Trish Doller: Du hast gesagt, es ist für immer

Was mich mit diesem Buch verbindet? Was mich genau verzaubert hat? Die Liebe zum Meer und das karibische Setting. Ich käme zwar nie auf die Idee, selbst einen Segeltörn zu unternehmen, da mir die Achterbahnfahrten auf dem Meer nicht bekommen. Doch darüber zu lesen ist himmlisch. Genauso himmlisch wie der großartige Schreibstil der Autorin.

Als Leser begleiten wir Annas Segelroute von Florida über die Bahamas ins Karibische Meer und springen von Insel zu Insel. Gleichzeitig führt uns die Story in ihre Seele, denn sie muss den schweren Verlust ihres Verlobten verarbeiten. Beim Lesen haben mich die ganze Zeit über kribbelige Urlaubserinnerungen begleitet und das Gefühl, dass ich jede Sekunde selbst noch einmal in die Karibik aufbreche. Weiterlesen

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Bridget Collins: Das große Spiel

Solange Léo Martin zurückdenken kann, will er der Beste sein. In der Schule und auch später. Er glaubt, nur so könne er dem Schrottplatz seines Vaters entfliehen. Und es sieht so aus, als gebe ihm der Verlauf seines Lebens Recht: Ein Stipendium für die Eliteschule in Montverre, der jüngste Goldmedaillengewinner in der Geschichte der Schule, und nach dem erfolgreichen Studienabschluss wird er der jüngste Kulturminister. Bisher hat er den Preis für seine politische Karriere ignoriert. Doch dann, als ihm eine Gesetzesvorlage zu weit geht und er diese deshalb ablehnt, wird er sofort abgesetzt. Dabei dachte Léo stets, er stünde in der Gunst des ‚Alten‘ ganz oben und genieße Freiheiten. Viel zu schnell sitzt er wieder in Montverre in der Eliteschule, um offiziell private Studien zu betreiben. Tatsächlich beginnt für ihn die pure Langeweile. Denn in dem alten Gemäuer hoch oben in den Bergen gibt es außer dem Studium und unangenehmen Erinnerungen kaum Ablenkung. Womit Léo ebenfalls nicht rechnet, ist das Aufeinandertreffen mit Magister Ludi, der Meisterin des großen Spiels. Sie ist zugleich Claire, die Schwester seines früheren Studienfeindes- und Freundes Carfax. Ihre Verbindung ist von Anfang an mit offenen Rechnungen und Schuldgefühlen belastet. Weiterlesen

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Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen

Das Buch „Gehen allein unter Menschen“ des spanischen Autors Antonio Muñoz Molina ist das Tagebuch eines Spaziergängers. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinne. Der Erzähler durchstreift verschiedene Städte – Paris, Madrid, New York – er geht scheinbar ziellos durch Straßen, nur um des Gehens willen. Dabei beschreibt er seine Eindrücke, seine Gedanken. Er ist ein Sammler, er sammelt Worte, Meldungen, Gesprächsfetzen, Werbebanner. Er saugt jedes Stück Schrift und jede Information auf. Unterwegs mit Stift und Notizbuch, schreibt er auf, was ihm begegnet und was ihm dazu einfällt. Er bannt Geräusche mit der Aufnahmefunktion des Smartphones, sammelt Prospekte, Werbezettel, Plakate, um sie später in Collagen neu zu ordnen. Er zeichnet ein Porträt der Städte und der Menschen, die in ihnen leben.

Das Buch gliedert sich in viele kleine Abschnitte, meist nicht länger als eine Seite. Jeder Abschnitt beginnt mit einem fettgedruckten und programmatisch klingenden Satz, dessen Verbindung mit dem nachfolgenden Text sich nicht immer erschließt. Die Abfolge der beschriebenen Spaziergänge ist nicht linear, Ort und Zeit ändern sich von Seite zu Seite und sind auch nicht immer ersichtlich. Weiterlesen

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Adeline Dieudonné: Bonobo Moussaka

Kurz, knackig, treffsicher. Auf gerade einmal 87 Seiten schlägt die belgische Autorin Adeline Dieudonné gekonnt den Brückenschlag zwischen einer familiären Weihnachtsfeier und den Problemen der Gegenwart: von Sparpolitik, Migration, Klimakrise bis zur Ungleichverteilung der Ressourcen. Diese in Monologform geschriebene Erzählung, von der Autorin als One-Woman-Show auf der Theaterbühne aufgeführt, legt ein ungeheures Tempo vor. Dieudonné beschönigt nichts. Doch im Gegensatz zu ihrem brutalen Erstling „Das wirkliche Leben“ wählt sie hier knochentrockenen Humor als stilistische Waffe. Mit spitzer Feder skizziert sie die Konflikte, die unter der perfekt durchchoreografierten Weihnachtsfeier lauern. Mag der Edeltropfen aus den feinen Baccarat-Champagnergläsern noch so vorzüglich munden – in Wirklichkeit liegt alles in Scherben. Während wir nur einen Wimpernschlag von unseren affenartigen Verwandten, den Bonobos, entfernt sind.

Die Ich-Erzählerin ist 36 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Die Erkenntnis, in was für eine schreckliche Welt sie ihren Nachwuchs gesetzt hat, überfällt sie mit ungeheurer Wucht. Die Weihnachtsfeier im Haus ihres Cousins macht die Sache nicht besser. Weiterlesen

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Edgar Selge: Hast du uns endlich gefunden

Es ist eine Art Kontaktaufnahme mit der eigenen Kindheit, die Edgar Selge in diesem Buch beschreibt. Dabei beweist er, dass er nicht nur ein brillanter Schauspieler ist (man denke nur an Houellebecqs „Unterwerfung“), sondern auch ein lesenswerter Schriftsteller.

In vielen Episoden erzählt er in diesem Buch von den Gepflogenheiten im Elternhaus in den Sechzigerjahren.

Edgar ist zwölf und lebt mit seinen Brüdern und den Eltern in direkter Nachbarschaft zum Gefängnis, dessen Direktor sein Vater ist.

Musik spielt eine bedeutende Rolle im Haus der Selges. Den regelmäßigen Hauskonzerten, bei dem sich der Vater am Flügel durch einen Violinenspieler begleiten lässt, dürfen auch Strafgefangene im Wohnzimmer der Selges beiwohnen.

Den Gefangenen gegenüber und ihren Motiven, die zur Straftat geführt haben, begegnet der Vater mit erstaunlicher Güte und Empathie. Die eigenen Kinder dagegen bestraft er mit unerbittlicher Härte. Für seine Verfehlungen (Edgar bestiehlt den großen Bruder und veruntreut die Klassenkasse) bezieht Edgar regelmäßige Prügel mit dem Rohrstock. Weiterlesen

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Florian Illies: Liebe in Zeiten des Hasses

Florian Illies ist ein Satzvirtuose. Sätze, die er verfasst, wirken wie gemeißelt, fein ziseliert oder sanft gedrechselt. Dabei immer lebendig und brillant formuliert. So auch in diesem Buch, welches sich mit Liebesgeschichten von Künstlern und Künstlerinnen in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts befasst.

Beginnend 1929, erzählt Illies von allen den schillernden, kreativen, oft auch einflussreichen Schriftstellern, Malerinnen, Schauspielern, von den Kindern und Ehepartnern der oft verrückten, oft verruchten, gerne auch mal versponnenen Künstler in Deutschland und Europa.

Dabei zeichnet er in kurzen, manchmal sehr kurzen Sequenzen ein buntes, fesselndes Bild dieses Jahrzehnts, zeigt er all die Facetten in den oft ungewöhnlichen, manchmal aber auch erstaunlich gewöhnlichen Lebensläufen. Das liest sich flott, sehr unterhaltsam, niemals langweilig und, dank seiner Virtuosität, mit großer Freude an den Worten.

Doch gleichzeitig sind diese Streiflichter zu kurz, zu hektisch wechselt der Schauplatz, steht abrupt ein anderer Autor, eine andere Tänzerin im Scheinwerferlicht, das Illies auf sie oder ihn richtet. Weiterlesen

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Christiane Antons: Nanas Reise: Und zwischen uns all die Farben

Das beeindruckend schöne Cover – ein urbanDECOLLAGE-Werk – wurde mit einem Bild von Matze Brandt gestaltet. Diese Kunstaffinität spiegelt sich auch in diesem hinreißend warmherzigen und farbverliebten Roman voller feinsinniger Beobachtungen wider, der gewürzt ist mit Rückblenden, humorvollen Anekdoten und interessanten Details während der Reise. In jeder Passage dieses spannenden Roadtrips konnte ich mit den liebenswerten Protagonisten mitfiebern, denn sie erlebten so viele bemerkenswerte Momente.

Die Protagonistin Nana ist Synästhetikerin, dies ist ein neurologisches Phänomen. Sie erlebt täglich eine Vermischung ihrer Sinnesqualitäten: Nana sieht und empfindet Buchstaben und Worte in vielfältigen Farben.

Statt Blau wollte sie Türkis verwenden. Sie liebte den Farbton, weil er besonders leuchtete und interessanterweise erschien das Wort vor ihren inneren Augen in demselben Farbton, den es beschrieb. Die Form des Wortes war außerdem wunderschön geschwungen, eine sanfte Welle mit einem Hauch Glitzer an der höchsten Stelle. So sah in ihrer Welt das Wort Türkis aus.“ (eBook Pos. 58) Weiterlesen

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Christiane Tramnitz: Das Dorf und der Tod

Eine True-Crime-Story aus Oberbayern, deren unheilvolle Wurzeln bis ins Jahr 1921 zurückreichen. Nicht erst seit Romanen wie „Das finstere Tal“ von Thomas Willmann wissen wir, dass es im abgeschiedenen Mikrokosmos der Bergwelten um die Frauenrechte meist nicht zum Besten stand. Mein Körper gehört mir? Fehlanzeige. Diese bittere Erfahrung muss auch die achtzehnjährige Dorfschönheit Vroni machen, die von „Hallodri“ und Revolutionär Lorenz kurz nach dem Ersten Weltkrieg schwanger wird. Um einen Skandal zu vermeiden, greifen ihre Eltern zu drastischen Maßnahmen. Die böse Saat des Verderbens ist gesät. Doch sie reift erst Generationen später zu den Früchten des Zorns heran und entlädt sich im Jahr 1995 in einer ungeheuerlichen Tat. Autorin Christiane Tramnitz ist selbst in diesem bayerischen Dorf aufgewachsen und rollt den Fall aus verschiedenen Perspektiven auf, wobei ihr ihre Erfahrungen als promovierte Verhaltensforscherin zugutekommen. Das Resultat ist kein Krimi im eigentlichen Sinn. Sondern eine spannende Universalgeschichte, die der Gesellschaft zwischen zwei Weltkriegen den Spiegel vorhält. Denn auch außerhalb von Vronis persönlichem Unglück wimmelt es von Tragödien. Die Verlierer des ersten Weltkrieges – arme, von den „Judenbanken“ ausgeblutete Bauern – werden zu radikalen Vorreitern der NSDAP. Helfer, Mitläufer, Geflüchtete, Widerständler, Opfer und Täter kristallisieren sich immer mehr im Verlauf des Plots heraus. Von klein an zu Gehorsam erzogen, von Eltern und Kirche der eigenen Stimme beraubt, wächst eine Generation heran, die nicht gelernt hat, für eigene oder die Rechte anderer einzutreten. Weiterlesen

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Colleen Hoover: Layla

Das unfassbar schöne Cover und der Klappentext haben mich dazu bewegt, Colleens neuestes Buch lesen zu wollen. Und ja, bei all den Büchern von Hoover ist es immer wie ein Griff in eine Wundertüte. Du weißt wirklich nie, was dich erwartet. Und auch „Layla“ wird sicher wie schon der Vorgänger „Verity“ sehr polarisieren.

„Layla“ bedeutet auf Arabisch „Nacht“. Die Nacht ist es, die die Schwelle zur Welt der Geister verkörpert. Mich fasziniert Paranormales, jedoch ist dies eine paranormale Story ohne heftige Gänsehaut-Momente. Ob all die Begebenheiten parawissenschaftlich korrekt dargestellt sind, sei dahingestellt. Allerdings wird das vermeintlich „paranormale“ sehr schnell nicht mehr übersinnlich, sondern erklärbar. Die Idee gefällt mir wirklich sehr, doch die Stimmung wirkt leider keineswegs gruselig, bedrohlich oder düster-atmosphärisch. Bemerkenswert empfand ich hingegen die Denkanstöße zu den feinstofflichen Sphären und das Leben nach dem Tod. Weiterlesen

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Richard Wagamese: Der Flug des Raben

Vor einigen Monaten durfte ich „Der gefrorene Himmel“ von Richard Wagamese lesen und war begeistert. Der kanadische Autor mit indianischen Wurzeln, der bereits 2017 verstarb, hatte darin, in Anlehnung an sein eigenes Leben, das Schicksal eines Jungen geschildert. Dieser wurde, so wie auch der Protagonist des vorliegenden Romans, als kleines Kind von den kanadischen Behörden seiner Familie entrissen und damit von seinen Wurzeln getrennt.

Und wie schon bei diesem ersten Roman, den ich von ihm las, hatte ich auch diesmal wieder das Gefühl, neben dem Autor am Lagerfeuer zu sitzen und seinen Geschichten zu lauschen. Er erzählt uns von Garnet Raven, der im Alter von drei Jahren aus seiner Familie entfernt und erst in ein Heim und später in wechselnde Pflegefamilien gesteckt wird. Heimisch wird er aber an keinem dieser Orte.

Er beginnt, seine indianische Herkunft zu verleugnen, ja geradezu zu ignorieren. Er schämt sich, wenn er alkoholisierte, bettelnde Indianer sieht und will auf keinen Fall zu diesem Volk gehören. Dann schon eher zu den Schwarzen, besonders zur Familie von Delma und ihren Kindern. Dort fühlt er sich wohl, zugehörig und er beginnt, sich wie ein Schwarzer zu kleiden, zu benehmen, zu fühlen. Weiterlesen

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