Simon Strauss: Zu zweit

Eine meisterhaft erzählte, geschickt Stimmungen erzeugende Geschichte mit einem, wie wir heute wissen, gar nicht mehr so unwahrscheinlichen Ausgangsszenario. Dazu ein zwischen Genie und Irrsinn schwankender Protagonist, der wiederum zwischen absurden und scheinbar folgerichtigen Aktionen schwankt. Und eine zweite, fast ebenso verstörte und verstörende Protagonistin.

Eines Nachts entdeckt der namenlose Protagonist, dass das Haus, in dem er ein Zimmer bewohnt, von Wasser umschlossen ist, dass das Wasser bereits in das Haus eingedrungen ist. Nach dem ersten Schock beginnt er eine nächtliche Wanderung durch die überflutete Stadt, betritt Wohnungen, Läden, begegnet dabei keiner Menschenseele. Die Fluten dringen in alle Gebäude, überschwemmen Plätze und Straßen, zerstören Häuser und Existenzen. Er handelt völlig planlos, dabei im Leben der aus den Wohnungen Geflohenen stöbernd, ihre Lebensgeschichten sich ausdenkend. Und auf sein eigenes Leben als Teppichhändler zurückblickend.

Dann trifft er doch einen anderen Menschen, eine Frau, die er kennt. Eine Vertreterin, die schon einmal seinen Laden betreten hatte. Sie treibt auf einem steuerbaren Floß dahin, auch sie planlos, ohne zu wissen, was geschehen ist, was geschehen wird. Er geht zu ihr auf das Floß und so treiben sie schließlich gemeinsam durch die Stadt und aus ihr hinaus.

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Natalie Haynes: Stone Blind: Der Blick der Medusa

Wer kennt sie nicht, die Legende von Medusa, der Frau mit dem Schlangenhaar, deren Blick jeden Menschen sofort versteinert? Die von Perseus enthauptet wird, um mit Hilfe ihres Kopfes die schöne Andromeda vor einem Meeresungeheuer zu retten? Die studierte Altphilologin Natalie Haynes hat in England durch ihre populäre Aufbereitung antiker Sagen bereits Kultstatus erreicht. Ihr Anliegen laut Klappentext: „Ich denke ich schulde ihr einen Roman. Medusas Geschichte ist die eines Monsters, das kein Monster ist. Ich möchte Medusa ihre Stimme zurückgeben.“ Und beim Göttervater Zeus – das hat sie!

Der Autorin gelingt ein Bravourstück. Obwohl sie an den wesentlichen Handlungsabläufen nichts ändert, kommt allein durch den Perspektivwechsel mit der damit verbundene Täter-Opfer-Umkehr eine völlig andere, viel faszinierendere Geschichte heraus. Natalie Haynes rockt das Ding. Sie macht die jahrtausendealte Story so brandaktuell, vielschichtig, feministisch und bisweilen sogar höchst amüsant (Haynes ist auch als Komikerin tätig) wie nie zuvor!

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Arno Geiger: Das glückliche Geheimnis

Der Österreicher Arno Geiger (Jahrgang 1968) ist mit seinem Roman „Es geht uns gut“ 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In seinem neuesten Buch „Das glückliche Geheimnis“ erzählt er vom Davor und Danach seines Erfolges und seines Lebens als Schriftsteller. „Das glückliche Geheimnis“ ist am 10. Januar 2023 im Carl Hanser Verlag erschienen.

Das Davor beginnt 1992: als Vierundzwanzigjähriger lebt Arno Geiger in Wien und will Schriftsteller werden. Eines Tages entdeckt er neben Papiercontainern in der Nähe seiner Wohnung Kartons mit Büchern, die offenbar entsorgt worden sind. Dies ist der Beginn seines „glücklichen Geheimnisses“, denn Geiger beginnt zunächst zu Fuss später mit dem Fahrrad, die Altpapierbehälter in seiner Umgebung zu durchforsten. Er bringt stapelweise alte Dokumente, Zeitungen, Zeitschriften, Briefe, Postkarten, Fotos und Bücher mit nach Hause, um sie sorgfältig zu sichten. Einige davon verkauft er auf dem Flohmarkt weiter, und bestreitet so einen Teil seines Lebensunterhaltes. Andere behält er, um sie für seine Schreibarbeit zu nutzen. Die darin enthaltenen Alltagstexte, wie Geiger sie nennt, werden zur „Schule“ seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Oder mehr noch, wie er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung Ende Januar 2023 sagt:

„Aber in erster Linie war es für mich eine Schule des Lebens, weil ich mich im eigenen Leben besser orientieren konnte.“

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Lize Spit: Ich bin nicht da

Leo und Simon sind ein Paar am Ende ihrer 20er Jahre. Bereits seit 10 Jahren leben sie zusammen, haben eine Wohnung in Brüssel und Leo glaubt, Simon in- und auswendig zu kennen. Er ist ihr Seelenverwandter, sie haben beide ihre Mütter recht jung und brutal verloren und das scheint ihrer Beziehung noch einmal eine besondere Innigkeit zu verleihen. Bis Simon anfängt, sich zu verändern.

„Ich bin nicht da“ ist ein Roman über das, was eine psychische Erkrankung auch bei dem Partner anrichten kann. Das Buch ist unglaublich intensiv, das ich mich nach einer Lektüre mal so richtig schlecht gefühlt habe, kommt selten vor und spricht für den Roman. Lize Spit erzählt aus der Sicht von Leo, die erst nicht versteht, dann verleugnet und schließlich verzweifelt.

Es ist Simon, der psychisch krank ist, aber je stärker die Belastung für Leo wird, desto mehr hat sich mir der Eindruck aufgedrängt, dass auch sie ein Problem hat. Es muss unglaublich schwer sein, wenn der Partner, den man doch liebt und dem man vertraut, plötzlich paranoid behauptet, die Freunde würden sie hintergehen und dann nicht doch ein kleines bisschen von dem zu glauben, was er sagt. Ganz abgesehen davon, dass man es am Anfang sowieso glaubt. Wie ist es, nach Hause zu kommen und nie zu wissen, welche Katastrophe einen erwartet? Was macht das mit der eigenen Wahrnehmung?

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Jonathan Escoffery: Falls ich dich überlebe

Der US-amerikanische Autor Jonathan Escoffery widmet sich in seinem Debüt „Falls ich dich überlebe“ einer getrennt lebenden jamaikanischen Migrantenfamilie in den USA. Er tut das, indem er eine Reihe von kürzeren Erzählungen aneinanderreiht, die mehr oder weniger lose miteinander verbunden sind und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt sind. Insofern lässt sich der vorliegende Band auch als Geschichtensammlung sehen.

Escoffery, der selbst von jamaikanischen Einwanderern abstammt, legt dabei ein thematisches Schwergewicht auf den Rassismus. Trelawney, sensibler Sohn in dieser Familie, leidet darunter, dass er mal als Weißer, mal als Schwarzer gesehen wird. Diesen Aspekt walzt der Autor in der ersten Geschichte etwas breit aus, und man muss als Leser Durchhaltevermögen beweisen.

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Jean Gabriel Causse: Justine und die Rettung der Welt

Ein vielleicht leider gar nicht so absurder Plot, der mitreißt, der spannend und tiefgründig ist und unbedingt nachdenklich macht, das zeichnet diesen Roman aus Frankreich aus.

Denn wer könnte sich nicht, auch mit weniger Fantasie, ausmalen, dass das Internet plötzlich selbständig zu agieren beginnt, ein regelrechtes Eigenleben entwickelt. Genau das geschieht in diesem Buch, das dabei aber nicht auf schockierende und dramatisierende Ereignisse setzt, sondern auch optimistische Blicke in die Zukunft erlaubt.

Justine ist eine leidenschaftliche Hackerin, die durch ihr Eindringen in fremde Computersysteme deren Schwachstellen aufzeigen will und so hofft, an Jobs zu kommen. Versehentlich entdeckt sie dabei, dass etliche Atomraketen gestartet werden, dann aber unvermittelt abgelenkt und quasi entführt werden.

Man kommt Justine auf die Spur und sie gerät in Verdacht, dafür verantwortlich zu sein. Um sich von diesem Verdacht zu befreien, muss sie fliehen und selbst herausfinden, was dahintersteckt. Und genau das ist das Internet, welches eigenverantwortlich zu handeln begonnen hat.

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Glendy Vanderah: Ein Nest voller Träume

Eine wirklich ungemein spannende und sehr ungewöhnliche Geschichte mit interessantem Plot und interessanten Figuren, das ist dieser Roman. Der darüber hinaus noch sachlich fundiert ist, denn die Verfasserin ist ebenso wie ihre Protagonistin Ornithologin, weiß daher, wovon sie erzählt.

Diese Protagonistin heißt Joanna. Sie kommt nach einer überstandenen schweren Krebsoperation in die abgelegene Hütte eines Vogelforschers, um dort für ihre Doktorarbeit Feldforschung zu betreiben. Joanna ist dabei sehr froh über die Einsamkeit, hat sie doch viel zu verarbeiten. Doch eines Tages taucht vor ihrer Unterkunft ein kleines Mädchen auf, das sich weigert, zu erzählen, woher es kommt und wer seine Eltern sind. Stattdessen behauptet Ursa, so nennt sich das Kind, sie sei ein Alien von einem anderen Planeten, auf die Erde geschickt, um die Menschen zu studieren. Immer, wenn Joanna versucht, die Polizei über Ursa zu informiere, läuft das Mädchen davon.

Also bleibt der jungen Frau, die Angst hat, das Mädchen könnte in lebensgefährliche Situationen geraten, wenig übrig, als dem Kind Obdach zu geben. So kommt sie in Kontakt mit ihrem zurückgezogen lebenden Nachbarn Gabe, der sich um seine schwerkranke Mutter kümmert und sich mit Eierverkauf etwas dazuverdient.

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Jens-Philipp Gründler: Das Schweigen der Gedanken

Der Autor Jens-Philipp Gründler ist ein Könner auf dem Gebiet der Kurzprosa, wobei er die stillen Töne liebt, heftige Wendungen aber ebenso einsetzt.

Die erste Kurzgeschichte, „Der heilige Name“, erzählt von der Begegnung des Ich-Erzählers mit dem römischen Klerus: „Meine Vorliebe für diese vorzugsweise reptilienartig gealterten, nach Flieder duftenden Greise…“. Sorgfältig beobachtet und mit hintergründiger Komik („Wo hat der Edelmann den Prospekt an sich genommen?“) lässt Gründler es zu der Begegnung mit einer Bettlerin kommen.

In „Hart Island“ begegnet uns ein Thema, das sich durch die meisten Texte begleitet, dem Traum („Luzide Träume waren für Anna Rosensteins Arbeit immer schon eine unbedingte Notwendigkeit gewesen“). Horrorelemente und aktuelle Bezüge (Corona) machen diesen Text für mich zu einem der Highlights des Buches. Die Kurzgeschichte könnte seht gut die Inspiration zu einem Roman sein, Figuren, Setting und Handlung würden auch einen längeren Text tragen.

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Mariette Navarro: Über die See

Eine Kapitänin, ihr Schiff, die Mannschaft, das Meer und die Unberechenbarkeiten des Lebens. – Genügend Stoff, um daraus eine unterhaltsame Geschichte zu konzipieren, sollte man meinen. – Weit gefehlt! – Nicht nur die Handlung, sondern vor allem die facettenreiche Sprache ist es, durch die dieser wunderbare kleine Roman punktet.

Entgegen jeglicher Disziplin, an die sie sich seit jeher gehalten hat, entgegen aller Vorschriften und Vernunft, schaltet die Kapitänin auf der Überfahrt vom französischen St. Nazaire in Richtung der Antillen mitten auf dem Ozean Motor und Radar ihres Frachters aus, um ihrer Crew ein Bad im kalten Ozean zu ermöglichen. Ein Unterfangen, das so verrückt wie verwegen gleichzeitig ist.

Mit ihrem Eintauchen in das Wasser eint die Seeleute nun eine Anderswelt, in der sich jeder von ihnen erst einmal zurechtfinden muss. Von nun an sind sie samt der an Deck gebliebenen Kapitänin  nur noch mit sich selbst beschäftigt. Zurückgeworfen in ihre bloßen Existenzen werden sie sich körperlich und seelisch ihres Daseins und dem Ausgeliefertsein an die Natur einerseits verzückt, andererseits schmerzlich bewusst. Allein auf sich gestellt kommt sich jeder der Männer auf eine der Wirklichkeit entrückte Art so nahe wie nie zuvor.

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Mirjam Wittig: An der Grasnarbe

In der Stadt wird Noa von Angstattacken heimgesucht.Wann immer sie in der Öffentlichkeit – in der Bahn, auf Straßen und Plätzen, in öffentlichenGebäuden – auf junge Männer mit arabischem Aussehen trifft, befällt Noa panische Angst, ihrVorstellungsvermögen produziert Bilder von Explosionen und Toten und sie verlässt den Ort. Dabei belastet sie nicht nur dieirrationale Körperreaktion, sondern auch die üble Unterstellung gegenüber denen, die die Panikattackendurch bloße Abwesenheit auslösen. Um dem allen zu entfliehen, nimmt sie eine Stelle als Helferin aufeinem Bauernhof in den französischen Alpen an.

Die Hofeigentümer Ella und Gregor haben vor etlichen Jahren Deutschland verlassen, um in

Frankreich ein neues Leben zu beginnen. Doch die Arbeit wächst den beiden zunehmend über denKopf, Helfer sind immer willkommen. In den nächsten Tagen und Wochen lernt Noa Schafe zu hüten,sie pflanzt Setzlinge, geizt Tomaten aus, hilft beim Ernten und beim Einkochen. Sie gewinnt dasVertrauen von Jade, der 11jährigen Tochter von Ella und Gregor.Doch auch hier überkommen sie immer wieder irrationale Ängste und das Gefühl, einer Situation hilflos ausgeliefert zu sein.

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