier, zusammen mit dem Cover, vermittelt den Eindruck, man habe einen heiteren, unbeschwerten Roman vor sich, der locker-flockig unterhält. Doch weit gefehlt, das Buch von Carla Berling, von der ich bereits den Roman „Der Alte muss weg“ mit großem Vergnügen gelesen habe, hat viel mehr Tiefgang und Ernst, als man anhand eben von Titel und Cover erwartet.

Billie lebt mit Ehemann Thilo in einem gemütlichen, aber etwas stillen Haus in der Provinz. Mit ihren Nachbarn verbindet sie wenig, Freundschaften pflegt sie keine, Rituale und Gewohnheiten sind ihr wichtig. Zu ihrem Sohn Jonas, der mit seiner Familie in Köln lebt, hat sie keinen Kontakt, ihren Enkel August hat sie nur einmal als Kleinkind gesehen, bei der Beerdigung ihrer früh verstorbenen Schwiegertochter. Das nagt an Billie, die nie verstanden hat, warum sich ihr Sohn so rigoros von ihr abgewandt hat und sich niemals bei ihnen meldet. Die Schuld dafür hat sie stets bei ihrer Schwiegertochter gesucht. Weiterlesen

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Mary Lawson: Im letzten Licht des Herbstes

Wenn man auf Seite 60 noch nicht erkennt, worum es in einem Roman geht und auf Seite 120 noch immer nicht viel schlauer ist, dann stimmt in meinen Augen etwas nicht mit dem Plot.  Was dann dazu führt, dass man die Lust an dem Roman verliert.

Die in Kanada geborene und in England lebende Autorin erzählt uns mehrere Geschichten, die nebeneinanderher laufen und sich dabei nur hin und wieder berühren. So scheint es zumindest.

Da haben wir die kleine Clara, 7 Jahre alt, deren ältere Schwester Rose seit Tagen verschwunden ist. Clara hat sich selbst einige Regeln gegeben, deren Befolgung die Wiederkehr ihrer Schwester sichern soll. So zum Beispiel, dass sie sich außer zum Schlafen und zum Schulbesuch nicht vom Fenster wegbewegt, dort sogar isst und ihre Hausaufgaben erledigt. Von ihrem Fensterplatz hat sie einen guten Blick auf das Nachbarhaus, das der alten Mrs Orchard gehört. Diese ist im Krankenhaus – so glaubt Clara – und das Mädchen versorgt derweil den Kater der Nachbarin.

Die Geschichte von Mrs Orchard erfahren wir durch sie selbst, in Rückblicken im Gespräch mit einer anderen Person, der sie ihre vergangenen Taten zu erklären versucht. Dabei geht es um Verfehlungen, die sie vor vielen Jahren beging und deren Folgen bis in die heutige Zeit reichen. Weiterlesen

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