Maxim Leo: Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Michael Hartung, Besitzer einer schlecht laufenden Videothek, wird durch einen Journalisten mit einem (fiktiven) Vorfall konfrontiert, an dem er in den 80er-Jahren beteiligt gewesen war. Damals soll er eine Weiche so gestellt haben, dass ein Zug mit 127 Menschen am Bahnhof Friedrichstraße unbehelligt von Ost- nach West-Berlin fuhr.

Der Journalist möchte daraus zum 30. Jahrestag des Mauerfalls ein Heldenepos schreiben – allerdings hat das Ganze einen Schönheitsfehler: Hartung war damals nur rein zufällig an dem Vorfall beteiligt. Ganz sicher hat er nicht freiwillig 127 Menschen die unverhoffte Flucht in den Westen ermöglicht. Doch solche Feinheiten sind dem Journalisten, der nur seinen Ruhm vor Augen hat, herzlich egal. Das Drama bis hin zu einer Rede, die Hartung im Deutschen Bundestag halten soll, nimmt seinen Lauf. Weiterlesen

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Antoine Laurain: Eine verdächtig wahre Geschichte

Vermutlich mag jeder, der gerne liest und vor allem jeder, der selbst schreibt, Romane, die in Verlagen spielen und das Leben von Autoren und Lektoren zum Thema haben. Daher habe ich auch dieses Buch des Franzosen Antoine Laurain mit großer Freude gelesen, wie auch schon seine früheren Romane.

Hauptfigur in dieser verdächtig wahren Geschichte ist die Lektorin Violaine Lepage. Sie ist ein Star in ihrem Beruf und leitet in dem Verlag, bei dem sie arbeitet, die sogenannte Manuskriptabteilung. Dort sind mehrere Menschen damit beschäftigt, die täglich zu Hunderten eintreffenden Manuskripte bekannter und unbekannter Autor:innen zu sichten und zu bewerten. Dabei benutzen sie ein einfaches System: ein Quadrat als Symbol qualifiziert das Manuskript als Ausschuss, ein Mond besagt, man könne später eventuell darauf zurückkommen. Und eine Sonne kennzeichnet eine wertvolle Entdeckung.

Nun machte Marie, Mitarbeiterin in dieser Abteilung, eines Tages eine solche Sonnen-Entdeckung und der Verlag veröffentlichte das Buch „Die Zuckerblumen“ eines bis dato unbekannten Autors. Dieser Roman aber wird nun für den Prix Goncourt, den angesehensten französischen Literaturpreis, nominiert. Doch der Autor – oder ist es eine Autorin? – ist unauffindbar. Weiterlesen

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Imogen Crimp: Unser wirkliches Leben

Intensiv, modern, psychologisch – eine Lovestory wie das Extrakt aus einer Künstlerseele. Imogen Crimps glühendes Romandebüt ist eine fesselnde Liebesgeschichte mit tiefgründigen, psychologischen Aspekten über eine Beziehung mit ungleichen Machtverhältnissen, über Obsession, Geld und Verlangen. Die bittersüße Amour fou in die sich die junge Opernsängerin Anna und der Bankier Max verlieren, wird modern erzählt.

Wenn man mich neben verschiedene Männer hält, nehme ich ihre Farbe an. Werde mehr wie sie und weniger wie ich.“ (S. 440)

Die Protagonistin Anna passt weder in die Welt der angehenden Opernstars noch ins Leben ihres Liebhabers und hat ständig das Gefühl, sich verstellen zu müssen. Dabei beschreibt die Autorin diese Zerrissenheit und die Disbalance zwischen Männern und Frauen mit feinsinnigem Gespür. Imogen Crimp selbst hat für kurze Zeit Operngesang an einem Londoner Konservatorium studiert.

Ich wagte zu denken, also war es gut?, und dann, als der Applaus anhielt, wie eine Welle, die nicht abebbt, sondern immer weiter rollt, wuchs in mir die Gewissheit, ja, es war gut. Es war sogar verdammt gut.“ Weiterlesen

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Doris Dörrie: Die Heldin reist

Von Odysseus zu Spider Man, es gibt jede Menge Geschichten über männliche Heldenreisen. Die Frau ist diejenige, die zuhause wartet oder errettet werden muss. Ein Mann, unabhängig unterwegs, ist ein Entdecker und Wegbereiter. Eine Frau, allein reisend, ist einsam, in ständiger Gefahr und ohne echtes Ziel. Schluss mit diesem Schubladendenken! Deutschlands Starregisseurin und Autorin Doris Dörrie leitet mit diesem Buch einen Perspektivenwechsel ein. Sie lässt uns Leser ganz unmittelbar an ihren eigenen Eindrücken vom Reisen teilhaben. Herausgekommen ist ein kluges, sehr persönliches Buch, in dem uns Dörrie nach San Francisco, Japan und Marrakesch entführt. Auf kluge, unterhaltsame Art, macht dieses Buch (nicht nur Frauen) Lust, den Koffer zu packen und einfach losziehen. Denn auf Reisen gibt es immer etwas zu lernen. Vor allem über sich selbst.

Frauen auf Reisen erzählen anders. Weg vom Ego, hin zu den Besonderheiten ringsum. Aber können diese Geschichten auch erfolgreich sein? „Momentaufnahmen der puren Aufmerksamkeit von Augenblick zu Augenblick: Darin könnte eine ganz andere Art verborgen liegen, die Welt wahrzunehmen und über sie zu berichten. Eine fragmentarischere, aber unter Umständen wahrhaftigere und sogar poetischere Erzählung als das ewige Narrativ von Aufbruch, Kampf und Rettung.“ (S .33) Weiterlesen

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Véronique Olmi: Die Ungeduldigen

Die französische Dramatikerin und Schriftstellerin Véronique Olmi (Jahrgang 1962) wurde im südfranzösischen Nizza geboren und lebt in Paris. Ihre Theaterstücke und Romane erhielten mehrere Preise und wurden positiv besprochen. Der Aufbau Verlag veröffentlichte am 14. Februar 2022 Olmis Roman „Die Ungeduldigen“, den Claudia Steinitz ins Deutsche übersetzte.

Aix-en-Provence in den 1970er Jahren: die Familie Malivieri wartet auf die Rückkehr der Tochter Hélène, die am Ende der Sommerferien von Onkel David und Tante Michelle Tavel aus Neuilly nahe der Hauptstadt Paris zurück kommt. Hélène, die mittlere der drei Schwestern Malivieri verbringt, seit sie drei Jahre alt geworden war, jede Ferien in Neuilly. Ihr Vater Bruno ist Lehrer an einer Privatschule, die Mutter Agnès kümmert sich um die Töchter und den Haushalt. Das Leben in Aix en Provence ist einfach, das in Neuilly wohlhabend. Dort hat Hélène ihr eigenes Zimmer und einen Dackel namens Caprice. Agnès’ Schwester Michelle hatte mit David Tavel in die Großbourgeoisie eingeheiratet. Hélènes ältere Schwester Sabine träumt von Paris und von der Schauspielerei. Mariette, die jüngste der Schwestern, leidet unter schwerem Asthma und hustet jede Nacht. Weiterlesen

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Martin Suter: Einer von euch: Bastian Schweinsteiger

Martin Suter schätze ich seit „Small World“ als Autor guter Geschichten. In seinem aktuellen Buch wagt er sich mit der Romanbiografie von Bastian Schweinsteiger auf neues Terrain. Von letzterem wusste ich bis vor kurzem gerade mal, dass es ihn gibt, irgendwas mit Fußball und ich hätte ihn weder optisch noch faktisch von zum Beispiel Stefan Effenberg – auch ein Fußballer mit langem Namen – unterscheiden können. Die große Frage ist, ob es dem Autor gelingt, mir einen Menschen nahezubringen oder wenigstens zu erklären, dessen Leben, obwohl wir uns im gleichen Land befinden, mit meinem augenscheinlich nichts gemeinsam hat.

Um es kurz zu machen: Es ist gelungen – sowohl das Nahebringen als auch das Erklären. Aber so richtig zufrieden bin ich nicht.

Gleich zu Beginn stellt sich ein Gefühl von Vertrautheit ein. Ich lese von Kindheitserlebnissen, Familienunternehmungen, von kleinen Ängsten und großen Freuden und von behütetem Aufwachsen. Die Eltern erkennen das sportliche Talent und geben ihm Raum. Weiterlesen

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Djaimilia Pereira de Almeida: Im Auge der Pflanzen

Kapitän Celestino, der ehemalige Pirat, verlässt die Meere und zieht in das Haus seiner verstorbenen Mutter. Was ihn erwartet, ist alles andere als einladend. Das leerstehende Gemäuer und der verwahrloste Garten haben schon lange keine pflegende Hand mehr erlebt, und dann sind da noch die Nachbarn, die von seiner gewalttätigen Vergangenheit wissen. Einige von ihnen planen, den gefährlichen Kapitän bei der ersten Auseinandersetzung aus dem Dorf zu vertreiben. Doch mit Celestino gibt es keinen Ärger. Hinter der hohen Hecke beginnt er mit den Instandsetzungsarbeiten. Irgendwann ist aus dem Garten eine blühende Oase und aus dem ehemaligen Piraten ein Gärtner geworden.

„Die Pflanzen sahen den Gärtner so, wie Pflanzen sehen. Sie empfanden keine Dankbarkeit. […] Ihnen war es egal, ob ein Mörder sich um sie kümmerte, ob die Hände […] schmutzig waren und was vor der Liebe gewesen war, die er ihnen schenkte. […] die Pflanzen lebten und starben ungerührt.“ (S. 48)

Djaimilia Pereira de Almeida wurde 1982 in Luanda, Angola, geboren. Sie promovierte in Literaturtheorie und schreibt für Zeitschriften und Magazine. Bisher erhielt sie verschiedene Preise und Auszeichnungen. Weiterlesen

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Susanne Fröhlich: Heimvorteil

Jutta und Klaus sind ein typisches mittelständisches Ehepaar. Sie kennen einander seit der Realschule, haben ein Haus gebaut und drei Kinder bekommen. Klaus hat sich als Elektriker selbstständig gemacht, betreibt eine kleine Firma, Jutta arbeitet bei „Lidl“ an der Kasse und bringt es sogar zur stellvertretenden Filialleiterin. Urlaub wird, wenn überhaupt, nur in Dänemark gemacht, weil es Klaus dort so gut gefällt. Grundsätzlich wird aber jeder Euro umgedreht. Man muss das Haus abbezahlen. Probleme gibt es nicht, weil man einfach nicht über sie spricht und worüber man nicht spricht, das existiert auch nicht.

Jutta ist mit der Situation nicht unzufrieden. So ist es eben in ihrem Leben. Es gibt Üblere als Klaus, ihre Ehe verläuft „befriedigend“ und „sehr gut“ hält Jutta für eine Illusion made in Hollywood. Sie fügt sich in die Gegebenheiten, nimmt sich selbst zurück, damit das Familiengefüge funktioniert. Die Dinge gehen ihren Gang, bis Klaus mit 58 aus heiterem Himmel ein Herzinfarkt aus dem Leben katapultiert. Jutta trottet noch zehn Jahre benommen den von Klaus rhythmisierten Alltag weiter, wie ein Rädchen, im Gesetz der Trägheit gefangen. Dann aber erkennt sie nach und nach, sie hat keine Freunde, kein Hobby. Weiterlesen

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Bergsveinn Birgisson: Antwort auf den Brief von Helga

In diesem kleinen Roman liest man den Brief eines alten Isländers  an eine Frau, die er sein ganzes Leben lang geliebt und dennoch allein gelassen hat. Der Rückblick des Protagonisten Bjarni ist nicht nur ein bewegendes Bekenntnis, sondern gleichsam ein Fenster in eine Natur- und Lebenswelt mit bescheidenen, archaischen Strukturen, die ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten fordern.

Nur kurz hat Bjarni Gíslason die Liebe zu Helga physisch erfahren. Die restliche Zeit hängt er seinen Erinnerungen und Träumen nach. Erst jetzt, da er alt ist und sein Leben gelebt hat, wird ihm in dem Brief an Helga bewusst, was er durch seine inkonsequente Haltung versäumt hat. Doch wie hätte er, der einfache Bauer und Schafzüchter das auch anstellen sollen, wo er doch mit Unnur verheiratet gewesen war. Vor langer Zeit waren Helga und er sich beim Schafabtrieb näher gekommen. Danach gierte er nach jeder Möglichkeit, die unbeschwerte Helga wieder zu treffen. Das gelang recht gut, denn in seiner Funktion als Fütterungsbeauftragter konnte er Helgas Hof, wie auch alle anderen in der Umgebung, ganz offiziell aufsuchen. Weiterlesen

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Bolu Babalola: In all deinen Farben: Love Stories

Scheherazade will sich nicht binden. Doch dann trifft sie im Haifischbecken ihrer Branche auf einen Mann, der sie sieht, durchschaut und versteht. Sie beginnt zu hoffen: Kann aus dem Du und dem Ich ein Wir werden? Tausendundeine Nacht vergehen …

Psyche arbeitet in der Moderedaktion der Zeitschrift Olymp und trinkt Latte Macchiato mit fettfreier Sojamilch. Sie lässt sich von ihrer Chefin Venus Lucius durch die Gegend scheuchen und hofft darauf, endlich zeigen zu können, was in ihr steckt. Und dann ist da noch Eros, der Playboy, der ungeniert mit ihr flirtet, ohne es ernst zu meinen – zumindest ist Psyche davon überzeugt.

Attem ist die jüngste Ehefrau des Königs, hat sich aber bereits den Platz als Hauptfrau gesichert. Selbstbewusst nimmt sie sich von anderen Männern, was ihr der tattrige Gemahl nicht geben kann. „Sobald sie seine Grundbedürfnisse gestillt hatte, konnte sie sich um ihre eigenen kümmern.“ (Kapitel Attem). Dabei reizt sie die Unverbindlichkeit der Arrangements, die sie mit Hilfe ihrer Dienerin Affiah in einer versteckten Höhle genießt. Bis Ituen in ihr Leben tritt.

Locker, ideenreich und nie oberflächlich kleidet die Autorin Bolu Babalola Mythen und alte Geschichten aus Kulturen rund um die Welt in ein neues Gewand. Im Mittelpunkt steht die Liebe. Weiterlesen

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