Wau oder Wow – das ist hier die Frage! Denis Scheck, aufgrund seiner gewitzten und scharfzüngigen Art momentan wohl Deutschlands beliebtester Literaturkritiker, präsentiert sich hier von einer völlig neuen Seite: als Hundebesitzer seines Jack Russell-Terriers „Stubbs“. Gemeinsam mit seiner Frau Christina Schenk, einer Kulturredakteurin, hat er eine hinreißende Liebeserklärung an sein vierbeiniges Familienmitglied geschrieben. Natürlich wäre Scheck nicht Scheck, wenn er sich hierfür nicht ein paar literarische Finessen hätte einfallen lassen. Neben der erzählerischen Ebene, in der das Ehepaar von seinen Erlebnissen zwischen Hundeschule, Turnierplatz und turbulenten Reisen berichtet, kommt auch Stubbs selbst zu Wort. In seinem „caniden Kanon“ stellt Stubbs elf herausragende Hunde der Weltliteratur vor. Gesehen aus den Augen des Vierbeiners, geschrieben im Kölscher Dialekt, was für Leser außerhalb des Ruhrgebietes durchaus anspruchsvoll sein kann. Doch schließlich dreht der quirlige Jack Russell seine Gassi-Runden in der Karnevalsmetropole am Rhein. Wem Begriffe wie „Rampelsant“ und „schisskojenno“ nichts sagen, findet im hinteren Teil des Buches dankeswerterweise ein Glossar „Ruhrdeutsch – Deutsch“. Weiterlesen
Belletristik
Gerard Donovan: In die Arme der Flut
Dieses Buch lässt mich etwas ratlos zurück. Nämlich ratlos, wie ich es beurteilen soll, wie es mir gefällt.
Die Handlung ist relativ schnell zusammengefasst: Luke möchte sich umbringen, steht auf einer Brücke und will springen. Doch stattdessen rettet er einen Jugendlichen vor dem Ertrinken. Daraufhin wird Luke in seinem Wohnort und darüber hinaus als Held gefeiert, gegen seinen Willen. Denn Luke ist ein Eigenbrötler, ein Einsiedler, der gerne für sich ist. Doch irgendwann wendet sich das Blatt um Hundertachtzig Grad, als nämlich über Social Media eine Hatz beginnt gegen Luke.
Mich hat das Buch nicht angesprochen, der Stil ist mir zu langatmig, zu absonderlich. Allein die Szene am Anfang, als Luke auf der Brücke steht, um sich in den Fluss zu stürzen, zieht sich über Dutzende Seiten. Ich bekomme keinen Zugang zum Protagonisten, alles bleibt auf Distanz. Alles wirkt ungemütlich, fremd, die Art, wie der Autor mir seine Geschichte erzählt, erreicht mich nicht. Weiterlesen
Monika Helfer: Die Bagage
Ein kraftvolles, autobiografisches Familienepos – ausgezeichnet mit dem Schubart-Literaturpreis 2021 der Stadt Aalen – das mit vielen stilistischen Konventionen bricht. Auf 160 Seiten, für ein generationenübergreifendes Familiendrama eigentlich undenkbar gestrafft, verdichtet die Autorin meisterhaft Themen wie Habgier, Neid, Rache, Lust, die gleichzeitige Faszination und Angst vor dem Fremden, zu einem fast schon universellen Gleichnis über Ausgrenzung.
Die „Bagage“ steht für Gesindel, Pack, für eine Gruppe von wenig wertgeschätzten Personen, meist verarmten Familien mit schlechtem Ruf. Eine solche lebt am hinteren Ende eines abgelegenen österreichischen Tals nahe des Bodensees. Die Familie ist von Anfang an auf der Schattenseite des Lebens verortet. Sprichwörtlich, denn die Bergmassive lassen kein Licht auf den Hof und die kargen Felder. Die biblischen Vornamen Maria und Josef nutzen den Eheleuten wenig. Zu ihrer Armut kommen noch weitere Aspekte, die sie einzigartig machen: Beide sind außergewöhnlich schön. Mit ihren schwarzen Haaren, der weißen Haut sowie ihrem ausgeprägten Sinn für Reinlichkeit, unterscheiden sie sich wesentlich von der kränklichen, stinkend-schmutzigen Dorfbevölkerung. Ein Grund, warum sich der Bürgermeister am liebsten mit Josef umgibt. Weiterlesen
Jasmin Schreiber: Der Mauersegler
Mauersegler verbringen fast ihr ganzes Leben im Flug, selbst im Schlaf sind sie in der Luft.
Die Hündin Laika ist ganz allein in ihrer Raumkapsel gestorben.
Menschen machen manchmal die schlimmsten Dinge und haben doch die besten Absichten.
Prometheus rast im Auto, in seiner „Arztkutsche“, wie sein bester Freund Jakob sie genannt hat, gen Norden. Jakob ist nicht mehr da, er hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Prometheus war sein Arzt. Nun flieht er planlos und ohne Ziel – nur weg. Schuldgefühle und Verzweiflung bringen ihn immer wieder zum Schreien und Heulen. Irgendwo am dänischen Strand versucht er, sein Auto ins Meer zu fahren. Der Versuch misslingt. Er wird von zwei älteren Frauen aufgestöbert. Sie helfen ihm, sein Auto aus dem Sand zu ziehen und bieten ihm ein Zimmer auf dem Hof an. Aslaug und Helle führen ein einfaches und naturverbundenes Leben auf ihrem Pferde-Hof. Prometheus darf in einem ihrer Gästezimmer wohnen und die Miete mit Arbeit im Stall abgelten. Weiterlesen
Mhairi McFarlane: Du hast mir gerade noch gefehlt
Es gibt Autorinnen, die enttäuschen ihre Leserinnen nie. Mhairi McFarlane ist so eine Autorin. Wenn man ein Buch in die Hand nimmt, den ersten Satz, den ersten Absatz liest und dann erst wieder aufschaut, wenn man den letzten Satz gelesen hat – dann ist es bestimmt ein Buch von ihr.
Sie fängt ihre Leserin ein, sofort. Dabei ist es schwer zu sagen, woran es liegt, warum es sofort, auf der ersten Seite geschieht. Vielleicht liegt es an den so lebendigen, sympathischen Figuren, die stets so wirken, als könnten es deine Nachbarn sein, Kolleginnen, Menschen, die du gerne zum Freund, zur Freundin hättest. Vielleicht liegt es an ihrem so lebendigen Stil, den Dialogen, die so lebensecht, natürlich klingen, so wie die Menschen um dich herum eben sprechen. Oder liegt es an der durchdachten, mit hohem Tempo ablaufenden Handlung, die ihre Spannung bis zur letzten Seite hält, auch wenn erfahrene Leserinnen das Happy End natürlich ahnen.
Woran auch immer es liegt, die Bücher der schottischen Autorin Mhairi McFarlane machen einfach Spaß. Im vorliegenden Roman ist der übliche Humor sehr zurückhaltend, ist doch die Geschichte an mancher Stelle wirklich tragisch. Weiterlesen
Otto Jägersberg: Pianobar
Otto Jägersberg (Jahrgang 1942) ist ein deutscher Autor und Filmemacher. Er lebt und arbeitet in Baden-Baden. Sein erster Roman „Weihrauch und Pumpernickel“ erschien 1964. Am 27. Oktober 2021 veröffentlichte der Diogenes Verlag ein Kurzprosa-Buch von Otto Jägersberg mit dem Titel „Pianobar“.
Darin finden sich 232 kurze und sehr kurze Texte zu unterschiedlichen Themen. Mal sind es Beobachtungen aus dem Alltag oder Einfälle, mal Aufzählungen, mal Prosa-Miniaturen oder Kurz-Gedichte und mal Sequenzen aus dem Fernsehen.
Ganz gleich welche Seite des Buches ich als Lesende aufschlage und lese, schleicht sich ein Lächeln in mein Gesicht:
„Filzpantoffeln. Erstand ein Paar Filzpantoffeln. Da hilft keine Ironie. Sechs Euro, bei Aldi. Bequem, aber nicht lange.“ (S. 63)
Otto Jägersberg sammelt Gedanken und Augenblicke. Er versteht sich darauf, diese in kleine Sprachschätze zu verwandeln. Weiterlesen
Franz Hohler: Der Enkeltrick
Die elf Erzählungen des Schweizer Autors sind wie die Alpen, die in seinen Werken häufig eine Rolle spielen. Von starker Substanz und solider Schönheit, strömt das Zufällige oder eben nicht Zufällige, das alltäglich Wahnsinnige und Unerklärliche ganz luzide-leicht durch Schluchten und Klämme in den Plot hinein. Stets streift der Autor gekonnt das Phantastische, bleibt dabei aber im Bereich des Möglichen. So wohnt jeder Erzählung ein ganz besonderes Überraschungsmoment inne. Mal erwischt uns der Autor eiskalt, mal spielt er mit unseren Erwartungen, um sie in denkbar gegenteiliger Art aufzulösen. Scheinbar Harmloses entpuppt als doppelbödig, während offenbar Wundersames als Fälschung entlarvt wird. So oder so: Franz Hohlers Geschichten sind ein literarisches Happening. Aber nach 160 Seiten leider viel zu schnell vorbei.
Allein schon die titelgebende Einstiegsgeschichte hat es in sich. Sie beginnt, wie vermutet, mit einer dementen Dame, die von einer Trickbetrügerin hereingelegt werden will. Doch die Geschichte nimmt eine völlig unerwartete Wendung. Denn es ist gerade die Demenz und gar das vereitelte Verbrechen, welches Amalie zu einem Abenteuer verhilft. Zu einem Traum, den sie sich klaren Verstandes nie hatte verwirklichen können. Dieser Plot-Twist kommt so federleicht daher, so natürlich, dass wir dem Autor ganz selbstverständlich durch die Geschichte folgen. Weiterlesen
Sigurd Hartkorn Plaetner: Die allerbeste Zeit meines Lebens
Der Debütroman des 1989 geborenen dänischen Autors Sigurd Hartkorn Plaetner, „Die allerbeste Zeit meines Lebens“, beginnt vielversprechend: Der Text fängt glaubwürdig und authentisch die Lebenssituation eines jungen Mannes – Vitus heißt er – in Kopenhagen ein. Der hängt rum, betrinkt sich altersgerecht mit seinen Freunden und versteht sich derzeit nicht besonders gut mit Vater und Stiefmutter. Sein größtes Problem aber ist seine schwangere Exfreundin, von der er eine Abtreibung verlangt.
Doch dann lernt er die lebenslustige Emma kennen, und seine Situation ändert sich schlagartig. Vitus, der zuvor etwas übellaunig und unsympathisch rübergekommen war, verliebt sich Hals über Kopf in sie, und die Welt hängt für ihn sprichwörtlich voller Geigen. Die beiden verbringen eine wunderbare Zeit an der Amalfiküste. Doch Emma verbirgt ein Geheimnis … Weiterlesen
Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes
Paolo Cognetti entführt seine Leser in die Alpen, in raue Natur und grandiose Schönheit. Hier, inmitten von hohen Bergen, Gletschern und Naturgewalten, begegnen wir drei unterschiedlichen Menschen. Der Roman begleitet die Protagonisten über ein Jahr, zeigt sie in unterschiedlichen Jobs und Begegnungen, begleitet sie bei ihren Entscheidungen.
Der Schriftsteller Fausto findet nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Zuflucht dem kleinen Bergdorf Fontana Fredda am Fuße des Monte Rosa Massivs. Dort verdient er seinen Lebensunterhalt als Koch in der Dorfkneipe „Babettes Gastmahl“. Auch Silvia arbeitet bei Babette – als Kellnerin. Santorso, im Winter Schneeraupenfahrer auf der Skipiste und ehemaliger Forstpolizist, ist Stammgast im Lokal.
Zwischen Fausto und Santorso entwickelt sich im Verlauf des Jahres eine lose Freundschaft. Zwischen Fausto und Silvia entspinnen sich gleich zu Beginn unsichtbare Fäden, sie umwerben sich und werden ein Paar. Schlafen miteinander, erzählen sich von ihrem Leben und ihren Träumen. Beide sind auf der Suche – nach einem Platz, einem Ziel, einem Zuhause. Weiterlesen
Flurin Jecker: Ultraviolett
„Ultraviolett“ hat mich ab den ersten Seiten regelrecht in einen Leserausch versetzt. Es ist ein Buch über Freundschaft, Schmerz, Liebe, Selbstfindung, Verlust, Ängste, Technok
ultur und über all jene Dinge, die uns junge Erwachsene ausmachen – abgrundtief ehrlich und realistisch.
Der Autor präsentiert uns interessante Portraits von außergewöhnlichen Menschen, deren Leben keineswegs glatt und einfach sind, sondern geprägt von Einschnitten, Abstürzen und Ereignissen. Allen voran Held, den Hauptprotagonisten, der schon jahrelang durch Berlins Technoclubnächte tanzt, um so einiges in seinem Leben zu verdrängen. Man spürt, wie haltlos er ist und mit sich und der Welt ringt. Er stürzt sich hinein ins Nachtleben und geht darin fast verloren, bis er Mira kennenlernt. Doch der berauschende Nebel und die Geister, die ihn heimsuchen, sind längst nicht verschwunden. Das perfekte Leben für ihn scheint wie eine nie endende Party, auf der er einfach nicht aufhören will, zu tanzen. Weiterlesen