Heidi Sævareid: Am Ende der Polarnacht

Heidi  Sævareid (Jahrgang 1984) ist eine norwegische Autorin, die bislang dreimal für ihre Jugendromane für den Bragepreis nominiert war. „Am Ende der Polarnachtist ihr erster Roman für Erwachsene. Man merkt, dass sie weiß, wovon sie schreibt. – Der Roman spielt in der Zeit von 1957 und spiegelt die detailgetreuen Schilderungen der Landschaft und des Lebens in Spitzbergen.

Vor allem der Winter fordert viel von den Menschen, die in der dunklen Polartundra leben, ab. So ist es nicht verwunderlich, dass eine junge Frau wie die zugereiste  Protagonistin Eivor, immer wieder mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Nicht nur, dass Eivor ihre gewohnte Umgebung in Oslo mit ihrem Bekannten- und Freundeskreis – vertraute Menschen, die ihr in der kalten Fremde fehlen,  hinter sich gelassen hat. Neue Kontakte zu knüpfen fällt hier nicht leicht. Dass die Bewohner Spitzbergens ein besonderer Menschenschlag sind, bekommt Eivor schnell zu spüren.   Zum Glück gibt es die Huskyhündin Jossa, die Eivor einen gewissen Halt gibt.

Das so gänzlich andere Leben im hohen Norden wird immer wieder zu einer Herausforderung für die junge Frau. Wie es sich tatsächlich lebt  mit Temperaturen von minus 30 Grad und wie es sich anfühlt, die Insel im Winter nicht verlassen zu können, konnte sie sich zuvor nicht richtig vorstellen. Weiterlesen

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Dai Sijie: Die lange Reise des Yong Cheng

Der in Frankreich lebende chinesische Autor Dai Sijie ist 2001 durch seinen später auch verfilmten Roman „Balzac und die kleine chinesische Schneiderin“ bekannt geworden. In seinem neuesten Werk „Die lange Reise des Yong Sheng“ widmet er sich dem Leben seines Großvaters, der zum ersten christlichen Pastor der chinesischen Stadt Putian wurde.

Es gibt einige schöne Stellen in diesem Buch – zum Beispiel wenn der kleine Yong Sheng im strömenden Regen seiner Lehrerin Mary Gummistiefel hinterherträgt oder wenn er später als Pastor ein riesiges Arche-Noah-Fresko auf ein Gebäude malt.

​Aber insgesamt ist dieser Roman eine Enttäuschung. Vielleicht liegt das daran, dass der Autor zu viel in ihn hineinpackt. Er hastet durch so viele Stationen im Leben seines Helden, dass sie zwangläufig an der Oberfläche bleiben müssen. Der ganze Roman wirkt wie eine Aneinanderreihung einzelner Episoden, nicht aber wie ein geschlossenes Ganzes. Weiterlesen

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Thorsten Körner: Die Kanzlerin am Dönerstand

Vermutlich gibt es bereits unzählige Bücher über Angela Merkel und sehr wahrscheinlich werden im Laufe der nächsten Jahre noch viel mehr dazukommen. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses hier etwas Besonderes ist und bleiben wird.

Torsten Körner, der mir durch sein Buch „In der Männerrepublik“ bekannt wurde, das ich letztes Jahr lesen durfte, legt hier etliche spannende, unterhaltsame, hintergründige Miniaturen aus dem Leben unserer inzwischen Alt-Kanzlerin vor.

Der Autor ist nicht erst durch sein oben genanntes Buch und den inzwischen dazu entstandenen Film bekannt geworden. Er ist Schriftsteller, Journalist, Kritiker und Dokumentarfilmer. Und eines kann ich sagen: er kann verdammt gut schreiben.

Wir erleben Angela Merkel im vorliegenden Buch nicht nur am Dönerstand, wo sie ganz und gar unprätentiös ihr Essen bestellt und mit dem Ladeninhaber einen Plausch hält. Torsten Körner zeigt uns die Frau hinter der Kanzlerin, zeigt uns ihre Geschichte, erklärt, wie sie wurde. Woraus sie ihre Kraft zieht, wo ihre Wurzeln liegen. Und vor allem erfahren wir bei der Lektüre dieser Streiflichter, was diese Frau auch zu ertragen hatte, insbesondere am Anfang ihrer Karriere in der BRD, in der CDU, inmitten all der Alpha-Männer. Weiterlesen

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Elena Ferrante: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Elena Ferrante und Neapel gehören seit ihrer „Neapolitanischen Saga“ einfach zusammen. Auch „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen spielt sich in Neapel ab. Die Plätze und Straßen, in denen die Handlung angesiedelt ist, sind auch diesmal nicht erfunden, sondern in der süditalienischen Stadt ganz nach Ferrante-Manier auffindbar.

In den Neunziger Jahren ist die junge Protagonistin Giovanna dreizehn Jahre alt. – Ein Lebensabschnitt, in dem alles im Umbruch ist. Es sind nicht nur ihre körperliche Veränderungen, mit denen Giovanna sich auseinandersetzt. Sie hinterfragt viel, so auch das Verhalten der eigenen Eltern. Das Mädchen, das eine behütete Kindheit hatte und deren intellektuelle Eltern auf eine gute Bildung ihrer Tochter bedacht sind, rebelliert. Sie zeigt keine Interessen mehr an der Schule und macht sich mit Minderwertigkeitsproblemen das Leben schwerer als es ist. Sie nimmt Kontakt auf zu ihrer Tante Vittoria, einer Schwester ihres Vaters, die von ihren Eltern seit jeher gemieden wird. Vittoria lebt quasi in einer ganz anderen Welt, aus der Giovannas Vater sich einst mit viel Fleiß herausgekämpft und die er regelrecht aus seinem Leben herausradiert hat. Weiterlesen

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Carmen Maria Machado: Das Archiv der Träume

Das Traumhaus steht in Bloomington, Indiana, am Rande der Stadt, am Rande einer Wiese, neben dem Wald. Das Traumhaus ist Liebe, ist Leidenschaft, Glück, ist Vorwurf, Schuldzuweisung, Drohung. Es ist ihr Haus, sie hat es bezogen und nie richtig eingeräumt. Sie hat Liebe gegeben und Demütigungen, war zärtlich und unberechenbar.

Die amerikanische Autorin Carmen Maria Machado erzählt ihre eigene Geschichte. Erzählt von ihrer Beziehung zur Frau aus dem Traumhaus, welche zum Albtraum wurde. Diese Frau wird nie mit Namen genannt, sie ist immer nur „sie“. Sie ist schön, wirkt zerbrechlich und stark, sie ist die Traumfrau und ihre Liebe ist wie ein Wunder. Am Anfang besteht das Leben aus Lachen, gutem Sex und Leichtigkeit. Der Abgrund öffnet sich nur langsam, ist zunächst ein schmaler Spalt, über den sich mühelos springen lässt. Es gibt Streit, Eifersüchteleien, Kontrollversuche, später Hasstiraden, Beschimpfungen, manchmal Zärtlichkeiten.  Am Ende ist der Abgrund unüberbrückbar und lockt mit einem Sog aus Schuldgefühlen und Vermeidungsstrategien. Weiterlesen

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Naomi Fontaine: Die kleine Schule der großen Hoffnung

Der deutsche Titel des schmalen Büchleins klingt ein wenig gefühlsbetont, er kann in die Irre führen. Denn es geht nicht um eine nette, kleine Schule, in der große Hoffnungen Wirklichkeit werden. Der Originaltitel „Manikanetish, Petite Margerite“ indessen verweist auf den Namen einer Schule im Indianerreservat Uashat, rund neunhundert Kilometer nordöstlich von Montreal, wo der Sankt-Lorenz-Strom in den Atlantik mündet. Die Schule wurde Manikanetish genannt, kleine Marguerite, zum Gedenken an eine zierliche Frau dieses Namens, die Dutzende elternlose und schwierige Kinder aufgezogen hat.

Als Ich-Erzählerin Yammie ein kleines Mädchen war, zog die Mutter mit ihr fort nach Québec, weg vom Reservat der Innu, in ein besseres Leben. In Québec war Yammie eine Fremde, dunkelhäutig unter den Weißen. Sie hat studiert und ist Lehrerin geworden. Nach dem Studium will sie zurück nach Uashat. Sie möchte ihren Schülerinnen und Schülern nicht nur Französisch beibringen, sondern auch, wie man sich selbst findet. „Ich würde den Schülern mit fester Stimme von meinem Studium erzählen und davon, warum ich Lehrerin geworden war. […] Ich würde ihnen nicht erzählen, was ich alles aufgegeben hatte. […] Und ich würde nicht auf Innu zu ihnen sprechen. Weil ich Schwierigkeiten mit der Grammatik hatte und den Akzent einer Weißen.“ (Zitat Kapitel „Das Unbekannte“) Weiterlesen

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Lisa Jewell: Was damals geschah

Zugegeben, es gab am Anfang mehrere Momente, wo ich den Roman weglegen wollte. Es kam keine Spannung auf, die aus drei Perspektiven erzählte Geschichte nahm zu langsam Fahrt auf. Vor allem bei einer der Perspektiven erschloss sich sehr lange nicht, worum es eigentlich geht.

Doch dann packt einen die Story, die so abgedreht ist, so aberwitzig und vor allem so viele unerwartete Twists hat, dass man definitiv niemals ahnt, worauf es hinausläuft.

Zwar sind manche Cliffhanger etwas sehr bemüht, manche Grusel- oder Schockmomente etwas zu aufgesetzt, aber die Geschichte selbst ist sehr spannend und fesselnd. Dabei ist es nicht mal die eigentliche Hauptfigur, die die Handlung trägt. Libby nämlich, die zu ihrem 25. Geburtstag Post vom Rechtsanwalt erhält und erfährt, dass sie ein Haus geerbt hat. Ein sehr wertvolles Haus, das aus ihr über Nacht eine reiche Frau macht.

Doch das Haus birgt eine abstruse, sehr verworrene Geschichte. Darin kommt Libby als Baby vor, die nun, mit Hilfe eines Journalisten, diese Geschichte herausfinden will. Die Handlung, die sich vor Libbys Geburt in dem Haus zutrug, erfahren wir aus dem Mund eines der Beteiligten, Henry, der uns die Ereignisse in Ich-Form schildert. Die beiden anderen Blickwinkel sind Libby und Lucy, eine Mutter von zwei Kindern, die obdachlos ist, vom Geigenspiel lebt und nun auch zurückkehren will in das Haus in London. Weiterlesen

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Gianfranco Calligarich: Der letzte Sommer in der Stadt

„Der letzte Sommer in der Stadt“ von Gianfranco Calligarich ist im Original bereits 1973 erschienen und hat sich in Italien seither zu einer Art Kultroman entwickelt. Literaturzirkel diskutieren ihn, Studenten schreiben Seminararbeiten über ihn. Nun ist er endlich auch auf Deutsch erschienen.

Der Roman erinnert ein wenig an langsam erzählte und melancholische Filme von Visconti oder Fellini, in denen die Atmosphäre wichtiger ist als die Handlung – hier die in einem heißen Sommer im Süden Europas Anfang der 1970er-Jahre. Man raucht und trinkt zu viel, kann sich vor Hitze kaum bewegen und schaut den Frauen hinterher. La Dolce Vita. Auch Vergleiche mit Hemingway („Fiesta“ zum Beispiel) ließen sich ziehen.

​Zur Handlung: Leo Gazzarra, der aus Mailand stammt, lebt in Rom in den Tag hinein. Er hat kein Geld und kann sich nur schwer zu einer geregelten Arbeit aufraffen. Außerdem hat er ein Alkoholproblem. Dann lernt er bei Freunden die umwerfende Arianna kennen, und es ist um beide geschehen. Weiterlesen

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Marieke Lucas Rijneveld: Mein kleines Prachttier

Sein sexuelles Begehren nach dem Mädchen artet immer hemmungsloser aus, seine strategische Verführung ist skandalös.

Nein, es geht nicht um Nabokovs „Lolita“. Aber Marieke Lucas Rijnevelds neuer Roman weist gewisse Parallelen hierzu auf.

Er, der namenlose Protagonist ist ein neunundvierzigjähriger Tierarzt, der auf dem Milchhof ihres Elternhauses ein und aus geht. Er kennt sie schon als kleines Mädchen, sieht sie heranwachsen, gewinnt ihr Vertrauen und das des Vaters und ihres Bruders.

Das Mädchen wächst ohne Mutter auf dem Hof auf, in dem der Veterinär eine Vertrauensstellung genießt und schon fast wie zur Familie gehört. Sie hat sich zurechtgefunden mit dem von Männern und dampfenden Kühen besetzten Zuhause. Die Kühe sichern ihre Existenz. Alles dreht sich um die schweren Tiere, um ihre Euter, Ausscheidungen, Schleim und Blut, ihre Brünstigkeit, ihr Gebären und Sterben, um Kälberflechte oder Kalziummangel. Da bleibt kein Platz für die Empfindsamkeiten und Selbstfindungsprozesse eines Mädchens. Dafür flüchtet sie sich in ihre Phantasiewelten. Als Heranwachsende ist ihre Weltanschauung morbide, besetzt von einer Weltuntergangsthematik mit 9/11, traurigen Gedichten, Songtexten, Siegmund Freud und Hitler. Der Tierarzt ist einer, bei dem sie sich verstanden fühlt, mit dem sie über alles diskutieren kann. Weiterlesen

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Einar Már Gudmundsson: Hundstagekönig

Jörgen Jörgensen kommt 1780 in Kopenhagen als Sohn eines Uhrmachers zur Welt. Anders als von seinem Vater gewünscht, hat Jörgensen wenig Interesse daran, dessen Beruf zu übernehmen. Seine Träume bewegen sich Richtung Abenteuer: Er möchte hinaus in die Welt und Seefahrer werden.

Schließlich erlaubt ihm sein Vater, auf einem britischen Schiff anzuheuern, als er 15 Jahre alt ist, wohl in der Hoffnung, sein Sohn würde die Freude an strapaziösen Seereisen schnell verlieren. Doch dem ist nicht so: Jörgensen bereist in den folgenden Jahren die ganze Welt. Ein sehr bewegtes Leben schließt sich an, dass ihn unter anderem in das eine oder andere Gefängnis führt und für einige Monate sogar zum König von Island macht.

Von diesem sogenannten „Hundstagekönig“ erzählt uns Einar Már Gudmundsson in seinem gleichnamigen Roman. Gudmundsson ist isländischer Autor aus Reykjavik und hat seit 1980 diverse Bücher veröffentlicht, von denen einige auch ins Deutsche übersetzt worden sind.

Nun bedient sich Gudmundsson also einer Figur, die real existiert hat und stützt sich dafür nicht nur auf Jörgensens eigene Aufzeichnungen, sondern auf zahlreiche andere Quellen, in denen der König von Island Erwähnung findet. Weiterlesen

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