Warsan Shire: Haus Feuer Körper

Warsan Shire: Bless your ugly daughter
Gesegnet sei deine hässliche Tochter
[…]
behind each ear, her body is a body littered/ with ugly things/ but God,/ doesn’t she wear/ the world well.
[…]
hinter jedem Ohr/ verbirgt sich ein Geflüchtetenlager, ihr Körper ist übersät/ mit hässlichen Dingen,/ doch bei Gott,/ steht ihr die Welt nicht gut?

HAUS FEUER KÖRPER, im Original „Bless the Daughter Raised by a Voice in Her Head“ ist der erste große Gedichtband der somalisch-britischen Autorin Warsan Shire. Die Lyrikerin schreibt in knapp fünfzig Gedichten über Krieg, Flucht, Frau und Tod. Manchmal über all das zugleich. Und wollte ich es kurzhalten, dann würde ich einfach das vorangegangene Zitat wählen und sagen: Genau so. Genau so.

Nur würde ich euch damit ziemlich frustriert wieder aus dieser Rezension entlassen. Was also fasziniert mich an speziell diesen Zeilen? Sie sind wie der Gedichtband selbst: Schmerzhaft und hässlich zum Teil Niemand setzt seine Kinder in ein Boot, es sei denn das Wasser ist sicherer als das Land, aber wunderschön zugleich Ich werde dieses ganze Leben neu schreiben und dieses Mal wird es so viel Liebe geben,/ du kannst gar nichts anderes mehr sehen. Doch was genau ist hässlich und wie gehen wir, die wir diesen Text lesen, weiß und deshalb privilegiert, damit um? Weiterlesen

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Ljudmila Ulitzkaja: Medea und ihre Kinder

Ein wunderschöne Familiensage, welche die komplizierten Verflechtungen osteuropäischer Geschichte greifbarer macht. Am Beispiel der Krim zeigt die russische Autorin, wie jahrhundertelang Vertreibung, Neuansiedlung und Völkervermischung zu einem multikulturellen Konglomerat verschiedenster Nationen und Religionen geführt hat. Mittendrin die Hauptfigur, gleichzeitig das Herzstück der Geschichte: die im Jahr 1900 geborene Medea Sinopli. Sie hat griechische Wurzeln. Neben den Griechen gehörten auch die Esten, Deutschen, Genuesen sowie die Krimtataren zu den ursprünglichen Bewohnern der Halbinsel. Bevor diese vertrieben und durch Bewohner aus Zentralrussland ersetzt wurden. Ihre riesige Patchwork-Familie verkörpert Zusammenhalt und Weltoffenheit. Probleme gibt es wie in jeder Familie zuhauf. Von Selbstfindungskrisen über Eifersucht bis hin zu Untreue und persönlichen Schicksalsschlägen. Doch sind diese stets menschlicher Natur und haben nichts mit Politik oder Religion zu tun. Dies macht die Prosa der vielfach ausgezeichneten Autorin zum Mahnmal und Hoffnungsträger zugleich.

„Den besten Ausblick der Welt hatte man von Medeas Abort.“ (S. 27) Daneben hat Medeas Datscha auf der Krim noch einiges mehr zu bieten. Kein Wunder, dass ab April Medeas weit ihre verzweigte Verwandtschaft bei ihr einfällt, um dort nacheinander die Sommerferien zu verbringen. Medea, deren Ehe mit einem jüdischen Arzt kinderlos geblieben war, heißt ihre Brüder und Schwestern, Neffen und Nichten herzlich willkommen. Weiterlesen

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Kai Meyer : Die Bücher, der Junge und die Nacht

Wenn es nicht vermessen wäre, müsste man diesen Roman mit den Büchern des großen Carlos Ruiz Zafón vergleichen.

Nun ist Leipzig nicht Barcelona und Kai Meyer sicher nicht Ruiz Zafón, doch atmosphärisch wie auch thematisch muss sich dieses Buch nicht hinter denen des Spaniers verstecken.

Dieser fesselnde Roman, der auf drei Zeitebenen spielt und eine faszinierende Geschichte erzählt, ist mystisch, dramatisch, spannend, philosophisch und historisch fundiert. Im Mittelpunkt steht die Liebe zu Büchern.

Robert Steinfeld betritt im Jahr 1971 zusammen mit der befreundeten Bibliothekarin Marie die riesige Büchersammlung des Max Pallandt. Dieser ist Spross der ehemals Leipziger Verlegerfamilie Pallandt, mit denen auch das Schicksal von Roberts Vater Jakob eng verbunden war. Diese tragische Beziehung zwischen den reichen Pallandts und dem idealistischen Buchbinder Jakob Steinfeld beginnt im Jahr 1933. Weitere 10 Jahre später wird der kleine Junge Robert aus dem brennenden, von Bomben zerstörten Leipzig gerettet, nachdem er sein ganzes bisheriges Leben eingesperrt und einsam hatte verbringen müssen. Weiterlesen

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Javier Marías: Tomás Nevinson

Der spanische Schriftsteller Javier Marías ist tot. Er starb überraschend am 11. September diesen Jahres kurz vor seinem 71. Geburtstag. Zur Frankfurter Buchmesse erschien sein letzter Roman „Tomás Nevinson“ am 21. September 2022 im S. Fischer Verlag. Susanne Lange hat ihn aus dem Spanischen übersetzt. „Tomás Nevinson“ bildet nach eigenen Aussagen von Javier Marías ein „Paar“ mit dem 2019 veröffentlichten Roman „Berta Isla“.

Tomás Nevinson, ehemaliger Geheimagent des britischen Geheimdienstes und Ehemann der Spanierin Berta Isla, soll seinem Ex-Chef Bertram Tupra einen Gefallen tun. Der wiederum wurde seinerseits von einem Mitglied des spanischen Geheimdienstes um einen Gefallen gebeten. Es geht um eine ETA-Terroristin, die seit Jahren untergetaucht ist und 1987 an Anschlägen der baskischen Untergrundorganisation beteiligt war. 1997 gibt es Hinweise, die auf drei Frauen in einer Provinzstadt im Nordwesten Spaniens deuten. Nevinson soll dort als Englischlehrer, Miguel Centuríon, herausfinden, welche der drei die Terroristin ist, sie überführen oder gar ausschalten. Letzteres deutet Marías schon mit seinem ersten Satz an:

„Ich wurde nach alter Schule erzogen und hätte nie gedacht, dass man mir eines Tages auftragen würde, eine Frau umzubringen.“ (S. 9) Weiterlesen

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Goliarda Sapienza: Die Kunst der Freude

Der Blick der jungen Frau auf dem Buchumschlag ist schwer zu deuten. Ich sehe Entschlossenheit ebenso wie Nachdenklichkeit, wohl auch eine Spur von Resignation. Das Foto zeigt die italienische Autorin Goliarda Sapienza, deren Bücher zu Unrecht in Vergessenheit geraten waren. Sie stammt aus Catania auf Sizilien und war als Theaterschauspielerin und Drehbuchautorin berühmt, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Ihr Hauptwerk L’arte della gioia – Die Kunst der Freude – jedoch blieb zu ihren Lebzeiten unveröffentlicht. Die Lebensgeschichte von Modesta, einer Frau, die selbstbestimmt handelt, Männer und Frauen liebt und die Suche nach persönlichem Glück und Selbsterkenntnis über alles stellt, fand keinen Verleger. Erst der Umweg über Deutschland und Frankreich brachte dem Buch die verdiente Anerkennung.

Goliarda Sapienza hat in ihrem Roman vielmals eigenes Erleben verarbeitet. Auch Modesta wächst in Sizilien auf und verbringt einen großen Teil ihres Lebens in bzw. in der Nähe von Catania. Goliardas Eltern waren linke Intellektuelle und ihre Mutter gehörte zu den ersten Frauenrechtlerinnen Italiens. Das harmonische Zusammenleben der Patchwork-Großfamilie mit Modesta als Familienoberhaupt fand sein Vorbild sicher auch in Goliarda Sapienzas Kindheit inmitten ihrer Stiefgeschwister. Weiterlesen

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Ingrid Noll: Tea Time

Ooops… i did it again! Niemand mordet so beiläufig, amüsant und abgeklärt wie Ingrid Nolls Protagonistinnen. Da macht auch ihr neuester Roman keine Ausnahme. Ruckzuck laufen aberwitzige Alltagssituation aus dem Ruder und die (Anti-) Heldinnen improvisieren mit drastischen Maßnahmen. Das liest sich einfach rundum köstlich! Erst recht, wenn Noll in „Tea Time“ ihre sechs Protagonistinnen mit derart aberwitzigen Marotten ausstattet. Fransenfimmel, kokonartige Schlafrituale, das Deuten von „Wolkenhoroskopen“ oder das Bedürfnis, in fremde Häuser einzudringen: Die Freundinnen haben nicht umsonst den „Club der Spinnerinnen“ gegründet.

Schon seit Jahrzehnten zeigt die deutsche Autorin Ingrid Noll, dass Krimis wunderbar ohne Blut, Gemetzel oder Psychosen auskommen. Ihre Werke überzeugen durch Köpfchen und Charme. Und einer hinreißenden Beobachtungsgabe für die kleinen Absurditäten des Alltags, die jede Menge unvermuteten Sprengstoff bieten. So auch in diesem Fall… Weiterlesen

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Monika Helfer: Vati

Monika Helfers Familienchroniken sind eine Extraklasse für sich. Kein Wunder, dass die aus dem Bregenzerwald stammende Autorin in den letzten Jahren Dauergast auf den Shortlists diverser Buchpreise war und 2021 den Schubart-Literaturpreis für „Die Bagage“ gewonnen hat. Während jener Roman das Leben ihrer Großeltern in den Bergen beleuchtet, denen die Kombination aus Armut, Schönheit und einem fatalen Gerücht beinahe zum Verhängnis wird, schildert „Vati“ das Leben ihrer Mutter (dem scheinbaren Bastard) und dem Mann, den Sie heiratet – dem titelgebenden Vater. Dieser Mann prägt die Autorin bis heute, nicht nur weil sie von ihm die Liebe zur Literatur vererbt bekam. Der Vater ist eine von Widersprüchen gekennzeichnete Person und dabei gleichzeitig ein Sinnbild für eine Generation sinnsuchender Männer nach dem Zweiten Weltkrieg. Ein Roman, leise und liebenswert und dabei doch kraftvoll und wuchtig zugleich!

Der Vater stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Jede Nacht muss das Wasser in den Schalen aufgegossen werden, in denen die Bettfüße stehen, damit kein Ungeziefer unter die Decken krabbelt. Früh zeigt der Vater jedoch besondere Geistesgaben, vor allem seine Liebe zur Literatur, die durch einen Gönner gefördert wird. Später verliert der Vater im Zweiten Weltkrieg ein Bein, gewinnt aber eine Frau. Monika Helfers Mutter hat im Kriegslazarett gearbeitet. Eine „Versehrtenliebe“. Nach ihrer Hochzeit ziehen sie zunächst auf den ärmlichen Hof der Bagage, später erhält der Vater einen Posten als Leiter eines Kriegsversehrtenheims oben auf der „Tschengla“, wo der Berg ruft, die Luft sauber und die Idylle perfekt ist. Weiterlesen

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Julian Barnes: Elizabeth Finch

Neil, ein Student, der sich bereits in seinen 30ern befindet, ist völlig fasziniert von seiner Professorin Elizabeth Finch. Sie ist nicht nur eine Dozentin alter Schule, sondern „antiquierter Schule“, wie es einmal im Buch heißt. Sie trägt festes Schuhwerk und redet druckreif und ausgesprochen geist- und kenntnisreich über das Altertum.

Ihre Studenten sind ihr entweder vollkommen hörig, wie Neil, oder lehnen sie rundheraus ab.

Elizabeth Finchs besonderes Interesse gilt der Heiligen Ursula, die angeblich im 4. Jahrhundert gemeinsam mit 11.000 Jungfrauen bei Köln hingerichtet worden ist, und dem letzten heidnischen Kaiser Roms, Julian Apostata. Der hat ebenfalls im 4. Jahrhundert versucht, das Christentum zurückzudrängen. Sie stellt Fragen wie: Wie hätte sich die Welt entwickelt, wenn ihm das gelungen wäre?

Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte ein gewisses Grundinteresse an solchen Themen, aber auch an philosophischen und religiösen Fragestellungen allgemein haben. Weiterlesen

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Karen Duve: Sisi

Einen Roman über „Sisi“, Kaiserin von Österreich-Ungarn, zu schreiben, ist eine mutige Sache. Karen Duve hat sich dieser Herausforderung gestellt, unzählige Originaldokumente durchforstet und eine unglaublich akribische Recherche betrieben. Das hat sich gelohnt. Insbesondere drei Personen stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Zum einen ist das Elisabeth selbst, strahlendes Zentrum des Geschehens. Des Weiteren ihre Nichte Marie Louise Baronesse Wallersee, fast genauso schön, genauso schlank und eine besessene Reiterin wie ihre Tante. Außerdem gibt es noch die Hofdame Marie Festetics. Sie verehrt Elisabeth abgöttisch. Es geht viel ums Reiten und um die Jagd in diesem Buch. Beides von Elisabeth tatsächlich exzessiv betrieben. Es wird skizziert, wie skrupellos sie ihre unvergleichliche Schönheit einsetzt, wie sie Ehen arrangiert, die ohne Widerspruch eingegangen werden müssen und wie sie dabei sogar ihre eigene Tochter Gisela verschachert. Ihre Angst vor dem Alter ist ein ständiges Thema und die Beziehung zu Franz Joseph, der alle ihre Eskapaden bezahlt. Elisabeth wird suggestiv, manipulativ und absolut empathielos gezeichnet.  Ihr Wille ist Befehl. Weiterlesen

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Celeste Ng: Die verschwundenen Herzen

Bird ist 12 Jahre alt. Er lebt mit seinem Vater in Havard. Vor 3 Jahren hat seine Mutter sie verlassen und seitdem ist die Welt nicht besser geworden. Eines Tages erhält Bird einen geheimnisvollen Brief von ihr und macht sich auf die Suche in einer Welt, die leider nicht so furchtbar weit von unserer entfernt ist.

Als Bird gerade erst geboren war, setzte sich in den USA die Meinung durch, die chinesische Wirtschaft sei schuld daran, dass man in Amerika nicht mehr so richtig zu Potte kommt. Nach und nach übertrug man „schlechte chinesische Wirtschaft“ auf „schlechte chinesische Menschen“ und warf dabei fröhlich alle Menschen asiatischer Herkunft in einen Topf. Nach nunmehr 10 Jahren ist dabei eine Welt voller Angst und Misstrauen herausgekommen. Birds Mutter, eine Dichterin, ist Asiatin und auch ihm ist die teilasiatische Herkunft anzusehen. Sein Vater musste aus dem früher bewohnten Haus ausziehen und lebt mit Bird in einer winzigen Wohnung, jeden Tag voller Angst, seine Vergangenheit könne ihm zum Verhängnis werden und er seinen – schlechten – Job und Bird verlieren. Weiterlesen

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