Stine Pilgaard: Meter pro Sekunde

Beim Rezensieren dieses Buches schlagen wieder einmal zwei Herzen in meiner Brust. Stilistisch ist dieser Roman genial, die Sätze sind geschliffen, plastisch, witzig und so nah am Leben, dass es schmerzt. Inhaltlich aber enttäuscht er, es fehlt Spannung, Dynamik, Handlung.

Erzählt werden in Ich-Form die Erlebnisse einer jungen Frau – wir erfahren ihren Namen nicht – die mit Freund und kleinem Kind neu in einer dänischen, sehr dörflich strukturierten Kleinstadt ankommt. Sie ist mit Kind und Dorfleben reichlich überfordert, eckt immer wieder an mit ihrer spontanen, etwas rüpelhaften und viel zu ehrlichen Art, mit ihren leicht sarkastischen Bemerkungen, die an den Bewohnern abprallen wie ein Ball vom Boden. Als roter Faden ziehen sich durch den Roman ihre immer wiederkehrenden, endlosen Fahrstunden, mit denen sie diverse Fahrlehrer verschleißt, das Fahren dabei aber nicht lernt. Das Kind wird derweil bei einer Tagesmutter betreut, die ebenso wie alle anderen um sie herum, nicht mit allerlei Ratschlägen zur Kindererziehung spart. Weiterlesen

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Monica Ali: Brick Lane

Erstmals 2003 erschienen, ist Monica Alis Roman – jetzt in der Taschenbuchversion erhältlich – heute aktueller denn je. Die Probleme, mit denen sich Migranten in der neuen Heimat auseinandersetzen, werden in diesem Roman ebenso beleuchtet, wie die damit verbundene Selbstfindung. Erstaunlich: Monica Ali gelingt dieses eigentlich ernste Thema mit erstaunlich viel Situationskomik und Wortwitz! Welche Regeln sollen und können in der neuen Heimat übernommen werden? Was tun mit „verwestlichten Kindern“, die hier geboren sind und die elterliche Kultur ablehnen? Was, wenn der soziale Aufstieg misslingt? Wie soll der Ehemann reagieren, wenn die Frau ihre Rolle in der Gesellschaft plötzlich neu definiert – und FREIWILLIG arbeiten gehen will (in der Heimat ein Zeichen, dass der Familienvater wirtschaftlich versagt hat)? Aber auch die Vorbehalte, Ressentiments und unsichtbaren Barrieren, die zwischen Migranten und Einheimischen, zwischen Jugend und Alter, zwischen Mann und Frau gezogen werden, beschreibt Ali meisterhaft in dem kleinen Mikrokosmos des bengalischen Viertels rund um die Brick Lane in London. Die Vielschichtigkeit der Charaktere verleiht dem Plot trotz der Beengtheit des Settings seine Würze. Eine gläubige Muslima und Mutter, die mit einem wesentlich jüngeren Revoluzzer fremdgeht? Weiterlesen

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Asako Yuzuki: Butter

Die Journalistin Rika befindet sich in einer vertrackten Situation: Sie arbeitet mehr als ihre männlichen Kollegen und trotzdem scheint sie noch immer vor einer gläsernen Barriere zu stehen. Ein Interview mit der vermutlich mehrfachen Mörderin Manako Kajii könnte ihrer Karriere helfen. Bisher hat Manako jede Interviewanfrage abgelehnt. Mit einer Finte gelingt Rika der erste Kontakt. Es folgen weitere Verabredungen. Rika lässt sich von Manako in die Welt des Genusses entführen. Bisher lebte sie asketisch und entsprach optisch den Idealen einer japanischen Frau, die sehr dünn, fleißig und gehorsam sein muss. Doch nun eröffnen sich für die Journalistin Gaumenfreuden, die ihr neue Perspektiven zeigen.

Rika, die bisher nie freiwillig gekocht hat, lernt zum Beispiel Butter lieben. Für das versprochene Interview geht sie auf eine lukullische Reise, die an ihr nicht spurlos vorbeigeht. Die junge Frau nimmt zu und glaubt, wenn sie so weiter macht, würde sie dick werden. Ihr fehlt noch das Maß. So ähnlich scheint es auch bei der unersättlichen Manako zu sein. Und je mehr sie sich dieser mutmaßlichen Mörderin annähert und sie zu verstehen glaubt, um so größer wird die Gefahr, sich von dieser hemmungslosen Frau manipulieren zu lassen. Denn Rika vermutet, dass auch andere von ihr manipuliert und instrumentalisiert worden sind. Weiterlesen

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Marie Aubert: Kann ich mit zu dir?

Die norwegische Schriftstellerin Marie Aubert (Jahrgang 1979) debütierte 2016 mit ihren Storys „Kan jeg bli med deg hjem“. Am 22. März 2022 legte der Rowohlt Verlag  die deutsche Ausgabe mit dem Titel „Kann ich mit zu dir?“ in einer Übersetzung von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat vor. Zuvor erschien Auberts vielbeachteter Roman „Erwachsene Menschen“ aus dem Jahr 2021 ebenfalls im Rowohlt Verlag.

„Kann ich mit zu dir?“ enthält neun kurze Geschichten. Darin erzählt Marie Aubert von Menschen, die sich belügen, sich schämen oder sich etwas vormachen. Es sind die alltäglichen Dinge im Leben, wie eine unbefriedigend lockere Beziehung, der man trotzdem nachtrauert, oder eine heftige Ohrfeige, die ein überforderter Vater seiner zickigen Tochter gibt und von ihr verlangt, dass sie es nicht erzählt. Da ist die vorbestrafte junge Frau, die einen verheirateten Mann und Vater mit der Frage „Kann ich nicht mit zu dir?“ anbaggert. Oder die enttäuschte, eifersüchtige Mitbewohnerin, die ihrer Freundin den neuen Freund missgönnt. Ein Paar will in Südamerika ein Kind adoptieren, vor Ort jedoch übertritt der Mann eine Grenze. In der letzten Geschichte fahren eine junge Mutter mit ihrem kleinen Kind und ihr neuer Lover in ihr Ferienhaus, um ein schönes Wochenende zu verbringen. Doch dann „passiert etwas“. Weiterlesen

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Anna Herzig: Die dritte Hälfte eines Lebens

#Mit groben Pinselstrichen entwirft Anna Herzig ihre Geschichte von Krimmwing, einem Dorf irgendwo am Land, und seinen Bewohnern. Man lernt allerdings nur einzelne Figuren kennen. „Das Dorf“ bleibt als kaltherziger, ewig gestriger, erratischer Block ohne Gesichter. Vor diese Leinwand tritt z.B. Rosa Steinlachner. Sie wird sechzehnjährig vom dunkelhäutigen Jackson schwanger. Ihre Eltern stellen sich vehement gegen den Kindsvater und der räumt auch flugs das Feld, was Rosa das Herz bricht. Frustriert schleppt sie sich durch den Rest ihres Lebens. Das unerwünschte Kind Seppi wird ob seiner dunklen Hautfarbe im Dorf ausgegrenzt und natürlich von der Mutter nicht geliebt. Die katholische Schule ist ein Albtraum, eh klar, seinen einzigen Freund Frido darf Seppi nicht mehr sehen, es sei denn seine Mutter entschuldigt sich öffentlich bei der Dorfgemeinschaft. Ob sie das tut, erfährt man nicht dezidiert. Schließlich verlässt Seppi Krimmwing, um seinen Vater zu suchen. Weitere Dorfbewohner sind z.B. Lorenz Karl Ignatius Rathbauer. Er fühlt sich zum einen im falschen Körper und zum anderen im Dorf gefangen. Weiterlesen

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Patricia Lockwood: Und keiner spricht darüber

Lohnt es sich, durchzuhalten?
Dieses Buch polarisiert! Schade, dass sich auch so einige 1-Sterne-Abbruch-Rezis tummeln.
Zuerst konnte sie überhaupt nicht tanzen, und dann konnte sie nicht mehr aufhören.“ (S. 216)
So erging es mir beim Lesen. Denn ich hatte das Gefühl, auf Twitter hängen zu bleiben und gezwungen zu sein, endlos weiter und weiter und weiter zu scrollen.

Patricia Lockwood erzählt die Geschichte einer Frau, die Social Media besessen ist – bis sie durch eine Tragödie in die Realität zurückgezogen wird. Das Social Web tapeziert die Gehirne derer von uns, die es zu oft benutzen, genauso wie es unsere Politik verzerrt.

Im ersten Teil des autofiktionalen Buches hetzt die namenlose Protagonistin hauptsächlich durch „das Portal“ und lässt uns auch teilhaben, wie gefangen sie sich darin fühlt. Sie hebt dabei genau das hervor, was wir daran lieben und verabscheuen. Soll sie eine Influencerin darstellen? Ich konnte sie kaum greifen und nachspüren. Sind die Texte absichtlich weird? Soll das cool sein oder kann das weg?

Leider habe ich mich so schwer getan, dranzubleiben an den zusammenhanglosen tweet-ähnlichen Textpassagen. Schwerelos, da handlungslos. Dennoch habe ich immer weiter gelesen in der Hoffnung, endlich Sinnhaftigkeit zu finden, um nicht gänzlich in dieser Belanglosigkeit zwischen all den Abstrusitäten zu versinken. Da spielte sich eine fiktive Realität ab, und mittendrin war plötzlich etwas Reales. Denn dann, ja dann, veränderte ein Schicksalsschlag das Leben der Protagonistin und alles wurde greifbarer. Und tragisch. Weiterlesen

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Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug

Vier Freunde unternehmen eine Kanutour irgendwo in der deutschen Provinz. Von Anfang an merken sie, dass ihnen die Einheimischen nicht wohlgesonnen sind. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass einer der Vier schwarz ist. Diese Ablehnung löst anfangs bei den Ausflüglern nicht mehr als eine Beklemmung aus, die man ignorieren kann, wird später aber zu einer tödlichen Gefahr.

Dirk Kurbjuweits Roman ist seltsam. Man weiß nicht recht, ob er Thriller, Drama, Sozialexperiment, Horrorroman oder Groteske ist. Für Letzteres spräche, dass die Bedrohung der Freunde ein Maß erreicht, das jeglicher Realitätsgrundlage entbehrt. Für einen Thriller ist der Roman nicht spannend genug, denn die Ereignisse auf den Flüssen und in den Schleusen der Umgebung werden immer wieder durch Rückblenden unterbrochen, die nichts zum Handlungsfortgang beitragen. Weiterlesen

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Leïla Slimani: Der Duft der Blumen bei Nacht

Leïla Slimani hat dieses Buch, in dem sie über sich selbst und ihr Schreiben berichtet, ihrem Freund Salman Rushdie gewidmet.

Schreiben lässt sich nicht erzwingen, Schreiben ist ein innerer Drang, dem man nicht entkommen kann, davon ist die Schriftstellerin, Aktivistin und Feministin überzeugt. Dennoch lässt sie sich auf den Vorschlag ihrer Lektorin ein, eine Nacht allein zwischen Kunstwerken in einem Museum in Venedig zu verbringen, um auszuprobieren, ob und in welcher Form dieses Eingesperrtsein sich auf ihre Gedankengänge und so auch auf ihr Schreiben auswirkt. Ihre anfängliche Skepsis schlägt bald um. Der Schreibprozess geht einher mit Einsamkeit und ganz bestimmt gibt es hierfür kaum einen geeigneteren Ort als ein menschenleeres Museum.  Mit dem nächtlichen Durchstreifen der Flure und dem Betrachten der Kunstwerke öffnen sich immer wieder neue Perspektiven, die Gedankenströme auslösen, die sehr persönlich sind. Wir erfahren von Slimanis beiden wesentlichen Lebensstationen: Von ihrem Geburtsland Marokko und ihrer späteren und jetzigen Heimat Paris. Weiterlesen

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Tobias Sommer: Das gekaufte Leben

Clemens Freitag ist Höchstbietender eines ungewöhnlichen Angebots im Internet. Da verkauft jemand für 250.000 Euro sein komplettes Leben – mit Haus, Auto, Boot, Job, Freunden und dem Posten als Vorsitzendem im Angelverein. Von jetzt auf gleich scheint das bis dato offenbar verkorkste Dasein Freitags eine 180-Grad-Wende zum Guten zu nehmen.

Der dtv-Verlag bewirbt dieses Buch im Klappentext so: „Ein faszinierendes Gedankenspiel – Tobias Sommer zeigt uns, wie es sein könnte, das Leben eines anderen zu leben.“ Diese Beschreibung trifft den Inhalt des Romans nicht im Mindesten, denn der entwickelt sich mit wachsender Seitenzahl immer mehr zu einem etwas verworrenen Thriller. Auf dem Grund des Waldsees, der an das von Freitag erworbene Grundstück grenzt, ruht ein dunkles Geheimnis, in das der Vorbesitzer und Leben-Verkäufer mutmaßlich verwickelt ist. Weiterlesen

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Eva-Maria Bast: Miss Würzburg

Was nützt ein interessanter, vielleicht sogar etwas spannender Plot, wenn der Schreibstil einfach nur schlimm ist? Dann macht die Lektüre eines Romans schlicht keine Freude.

So im vorliegenden Buch, dessen Handlung sich in den Nachkriegsjahren zuträgt. Es geht um eine junge Frau, die unerwartet zur Miss Würzburg – in dieser Stadt spielt der Roman – gewählt wird. Wie immer in solchen Fällen ergibt sich für die Betreffende daraus einiges an Möglichkeiten. Sie wird zu Modenschauen eingeladen, muss für Werbung zur Verfügung stehen und vieles mehr. Dies bedeutet Reisen, Trennung von der Familie, andererseits aber auch ein nicht zu verachtendes Einkommen.

Dies alles trägt sich zu für die junge Luisa, die mit ihrer Mutter im zerstörten Würzburg lebt. Kurz nach dem Krieg heiratet sie ihre Tanzstundenliebe Hannes, eine Tochter wird bald darauf geboren. Hannes, mehr oder weniger erfolgreicher Theaterschauspieler, kommt nicht gut klar mit dem Erfolg seiner Frau. Hinzu kommt eine Erkrankung des Kleinkindes, was Luisa das Reisen zusätzlich schwer werden lässt. Es kommt, wie es kommen muss. Hannes sucht anderweitig Ablenkung und Bestätigung, auch Luise denkt oft an einen anderen Mann, den sie vor Jahren traf. Weiterlesen

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