Michael Ondaatje: Kriegslicht

Kriegslicht, das klingt nach Verdunkelung, nach kaum ausgeleuchteten Winkeln, nach Dingen, die im Verborgenen liegen und besser unentdeckt bleiben. Kriegslicht, das ist auch eine treffende Umschreibung für die Atmosphäre der Nachkriegsjahre in London, für eine Zeit, in der Nathaniel und Rachel erwachsen werden.

„Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.“ (Zitat S. 13) Mit diesem Satz beginnt der Roman, mit einer Tatsache und einer Vermutung. Bald nach der Abreise der Mutter finden der vierzehnjährige Nathaniel und seine zwei Jahre ältere Schwester Rachel heraus, dass die Mutter ihren Überseekoffer zurückgelassen hat. Jenen Koffer, den sie so hingebungsvoll über Tage hinweg gepackt hatte samt einer kleinen Geschichte zu jedem einzelnen Gegenstand, den sie in der Ferne unbedingt brauchen würde. Ist die Mutter dann überhaupt fortgegangen, und wenn ja, wohin? Und warum erhascht Nathaniel manchmal unverhofft einen Blick auf eine Frau, die seine Mutter sein könnte? Vermeintliche Tatsachen sind oft keine, Vermutungen können falsch sein, auf nichts ist Verlass, stellt Nathaniel fest. Weiterlesen

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Anna Pfeffer: Unter uns nur Wolken

Tom weiß wirklich nicht mehr weiter. Sein Großvater Florian hat Alzheimer und er möchte alles tun, damit der Opa nicht ins Heim muss. Doch Tom hat eine Arbeit und Verpflichtungen und kann ganz sicher nicht den ganzen Tag zur Betreuung opfern. Alle Pflegekräfte, die er bisher eingestellt hat, sind innerhalb weniger Tage getürmt und wurden nie wiedergesehen. Denn Florian ist ein echtes Ekel und gibt sein Bestes, um alle zu vergraulen. Als die junge Ani plötzlich vor der Tür der beiden steht und sich sowohl für das Zimmer als auch die Stelle als Pflegekraft interessiert, fragt Tom deshalb nicht lange nach Reverenzen und stellt Ani ein. Ani selbst ist ebenfalls verzweifelt, hat nach der Trennung von ihrem Partner keine Wohnung und Perspektive mehr. In der Stelle bei Tom und Florian sieht sie einen letzten Hoffnungsschimmer.

Hinter Anna Pfeffer verbergen sich die Autorinnen Ulrike Mayrhofer und Carmen Schmit, die an diesem Werk nicht zum ersten Mal gemeinsam gearbeitet haben. Diesmal ist ihnen eine witzige, aber auch ein bisschen tiefgründige Geschichte gelungen, die abwechselnd aus den Perspektiven von Tom und Ani geschrieben ist. Natürlich versucht Witwer Florian auch Ani zu vergraulen. Weiterlesen

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Chris Kraus: Sommerfrauen, Winterfrauen

Chris Kraus, vielfach ausgezeichneter Filmregisseur von Werken wie „Poll“ und „Die Blumen von gestern“ zeigt mit diesem Roman aufs Neue, dass er auch ein großartiger Romancier ist. Er schickt seinen Protagonistin Jonas Rosen ins New York des Jahres 1996. Dort soll der Filmstudent für den exzentrischen Regisseur Lila von Dornbusch einen Sexfilm drehen. Doch New York ist nichts für Anfänger: Jonas findet Obdach in der Bruchbude eines homosexuellen Autors, die Vorbereitungen für die Filmcrew geraten ins Stocken, zudem lauern überall reizende „Sommerfrauen“, während zuhause seine „Winterfrau“ eifersüchtig auf ihn wartet. In New York empfängt ihn zudem ein dunkles Kapitel seiner Familiengeschichte.

„Sommerfrauen Winterfrauen“ nicht zuletzt ein äußerst amüsanter Abgesang an das Lebensgefühl der 90er Jahre. Mit einem sympathischen Protagonisten, der im wahrsten Sinne des Wortes einen an der Klatsche beziehungsweise etwas am Kopf hat. Weshalb selbiger vor umherfliegenden Stiefeln, herabstürzenden Dachbalken und entrüsteten Ohrfeigen geschützt werden muss. Weiterlesen

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Alice Peterson: Ein Song bleibt für immer

Alice ist Mitte 20 und das ist schon ein Wunder. Als sie Mitte der 70er geboren wurde, gaben ihr die Ärzte gerade einmal 10 Jahre. Sie leidet an Mukoviszidose, einer unheilbaren Erbkrankheit, die vor allem ihre Lungen befällt und das Atmen schwer macht. Doch Alice hat länger gelebt als nur 10 Jahre und auch jetzt hat sie noch Träume. Sie will singen und berühmt werden, das Modeln an den Nagel hängen. Und sie will mehr Zeit mit Tom verbringen, den sie eben erst kennengelernt hat. Doch wie kann man eine Beziehung aufbauen, wenn die Zukunft so unklar ist? Wenn schon übermorgen Schluss sein könnte?

Alice Peterson hat ihre Geschichte inspirieren lassen von Alice Martineau, die mit ihrer Krankheit ebenfalls den großen Traum des Singens hatte. Peterson empfindet in ihrem Roman deren Geschichte nach, bleibt nah an der Wirklichkeit, fügt aber auch wichtige Elemente für Spannung und Dramatik ein. Weiterlesen

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Marlen Haushofer: Himmel, der nirgendwo endet

Wild ist die kleine Meta, kaum zu bremsen in ihrem Tatendrang und bei der Heuernte im Weg. Deshalb sitzt sie mit ihren zweieinhalb Jahren „strafweise im Regenfass“. Etwas Schlimmeres kann sie sich kaum vorstellen, Wut steigt in ihr auf. Doch dann beschließt sie, die bösen Großen einfach wegzuschicken und freundet sich stattdessen mit dem Fass an, das brav ist „und zum Liebhaben“. Ab und zu schaut ein Mann-Riese oder eine Frau-Riese herein, aber Meta will sie heute nicht mehr sehen. Viel lieber beschäftigt sie sich mit dem Himmel oder einer Hummel.

So beginnt Marlen Haushofers wunderbarer Roman „Himmel, der nirgendwo endet“, der erstmals im Jahr 1966 erschien und jetzt als Ullstein Taschenbuch wieder aufgelegt wurde. Er begleitet Meta in lose aneinander gereihten Episoden durch ihre Kindheit bis zur frühen Jugend. Die Leserinnen und Leser lernen ihre Familie kennen, die in einem Forsthaus lebt, erleben ihre zwiespältigen Gefühle der Mutter gegenüber und ihre Verehrung für den Vater.

Ihre Wissbegier macht es Meta und den Erwachsenen oft nicht leicht: „Die Großen sind leider sehr lästig. Alle stellen sich Meta in den Weg und hindern sie an ihren Forschungen.“ Doch immer wieder entkommt sie in den Wald, den Garten oder den Roßstall, wo sie sich versunken ihren fantastischen Spielen hingeben kann. Weiterlesen

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Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Als Philippe 1984 17 Jahre alt ist, verliebt er sich in Thomas. Es ist Liebe auf den ersten Blick. Auch die Mädchen umschwärmen Thomas. Ständig suchen sie seine Nähe, und ihm scheint es zu gefallen.

Während Philippe unter dieser unmöglichen Liebe leidet, bleibt er für alle der Musterschüler, der Sohn des Rektors und der Einzelgänger mit der weiblichen Gestik. Dabei hat er sich angewöhnt, andere zu beobachten und ihnen ein Leben mit Geschichten anzudichten. Aus diesem Grund nennt ihn seine Mutter häufig einen Lügner. Um so überraschter ist Philippe, dass auch Thomas ein Lügner ist. Denn Thomas führt ein heimliches Doppelleben. Als dieser ihm eines Tages Sex anbietet, darf dies nur unter der Bedingung absoluter Verschwiegenheit geschehen.

Philippe lässt sich darauf ein, auch wenn ihr Arrangement nicht gerade perfekt ist.

Viel zu schnell neigt sich ihre Beziehung dem Ende zu. Sie haben ihr Abitur geschafft, und jeder verfolgt seine eigenen Ziele. Studium in Paris der eine, Flucht zur spanischen Familie der andere. Weiterlesen

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Dörte Hansen: Mittagsstunde

Hier ist es nun, mein Buch des Jahres 2018: Die Journalistin, Linguistin und Schriftstellerin Dörte Hansen (Jahrgang 1964) hat mit ihrem zweiten Roman wieder einen Buch-Volltreffer gelandet. Nach „Altes Land“, dem Überraschungserfolg aus dem Jahre 2015, ist „Mittagsstunde“ am 15. Oktober 2018 im Penguin Verlag erschienen.

Darin kehrt Dr. Ingwer Feddersen, Prähistoriker an Universität Kiel, in sein Heimatdorf Brinkebüll, einem Geestdorf in Schleswig-Holstein, zurück, um seine betagten Großeltern Sönke und Ella zu pflegen. Dazu hat er an der Uni ein Sabbatical eingereicht und seine langjährige Wohngemeinschaft mit Diplomatentochter Ragnhild Dieffenbach und Regattasegler Claudius in einem Kieler Altbau verlassen.

In Rückblenden erzählt Dörte Hansen die Geschichte von Marret, Ingwers Mutter, die singen konnte und im Dorf nur „Marret Ünnergang“ genannt wurde. Ingwer ist das Ergebnis einer kurzen Begegnung im Jahre 1965 zwischen der siebzehnjährigen Marret und einem Ingenieur, der als Landvermesser bei der Flurbereinigung in Brinkebüll mitarbeitete. Marrets Eltern, Sönke und Ella, ziehen den Jungen auf. Marret ist anders, „verdreiht“, sie läuft mit weißen Klapperlatschen durch das Dorf und verkündet den Weltuntergang. Und jede und jeder in Brinkebüll weiß, dass sie ein Kuckuckskind ist. Weiterlesen

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Adriana Altaras: Die jüdische Souffleuse

Ihren neuen Roman verknüpft Adriana Altaras wie immer mit ihren jüdischen Wurzeln und diesmal mit ihrem Berufsleben. Theater und Opern sind ihre Welt und ihre Erfüllung und entsprechend turbulent gestalten sich die Tage, die immer mit dem Bühnenalltag verbunden sind.

Altaras weist in einem Vorspann darauf hin, dass einige der Charaktere in ihrem Buch tatsächliche Vor- und Urbilder haben, ihre jeweiligen Beschreibungen und die Handlungen dennoch fiktiv ausgearbeitet sind.

Bühnenleben und Opernbetrieb erfordern, dass die Ich-Erzählerin Adriana immer wieder für einige Wochen weg von der Familie, der Wohnung und der vertrauten Umgebung ist. Ganz automatisch versucht sie, in fremden Städten heimisch zu werden und wie zu Hause eine Joggingstrecke, das Schwimmbad oder eine Espressobar ausfindig zu machen. So stellt sich bald überall der Alltag in Form des immer gleichen Gangs zu einem auserkorenen Lieblingsrestaurant oder dem unvermeidlichen permanenten Auswendiglernen ein. Natürlich gibt es da auch noch die Eigenheiten vieler Kollegen, deren Allüren vor und hinter dem Bühnenvorhang. Weiterlesen

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Andrew Michael Hurley: Teufels Tag

Atmosphärisch äußerst dicht präsentiert sich der Roman „Teufels Tag“ des britischen Autors Andrew Michael Hurley. Der Engländer entführt uns in die fast schon archaisch anmutende Welt einer Handvoll Bauern-Familien, die irgendwo in einer gottverlassenen Gegend am Rande einer Moorlandschaft ihr karges Dasein fristen.

Weil sein Großvater gestorben ist, besucht der Lehrer John zur Beerdigung mit seiner Frau Kat diese Gegend, in der nach wie vor der Rest der Familie lebt. Immer mehr reift in ihm der Wunsch heran, sein künftiges Leben dort zu verbringen, um die Traditionen seiner Ahnen fortzuführen.

Die Bewohner in den „Endlands“ – so heißt die Gegend passenderweise im Buch – können kaum lesen oder schreiben, sie leben in baufälligen Häusern und müssen tagein-tagaus schwere körperliche Arbeit verrichten, um sich so gerade eben über Wasser zu halten. Weiterlesen

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Sally Hepworth: Anna Forster erinnert sich an die Liebe

Anna ist 38 Jahre alt, als sie die niederschmetternde Diagnose erhält: Alzheimer. Wie schon ihre Mutter, die in vergleichbarem Alter von der Krankheit getroffen wurde, ist Anna dazu verdammt, immer weiter abzubauen und ihre Erinnerungen zu verlieren. Doch Anna will sich nicht geschlagen geben und vor allem keinem zur Last fallen. Sie setzt ihren Bruder als Vormund ein und zieht in ein Altersheim der besonderen Art, in dem auch ein weiterer junger Patient mit einer Gedächtnisstörung lebt. Luke geht mit seinem Handicap ganz anders um als Anna. Während sie sich eher zurückzieht, nimmt Luke am Leben teil. Kann das der richtige Weg sein? Anna ist neugierig auf Luke.

Sally Hapworths Geschichte ist etwas ganz Besonderes. Sie wird in zwei Erzählsträngen ausgebreitet. Anna erzählt, was vor 15 Monaten passiert ist, den Einzug in das Heim, ihr Ankommen dort, die zunehmenden Gedächtnislücken. Die Köchin Eve erzählt von ihrem eigenen Leben, wie sie im Heim anfing zu arbeiten, wie es Anna in der Gegenwart geht. Weiterlesen

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