Alexa Hennig von Lange: Die karierten Mädchen

Die karierten Mädchen: Jene fesch im karierten Dirndl auflaufenden jungen Frauen erhalten im Waisenhaus Oranienbaum eine Hauswirtschaftsausbildung, bekochen und beaufsichtigen die kleinen Bewohner. Zwar versucht die junge Lehrerin Klara, ihren Schützlingen Individualität beizubringen, doch steht dies im größtmöglichen Gegensatz zu den Lehren des Nationalsozialismus. Hier soll die Frau dem Führer vor allem reinrassige deutsche Kinder schenken. Und die Dirndl? Nun ja, der Führer liebt Bayern und sein Kehlsteinhaus bei Berchtesgaden.

Die 93-jährige blinde Klara beginnt, die verdrängten Ereignisse ab 1929 auf Kassetten aufzusprechen. Nicht einmal ihre vier Kinder wissen vom dunklen Fleck ihrer Vergangenheit. Als junge Frau in Oranienbaum ist sie noch voller Träume. Beseelt von dem Gedanken den verwaisten und kranken Kindern eine bessere Zukunft zu bieten. Und den jungen Hauswirtschafterinnen aufzuzeigen, dass es für sie eine selbstbestimmte Zukunft abseits von Hochzeit und Unterwerfung geben kann. Doch ein Ereignis bringt die pflichtbewusste Klara dazu, die Regeln zu brechen. Weiterlesen

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Alex Capus: Susanna

Es sind mit der Zeit schon einige Romane von Alex Capus, die ich gelesen und sehr gemocht habe. Sie sind meist vielschichtig, ruhig und doch spannend. Oft haben sie auch einen historischen Hintergrund.

Dies gilt auch für seinen neuen Roman „Susanna“, der die Geschichte der Susanna Faesch (1844-1921, Künstlername Caroline Weldon) erzählt, einer in der Schweiz geborenen Malerin, die als Jugendliche mit ihrer Mutter nach Amerika auswandert. Zu einer Zeit voller Umbrüche und Wandlungen. Elektrizität und Dampfkraft nehmen an Bedeutung zu, die Städte verändern sich gravierend und im Westen der USA gibt es immer wieder heftige Kämpfe zwischen den neuen Siedlern und den verschiedenen Indianerstämmen.

Susanna ist schon als kleines Mädchen eigenwillig, beginnt doch der Roman damit, dass sie als Fünfjährige einem Kutscher ein Auge aussticht. Ihre Mutter ist eine sehr stille Frau, die sich streng an Konventionen hält, dann aber doch die Trennung von ihrem viel älteren Mann sucht. Unter Zurücklassung der drei Söhne, nur mit Susanna, reist sie nach Amerika und lebt dann dort zusammen mit einem anderen Mann, den sie erst durch ihren Ehemann kennenlernte. Weiterlesen

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Amélie Nothomb: Ambivalenz

Dominique lernt Claude auf der Terrasse ihres Lieblingscafés kennen. Er spricht sie an und lädt sie auf eine Flasche Champagner ein. Sie ist verunsichert und misstrauisch, als er ihr versichert, sie sei die Frau, nach der er schon immer gesucht habe. Ihr Misstrauen bleibt, ihre Eltern hingegen sind verzückt über den charmanten jungen Mann mit besten Manieren, der sich zudem als erfolgreicher Firmengründer vorstellt. Schließlich willigt sie gegen ihr Bauchgefühl in die Verbindung ein.

Das junge Paar zieht nach Paris. Dort entwickeln sich Claude Geschäfte prächtig und doch will sich das Eheglück nicht so recht einstellen. Claude erweist sich als launisch und unberechenbar. Nach der Geburt des ersehnten Kindes bleibt sein Verhalten rätselhaft.

Am Ende schließt sich der Bogen in mehrfach überraschender Weise, aber das wird hier nicht verraten. Weiterlesen

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Romy Fölck: Die Rückkehr der Kraniche

Grete Hansen lebt mit ihrer betagten Mutter Wilhelmine auf einem aufgelassenen Bauernhof in der Elbmarsch. Sie ist in ihrem ganzen bisherigen Leben nicht von dort weggekommen. Erst musste sie als Alleinerziehende für ihr Tochter Anne da sein, dann die schwächer werdende Mutter unterstützen. Ihr Vater ist ertrunken, als sie vier Jahre alt war. Ihren Unterhalt verdient Grete als Angestellte des Naturschutzbundes. Unter allen Vögeln, die sie beobachtet und betreut, haben es ihr besonders Kraniche angetan.

Als Wilhelmine eine Herzmuskelentzündung bekommt und es gesundheitlich nicht gut um sie steht, kehren auch Gretes Tochter Anne und ihre Schwester Freya auf den Hof zurück. Die Mutter will nicht im Krankenhaus bleiben. Die vier Hansen-Frauen sehen sich nun unter einem Dach mit der sterbenden Wilhelmine und der Bewältigung ihrer eigenen Probleme konfrontiert, denn jede von ihnen hat ein Geheimnis. Es gibt einiges aufzuarbeiten. Alle vier holt die Vergangenheit ein. Sie müssen versuchen, einander gegenüberzutreten, Geständnisse abzulegen, Verkrustungen aufzubrechen, Wege zueinander zu finden. Weiterlesen

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Natascha Bub: Ein Bild von einer Frau

Ein kesses junges Mädchen, von seinen Fähigkeiten überzeugt, geht eine Wette ein mit einem bekannten Verleger. Das ist der Ausgangspunkt dieses Romans, der auf wahren Ereignissen beruht.

Zugrunde liegt dem Roman die Geschichte von Inge Schönthal, einer jungen deutschen Fotojournalistin, die ein weltbekanntes Foto von dem berühmtesten Schriftsteller der Welt macht. Es geht um Hemingway, in dessen Haus auf Kuba die junge Frau 1953 auftaucht, auf der Jagd nach einem noch nicht dagewesenen Fotomotiv.

Soweit die Tatsachen. Natascha Bub macht daraus einen Roman, ihre Heldin heißt Insa Schönberg. Nachdem sie mit dem Verleger Ledig-Rowohlt gewettet hat, reist sie über New York und Miami nach Havanna, auf den Spuren Hemingways. Der lebt auf Kuba zurückgezogen, mürrisch, unhöflich, duldet die ungezähmte, freche junge Frau aber in seinem Haus. Immer wieder versucht sie ihn dazu zu bringen, für ein Foto bereitzustehen, doch er weicht ihr stets aus. Weiterlesen

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Maren Wurster: Eine beiläufige Entscheidung

Die Autorin Maren Wurster (Jahrgang 1976) hat nach „Das Fell“ (2017) und „Papa stirbt, Mama auch“ (2021) ihr drittes Buch mit dem Titel „Eine beiläufige Entscheidung“ geschrieben. Es erschien am 22. August 2022 bei Hanser Berlin im Carl Hanser Verlag.

Lena hat ein Baby bekommen. Konrad, der kleine Junge, ist ein unzufriedenes, schreiendes kleines Kind. Lena ist überfordert. Robert, der Vater des Kindes, ist keine Hilfe. Lena beschließt, ihr Baby zu verlassen und flüchtet sich in die Hütte von Roberts Eltern. Dort versteckt sie sich im Wandschrank und wartet darauf, dass ihr Milchfluss versiegt. Sie phantasiert fiebrig.

Konrad lebt in einem Internat für verhaltensauffällige Kinder. Er ist wütend, selbstzerstörerisch und einsam. Nur Una, sein ehemaliges Kindermädchen, und der Mitschüler Kaspar haben einen Zugang zu ihm. Sein Vater Robert lässt sich hin und wieder blicken. Konrad entdeckt seine Fähigkeit, mit Holz zu arbeiten und hat eine erste sexuelle Erfahrung mit Kaspar. Doch Kaspar verlässt das Internat, und Robert geht mit seiner Freundin ins Ausland. Dann geschieht ein „Unfall“ mit einer Kettensäge. Weiterlesen

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George Saunders: Bei Regen in einem Teich schwimmen

Geschichten großer russischer Schriftsteller haben den  amerikanischen Literaturprofessor George Saunders nach seinen eigenen Angaben bewegt und verändert. Fünf dieser Schriftsteller bringt er uns mit insgesamt sieben Geschichten in diesem so unterhaltsamen wie lehrreichen Buch nahe.

Es sind dies drei Erzählungen von Anton Tschechow: „Auf dem Wagen“, „Herzchen“ und „Stachelbeeren“.

Von Leo Tolstoi lesen wir zwei Geschichten: „Herr und Knecht“ und „Aljoscha der Topf“.

Von Iwan Turgenjew ist die Geschichte „Die Sänger“ abgedruckt.

Nikolai Gogol ist mit der Erzählung „Die Nase“ vertreten.

All diese Texte haben sich für Saunders‘ Unterricht in Form von Schreibkursen in Creative-Writing und in seinen Master-Studiengängen bewährt, weshalb er sie für seine Studierenden immer wieder aufgegriffen hat. Die Leser dieses Buches kommen so also in den Genuss, quasi an einem Seminar von George Saunders teilzunehmen. Weiterlesen

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Wlada Kolosowa: Der Hausmann

Ungewöhnlich, abgedreht, so ganz anders. Das sind die Begriffe, die mir als erstes zu diesem Buch einfallen. Bei dem ich auch erst einmal überlegen muss, ob man es als Roman bezeichnen kann. Das ist es ohne Frage, aber es ist auch eine Graphic Novel, ein Chatprotokoll, ein Blog und überhaupt eine gelungene Mischung aus witzigen, kritischen, psychologischen und spannenden Bestandteilen, die ein durchaus interessantes und fesselndes Ganzes formen.

Dieses Ganze ist nicht der erste Roman der in Russland geborenen und in Deutschland aufgewachsenen Autorin. Worum geht es? Tim und Thea sind ein junges Paar, welches gerade in ein Mietshaus am Stadtrand eingezogen ist. Tim, Zeichner und Erzähler von Graphic Novels, gibt den Hausmann, während Thea als Influencerin eine neue Stelle angetreten hat, neue Chefin ist jetzt eine Freundin von ihr.

Da haben wir einerseits die von Tim in Ich-Form erzählten Romanstrukturen. Er berichtet von seinem Tagesablauf, schildert die Bewohner der Mietshäuser, die Gegend und das Milieu, das so ganz anders ist als der Stadtteil, in welchem die beiden vorher lebten. Er kommt in Kontakt mit Maxim, einem jungen Ukrainer, der Tim gleich mal als seinen Deutschlehrer requiriert, und mit Dagmar, einer über 80-jährigen Nachbarin, der er bei der Einrichtung ihres Internets hilft und die in einem Blog krasse Tipps zum Sparen gibt. Weiterlesen

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Mariana Leky: Kummer aller Art

Es sind nicht die großen Probleme, sondern die kleinen Ängste, Neurosen, Spleens, welche in diesen herrlichen Kolumnen für Kummer aller Art sorgen. Die einen plagt die Schlaflosigkeit, andere trauen sich nicht in den Aufzug hinein. Manche haben Probleme damit, Entscheidungen zu fällen, lassen das Für und Wider so lange gegeneinander antreten, bis einer von beiden „erschöpft aus der Arena getragen wird und man mit einer ganz zweifellosen Entscheidung dastehen kann.“ (S. 158) Andere müssen genau 12-mal prüfen, ob der Herd ausgeschaltet ist, bevor sie das Haus verlassen. Die Autorin befürchtet, dass sie ihren Hund nicht genug liebt, während die Psychologin einer cremefarbenen Praxis ein genauso farbloses Leben führt. Eine 16-Jährige hat kein Freizeitleben mehr, denn ihr Ex-Freund hat alle Aktivitäten mit Erinnerungen kontaminiert. Lekys Protagonisten verlieren die Contenance, wenn sich an der Kasse jemand vordrängelt oder die Nachbarn zu laut sind. Aus dem Nichts kann der Kummer über einen hineinbrechen, aber genauso schnell wieder verschwinden.

Die 39 literarischen Kolumnen wurden erstmals in der Fachzeitschrift „Psychologie heute“ veröffentlicht und von der Autorin für dieses Buch überarbeitet. Es gelingt Leky meisterlich, empathisch auf menschliche Probleme einzugehen, diesen mit humoristischer Beobachtungsgabe zu begegnen und dabei stets den richtigen Ton anzuschlagen. Kein Wunder, dass die Autorin diesen Spagat so gut beherrscht: Sie wurde als Tochter einer Gesprächstherapeutin und eines Gefängnispsychologen in Köln geboren. Man merkt, dass sie sich mit Kompensationsstrategien und Verhaltenstherapien bestens auskennt, allerdings transportiert sie diese äußerst unterhaltsam, statt belehrend. Weiterlesen

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Volker Jarck: Robuste Herzen

#Eine Familiengeschichte, ein Psychogramm, eine Zeitreise – all das ist der neue Roman von Volker Jarck. Und dazu ist er wieder ganz wunderbar geschrieben, auf eine fast poetisch Art, mit fein ziselierten Sätzen.

Von seinem Debüt „Sieben Richtige“ war ich vollkommen begeistert. Dieser Autor kann einfach schreiben, formuliert auf jeder Seite Sätze, die man sich an die Wand pinnen und auswendig lernen möchte. „Was da jetzt noch schwer erkennbar zappelte, würde demnächst atmen, gleich danach trinken, und dann könnte es schnell gehen – zwischen Stehen, Sprechen, Gitarre oder Klavier spielen

und der Abifahrt lägen gerade mal tausende von Sekunden oder Tagen, nur ein Windstoß in der Zeit.“ (S. 67).

In diesem neuen Roman lernen wir die Geschwister Katja, Milena und Leon kennen. In ihrem heutigen Leben und in vielen, nicht chronologisch erzählten Rückblicken auf ihre Kindheit und Jugend, auf ihr familiäres Beziehungsgeflecht, ihre Träume und die bittere Realität. Das erfordert Konzentration, wechseln doch die Zeitebenen oft sehr abrupt, ebenso wie die Perspektiven. Folgen wir eben noch Katja, die die Trennung von ihrem Mann verwinden und mit dieser Situation im dörflichen Umfeld umgehen lernen muss, so erleben wir einen Absatz weiter Milena, die eine Fernbeziehung führt und das gerne ändern möchte, ohne dabei ihr eigenes Leben und ihre Pläne aufzugeben. Weiterlesen

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