Xavier-Marie Bonnot: Der erste Mensch

Michel de Palma soll in drei Wochen in den Ruhestand gehen. „… Hunderte von Verhaftungen hatte er miterlebt, … Es waren jedes Mal harte Brüche gewesen. Menschenleben, die an Paragrafen zerschmettert waren.“ (S. 343)

Als der Taucher und Archäologe Fortin bei der Erforschung der Unterwasserhöhle an der Küste der Calanques verunglückt, vermutet die Forschungsleiterin darin einen Angriff mit Todesfolge. Und weil viele Indizien für ihre These sprechen, nimmt de Palma seine Ermittlungen auf. Dabei taucht er tief in die Fachgebiete der Archäologie, Mythologie und Psychiatrie ein.

Wenige Wochen darauf flieht Thomas Autran aus der geschlossenen psychiatrischen Anstalt. Der zu einer lebenslangen Verwahrung Verurteilte sieht an den Umständen des Tauchunfalls ein Zeichen, das auf seine eigene Vergangenheit verweist.

Auch de Palma glaubt an einen Zusammenhang, denn in der Höhle gibt es Handabdrücke, die denen von Thomas Autran ähneln, als dieser seine eigenen als Visitenkarte neben seinen Mordopfern hinterließ.

Ein wertvoller archäologischer Fund und unklare Todesfälle haben de Palmas Augen geöffnet, und er kann nicht mehr wegsehen. Weiterlesen

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Chandler Baker: Whisper Network

Ein Buch zur #MeeToo-Dabatte. Vier Juristinnen in einer Sportbekleidungsfirma in Dallas versuchen Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Doch sind es Männer in Schlüsselpositionen, die ihnen den Aufstieg verwehren, beziehungsweise selbigen von gewissen körperlichen Gefälligkeiten und Äußerlichkeiten abhängig machen. Folge: Bald kursiert in den Büros der Stadt die so genannte „BAD-Liste“ mit den Namen von Männern, die durch übergriffiges Verhalten negativ aufgefallen sind. Jede Frau kann entsprechende Namen eintragen, um andere Kolleginnen davor zu warnen.

Auch die drei Freundinnen Sloane, Ardie und Grace erhalten diese Liste. Dabei haben sie bereits alle Hände voll zu tun, sich als moderne Frau zu behaupten. Ardie ist frisch geschieden und alleinerziehend. Als übergewichtige Mittvierzigerin mit lateinamerikanischen Wurzeln muss sie sich gleich mehrfach mit Vorurteilen auseinandersetzen. Grace hat erst kürzlich ein Baby bekommen und fühlt sich nach der Rückkehr in den Beruf überfordert. In den Stunden, die sie im büroeigenen Stillzimmer mit dem Abpumpen ihrer Muttermilch beschäftigt ist, plagen sie Selbstzweifel. Sloane ist auf perfekte Außendarstellung bedacht. Ein dank Botox und Personal Trainer makelloses Aussehen, ein adretter Ehemann, die Tochter auf der Privatschule, ein ansehnliches Eigenheim, Luxusurlaub und Luxustäschchen… das volle Programm. Doch auch sie hat das Gefühl, ihrem Pensum nicht gerecht werden zu können. Noch dazu wo jüngere, hübschere und top ausgebildete Harvard-Absolventinnen wie Katherine in die Firma drängen. Soll sie diese fördern oder sich von ihnen bedroht fühlen? Weder noch. Schnell wird klar, dass die junge Frau vor allem beschützt werden muss. Denn ihr Chef Ames bekundet großes Interesse an Katherine. Mehrfach scheint er sie in persönlichen Meetings oder bei einem Feierabenddrink in unangenehme Situationen zu bringen. Sloane kennt dieses Spiel um Sex und Macht. Sie hat es selbst hinter sich, als sie vor über 10 Jahren mit Ames eine kurze Affäre hatte. Zu allem Übel kommt heraus, dass Ames nach dem Tod des bisherigen Geschäftsführers zum neuen CEO ernannt werden soll. Damit wäre er unantastbar. Weiterlesen

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Peter Grandl: Turmschatten

Der Neonazi Karl Rieger wurde wegen Erpressung und schwerer Körperverletzung zu drei Jahren Haft verurteilt. Doch schon nach fünfzehn Monaten kommt er wieder auf Bewährung frei. Inzwischen hat sich an seiner Einstellung mehr geändert, als er für möglich hält: Er liebt eine Jüdin. Und da ist noch sein 13-jähriger Schützling Thomas, der wie Karl ungewollt in die rechtsradikale Szene reingerutscht ist und nun dringend Hilfe braucht, um sein Leben noch rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Karls erste Schritte in Freiheit verlaufen jedoch völlig anders als geplant. Dies liegt nicht nur an dem eskalierten Erstgespräch mit seiner Bewährungshelferin, die ihn beim kleinsten Regelverstoß ins Gefängnis zurückschicken will. Kurz darauf erfährt er von seinen Kameraden, zu denen er offiziell keinen Kontakt mehr haben darf, dass für einen Überfall Thomas die Rolle des Lockvogels übertragen wurde. Karl glaubt, nur wenn er sich an der Operation beteiligt, könne er den Jungen beschützen und das Schlimmste verhindern. Doch auch diese Aktion eskaliert und entwickelt sich zu einem medialen Großereignis mit Folgen.

Wer als Regisseur gearbeitet hat und heute als Texter und Drehbuchautor tätig ist, dem darf man blind Können und Handwerk unterstellen. In seinem Debüt zeigt Peter Grandl all dies und noch viel mehr. Was an seinem in jeder Hinsicht gelungenen Thriller auffällt, ist die Kombination von Desastern. Weiterlesen

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Ragnar Jónasson: Dunkel

Eine ungewohnte Heldin in einem nicht ungewöhnlichen Krimi mit einem absolut außergewöhnlichen Ende.

Hulda Hermannsdóttir steht kurz vor ihrer Pensionierung bei der Kriminalpolizei Reykjavik. Sie hadert sehr damit, denn sie weiß mit sich außerhalb ihrer Arbeit wenig anzufangen. Andererseits fühlt sie sich unter ihren Kollegen auch nicht wirklich wohl, sie wird gemobbt, bei Beförderungen übergangen und die Lorbeeren ernten andere. Hulda ist verwitwet und lebt in einer Wohnung in der Stadt, obwohl sie die Natur liebt.

Sie hat gerade einen Fall von Fahrerflucht aufgeklärt, als ihr Vorgesetzter ihr mitteilt, dass sie früher als geplant in den Ruhestand gehen soll, ja , dass ihr Nachfolger bereits bestimmt ist und binnen einiger Tage ihren Schreibtisch übernehmen soll. Nach dem ersten Schock fordert Hulda, wenigstens noch einen alten, ungelösten Fall bearbeiten zu dürfen und bekommt dafür Zeit bewilligt.

Hulda wählt den Fall einer ermordeten russischen Asylbewerberin, den ein Kollege von ihr vor einem Jahr nur oberflächlich und wenig sorgfältig bearbeitet und als Selbstmord abgetan hatte. Sie beginnt ihre Nachforschungen, für die sie keinerlei Unterstützung von Kollegen oder ihrem Vorgesetzten bekommt, in der Asylbewerberunterkunft, in der Elena, die Tote, gewohnt hatte. Weiterlesen

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Gordon Tyrie: Schottensterben: Ein Hebriden-Krimi

Eine skurrile Geschichte mit skurrilem Personal in skurrilem Setting. Doch leider verpufft das Potenzial, das darin steckt.

Gordon Tyrie ist das Pseudonym eines deutschen Krimiautors, der seine Liebe zu Schottland in seinen Romanen zum Ausdruck bringt. Das gelingt ihm in den Landschaftsbeschreibungen auch sehr gut, die Leserin bekommt durchaus ein Gefühl für die herbe, manchmal wenig einladende Landschaft auf den Hebriden.

In einer stürmischen Nacht wird auf der kleinen Insel Gigha eine Leiche angespült. Von den wenigen Bewohnern der Insel werden einige in die Angelegenheit verwickelt, teils freiwillig, meistens aber eher unfreiwillig. Da sind die beiden Frauen Val und Phyllis, Zwillinge Ende Vierzig, die jede auf ihre Weise mit ihren Erinnerungen zu kämpfen hat. Da ist Nicol, der einzige auf der Insel lebende Nicht-Schotte, der immer barfuß läuft und davon träumt, sich ein Boot zu bauen. Da sind der Briefträger Craig, der heimlich Briefe schreibt und der geheimnisvolle Hynch, der von seinem verborgenen Unterstand aus den Leichenfund beobachtet. Und da ist die Kuh Thin Lizzy, die ihren ganz eigenen Blick auf die Welt hat.

Mit der am Strand aufgetauchten Leiche haben sie alle so ihre Probleme, was unter anderem zu dem immer wieder vereitelten Versuch führt, die Leiche irgendwo verschwinden zu lassen. Erst nach und nach klärt sich auf, wer der Tote ist, wie er ums Leben kam und schließlich findet sich auch die Lösung für ihrer aller Probleme. Weiterlesen

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Katrine Engberg: Glasflügel

… Kopenhagen hat eine Liebesbeziehung mit dem Meer. Steht man am Hafen, ist deutlich zu spüren, dass die Stadt am Wasser gebaut wurde … Das Wasser weicht die harten Kanten auf und bringt Leben mit sich, das Wasser spült den Dreck weg.“ (S. 316)

Es gibt selten einen perfekten Zeitpunkt, um eine Mordermittlung zu leiten: Jeppe hat aufgrund seiner Scheidung sein Haus verkauft und wohnt für die Übergangszeit in seinem ehemaligen Kinderzimmer. Seine Mutter freut sich sehr über den Einzug ihres Sohnes und belebt ihre Mutterrolle, die Jeppe wiederum nicht gebrauchen kann. Zur gleichen Zeit stillt seine Kollegin Annette ihre Tochter, die viel schreit und wenig schläft. In der geringen Freizeit leidet die stillgelegte Kommissarin unter Langeweile. Die Ermordung einer Bekannten verleitet sie zu privaten Nachforschungen.

In den nächsten zwei Tagen werden weitere Mordopfer im Wasser abgelegt und kurz darauf gefunden. Recht schnell finden Jeppe und seine Kollegen heraus, dass alle Getöteten in einer ehemaligen psychiatrischen Einrichtung für Jugendliche gearbeitet haben.

Doch die Suche nach Zeugen geht ungewöhnlich beschwerlich voran. Manche können sich nicht mehr genau erinnern, andere Zeugen wollen sich nicht erinnern, oder sind aufgrund ihrer psychischen Erkrankung wenig glaubwürdig. Darüber hinaus sind ehemalige Mitarbeiter und Patienten nicht erreichbar. Jeppe sieht eine Fülle von Informationen und Hindernissen, die auf viele Verdächtige zeigen. Weiterlesen

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Chris McGeorge: Der Tunnel – Nur einer kommt zurück

Seit drei Jahren ist der Autor Robin Ferringham allein, da seine Frau Samantha über Nacht verschwand. Nun erhält er einen Anruf von einem völligen Fremden namens Matthew. Er habe mit Samantha telefoniert und die habe ihn angewiesen, nach Robin zu suchen und ihn um Hilfe zu bitten. Kann es sein, dass Matthew der letzte war, der mit Sam gesprochen hat? Robin ist irritiert, als er hört, dass Matthew des fünffachen Mordes angeklagt ist. In seinem Städtchen gibt es einen Bootstunnel namens Standedge-Tunnel, Englands längsten Kanaltunnel, den er mit seinen fünf Freunden befahren hat. Doch hinten kam nur noch der bewusstlose Matthew wieder raus, von den anderen fünf fehlte jede Spur. Auch Leichen gibt es keine. Was ist damals im Standedge-Tunnel passiert? Robins Neugier ist geweckt und ein wenig hofft er auch, das Rätsel um seine verschwundene Ehefrau lösen zu können.

Chris McGeorges Roman macht bis etwa dreiviertel der Seiten richtig Spaß. Man wird auch viele verschiedene Irrwege geleitet und bekommt immer wieder verdächtige Personen serviert, die möglicherweise am Verschwinden der fünf jungen Menschen beteiligt oder interessiert gewesen sein könnten. Gleichzeitig erhält man ein Gefühl davon, wie Pru, Tim, Rachel, Edmund und Robert getickt haben. Weiterlesen

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Eric Berg: Mörderinsel

„Noch 34 Tage bis zum zweiten Mord“ (S. 9).

Was für ein erster Satz! Wer würde da nicht sofort weiterlesen wollen.

Und das Weiterlesen lohnt sich. Ich habe schon lange nicht mehr so einen gut konstruierten und gut aufgebauten Kriminalroman gelesen. Dabei sind die bisherigen Romane von Eric Berg alle gut, der eine mehr, der andere weniger. Aber wie er hier die Spannung hochhält, wie er die Spuren auslegt und die Leserin immer wieder in die Irre führt, so dass man auf jeder neuen Seite einen neuen Täter in Verdacht hat, das ist schon genial.

Auf der Ostseeinsel Usedom wurde eine junge Frau brutal ermordet. Eine Frau, die jeder kannte und schätzte. Als Mörder vor Gericht steht Holger Simonsmeyer, Hotelier in dem kleinen Dorf, aus dem auch die Tote stammte. Doch er wird freigesprochen. Das Entsetzen im Dorf ist groß, alle dort halten ihn dennoch für den Täter. Außer seiner Frau und seinen Söhnen, die unerschütterlich zu ihm halten.

Dann geschieht ein zweiter Mord und wenig später steht das Haus der Simonsmeyers in Flammen und vier Menschen kommen darin ums Leben. Weiterlesen

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Luca Ventura: Mitten im August

Capri – Sehnsuchtsinsel, Postkartenidylle, Hot Spot der Stars und Sternchen – bildet die Kulisse für diesen Kriminalroman. Normalerweise hat Polizist Enrico Rizzi auf der idyllischen Insel mit ihren 15.000 Einwohnern nicht viel zu tun. Neben der Bearbeitung von kleineren Bagatelldelikten bleibt genügend Zeit, seinem Vater beim Obst- und Weinanbau zur Hand zu gehen und sich nebenbei um seine neue Freundin Gina und deren Tochter zu kümmern. Doch damit ist plötzlich Schluss. Die Leiche eines jungen Studenten der Meeresbiologie wird in einem Boot vor den Felsen von Punta Carena aufgefunden. Von seiner Freundin Sofia Polito fehlt jegliche Spur. Ist sie ebenfalls tot – oder ist sie gar für Jacks Tod verantwortlich? Für die Einwohner ist dieser Mordfall ein Schock, für das touristische Image der Insel nicht gerade förderlich. Der Fall muss schnell aufgeklärt werden! Doch der gemächliche Polizeiapparat auf Capri und kleine Machtspielchen mit der Hauptdirektion in Neapel erschweren die Ermittlungsarbeit. Schließlich zieht Rizzi nicht immer ganz vorschriftskonform auf eigene Faust los…

Geschrieben ist der Roman aus zwei Perspektiven. Zum einen aus Sicht des Polizisten Rizzi, zum anderen aus Sicht der jungen Sofia Polito, der Freundin des Mordopfers Jack Milani. Jack ist der Spross einer wohlhabenden norditalienischen Familie, die ihren Reichtum mit Düngemittel verdient. Doch der aufsässige Umweltschützer Jack hat mit seiner Familie gebrochen. Beim Studium der Meeresbiologie in Genua lernte er Sofia kennen, gemeinsam sind sie für ein Praktikum bei dem charismatischen Professor Taccone auf die Insel Capri gezogen. Denn vor der Küste der Nachbarinsel Ischia versauert der Ozean aufgrund natürlicher Vulkanaktivität. Weiterlesen

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Fabricio Gatti: Der amerikanische Agent: Tatsachenroman

Er nennt sich Simone Pace. Nach dreißig Jahren im Geheimdienst bietet er dem Journalisten Fabrizio Gatti Informationen an. Die Interviews finden natürlich in der Heimlichkeit statt, denn der Italiener leidet unter Verfolgungswahn. Unter anderem. Sein Gewissen leidet unter den erworbenen Einblicken. Sie haben sein Weltbild vollständig verändert.

„… Krieg ist eine ansteckende Geisteskrankheit. Sie verhindert, dass Konflikte durch Worte gelöst werden. Sie befällt die Regierenden und ihre Anhänger. … Die Regierenden, die davon befallen sind, werden … nicht in Quarantäne genommen. … Wenn der Krieg eine … Bevölkerung befällt, nennt man deren Reaktion Verteidigung.“ (S. 273)

Der Journalist und Autor Fabricio Gatti erhielt 2007 den Europäischen Journalistenpreis für seine Recherche als Illegaler, der den Weg nach Europa geschafft hatte. 2008 erschien hierzu sein Buch.

Seinen aktuellen „Tatsachenroman: Der amerikanische Agent“, übersetzt von Friederike Hausmann und Rita Seuß, widmet er allen Opfern politischer Gewalt.

Fabrizio Gatti fokussiert über die Schilderungen des Simone Pace, wie sein Weg als Agent begann und er im Laufe von drei Jahrzehnten Einblicke in die Methoden der CIA gewonnen hat. Seine Handlangerdienste bestanden anfangs aus der Beschaffung von Informationen, die er als Polizist leicht gewinnen konnte. Das schnell verdiente Geld gefiel ihm genauso gut wie die angenehmen Aufgaben. Doch die damit einhergehende, schleichende Abhängigkeit katapultierte ihn bei Mord und Folter in Gewissenskonflikte. Weiterlesen

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