Jean-Philippe Blondel: Ein Winter in Paris

Der Weg in die Welt der Erwachsenen ist für Victor zunächst ein schleichender Prozess. Als Zweitgeborener nutzt er seine Freiheit, eigene Wege auszuloten. Einer ist das Lycée in Paris, die Eintrittskarte zur Eliteuniversität. Victor, das fleißige Landei mit scharfem Verstand, findet sich wie gewohnt in seiner Außenseiterrolle wieder. Ist er bei seinen Eltern der unverstandene Kluge, sehen die Mitschüler in ihm nur den mittellosen Provinzler. Wider Erwarten schafft er es im ersten Jahr unter die 20 Besten. In seinem zweiten einsamen und zugleich arbeitsintensiven Vorbereitungsjahr lernt er in den Pausen Mathieu kennen, der wie er als Außenseiter die gleiche ruhige Ecke zum Rauchen aufsucht. Auch Mathieu leidet unter dem Leistungsdruck und den verletzenden Bemerkungen der Lehrer.

An dem Tag, an dem Victor beschließt, Mathieu zu seinem Geburtstag einzuladen, eskaliert das angespannte Verhältnis zwischen dem angehenden Freund und einem Lehrer. Mathieu rennt aus dem Klassenzimmer und stürzt sich im Treppenhaus zu Tode. Victor ist bei diesem Freitod Ohrenzeuge und rennt zu ihm. Der Schock rüttelt ihn auf. Weiterlesen

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André Herzberg: Was aus uns geworden ist

Am Anfang stehen die Mütter und die Väter: Horst, der Karriere in der Politik macht, von seinem Sohn Richard bewundert und verehrt; Harry, Arzt und strenggläubiger Vorsteher einer jüdischen Gemeinde, der seinen neugeborenen Sohn Eike beschneidet und so versucht, seinem Gott ein Stück näher zu kommen; Paul, der Affären hat und seine Frau Lea, die ihn mit Bob betrügt bis sie sich letztendlich trennen und vor allem ihren Sohn Jakob in tiefe Verwirrung stürzen; Lutz, das Heimkind, das auch seinen Sohn Anton und dessen Schwester in Moskau in ein Heim gibt, um der Partei besser dienen zu können; Jacques, der belgische Musiker, dessen Bruder im Lager in seinen Armen starb und der seiner Frau Gudrun in den neuen Staat folgt.

Sie alle sind jüdischer Abstammung, leben nach dem 2. Weltkrieg in Ostberlin, sind früher oder später zurückgekehrt oder neu angekommen und setzen Kinder in die Welt. Ihre Leben sind geprägt von Krieg, Verfolgung, Flucht, Angst, Emigration, Haft und Verlust. Sie flüchten sich in Schweigen über diese Zeit. Aufbruch ist angesagt. Ablenkung. Der Blick in eine bessere Zukunft. Weiterlesen

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Kai Wieland: Amerika

Die erste erschaffe, die zweite bewahre, die dritte zerstöre: Solcherlei Lektionen über den Generationenwandel erfährt ein junger Chronist, der mit vier Personen im „Schippen“ zusammensitzt. Der Treffpunkt im schwäbischen Dorf Rillingsbach hat wie der Ort seine besten Zeiten hinter sich. Er wurde vom Drei- zum Zweisternehotel über eine Vesperstube zur Kneipe heruntergewirtschaftet. Neben der Wirtin Martha, die nie aus dem Schwäbischen Wald herausgekommen ist, sitzen da noch Alfred, ein Amerikafan mit Faible für Kriegsfilme sowie der unbeliebte Frieder, der als Sohn des ehemaligen Oberscharführers auch nach dem Zweiten Weltkrieg gewisse Führungsansprüche für sich geltend gemacht hat. Alle drei sind über 80 Jahre alt. Sie sind Relikte in einem mittlerweile fast ausgestorbenen Ort. Jüngste im Bunde ist die wilde Hilde, immerhin erst 60 Jahre alt. Diese ist getreu dem Motto Sex, Drugs, Rock `n Roll mit amerikanischen GIs durch die Nächte gezogen. Während sie in Erinnerungen schwelgen, stößt der Chronist auf Ungereimtheiten und ein dunkles Geheimnis. Ein mysteriöser Todesfall scheint die Fronten im Dorf bis heute zu verhärten. Weiterlesen

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Hervé Le Tellier: All die glücklichen Familien

Der 1957 geborene französische Autor Hervé Le Tellier widmet sich in seinem neuen Buch „All die glücklichen Familien“ seiner Verwandtschaft. Auf dem Cover steht zwar „Roman“, aber eigentlich handelt es sich um eine Autobiographie, die sich kritisch vor allem mit seiner Mutter Marceline, seinem Stiefvater Guy und seinem leiblichen Vater Serge auseinandersetzt. Schon ein Buchzitat auf der Rückseite des Covers weist auf diese Stoßrichtung hin: „Mir war schon immer klar, dass meine Mutter verrückt ist.“

Besagte Mutter wird dabei als durchgeknallt, bösartig und lieblos beschrieben, der Stiefvater als geizig und blass, der Vater als Fremdgeher. Viele andere Figuren wie eine Halbschwester, die Großeltern, Onkel und Tanten kommen vor (und kriegen ebenfalls ihr Fett weg), so dass man als Leser ein wenig aufpassen muss, um den Überblick zu behalten. Ein Stammbaum am Anfang erweist sich als hilfreich. Weiterlesen

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Paolo Cognetti: Sofia trägt immer schwarz

Als Sofia während ihres Selbstmordversuchs auf die Wirkung der Tabletten wartet, kommt ihr der Gedanke, dass sie zur Schauspielerei berufen sei. „Das wäre eine wunderbare Möglichkeit gewesen, sich selbst zu entkommen.“ Sofia überlebt, zieht weiter an neue Orte, zu neuen Menschen, Beziehungen, Jobs – stets auf der Flucht vor sich selbst. Station macht sie in Mailand, Rom, New York. Letztendlich wird Sofia zum Sinnbild einer ganzen Generation von Ruhelosen, überwältigt von der Komplexität des Daseins.

Weil sie keine Lust auf ihre Erstkommunion hat, rasiert sich Sofia die Haare ab. Als Kind spielt sie lieber mit Jungs, verliert sich in Piratengeschichten. Sie lehnt Essen ab, ebenso wie die Notwendigkeit, sich festzulegen. Sofia lässt sich vom Leben treiben. Als Punk, Schauspielerin, Geliebte. Vor der Kamera glänzt Sofia mit Präsenz, kaum ist diese abgeschaltet, verschwindet sie nahezu unsichtbar. Sofia liebt die Farbe Schwarz, weigert sich aber in Filmen zu sterben. Begründung: Als Lebender könne man nicht wissen, wie es ist zu sterben, und wer es wisse, sei bereits tot. Weiterlesen

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Elizabeth Strout: Alles ist möglich

Die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle bildet die amerikanische Autorin Elizabeth Strout in ihrem neuesten Werk „Alles ist möglich“ ab: Hass, Liebe, Neid, Wut, Einsamkeit, Verbitterung und vieles mehr. Dabei ist der Text weniger ein Roman als vielmehr eine Geschichten-Sammlung, wobei die Menschen, die in den jeweiligen Abschnitten im Mittelpunkt stehen, sich mehr oder weniger kennen oder miteinander verwandt sind. Sie alle leben in oder um die (fiktive) amerikanische Kleinstadt Amgash in Illinois (USA), „einem Kaff zwischen Mais- und Sojabohnenfeldern“, wie es im Klappentext heißt.

Wir lernen zum Beispiel Dottie kennen, die allein eine Frühstückspension betreibt und an den Türen ihrer Gäste lauscht. Einmal hört sie dabei Dinge über sich selbst, die wenig schmeichelhaft sind – oder Patty, die wegen ihrer Leibesfülle in ihrem Umfeld nur „Fatty Patty“ genannt wird. Eine ihrer Schülerinen beleidigt sie aufs Übelste und bezichtigt sie der Frigidität – und trifft damit in gewisser Weise ins Schwarze.

Eifrige Strout-Leser treffen sogar eine Figur wieder, die bereits in einem früheren Roman der 1956 gebornen Autorin vorkommt: die Schriftstellerin Lucy Barton. Weiterlesen

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Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen: Zehn Geschichten

Nach seinem Roman „Das Ende der Einsamkeit“ legt Benedict Wells aktuell den Erzählband „Die Wahrheit über das Lügen“ vor.

Zunächst begegnen wir Henry M., einem mächtigen Mann, der in seiner freien Zeit (zur Unzeit) eine Bergtour unternimmt. Als er zurückkehrt, muss er begreifen, dass die Zeit, die für ihn während dieser nachmittäglichen Tour vergangen ist, im Tal andere Dimensionen angenommen hat. So ist sein Sohn tot, seine Frau gealtert.

Die wichtigste und titelgebende, für mich magischste Erzählung des Buches, „Das Franchise oder: Die Wahrheit über das Lügen“, beschreibt die Folgen einer Zeitreise. Hierin erklärt der Filmproduzent Adrian Brooks einem Journalisten, dass er n i c h t der Erfinder von „Star Wars“ sei. Stattdessen sei ein gewisser George Lucas (inzwischen vergessen) der wahrer Vater des Epos. Weiterlesen

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Kristin Hannah: Das Mädchen mit dem Schmetterling

Der Originaltitel dieses Romans lautet „Magic Hour“ und bereits 2008 erschien er unter dem Titel „Wohin das Herz uns trägt“ auf Deutsch. „Das Mädchen mit dem Schmetterling“ ist eine Neuauflage unter neuem Titel vom selben Roman.

In dem kleinen Örtchen Mystic Lake taucht plötzlich ein etwa sechs Jahre altes Mädchen mit einem Wolfsjungen unter dem Arm auf. Das Mädchen ist völlig verschreckt, spricht nicht, klettert lediglich auf einen Baum. Als es den Anwohnern gelingt, das Mädchen zu fangen, sind sie weiterhin ratlos. Die Polizistin Ellie möchte ihre Schwester Julia zu dem Fall hinzuziehen. Sie ist Kinderpsychologin, steht aber gerade wegen eines anderen Falls, bei dem eine ihrer Patientinnen mehrere Gleichaltrige getötet hat, in den Schlagzeilen. Da Julia nichts zu verlieren hat, lässt sie sich auf die Behandlung des traumatisieren Mädchens ein, das sie schon bald Alice nennt, um es überhaupt bei einem Namen nennen zu können. Ob die Schwestern wohl jemals die Familie des Kindes finden können? Weiterlesen

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Dave Eggers: Der Mönch von Mokka

Dave Eggers‘ neuestes Buch ist kein Roman. Es ist vielmehr die äußerst spannende (bisherige) Lebensgeschichte von Mokhtar Alkhanshali. Der heute 30-jährige Amerikaner mit jemenitischen Wurzeln hat sich im Jahre 2013 in den Kopf gesetzt, Kaffee aus dem Jemen in die USA zu importieren.

Das war damals (und ist es heute wohl immer noch) ein fast unmögliches Unterfangen. Alkanshali hatte kein Geld, der Jemen galt wegen des Krieges und der instabilen politischen Verhältnisse als extrem gefährlich, und die Kaffeefarmen dort liegen erstens abgelegen und waren zweitens teilweise auf einem niedrigen Standard – verglichen zum Beispiel mit denen in Äthiopien auf der anderen Seite des Roten Meeres.

Im Grunde ist die Geschichte in diesem Buch die typische amerikanischer Erfolgsgeschichte „vom Tellerwäscher zum Millionär“. Weiterlesen

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Sarah Perry: Nach mir die Flut

Ein Mann namens John muss an seinem Auto Kühlwasser nachfüllen und schellt mit der Bitte um Hilfe an einem einsamen Haus. Dort wird er freudig begrüßt. Die Bewohner kennen nicht nur seinen Namen, sondern scheinen ihn erwartet zu haben.

Klingt nach einem schon fast klassischen Anfang für einen Horrorroman, ist aber etwas anderes: ein durchgehend düsterer, vielleicht ein wenig an Kafka erinnernder Roman um ein Haus und seine seltsamen Bewohner.

John gelingt es seltsamerweise nicht, einfach nur Wasser zu holen und dann wieder zu verschwinden – stattdessen bleibt er und wird nach und nach Teil dieser Lebensgemeinschaft.

Wenn man es positiv ausdrücken will: Der 1979 geborenen britischen Autorin Sarah Perry gelingt es in ihrem Debütroman hervorragend, eine leicht transzendente, schwer fassbare Atmosphäre durchzuhalten, Weiterlesen

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