Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat

Als Zoli ein kleiner Junge war, fiel er bei einer Fahrt mit dem Vater vom Motorrad. Irgendwann bemerkte dieser den Verlust des Sohnes. Es verging weitere kostbare Zeit, bis er ihn im Straßengraben liegend wiederfand. Noch immer nahm der Vater die Situation nicht ernst. Erst als Passanten ihn von der Schwere der Kopfverletzung überzeugen konnten, bekam Zoli ärztliche Hilfe.

Zoli ist nun anders als die Nachbarjungen. Er stottert, ihm fließt der Rotz aus der Nase und seine Ordnung der Dinge folgt der Natur, den Jahreszeiten. Was er liebt, schätzen seine Eltern gering. Er soll ein richtiger Mann werden, einer der saufen kann, sich für Frauen interessiert und vor allen Dingen die Eltern aus der Armut rettet.

Aber Zoli funktioniert anders. Zoli ist Zoli. Sein Garten, die Blumen und sein Hund Tango stehen im Mittelpunkt seines Lebens. Auch seine Freundin Anna aus Kindheitstagen, die er Hanna nennt. Weiterlesen

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Corinna Mell: Marienfelde

Im Frühling 1952 im Westen Berlins: Der Schulabschluss von Sonja und ihren Klassenkameradinnen steht kurz bevor. Die Mädchen und jungen Frauen schmieden Pläne für die Zeit nach der Mittleren Reife. Sonja möchte auf die kaufmännische Schule gehen, um dort Maschinenschreiben, Stenografie, Rechnungswesen und Buchhaltung zu lernen, damit sie die Eltern im Büro ihres Fahrdienstes unterstützen kann. Sie steht mit beiden Beinen im Leben und hilft auch ab und zu in der Werkstatt mit – ein Ölwechsel ist kein Problem für sie. Doch dann bekommt ihr Vater ein Angebot, das er kaum ablehnen kann. VW ermöglicht ihm, ein Autohaus zu eröffnen und unterstützt ihn finanziell. Allerdings hat die Sache einen Haken für Sonja. „Die Firma VW bietet dir eine einmalige Gelegenheit für deine unmittelbare Zukunft“, eröffnet ihr der Vater. Die Firma bezahlt ihr ein „privates Institut, erstklassig geführt“. Eine Hauswirtschaftsschule, eine Bräuteschule, in der junge Frauen auf ihre Hausfrauenrolle vorbereitet werden. Sonja ist entsetzt und wütend. So hat sie sich das nicht vorgestellt, aber eine Absage würde den Vater bei VW in ein schlechtes Licht rücken und so fügt sie sich schließlich mit dem Gedanken, dass die kaufmännischen Kurse dadurch ja nur aufgeschoben werden.

Schnell findet sie sich im Institut in die Gemeinschaft ein, lernt die anderen Mädchen kennen und viele davon schätzen. Auch ein paar Herrenbekanntschaften sind dabei: der „Schöne Walter“, der die Lebensmittel für die Küche bringt, geht ihr nicht aus dem Kopf Weiterlesen

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A. L. Kennedy: Süßer Ernst

Die schottische Schriftstellerin Alison Louise Kennedy (Jahrgang 1965) lebt aktuell in der Nähe der britischen Hauptstadt und hat mit „Süßer Ernst“ einen Roman über zwei Menschen in London geschrieben. Das Buch ist am 5. November 2018 in einer Übersetzung von Ingo Herzke und Susanne Höbel im Carl Hanser Verlag erschienen.

In „Süßer Ernst“ beschreibt A. L. Kennedy das Leben von Jon und Meg während eines Tages im Frühjahr des Jahres 2015. Jon ist Ende fünfzig und Regierungsbeamter, geschieden mit einer erwachsenen Tochter. Meg ist  Mitte vierzig und eine trockene Alkoholikerin, die einmal Buchhalterin war und jetzt in einem Tierheim arbeitet. Die Geschichte beginnt um 6:42 Uhr in der Früh damit, dass Jon in der Wohnung seiner Ex-Frau die Blumen gießt und dabei einen kleinen Vogel aus einem Netz befreit, in dem er sich verfangen hatte. Dabei kackt ihm der Vogel aus Angst auf die Hose, und Jon kotzt zum ersten, jedoch nicht zum letzten Mal an diesem Tag. Meg spaziert auf den Telegraph Hill, um den Sonnenaufgang zu sehen. Sie feiert ihren ersten Geburtstag. Seit einem Jahr hat sie keinen Alkohol getrunken.

Kennedy erzählt im Folgenden abwechselnd aus Jons und Megs Perspektive mit vielen inneren Monologen. Eingeleitet werden die Kapitel, die jeweils eine Uhrzeit als Überschrift tragen, durch kurze Miniaturen, in denen Stadtszenen beschrieben werden. Irgendwann am Ende der vierundzwanzig Stunden und nach mehreren Verzögerungen werden Jon und Meg sich treffen. Weiterlesen

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Kelly Rimmer: Was das Herz nie vergisst

Mit 38 Jahren ist Sabina das erste Mal schwanger. Sie und ihr Mann Ted schäumen über vor Freude und natürlich möchte Sabine die Neuigkeit auch gleich mit ihren Eltern teilen. Doch Graeme und Megan reagieren schockiert und abweisend. Was ist mit ihren sonst so liebevollen Eltern los und warum blocken sie bei diesem Thema so ab? Freuen sie sich denn nicht, Großeltern zu werden? Eigentlich sollte sich immerhin Sabina freuen, doch das seltsame Verhalten trübt jedes Gefühl in ihr. Dann rückt die Mutter endlich mit der Sprache raus: Sabina wurde bei ihrer Geburt adoptiert! Sie war Teil der in Australien in den 1960ern bis 1980ern systematisch durchgeführten erzwungenen Adoptionen, in denen minderjährige Mädchen ihrer Kinder beraubt wurden. Sabina begibt sich tapfer auf die Suche nach ihren Wurzeln.

„Was das Herz nie vergisst“ ist nette Lektüre – nicht mehr, nicht weniger. Das liegt vielleicht daran, dass ich noch nie so viele kursiv geschriebene Worte in einem einzigen Roman entdeckt habe. Alles scheint hier wichtig, betonenswert und irgendwie schräggestellt. Mit der Zeit geht einem das ganz schön auf die Nerven. Was allerdings viel schlimmer wiegt, ist die Leichtigkeit, mit der im Roman alles passiert. Weiterlesen

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Maruan Paschen: Weihnachten

„Weihnachten ist jeden Tag“ – das ist das Motto von Maruan Paschens Weihnachts-Roman.

Weihnachten im Kreis der Familie, auf den Raum um den Baum konzentriert, ist ein literarischer und realer Dauerbrenner im Leben der meisten Menschen. Das Bürgertum definiert sich unter anderem über dieses Fest, das nicht christlich ausgerichtet sein muss, aber die Familie in den Mittelpunkt rückt und bei dem Ort und Zeit verschiedenste Familienmitglieder zusammenbringen unter dem Stern.

Das kann lustig sein, barbarisch, mörderisch. Bei Paschen ist es der – typische – Fonduetopf, um den sich die Familie versammelt, und die Leser-Erwartung wird erfüllt: Alles geht schief.

Maruan berichtet als Ich-Erzähler von der Weihnachtsfeier der Paschens, mit Maruan selbst, der Mutter und diversen Onkeln. Weiterlesen

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Christina Dalcher: Vox

Die USA der Gegenwart. Frauen ist es pro Tag nur noch erlaubt 100 Worte zu sprechen, dann verstummen sie bis Mitternacht, da ein Armband an ihrem Handgelenk ihnen sonst unsagbare Schmerzen zufügen würde. Die Arbeitswelt hat sich dadurch maßgeblich verändert, ja, ist auf die Hälfte zusammengeschrumpft, denn keine Frau kann unter diesen Bedingungen arbeiten gehen. Sie sind dazu verdammt, sich um die Familie zu kümmern und Kinder zu bekommen. Auch Jean McClellan musste ihren Job als Wissenschaftlerin aufgeben und sieht nun mit Bangen, in welcher Welt ihre kleine Tochter, für die die Regeln gleichermaßen gelten, aufwachsen muss. Als sich ihr ältester Sohn auch noch einer der religiösen Bewegungen anschließt, weiß sie keinen Ausweg mehr. Doch sie erhält eine großartige Chance, denn Jean ist eine der wenigen Menschen in den USA, die dem Bruder des Präsidenten helfen können, der nach einem Unfall im Koma liegt. Jean darf unter ganz bestimmten Umständen wieder in ihrem Job arbeiten! Weiterlesen

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Marion Poschmann: Die Kieferninseln

Gilberts Start ins Berufsleben beginnt hoffnungsvoll. Doch die Karriere bleibt aus. Denn er schweigt, wenn er prahlen sollte oder kritisiert in den falschen Situationen. Nachdem er auf einem akademischen Abstellgleis gelandet ist, wird er Zeuge am beruflichen und monetären Erfolg seiner Frau. Eines Nachts steht auch noch der Traum von ihrer Untreue zwischen ihnen, der sich am Morgen zu einer Gewissheit manifestiert. Die unvermeidbare Auseinandersetzung mündet in ein Zerwürfnis.

Gilbert ergreift die Flucht und nimmt den ersten Flug nach Tokyo. Dort nähert er sich dem Fremden an, in dem er japanische Klassiker kauft und die Umgebung fußläufig erkundet. Dabei fällt ihm der Student Yosa auf, der seinem Leben ein Ende setzen will. Spontan nimmt Gilbert ihn in seine Obhut. Als er kurz darauf das Handbuch für Selbstmörder, den japanischen Klassiker für Lebensmüde, in Yosas Sporttasche entdeckt, beschließt Gilbert, den jungen Mann mit einer neuen Aufgabe von seinem Vorhaben abzulenken. Er soll ihn zu den Kieferinseln begleiten, dem klassischen Ort für Schönheit, Weisheit und hohes Alter. Auf dem Weg dorthin führt Yosa ihn auch zu Orten, die bei Selbstmördern beliebt sind. Die erfolgreiche Fahrt zu den berühmten Kiefern ist nun abhängig von Gilberts Einfallsreichtum. Weiterlesen

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Hannah Tinti: Die zwölf Leben des Samuel Hawley

Mit Loos zwölftem Lebensjahr beginnen grundlegende Veränderungen. Sie und ihr Vater Samuel werden sesshaft. Das neue Zuhause ist die kleine Küstenstadt Olympus, der Geburtsort ihrer verstorbenen Mutter, in dem ihre Großmutter noch immer wohnt. Zum ersten Mal spürt Loo, was es heißt, trotz des festen Wohnsitzes eine Fremde und verhasste Außenseiterin zu sein. Aus irgendeinem Grund will sogar ihre Großmutter nichts mit ihnen zu tun haben. Ihr Vater Samuel und sie werden angefeindet, bestohlen oder belächelt. Und weil ihre Klassenkameraden einfach nicht mit ihren Angriffen aufhören wollen, besorgt sich Loo Schuhe mit Stahlkappen. Jeder Tritt soll Schmerzen bereiten. Ein gebrochener Finger verschafft ihr endlich Ruhe. Bei ihrem Vater Samuel dauert es länger.

Im Laufe der Jahre begreift Loo, dass sie in Olympus immer die Außenseiter bleiben werden. Sie sind einfach zu speziell. Vor allen Dingen ihr Vater! Kein anderer hat so viele Narben und Waffen oder beendet so effizient Konflikte.

Eines Tages taucht Samuels alter Kumpel auf, und das scheinbar normale Leben gerät erneut in Gefahr. Weiterlesen

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Hannelore Hippe: Die verlorenen Töchter

Hannelore Hippe hat in diesem Buch einen bis heute nicht geklärten Kriminalfall um eine mysteriöse halb verbrannte Frauenleiche, die 1970 im Isdal, der Gegend um Bergen/Norwegen, gefunden wurde, aufgegriffen. In ihre fiktiv ausgearbeitete Handlung hat sie Zeugenaussagen, Namen, Daten und Orte aus der Polizeiakte einfließen lassen. 2017 wurde der Fall mit neuen forensischen Techniken abermals untersucht. Erstaunlicherweise gelangten die Ermittler dabei zu ähnlichen Resultaten, wie Hippe sie in der Romanhandlung aufzeigt.

Das Buch beginnt mit dem Fund einer Frauenleiche im Jahr 1970, macht aber nach wenigen Seiten einen Zeitsprung und wechselt ins Jahr 1942. Die Wurzeln dieses Kriminalfalls liegen in der norwegischen Geschichte, als deutsche Wehrmachtssoldaten während des zweiten Weltkrieges das Land bevölkerten:

Die zwanzigjährige Åse findet in Tromsø eine Anstellung in der Wäscherei der Besatzungsmacht. Wie viele andere junge Frauen geht sie eine Beziehung mit einem deutschen Soldaten ein. Weil dies unter großen Teilen der Bevölkerung als höchst anrüchig gilt,  können Åse und der Unteroffizier Kurt sich nur heimlich treffen. Selbst der eigenen Familie kann Åse sich nicht anvertrauen. Weiterlesen

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Emma Claire Sweeney: Beim Ruf der Eule

Maeve Maloney ist 79 Jahre alt und kann ein Ereignis, das fast 60 Jahre in der Vergangenheit liegt, dennoch nicht gedanklich abschließen. Als ihr Jugendfreund Vincent plötzlich vor der kleinen Pension steht, die sie immer noch leitet, schickt sie ihn wie paralysiert fort. Nur er weiß, dass Maeve einst eine Zwillingsschwester namens Edie hatte. Edie, die so wunderbar singen konnte und dazu noch etwas ganz Besonderes war. Zu schmerzhaft sind die Erinnerungen an die Vergangenheit, doch Vincents Anwesenheit reißt alte Wunden auf und Maeve muss sich mit den Geschehnissen auseinandersetzen.

In „Beim Ruf der Eule“ laufen zwei Handlungsstränge parallel. In der Gegenwart ist Maeve Maloney alt, aber noch recht rüstig. Sie führt ein kleines Lodge, in dem sie Menschen mit Beeinträchtigungen aufnimmt. Auch unter ihrer Belegschaft sind zwei junge Menschen mit Down-Syndrom. Als die beiden sich ineinander verlieben und ein Paar sein wollen, wirft das für Maeve neue Probleme auf. Weiterlesen

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