Ein Novum der Geschichte: Auf Haiti fand die einzige erfolgreiche Sklavenrevolution der Welt statt. Diese führte zur Gründung des ersten unabhängigen Karibikstaates. Dieser Roman erzählt, wie es zwischen 1791 und 1804 dazu kam, dass sich die französische Kolonie Saint-Domingue zur souveränen schwarzen Republik Haiti entwickelt hat, in der Menschen unabhängig von ihrer Hautfarbe dieselben Bürgerrechte erhielten. Dies zu einer Zeit, als die Flotten der Meere Sklaven aus Afrika in alle Welt verschifften. Marie Vieux-Chauvet erzählt von den besonderen Umständen, die dazu geführt haben, aber auch von dem Leid und den vielen Opfern, die dieser Befreiungsschlag gefordert hat. Absolut faszinierend und mitreißend!
WeiterlesenKathrin Lange/Susanne Thiele: Toxin
Der Klimawandel beeinflusst nicht nur unser Wetter. Oder sagen wir es anders: Das Wetter beeinflusst nicht nur unser direktes Wohlbefinden. Überflutungen reißen nicht nur Häuser ein, sondern legen auch Dinge frei, die man vor sehr vielen Jahren leider nicht verbrannte, sondern nur tief vergrub. Auch im auftauenden Permafrost lagern noch Viren und Bakterien, die die Menschheit längst ausgerottet glaubte.
Bei einem Erdrutsch durch auftauende Permafrostböden werden Karibu-Reste freigelegt. Die Herde starb vor vielen Jahren – Jahrzehnten – am Milzbrand und wurde damals einfach tief vergraben. Der Forscher Gereon erkennt in dem gefährlichen Erreger aber auch eine Chance: Er möchte ihn modifizieren und in der Krebsforschung einsetzen.
WeiterlesenDoris Knecht: Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe
Die Ich-Erzählerin in Doris Knechts Roman „Eine vollständige Liste aller Dinge, die ich vergessen habe“ ist Anfang 50, geschieden und alleinerziehende Mutter der Zwillinge Mila und Max. Sie wohnt in einer 150 Quadratmeter großen Wohnung in Wien, die sie sich nicht mehr leisten kann. Die Zwillinge haben eben Abitur gemacht und wollen/sollen ausziehen.
Mila gelingt das mühelos, für Max arrangiert seine Mutter eine WG, gemeinsam mit dem Sohn einer ihrer Freundinnen. Die Protagonistin selbst sucht auch einen neuen Platz für sich und ihren Hund. Einerseits ist sie froh, den alten Ballast loszuwerden, andererseits plagt sie das schlechte Gewissen, weil sie das Nest auflöst. In vielen Rückblenden erfährt der Leser vom eigenen Umzug der Hauptfigur vom Land in die große Stadt, vom Leben in diversen WGs, von gescheiterten Beziehungen und Begegnungen mit Männern, die nie als Lebensmenschen in Frage kamen.
WeiterlesenRené Freund: Wilde Jagd
Saufender Philosoph philosophiert über Philosophen
Wenn ein gelungenes Buch die Erwartungen an weitere Romane eines Autors in die Höhe treibt, ist Enttäuschung vielleicht nicht überraschend. Die Corona-Quarantäne Geschichte „Das Vierzehn-Tage-Date“ von René Freund war unglaublich gelungen, temporeich und witzig. Das kann man von dem vorliegenden Roman leider nicht behaupten.
Ein Philosophieprofessor, der im Haus seiner verstorbenen Eltern einzieht, wird in einen Vermisstenfall hineingezogen. So die Ausgangslage, man könnte also vermuten, es handelt sich um einen Krimi. Besagter Professor, getrennt von Frau und erwachsener Tochter, dem Alkohol mehr zugetan, als gut für ihn ist, den Bewohnern des Dorfes seiner Kindheit fremd geworden, begegnet der Pflegerin Evelina, die den alten Zillner betreut. Nach und nach stellt sich heraus, dass sie ihre Schwester sucht, die vor ihr diesen Posten innehatte und spurlos verschwunden ist. Evelina gelingt es, Professor Quintus Erlach in ihre Recherchen hineinzuziehen, was diesem nicht immer gut bekommt.
WeiterlesenJoan Didion: Play It As It Lays (1970)
Dieser Klassiker spielt im Hollywood der späten sechziger Jahre.
Protagonistin ist die wenig erfolgreiche Schauspielerin Maria Wyeth. Sie ist gefangen und gleichzeitig verloren in der Scheinwelt Hollywoods. In einer Art Marionettenrolle spielt sie einen Part, der sie selbst und ihr Leben so verändert, dass sie die Bodenhaftung zur Normalität verliert. Maria findet nicht heraus, aus der Spirale. Vor allem belastet sie, dass ihre kleine Tochter Kate mit einer geistigen Beeinträchtigung geboren wurde und deshalb weg von ihr, in einer entsprechenden Einrichtung untergebracht ist.
Ihr unstetes Leben ist Falle, Flucht und Fluch zugleich. Die Beziehung zu ihrem Mann Carter liegt in Trümmern. So sucht sie immer wieder Trost in Affären, an denen ihr nichts liegt. Sie umgibt sich mit Menschen, die ihr nichts bedeuten. Sie sucht Trost im Alkohol und macht damit alles nur schlimmer. Sie fährt stundenlang auf der Überholspur des Highways ins Nirgendwo und wieder zurück, während sie sich dabei mit Musik zudröhnen lässt.
WeiterlesenKerstin Gier: Vergissmeinnicht 2: Was bisher verloren war
Am Ende des ersten Bandes hat Quinn mit Mathilda Schluss gemacht und Kerstin Gier den Leser mit diesem Ausgang lange, ganz lange auf die Fortsetzung warten lassen. Zwei Jahre ist es jetzt her, dass wir Mathildas und Quinns erste Begegnung mit dem Saum miterleben durften. Bislang war es nur Quinn, dem es gelang in den Saum zu kommen, diesmal möchte Mathilda ihm folgen und vielleicht hat sie sogar einen Weg gefunden.
Was soll ich sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Allein schon der Gedanke, dass ausgerechnet Mathilda, die aus einer zutiefst gläubigen (um es mal nett auszudrücken) Familie, kommt sich auf Feenwesen, sprechende Wasserspeier und den Saum einlässt, ist genial. Überhaupt Pax. Könnten wir da bitte mal ein Bild von haben, der ist ja an Niedlichkeit kaum zu übertreffen. Und dabei doch – bei aller Flapsigkeit – uralt und auch weise.
WeiterlesenElif Batuman: Entweder / Oder
Der Roman der Bestsellerautorin Elif Batuman trägt den gleichen Titel wie das bekannteste Werk des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard – Eine Entscheidung, die sehr viel über das Buch aussagt, denn originell ist tatsächlich wenig an der Geschichte. Okay, das klingt vielleicht etwas hart, denn gut geschrieben ist der Roman über die junge Harvardstudentin Selin, die mit unerwiderter Liebe, feministischen Debatten und der Komplexität des Erwachsenwerdens zu kämpfen hat.
Auch ist sie als Hauptcharakter mir bis zum Schluss sympathisch gewesen, ihre komplizierte Gefühlswelt und ihre Vorliebe zur Interpretation der Welt durch Literatur. Wer von uns Leseratten kennt nicht das Gefühl, in einem Text Wahrheit zu finden und ihn auf die Realität anzuwenden?
WeiterlesenKai Hensel: Wo ist Valentin?
Das Verschwinden eines Katers löst eine Kettenreaktion aus – spannend, überraschend, anders
Eine ganz ungewöhnliche, immer wieder überraschende Geschichte, voller spannender Figuren und unvorhersehbarer Wendungen.
Der vielbeschäftigte und preisgekrönte Autor erzählt von Valentin, dem wunderschönen grauen Kater. Dieser lebt bei der jungen Lehrerin Katja. Doch eines Tages verschwindet Valentin, kommt abends nicht zurück nach Hause, trotz lockenden Rufens, trotz leckerem Futter.
WeiterlesenMeir Shalev: Erzähl’s nicht deinem Bruder
Eine unvergessliche Nacht erleben die Brüder Itamar und Boas und dies in doppelter Hinsicht: An einem ihrer jährlichen Abende in einem Hotelzimmer, wenn sie viel Alkohol trinken, etwas essen und miteinander reden, weinen und lachen werden auf einmal lang gehütete Geheimnisse geteilt. Eines davon bezieht sich auf ein erotisches Abenteuer, das Itamar erlebte.
Der Autor Meir Shalev (1948 – 2023) wurde anfangs als Fernseh- und Radiomoderator bekannt. Er schrieb Kolumnen für die Nachrichtenseite „Ynet“ und machte später mit seinen Romanen Karriere. 2006 erhielt er die höchste literarische Auszeichnung in Israel, den Brenner Prize. Sein Grad an Beliebtheit und Renommee wird auch darin deutlich, dass Staatspräsident Isaac Herzog in den sozialen Medien schrieb: „Wie schade, dass wir nie wieder gespannt auf ein neues Buch von Meir Shalev sein werden, das erscheinen und unser Leben verändern wird.“
WeiterlesenEmma Cline: Die Einladung
Die US-Amerikanerin Emma Cline (Jahrgang 1989) wurde 2016 für ihr Roman-Debüt „The Girls“ gefeiert. 2021 erschien eine Sammlung ihrer Kurzgeschichten unter dem Titel „Daddy“. Der Carl Hanser Verlag veröffentlichte am 24. Juli 2023 ihren zweiten Roman „Die Einladung“ in einer Übersetzung von Monika Baark.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Alex, ein 22-jähriges Call- bzw. Escort-Girl, verbringt den Sommer mit dem Mitte 50-jährigen Simon in den Hamptons. Sie musste New York verlassen, da sie bei einigen Leuten Schulden hat und andere bestohlen und betrogen hat. Durch Zufall lernt sie Simon kennen, der sie in ihr Sommerhaus einlädt. Simon denkt, sie sei eine orientierungslose Studentin, die sich in New York einleben will.
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