Willi Achten: Rückkehr

Jakob kehrt in das Dorf in den Bergen zurück, in dem er aufgewachsen ist. Dort muss vor vielen Jahren etwas Schlimmes vorgefallen sein. Jakob und seine Freunde setzten sich damals gegen einen gewissen Bolltner zur Wehr, der aus der unberührten Natur ein modernes Skigebiet machen wollte.

Willi Achtens Roman „Rückkehr“ ist für den Leser ein langes Tappen im Dunkeln. Erst im letzten Viertel des Romans erschließt sich, was damals vorgefallen ist. Es ist eine langsam erzählte Geschichte, die immer wieder von Natur- oder Landschaftsbeschreibungen ausgebremst wird, aber andererseits dadurch eine zur Bergwelt, in der der Roman spielt, stimmige Atmosphäre aufbaut.

​Als „archaisch“ ließe sich wohl die Grundstimmung dieses Textes beschreiben. Die Natur ist übermächtig, und die Menschen, die in ihr leben, sind etwas maulfaul und in sich gekehrt. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Grégoire Delacourt: Die wärmste aller Farben

Ob man einen Roman mag oder nicht, hängt ja oft davon ob, ob man die Hauptfiguren mag oder nicht. Bei dem vorliegenden Buch des französischen Bestseller-Autors bin ich deswegen hin und her gerissen. Denn die eine Hauptfigur beginnt man zu lieben, während die andere einfach nur abstoßend, unsympathisch ist.

Die Handlung spielt zur Zeit der Gelbwesten-Proteste in Frankreich. Pierre engagiert sich dabei an vorderster Front – wobei der Begriff Front hier tatsächlich wörtlich zu verstehen ist. Denn es hat den Anschein, als wähne sich Pierre im Krieg. Mit jedem und allen.

Mit seiner unversöhnlichen, aggressiven Art der Demonstration verdirbt er es sich nicht nur mit seinen Mitstreitern, vor allem verprellt und vergrellt er damit seine Familie. Louise, seine Frau, Krankenschwester auf der Palliativstation eines Krankenhauses, leidet mit jedem der Kranken mit, die sie versorgt. Sie leidet an Pierre und sie leidet an Geoffroy, ihrem Sohn.

Der ist 13 Jahre alt und Autist. Damit kommt Pierre überhaupt nicht klar. Seit das erkannt wurde, zieht er sich immer mehr von Frau und Kind zurück. Louise hingegen liebt ihren Sohn, so wie er ist. Und Geoffroy liebt Djamila. Sie ist etwas älter als er und die Einzige, die in der Schule zu ihm hält. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Elisa Aseva: Über Stunden: Posts

„Über Stunden“ ist eine scharfzüngige und schwindelerregend feinsinnige Lektüre, die gleichsam wachrüttelt und fasziniert. Das Buch ist viel mehr als nur Posts, Prosaminiaturen und gesammelte Lyrik, denn zwischen den Zeilen ihrer ehrlichen, zum Teil politischen Statements und poetischen Alltagsbeobachtungen funkelt die Glut. Ja, Glut kann funkeln, wenn sie von Elisa stammt, dieser starken modernen Frau.

Im Kern geht es jedoch auch um ihre Erfahrungen als Woman of Color in Berlin. Dabei fängt sie eine rohe Wahrheit ein, die so persönlich und gleichzeitig so universell ist. Sie schreibt in einem lebhaften, coolen Stil und zeigt sich nur im Ungesagten verletzlich.

Mit einer guten Prise Humor und Ironie seziert sie poetisch Themen wie Rassismus, Klassenunterschiede, Gentrifizierung, Beziehungen und das Virus. Sie nimmt uns als Leser* an die Hand und lässt uns durch ihr Kaleidoskop in ihre Welt blicken. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Henning Ahrens: Mitgift

Greta Derking war bis vor kurzem die Totenfrau eines kleinen niedersächsischen Dorfes. Sie wurde gerufen, wenn es galt, einen Verstorbenen herzurichten – zu frisieren, zu maniküren und zu kleiden, bevor er seinen letzten Weg antritt. Nun im Alter fühlt sie sich dieser Aufgabe nicht mehr gewachsen. Als ihr Nachbar, der einflussreiche Bauer Wilhelm Leeb, vor ihrer Tür steht und sie um ihre Dienste bittet, will sie zunächst ablehnen. Leeb, der sie vor vielen Jahren geheiratet hätte, wenn sie eine Mitgift in die Ehe hätte einbringen können. Als sie erfährt, wer der Tote ist, erklärt sie sich schließlich bereit.

Henning Ahrens erzählt die Geschichte der Familie Leeb über mehrere Generationen, Episoden aus vergangenen Jahrhunderten, detaillierte Schilderungen aus den letzten Jahrzehnten und kehrt immer wieder zurück zu jenem Augusttag im Jahre 1962, an dem Wilhelm Leeb an die Tür von Greta Derking klopft.

Die Leebs hatten sich im Laufe der Jahrhunderte einen kleinen Wohlstand erarbeitet, sie haben allen Widrigkeiten getrotzt. Es galt, das Familienerbe zu wahren, dafür war kein Opfer zu groß. Ahrens schreibt von Traditionen und Verpflichtungen. Über allem Geschehen liegt ein Schatten von Unbehagen, von stetiger Unzufriedenheit. Es wird selten gelacht. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Abdulrazak Gurnah: Das verlorene Paradies

Abdulrazak Gurnah (Jahrgang 1948) erhielt 2021 den Literatur-Nobelpreis. Geboren im Sultanat Sansibar (Afrika) ist er emeritierter Professor für englische und postkoloniale Literatur an der Universität von Kent (UK). Seine Bücher schreibt Gurnah in englischer Sprache.

Die Originalausgabe von „Das verlorene Paradies“ erschien schon 1994 unter dem Titel „Paradise“. Der Penguin Verlag veröffentlichte am 8. Dezember 2021 eine Neuauflage des Romans.

Abdulrazak Gurnah erzählt in „Das verlorene Paradies“ die Geschichte des Jungen Yusuf in Deutsch-Ostafrika, heute Tansania. Ende des 19. Jahrhunderts wird er mit zwölf Jahren von seinen Eltern dem Kaufmann und Händler Aziz als Pfand für nicht bezahlte Schulden des Vaters überlassen. Dieser nimmt Yusuf von Kawa mit in die Stadt am Meer. Für „Onkel Aziz“ arbeitet er fortan in einem kleinen Laden und im Garten von Aziz’ Haus. Der etwas ältere Khalil, der das gleiche Schicksal wie Yusuf erlitt, nimmt ihn unter seine Fittiche. Es ist die Zeit in Ostafrika, in der arabische und indische Männer die Handelsgeschäfte dominieren. Die Frauen versorgen Kinder und Haushalt. Doch auch die zukünftige deutsche Kolonialherrschaft wirft ihre Schatten voraus. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Dani Atkins: Bis zum Mond und zurück

Es sind immer wieder schwere, berührende Themen, die sich diese Autorin für ihre Romane wählt. Diesmal schildert sie die Emotionen von Menschen, die durch eine Organtransplantation eine Beziehung zueinander fühlen.

Lisa, geliebte Frau von Alex und liebende Mutter des kleinen Connor, stirbt bei einem entsetzlichen Unfall. Bevor Alex die Tragweite des Unglücks richtig erfassen kann, erfährt er, dass seine Frau als Organspenderin registriert ist. Obwohl er im ersten Reflex damit gar nicht einverstanden ist, lässt er die Transplantationen zu. Und nimmt etwas später, entgegen den Ratschlägen der zuständigen Organisation, Kontakt zu den Organempfängern auf.

Schließlich begegnen sie sich sogar, mit gemischten Gefühlen und voller Angst. Molly, die Grundschullehrerin, die das Herz von Lisa bekommen hat, Barbara, Mac und Jamie. Vor allem zu Molly fühlt sich Alex sehr hingezogen, ja er meint, die Liebe, die Lisa für ihn empfand, müsste mit ihrem Herzen in Molly übergegangen sein. Auch der kleine Connor, der unsäglich unter dem Verlust seiner Mummy leidet, hängt nach kurzer Zeit sehr an Molly. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Rachel Hawkins: Die Verschwundene

Jane arbeitet als Hundesitterin im gut situierten Wohnviertel Thornfield Estates. Durch einen Zufall lernt sie während eines Hundespaziergangs den verwitweten Eddie kennen. Die beiden verlieben sich und nach kurzer Zeit zieht Jane zu Eddie in dessen Villa.

Ziemlich schnell wird klar, dass sowohl Eddie als auch Jane einiges zu verbergen haben. Aus Andeutungen erfährt der Leser, dass Jane wohl unter falschem Namen in Thornfield arbeitet und vor ihrem vorherigen Leben mehr oder weniger auf der Flucht ist. Und auch Eddies Vergangenheit birgt Unklarheiten: Seine Frau Bea kam bei einem Bootsausflug gemeinsam mit ihrer besten Freundin ums Leben, ihre Leiche wurde allerdings nie gefunden.

Rachel Hawkins, ehemalige Lehrerin aus den USA, liefert mit „Die Verschwundene“ ihren ersten Roman für ein erwachsenes Publikum. Ihre bisherigen Werke für jugendliche Leser konnten sich über vordere Plätze auf der New-York-Times-Bestsellerliste freuen. Durch die „Hex-Hall“-Reihe über ein Internat für junge Hexen erreichte sie auch internationale Bekanntheit. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sophie Cousens: Unsere Zeit ist immer

Als ich das Buch das erste Mal in meinen Händen gehalten habe, hat mich die goldglitzernde Reliefschrift des Covers wunderschön angefunkelt.

„Unsere Zeit ist immer“ handelt von Minnie und Quinn, die beide zur selben Zeit am Neujahrstag kurz nach Mitternacht im selben Krankenhaus zur Welt gekommen sind. Dabei verdrängte Quinn sie um wenige Minuten und gewann somit den Geldpreis als erstes Baby Londons in 1990. Aber erst an ihrem dreißigsten Geburtstag lernen sich die beiden kennen. Im Laufe der Story erfahren wir nach und nach, wie oft sich ihre Wege zuvor fast gekreuzt hätten.

Minnies Lebensweg wird hartnäckig von ihrem „Geburtstagsfluch“ (selbsterfüllende Prophezeiung) beeinflusst, der tief in ihrem Unterbewusstsein verwurzelt ist und sie somit aktiv alle Fettnäpfchen in ihr Leben zieht, in die sie dann unausweichlich hineinstolpert. Quinn hingegen ist ein Goldjunge, der mit dem silbernen Löffel im Mund geboren wurde.

Auf den 496 Seiten wird dem Leser* so viel geboten und man kann das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Anne Gesthuysen: Wir sind schließlich wer

Ihren Roman „Wir sind doch Schwestern“ habe ich sehr gemocht. Er hatte Tiefgang, die Figuren waren authentisch, nachvollziehbar. Das kann man leider von dem neuen Roman von Anne Gesthuysen nicht sagen.

Dennoch habe ich ihn verschlungen, denn unterhaltsam ist er gleichwohl. Doch bleibt er durchweg seicht, auf Groschenheft-Niveau. Das liegt nicht nur an den adeligen Protagonisten, die wie aus der Zeit gefallen wirken. Die Figuren sind oberflächlich, flach, ohne Kontur, ohne Profil. Sie wirken wie fehlbesetzte Schauspieler, die mit ihrer Rolle fremdeln.

Worum geht es: Anna von Betteray ist frisch angekommen in einer Kleinstadt am Niederrhein, übernimmt dort vertretungsweise die Stelle des Pfarrers. Die Gemeinde macht es ihr nicht leicht, ihr, der jungen Frau, die den alten beliebten Pfarrer ersetzen soll. Viele dichten ihr alle möglichen und unmöglichen Geschichten an, die Gerüchteküche im Ort brodelt.

Das insbesondere, als ihre Schwester Marie in dramatische Ereignisse verwickelt wird. Ihr Mann wird wegen Cum-Ex-Geschäften verhaftet und viele weitere böse Geheimnisse werden aufgedeckt. Dazwischen agieren noch die dünkelhafte Mutter von Anna und Marie sowie die allwissende 90-jährige Großtante. Und selbstredend tauchen auch noch attraktive Kommissare, Tischler und andere Figuren auf. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sofi Oksanen: Hundepark

Olenka sitzt in einem Park in Helsinki, als sich eine fremde Frau neben sie setzt. Sie fühlt sich gestört, denn sie wartet darauf, dass eine bestimmte Familie auftaucht. Eine Familie, zu der Olenka eine ganz besondere Beziehung hat, der sie sich jedoch nicht zu erkennen gibt. Sie vermutet, dass die Frau ein Gespräch über die Hunde beginnen möchte, aber ihre Banknachbarin bleibt zunächst stumm.

Als Olenka sie genauer anschaut, wird ihr bewusst: Hier geht es nicht um Hunde. Es geht um die Vergangenheit, um Kinder, um gegebene und zerstörte Leben und um Rache. Daria hat sie gefunden – als Erste, aber nicht als Letzte.

Stück für Stück setzt die vielfach ausgezeichnet Autorin finnische Autorin Sofi Oksanen das Leben ihrer Protagonistin zusammen, macht ihre Zerrissenheit zwischen verschiedenen Welten greif- und erlebbar. Zwischen Ost und West, zwischen Reich und Arm, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: