Alessio Guerrini: Im Schatten der Palazzi

Erster Eindruck

Was bietet Alessio Guerrini dem Leser mit ›Im Schatten der Palazzi‹, dem ersten Roman, den er unter diesem Pseudonym schreibt? Einen ebenso spannenden wie sympathischen Kriminalroman sowie einige Kurzkrimis hat er uns unter dem Namen Rudolf Georg schon vorgestellt. Nun ist es ein spannender Krimi vor der malerischen Kulisse San Gimignianos in der Toskana. Eine gelungene Mischung aus Sommer- und Urlaubsgefühlen und dem schaurig-schönen Kribbeln, das einen überfällt beim Lesen über raffinierte Verbrechen, die unblutig sind und die einen nicht selbst betreffen. Der leichtfüßige Schreibstil trägt dazu bei, dass man das Buch nicht aus der Hand legen möchte. Zwischen Zypressen und Palazzi: In der Toskana verschmelzen Kunst, Macht und Verbrechen zu einem mörderischen Spiel.

Inhalt ohne Spoiler

Eigentlich besucht der pensionierte Kriminalbeamte Constantin Schiefer das beschauliche Toskana-Städtchen San Gimigniano, um sich in der Umgebung nach einem Ruhesitz umzusehen. Doch als der Cavaliere Alessandro Conti ihn mit Nachdruck ›um einen Gefallen‹ bittet, wird Constantin in einen Wirbel krimineller Machenschaften hineingezogen um einen Kunstraub, der über zwanzig Jahre in der Vergangenheit liegt, und um die Rivalitäten zweier ›Familien‹. Seine ganze kriminalistische Erfahrung muss er aufbieten, um Gefahr von sich und anderen abzuwenden. Trotz der Hilfe der ehemaligen Gerichtsmedizinerin Elena bleibt es eine Gratwanderung zwischen dem Verlangen der Mafiosi und dem Verschleiern vor der Polizei, sich dem wieder aufgefundenen  berühmten Gemälde ›amorino ridente‹ von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio, zu nähern.

Schreibstil

Liebevoll ausgearbeiteter Lokalkolorit und eingesprenkelte italienische Ausdrücke machen deutlich, dass es sich der Toskanaliebhaber zum Ziel gesetzt hat, seine Leser mit seiner Begeisterung für die italienische Lebensweise anzustecken. Wer auf die Feinheiten des lebendig geschriebenen Romans achtet, wird bestätigen, dass dies gelungen ist. Guerrini lässt seine Leser nicht mit den ihnen vielleicht unbekannten Begriffen allein, vielmehr streut er unauffällig deren Bedeutung ein. Dabei beschränkt er sich nicht auf die Beschreibung italienischer Weine und lokaler Delikatessen, sondern er bringt uns etwa mit der ›bella figura‹ auch einen Teil der südländischen Lebenseinstellung nahe. Seinen Figuren haucht der Autor Leben ein, sie haben einen Charakter und eine Geschichte. Ortsbeschreibungen sind gleichsam farbig und präzise, aber keineswegs nüchtern, denn die Handlung steht im Mittelpunkt. Bei aller Lockerheit lohnt es sich, aufmerksam zu lesen, denn dann kommen auch Details ans Licht wie die persönliche Betroffenheit einer Schlüsselfigur, die Guerrini dezent in einem Nebensatz versteckt und die uns einen Moment innehalten und mitfühlen lässt.

Fazit

Guerrinis ›Im Schatten der Palazzi‹ ist die ideale Urlaubslektüre oder bester Lesestoff für all diejenigen, die nur von Ferien träumen, ein gelungener Mix aus sommerlichem Flair und prickelndem Mitfiebern. Wer die Toskana nicht kennt, lernt sie lieben. Wer die Mafia nicht kennt, kommt ihr näher – ein hochspannendes Lesevergnügen.

Im Schatten der Palazzi von Alessio Guerrini
Gmeiner, April 2026
288 Seiten, Taschenbuch, 15 Euro

Diese Rezension wurde verfasst von Michael Kothe.

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