Kerstin Sgonina: Und wenn wir wieder tanzen

Gutes Timing könnte man es nennen, dass dieser Roman fast genau am 60. Jahrestag der Hamburger Sturmflut erscheint. Beginnt er doch genau an diesem Tag, an dem die Protagonistin Marie, die in einer Gartenhütte haust, ihr ganzes Hab und Gut durch diese Flut verliert. Und das an einem Tag, der ihr auch schon an ihrem Arbeitsplatz als Zimmermädchen im vornehmen Hotel Atlantic Ärger gebracht hatte.

Ohne Dach über dem Kopf wird Marie nun bei Effie von Tieck einquartiert, einer alten Dame, die spröde, launisch und vergrämt zu sein scheint. Erst nach und nach kommen die beiden Frauen einander näher und Marie erfährt, dass auch Effie durch die Sturmflut einen großen Verlust erfuhr, wurde doch ihr Tanzlokal davon in Mitleidenschaft gezogen.

Während wir auf der einen Erzählebene nun verfolgen können, wie Marie das Tanzlokal wieder auf Vordermann bringt und dabei von einem netten jungen Mann Unterstützung erhält, erfahren wir auf der zweiten, im Rückblick erzählten Ebene, die Geschichte von Effie, von ihrer Ehe und ihrer Tochter Helly.  Dieser Teil ist durchaus spannend, denn Effie wird von ihrem Ehemann gequält, muss fliehen und sich auf eigenen Füßen behaupten. Weiterlesen

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Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

Beim Rezensieren dieses Buches schlagen wieder einmal zwei Herzen in meiner Brust. Stilistisch ist dieser Roman genial, die Sätze sind geschliffen, plastisch, witzig und so nah am Leben, dass es schmerzt. Inhaltlich aber enttäuscht er, es fehlt Spannung, Dynamik, Handlung.

Erzählt werden in Ich-Form die Erlebnisse einer jungen Frau – wir erfahren ihren Namen nicht – die mit Freund und kleinem Kind neu in einer dänischen, sehr dörflich strukturierten Kleinstadt ankommt. Sie ist mit Kind und Dorfleben reichlich überfordert, eckt immer wieder an mit ihrer spontanen, etwas rüpelhaften und viel zu ehrlichen Art, mit ihren leicht sarkastischen Bemerkungen, die an den Bewohnern abprallen wie ein Ball vom Boden. Als roter Faden ziehen sich durch den Roman ihre immer wiederkehrenden, endlosen Fahrstunden, mit denen sie diverse Fahrlehrer verschleißt, das Fahren dabei aber nicht lernt. Das Kind wird derweil bei einer Tagesmutter betreut, die ebenso wie alle anderen um sie herum, nicht mit allerlei Ratschlägen zur Kindererziehung spart. Weiterlesen

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Susanne Goga: Schatten in der Friedrichstadt

Ein neuer Fall für Leo Wechsler, den Kommissar im Berlin der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts. Was mir an dieser Krimireihe der Mönchengladbacher Autorin so gut gefällt, ist die Schilderung normaler Menschen in (mehr oder weniger) normalen Verhältnissen. Anders als in so vielen anderen Büchern oder Filmen, die vor allem die nächtliche, die schattige Seite des Berlins dieser Jahre zeigen, treffen wir in den Wechsler-Krimis auf Alltag, Menschen mit alltäglichen Problemen oder mit alltäglichem Glück.

Wobei das Mordopfer natürlich weniger Glück hat, als der Mann nämlich vom Dach des Ullstein-Hauses gestoßen wird. Moritz Graf war das, was man heute einen Investigativ-Journalisten nennt. Aufgrund seiner erfolgreichen Artikel, die auf akribischen Recherchen beruhten, hatte er einigen Freiraum im Verlag, darunter das Privileg, auch mal auf dem Dach des Hauses zu schreiben. Das wurde ihm nun zum Verhängnis.

Leo Wechsler und sein Team finden lange nicht heraus, was denn das Motiv für den Mord war und fischen daher in vielen trüben Gewässern. In Verdacht gerät ein Arbeitsloser ohne Obdach, aber auch Mitarbeiter anderer Verlagshäuser kommen ins Visier der Polizei. Dabei spielt auch die damalige politische Situation in Deutschland und besonders in Berlin eine erhebliche Rolle, gerät doch Leo Wechsler unter heftigen Druck und wird sogar bedroht. Weiterlesen

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Rebecca Fleet: Die Stiefmutter

Ein Brand zerstört nicht nur das Haus der Familie von Alex und Nathalie, er zerstört auch ihr Vertrauen zueinander, verbrennt ihre Träume, Lügen und Gefühle. Das klingt dramatischer und spannender als dieser Roman letztlich ist – ein Thriller ist er ganz sicher nicht.

Nein, im Gegenteil, mich hat dieser Roman so gar nicht gefesselt, die Spannung fehlt in meinen Augen völlig, die Figuren waren hölzern, die Dialoge ebenso und die Handlung flach und ohne Höhepunkte. Die Aktionen der Protagonisten waren für mich zu keiner Zeit nachvollziehbar, Kleinigkeiten wurden aufgebauscht, wichtige Fragen nicht verfolgt.

So beginnt der Roman mit dem Brand. Das Haus, in dem Alex mit seiner zweiten Frau und seiner Tochter aus erster Ehe lebt, geht in Flammen auf. Misstrauen wächst in Alex, da Nathalie offensichtlich aus dem Haus geflohen ist, ohne seine Tochter Jade mitzunehmen. Diese wird dennoch gerettet und erzählt später von einem Unbekannten, der im Haus gewesen sei, Nathalie hingegen will ihn nicht gesehen haben. Weiterlesen

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Eva-Maria Bast: Miss Würzburg

Was nützt ein interessanter, vielleicht sogar etwas spannender Plot, wenn der Schreibstil einfach nur schlimm ist? Dann macht die Lektüre eines Romans schlicht keine Freude.

So im vorliegenden Buch, dessen Handlung sich in den Nachkriegsjahren zuträgt. Es geht um eine junge Frau, die unerwartet zur Miss Würzburg – in dieser Stadt spielt der Roman – gewählt wird. Wie immer in solchen Fällen ergibt sich für die Betreffende daraus einiges an Möglichkeiten. Sie wird zu Modenschauen eingeladen, muss für Werbung zur Verfügung stehen und vieles mehr. Dies bedeutet Reisen, Trennung von der Familie, andererseits aber auch ein nicht zu verachtendes Einkommen.

Dies alles trägt sich zu für die junge Luisa, die mit ihrer Mutter im zerstörten Würzburg lebt. Kurz nach dem Krieg heiratet sie ihre Tanzstundenliebe Hannes, eine Tochter wird bald darauf geboren. Hannes, mehr oder weniger erfolgreicher Theaterschauspieler, kommt nicht gut klar mit dem Erfolg seiner Frau. Hinzu kommt eine Erkrankung des Kleinkindes, was Luisa das Reisen zusätzlich schwer werden lässt. Es kommt, wie es kommen muss. Hannes sucht anderweitig Ablenkung und Bestätigung, auch Luise denkt oft an einen anderen Mann, den sie vor Jahren traf. Weiterlesen

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Antoine Laurain: Eine verdächtig wahre Geschichte

Vermutlich mag jeder, der gerne liest und vor allem jeder, der selbst schreibt, Romane, die in Verlagen spielen und das Leben von Autoren und Lektoren zum Thema haben. Daher habe ich auch dieses Buch des Franzosen Antoine Laurain mit großer Freude gelesen, wie auch schon seine früheren Romane.

Hauptfigur in dieser verdächtig wahren Geschichte ist die Lektorin Violaine Lepage. Sie ist ein Star in ihrem Beruf und leitet in dem Verlag, bei dem sie arbeitet, die sogenannte Manuskriptabteilung. Dort sind mehrere Menschen damit beschäftigt, die täglich zu Hunderten eintreffenden Manuskripte bekannter und unbekannter Autor:innen zu sichten und zu bewerten. Dabei benutzen sie ein einfaches System: ein Quadrat als Symbol qualifiziert das Manuskript als Ausschuss, ein Mond besagt, man könne später eventuell darauf zurückkommen. Und eine Sonne kennzeichnet eine wertvolle Entdeckung.

Nun machte Marie, Mitarbeiterin in dieser Abteilung, eines Tages eine solche Sonnen-Entdeckung und der Verlag veröffentlichte das Buch „Die Zuckerblumen“ eines bis dato unbekannten Autors. Dieser Roman aber wird nun für den Prix Goncourt, den angesehensten französischen Literaturpreis, nominiert. Doch der Autor – oder ist es eine Autorin? – ist unauffindbar. Weiterlesen

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Nita Prose: The Maid: Ein Zimmermädchen ermittelt

Bei diesem Roman darf man sich von Untertitel und Klappentext nicht in die Irre führen lassen. Denn Molly, das titelgebende Zimmermädchen ermittelt mitnichten. Sondern sie wird in einem Mordfall als Täterin verdächtigt und muss, zum Glück mit Hilfe von einigen guten Freunden, ihre Unschuld beweisen. Dabei ist es am wenigsten sie selbst, die ermittelt.

Denn Molly ist Autistin, ohne es selbst zu wissen. Was sie weiß, ist, dass sie anders ist als andere. In Rückblicken lernt man viel über sie, die bei ihrer – wie es scheint ebenfalls autistischen – Großmutter aufwuchs. So beispielsweise wie sehr sie in der Schule gemobbt wurde, wie die Kollegen im eleganten Regency Hotel sie ablehnen und ihr die schwersten Arbeiten zuschustern.

Die Geschichte wird dabei von Molly selbst in Ich-Form erzählt. Das ist durchaus bewundernswert, muss sich die Autorin, deren Debütroman dies ist, doch stark in ihre Protagonistin hineinversetzen. Die Sprache, die Auffassung von ihrer Umwelt, das (fehlende) Verständnis für die anderen Menschen, all das erfahren wir aus der begrenzten Sicht von Molly.

Sie findet eines Tages die Leiche des reichen Hotelstammgasts Mr. Black in seinem Schlafzimmer. Aufgrund der Hinterlist anderer Beteiligter gerät Molly in Verdacht, die Mörderin und darüber hinaus in Drogengeschäfte verstrickt zu sein. Wegen ihrer Naivität und ihrer Gutgläubigkeit verwickelt sie sich immer mehr in die Fälle. Da ihre Großmutter, deren Lebensweisheiten Molly stets parat hat, vor einer Weile verstorben ist, steht Molly ganz allein in der Welt. Doch Hilfe naht. Weiterlesen

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Ronja von Rönne: Ende in Sicht

Einen Roman über den Wunsch zu sterben zu schreiben, ohne zu werten, zu verurteilen und ohne rührselig oder dramatisch zu werden, ist eine Kunst. Diese Kunstfertigkeit hat die noch junge deutsche Autorin Ronja von Rönne, die neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin auch für ARTE und DIE ZEIT arbeitet, in dem vorliegenden Roman unwiderlegbar bewiesen.

Hella Licht, 69 Jahre alte, abgehalfterte Rocksängerin, will zum Sterben in die Schweiz fahren, mit ihrem altersschwachen Passat über die deutschen Autobahnen. Da fällt ihr die 15-jährige Juli vor die Reifen. Sie wollte sich mittels eines Sturzes von der Autobahnbrücke umbringen, hat aber außer ein paar Schrammen und einer Zerrung nichts erreicht.

Hella, permanent damit überfordert, mit einem selbstmordgefährdeten Teenager umgehen zu müssen, nimmt Juli auf ihrer Fahrt mit. Diese erzählt Hella immer andere Schwindeleien, so unter anderem, dass sie zu ihrer Mutter nach Ulm wolle. Weiterlesen

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Anne Mette Hancock: Grabesstern

Man muss sich schon einfühlen in die Protagonistin der Romane von Anne Mette Hancock, die manches Mal doch recht unvernünftig, um nicht zu sagen unlogisch agiert. Aber so sind Journalistinnen vielleicht, jedenfalls die, die in Thrillern die Hauptrolle spielen.

Wie auch in den beiden Vorgängerbänden „Leichenblume“ und „Narbenherz“ dringt auch diesmal Heloise Kaldan, Investigativreporterin in Kopenhagen, in Bereiche vor, die Gefahr für sie und andere bergen. Und wieder wird sie hier unterstützt und begleitet von ihrem guten Freund, Kommissar Erik Schäfer.

Auslöser für die Ereignisse ist ein Artikel, den Heloise über Sterbebegleitung schreiben wollte. Dadurch kam sie in Kontakt mit Jan Fischhof, einem alten Mann, der im Sterben liegt und der ihr zu verstehen gibt, dass sein Gewissen schwer belastet ist. Sie beginnt zu recherchieren, weil sie glaubt, Jan könne nur dann in Ruhe sterben, wenn die Dinge aufgeklärt sind. Weiterlesen

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Romy Hausmann: Perfect Day

Ein Mann wird verhaftet. Völlig unvorhergesehen und zum absoluten Entsetzen seiner Tochter. Der Mann, ein anerkannter Philosoph und Professor, wird beschuldigt, bis zu zwölf kleine Mädchen getötet zu haben.

Ann, die Tochter, wegen des frühen Tods der Mutter vom Vater allein aufgezogen, ist überzeugt, dass es sich um einen Irrtum handeln muss. Sie kann und will nicht glauben, dass ihr Vater ein Mörder sein soll. Doch Walter Lesniak spricht nicht, er äußert sich nicht zu den Vorwürfen, weder gegenüber der Polizei noch gegenüber seiner Tochter.

Nach dem anfänglichen Schock beginnt sie daher, selbst nachzuforschen. Sie beschafft sich die Ermittlungsakten und kommt sehr schnell zu einem Verdacht, wer der wirkliche Mörder sein könnte. In diesen Verdacht verbeißt sie sich regelrecht, verfolgt diese Spur ohne Rücksicht auf Verluste. Und die gibt es: ihre Freundin wird schwer verletzt, sie verliert das Vertrauen in den Anwalt ihres Vaters, sie verliert ihren Job.

Dann begegnet sie Jakob, der ihr seine Freundschaft und Hilfe anbietet. Doch auch er enttäuscht sie, zuerst, dann jedoch wird er ihre Ermittlungen begleiten und unterstützen. Weiterlesen

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