Patric Gagne: Soziopathin: Meine Geschichte

Soziopathin

Wie authentisch kann eine privilegierte Perspektive sein, wenn sie für universell gehalten wird?

„Deine Freunde würden mich wohl als nett bezeichnen. Aber weißt du was?

Ich ertrage deine Freunde nicht.

Ich bin eine Lügnerin. Ich bin eine Diebin. […] Ich bin hochgradig manipulativ.“ (S. 13)

Was, wenn du keine Angst kennst? Kein Mitgefühl, keine Reue – nur innere Leere. In „Soziopathin erzählt Patric Gagne, wie sie genau damit lebt – und was das über uns alle verrät. Keine Gefühle, aber ein scharfer Blick auf eine Welt, die Empathie voraussetzt.

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Henrike Engel: Elbnächte: Die Lichter über St. Pauli

Ein gelungener Auftakt zu einer neuen Dilogie, der uns ins Hamburg des Jahres 1913 führt und uns drei Menschen begleiten lässt, die völlig unterschiedlich sind und dennoch einiges gemeinsam haben. Nicht zuletzt, ein neues, selbstbestimmtes Leben zu beginnen.

Louise, die an der Seite ihres Mannes bislang ein unbeschwertes, sorgenfreies Leben geführt hat, muss plötzlich auf sich alleine gestellt zurechtkommen. In einem Hamburger Nobelhotel wird sie eines Morgens sehr unsanft geweckt mit der Nachricht, ihr Mann sei in der Nacht bei einem Duell ums Leben gekommen. Nach dem ersten Schock allerdings zweifelt Louise an der Wahrheit dieser Mitteilung. Das kann nicht sein. Viktor ist mit all seinen Papieren, Wertgegenständen und ihrem Bargeld verschwunden. Louise ist mittellos. Wie soll es für sie weitergehen? Es bleibt ihr nichts anderes übrig als ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das ist ohne Geld und fremde Hilfe nicht einfach. Ein glücklicher Zufall lässt sie Ella kennenlernen, die in Hamburg „gestrandet“ ist, nachdem ihr eine waghalsige Flucht aus dem Bordell gelungen ist, in dem sie seit Jahren zur Prostitution gezwungen worden war.

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Graham Swift: Nach dem Krieg

Der britische Schriftsteller Graham Swift (Jahrgang 1949) gilt als einer der wichtigsten Autoren der britischen Literatur. Auch auf unserem Buchblog finden sich mehrere Besprechungen seiner Bücher, zuletzt über „Da sind wir“ aus dem Jahr 2020. Am 17. April 2025 hat dtv zwölf neue Erzählungen von Graham Swift unter dem Titel „Nach dem Krieg“ in einer Übersetzung von Susanne Höbel veröffentlicht.

„Nach dem Krieg“

Und schon in der ersten Erzählung „Das Nächstbeste“ versinke ich als Lesende in Graham Swifts wunderbarer Sprache und seinen treffenden Charakterisierungen:

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Antonia Wesseling: Dark Venice Deep Water & Dark Venice Silent Haze

Im ersten Band lernt der Leser Merle kennen, diese kommt für ein Auslandssemester nach Venedig und möchte gleichzeitig auch ein Familiengeheimnis aufdecken. In der Lagunenstadt angekommen, bietet ihr eine junge Italienerin einen Schlafplatz im Casa Nera an, das Hotel hat was Mystisches an sich und die Bewohner verhalten sich recht kühl ihr gegenüber – allen voran der verboten gutaussehende Matteo. Sie ahnt nicht, warum sie ihr gegenüber so kühl sind und dass sie alle ein Geheimnis verbergen. Dennoch verliebt sie sich bald in Matteo, nichts ahnend, was er für eine Last mit sich herumträgt.

Im zweiten Band geht die Geschichte in die nächste Runde, mittlerweile kam ans Licht, was genau die Clique des Casa Neras zu verbergen hatten und sie alle müssen die Konsequenzen nun vor Gericht ausbaden. Merle hätte sich nie gedacht, dass sie sich in Matteo so täuschen konnte, sie dachte echt, sie hätte in ihn den einen Mann gefunden. Nun wird sie plötzlich auch noch in der Uni vor allem gemieden, ihr Leben befindet sich im freien Fall und sie fragt sich, ob sie das Richtige tat. Hierbei darf sie nicht aus dem Blick verlieren, dass sie nicht nur zum Lernen in die Stadt kam …

Spannung, große Gefühle, intensive Handlung und Spice, das alles bekommt man in diesen beiden Büchern geboten. Sie sind nicht unabhängig zueinander lesbar, da sie auf sich aufbauen.

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S. M. Stirling: Das Blut der Schlange

Willkommen zurück in einer Zeit, als die Welt noch grenzenlos weit war, als Heldinnen und Helden diese bevölkerten und dem Bösen Einhalt geboten.

Wir befinden uns im Hyborischen Zeitalter, so in etwa 10.000 vor Christus.

War da nicht was, hatten wir nicht schon einmal von den Stämmen und Recken gehört und gelesen?

Ja, an den Lagerfeuern, damals wie heute, werden die Sagen um die Pikten oder die Stygier erzählt, und oft wird dabei von Abenteuern und Heldentaten von Valeria von der Roten Bruderschaft oder Conan, dem Cimmerier berichtet.

Einst, das hat uns der Barde Robert E. Howard überliefert, trafen die Beiden schon einmal aufeinander. Doch dies war mitnichten das erste Mal, dass sie einander begegneten.

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Marc Raabe: Die Nacht    

Art Mayers Nachbarin ist verschwunden. Dessen Tochter Milla lebt jetzt alleine mit ihrer dementen Großmutter und Art hat sie ins Herz geschlossen. Auf Dauer kann das natürlich keine Lösung sein, früher oder später wird Millas Schule das Jugendamt einschalten und dann wird für Milla nur das Heim bleiben. Aus eigener Erfahrung möchte Art ihr das um jeden Preis ersparen. Deswegen sucht er nach Dana – der Mutter. Als er einen befreundeten Politiker um Hilfe bittet, stößt er sehr viel mehr los, als er ahnen konnte.

Im dritten Band um den eigenwilligen Ermittler Art Mayer und seine Kollegin Nele Tschaikowski hat mich Marc Raabe endgültig überzeugt. Die Geschichte ist von vorne bis hinten durchdacht und durchgängig spannend. Sie spielt in zwei Zeitebenen und beschreibt das Leben von Dana und ihre Mutter, während Dana noch ein Teenager ist und sie in einer Wohnwagensiedlung leben. Eben diese verlassene Siedlung brennt in der Gegenwart ab und Art findet auf der Suche nach Dana einen ermordeten Richter. Nach und nach puzzeln er und der Leser sich zusammen, wie das alles miteinander verbunden ist. Warum verschwand vor Jahren in kleiner Junge von dem Campingplatz, warum wurde er nie gefunden und warum findet sich da in Presse und Akten so wenig darüber. Wer war damals darin verwickelt und warum könnte das mit Danas Verschwinden zusammenhängen. Und wer ist heute hinter Milla her, fotografiert und verfolgt sie?

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Zach Williams: Es werden schöne Tage kommen

Nichts ist so, wie es zunächst scheint. In zehn atemberaubenden Erzählungen lässt Zach Williams das Unheimliche, das Unbewusste, das Unfassbare in den Alltag einbrechen. Seine Protagonisten leben nur scheinbar in geordneten Verhältnissen. In Wahrheit ist jedoch die Welt ein Treibsand. Schnell kann sie einen verschlucken. Hinabziehen in Parallelwelten, alternative Wahrheiten, brüchige Beziehungen. Ein Familienurlaub endet in einer Zeitschleife, ein Unwetter bringt die Bürobeziehungen durcheinander, ein Feld voller ausgegrabener Megalithen gibt Rätsel auf.

Was ist Realität? Sie ist äußerst brüchig in Zach Williams Roman. Sie ist so dehnbar und subjektiv, dass ihr Vorhandensein fast angezweifelt werden darf. Dazwischen immer wieder deutliche Kritik an der modernen Welt. Wenn sogar Disney World verfällt, hat sich der amerikanische Traum ausgeträumt. Lassen Sie sich also von den lieblich klingenden Titel nicht täuschen. Diese Geschichten haben einen Nachgang, der brennt, wie scharfes Chili.

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Martta Kaukonen: Traumatisiert

Maßlos überschätzt & überbewertet – ein Thriller, der sich im eigenen Chaos verliert

„Traumatisiert“ – der Titel passt, allerdings anders als erwartet: Nicht die Figuren, sondern ich als Leserin fühlte mich am Ende traumatisiert – vom Versuch, in diesem konfusen Thriller irgendeine Art von Struktur, Spannung oder Erkenntnis zu finden.

Die Fortsetzung des Bestsellers „Therapiert“ wird als „packend“ angekündigt, was sich bei mir höchstens auf das Zuklappen des Buches bezog. Denn was Kaukonen hier liefert, ist eher ein wirres Kaleidoskop aus Fragmenten, Zeitsprüngen und Pseudo-Twists, die mehr verwirren als fesseln.

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Suzanne Collins: Die Tribute von Panem L: Der Tag bricht an

Dieses Mal geht es um die Spiele von Haymitch Abernathy, der im ersten Band der Panem-Reihe Katniss und Peeta als Mentor beistehen soll und sich als haltloser Säufer erwies. In diesem Band geht es um seine Spiele und sein Schicksal. Es sind die 50. Hungerspiele und dieses Jubiläum soll gefeiert werden. Dem Kapitol fällt da nur ein, einfach die Anzahl der Tribute zu verdoppeln. Und mit einem Schlenker kommt so auch Haymitch zu der Ehre. Er rechnet sich keine großen Chancen aus.

Da es sich bei „Der Tag bricht an“ um ein Prequel handelt, weiß der Leser ja schon manches. Haymitch wird überleben und da Katniss und Peeta die ersten Tribute waren, die zu zweit überlebt haben, wird er auch alleine überleben. Trotzdem ist Suzanne Collins noch einiges Neue eingefallen, ebenso wie sie Altbekanntes einflicht und uns so manchen Protagonisten in früheren Jahren vorstellt. So lernen wir Katniss Eltern kennen, auch den Vater, der zu Kantniss Hungerspielen längst tot war. Neu ist auch der Versuch, in die Arena zu gehen, um sie zu zerstören, um die Hungerspiele ein für alle Mal zu beenden. Wir wissen, dass das nicht gelingen wird, wir wissen aber auch, dass Haymitch gewinnen wird. Die Spannung nährt sich viel aus diesem Widerspruch.

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Katherina von der Lane: Haribo 02: Goldene Zeiten brechen an

Bonn 1938: Die süßen Produkte der Firma Haribo sind mittlerweile weit über die Grenzen Bonns bekannt. Doch früher als gedacht muss Gertrud das Unternehmen nun ohne ihren Mann führen und dabei hilft ihre nun ihre Tochter, die sogar ihre Familie dafür zurückstellt. So gelingt es, das Geschäft auch in den schwierigen Zeiten am Leben zu erhalten, bis die Söhne aus der Kriegsgefangenschaft entlassen werden. Goldene Zeiten brechen an, als der Goldbär das Licht der Welt erblickt.

Das Buch ist in einem sehr flüssigen, gut lesbaren Stil geschrieben, dadurch wird das Gelesene zu einem Film im Kopf. Ich fand es spannend, wie die Familienmitglieder in dieser schweren Zeit zusammen gewachsen sind. So wird es ein Buch voller Mut, Zusammenhalt in schweren Zeiten und Verlust, aber auch eine Geschichte voller Stärke und moralischen Entscheidungen. Ich habe den zweiten Band der Dilogie genauso gerne gelesen wie den ersten, wenn ich den ersten aber dennoch einen Tick besser fand.

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