Jan Steinbach: Das Café der kleinen Kostbarkeiten

Luise und Ludwig sind die Protagonisten in einer Geschichte, in der Zimt, Marzipan, Kekse und der Weihnachtsmarkt von Lübeck, gewürzt mit einer gehörigen Portion Romantik, den perfekten Nährboden für eine Liebesgeschichte bieten. Wer es angesichts der Vornamen bereits ahnt: Luise und Ludwig sind dem Teenager-Alter seit einiger Zeit entwachsen.

Luise verhält sich jedoch wie ein Teenager, jedenfalls, wenn es nach Jochen, ihrem Sohn geht. Sagt die Mutter unvermittelt das gemeinsame Weihnachtsfest ab und fährt von Frankfurt nach Lübeck, um in der Hansestadt das Weihnachtsfest mehr oder weniger allein zu verbringen. Normal ist so etwas doch nicht, oder? Luise hat ihre Gründe. Hubert, ihr verstorbener Mann, und sie hatten sich geschworen, ein Weihnachtsfest in der Stadt mit Holstentor an der Ostsee zu verbringen. So wie einst einmal, als sie eine unvergesslich schöne Zeit hier erlebten.

Derweil muss Ludwig sein kleines Café aufgeben. Nur noch ein Weihnachtsfest. Die Kuchen- und Gebäckbackerei ist einfach nicht lukrativ genug. Seufzend betrachtet er die leeren Stühle in seinem Café und die fehlenden Kunden am Stand auf dem Weihnachtsmarkt. Da taucht die Frankfurter Luise auf, deren Hobby das Backen von Kuchen und Gebäck ist. Weiterlesen

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Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns

Ein sehr interessantes und lehrreiches Buch. Es ist die teils wahre, teils fiktive Biographie eines besessenen Tüftlers und spät anerkannten Physikers. Sein Name ist Hermann Oberth, der mir allerdings vorher noch nie untergekommen ist. Ich bin aber, ehrlicherweise, auch nie tief in die frühe Antriebs- und Raketentechnik eingetaucht, und – später auch nicht. Was aber in dem Roman über Hermann Oberth wohl herauskommt, ist ein Abriss des 20 Jahrhunderts. In Zeitgeschichte und  Wissenschaft. Wir wissen alle, was für gigantische Erkenntnisse und Theorien, sowie Entdeckungen und nicht zuletzt zwei Weltkriege und der Holocaust dieses Jahrhundert überstrahlen und meist beschatten.

Am Beispiel von Hermann Oberth werden wir durch diese Dramatik geführt und lernen dabei viel. Man muss auch kein großartiges Licht in Physik sein um zu verstehen, dass es Raketen auf Grund ihrer Schwere immer schwer haben werden die Erdgravitation zu verlassen. Das ist die Crux mit der sich Oberth sein Leben lang beschäftigt obwohl er früh die richtigen Ideen hatte. Zum Beispiel, Raketen ins All zu schießen und nacheinander die Stufen zu zünden. Egal. Um die Erdanziehungskraft zu verlassen braucht man umso mehr Energie je schwerer das Raumschiff ist. Weiterlesen

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Géraldine Dalban-Moreynas: An Liebe stirbst du nicht

So etwas muss man mögen, sich darauf einlassen. Das ist mir leider nicht gelungen.

Das lag aber nicht am Stil der Autorin. Im Gegenteil, der war erfrischend anders, kühl, distanziert, analytisch. Fast wie der Bericht einer Wissenschaftlerin, die ein Forschungsobjekt beobachtet. Oder wie das Tagebuch eines Verhaltensforschers, der die Reaktionen der Probanden unter die Lupe nimmt. Dazu trägt besonders bei, dass die Protagonisten einmal mehr namenlos bleiben, es gibt nur eine Sie und einen Er.

Was mir an diesem Roman so gar nicht zusagt, ist das Gleiche, was mich auch an dem berühmten Roman „Liebesleben“ von Zeruya Shalev so gestört hat: die Handelnden befinden sich in einer Blase, es findet außerhalb ihrer eigenen Befindlichkeiten und Bedürfnisse nichts statt. Wobei diese Bedürfnisse für die beiden Beteiligten über allem stehen, ohne Rücksicht auf Verluste. So etwas mag es sicher geben, für mich ist das dennoch zu unrealistisch, zu weit weg vom „normalen“ Leben und zu weit weg von „normalen“ Menschen.

All das führt dazu, dass mir die Protagonisten fremd blieben, ich konnte keine Empathie entwickeln, mich weder in sie hineinversetzen noch nimmt mich ihr Schicksal irgendwie für sie ein. Weiterlesen

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Hannah Lynn: Wer will schon ewig leben

Was für ein aberwitzig witziges Buch. Die Autorin lässt ihrer überbordenden Fantasie freien Lauf und heraus kommt ein gelungener Roman um einen seit 200 Jahren in der Zwischenwelt festsitzenden armen Tropf.

Dieser arme Kerl heißt Walter Augustus und er hängt so lange in dieser Zwischenwelt fest, so lange sich auf der Erde noch irgendjemand an ihn erinnert. Nun hat er Aussicht auf Aufstieg ins Jenseits, denn die letzte Nachfahrin seiner Familie liegt im Sterben und Walter hat die große Hoffnung, dass sich danach niemand mehr an ihn erinnern wird. Doch er hat sich zu früh gefreut. Denn Walter, seinerzeit Hufschmied von Beruf, hat zu Lebzeiten Gedichte verfasst, die ein wohlmeinender Adliger heimlich drucken ließ. Aufgrund eines, nennen wir es Unfalls, bleibt von diesen Bänden nur ein einziger erhalten. Und dieses Exemplar gelangt nun in unserer Zeit in die Hände von Letty, einer schüchternen, etwas übergewichtigen Schuhverkäuferin und Hobbybäckerin mit einem zu großen Hang zu Süßigkeiten. Also muss Walter nun alles daransetzen, dieses letzte Exemplar seiner Gedichte zu vernichten und die Erinnerung an seinen Namen aus Lettys Gedächtnis zu löschen.

Unterstützung bekommt er dabei von dem ebenfalls in die Zwischenwelt zurückkatapultierten Pemberton, denn diesem war Walters Gedichtband gewidmet, sowie von Hector, einem reichlich sonderbaren Gesellen, der von wirren Ideen und absurden Ideen nur so sprudelt. Weiterlesen

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Abdel Hafed Benotman: Müllmann auf Schafott

Rau, manchmal brutal, ausgestattet mit viel Galgenhumor und nie gekünstelt – das ist der im französischen Original bereits 2003 entstandene Roman „Müllmann auf Schafott“ von Abdel Hafed Benotman, der nun, übersetzt von Lena Müller, auch auf Deutsch erschienen ist.

Der junge Fafa wächst mit seiner Familie, zu der Vater, Mutter und drei Geschwister gehören, in einem Pariser Vorort auf. Seine Eltern können nicht lesen und schreiben. Die Erziehung besteht ausschließlich aus immer härteren Prügelorgien vom Vater, während die Mutter Schübe von Wahnsinn erleidet.

In der Schule muss sich Fafa, dessen Familie aus Algerien stammt, mit Rassismus auseinandersetzen. Mehr und mehr entwickelt er sich zum Kleinkriminellen, der zuerst Spielzeugautos klaut und später in Wohnungen einbricht. Weiterlesen

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Charlotte McConaghy: Zugvögel

Am Ende war ich doch insgesamt enttäuscht. Denn alles fing relativ spannend an. Eine Frau erzählt die Geschichte ihres dramatischen Lebens. Aber im Laufe des recht umfangreichen Romans, stellte sich bei mir eine gewisse Langeweile ein, aber fangen wir mal vorne an. Zum Backround: wir befinden uns in einer Zeit, bei der auf der Erde auf Grund des Klimawandels, des Plastikmeeres und des Artensterbens, quasi nur noch der gierige Mensch herumtappert. Es geht also um die Zeit nach dem alles „gekippt“ ist, also alles unumkehrbar ausgerottet ist, was so auf der Welt mal kreuchte und fleuchte. So gut wie keine Fische -, keine wilden Tiere und (fast) keine Vögel mehr  Eine Science Fiction Dystopie wie sie im Buche steht. (!) Raten wir mal, dass es sich um das Jahr 2070 handeln muss, oder etwas später. In dieser Endzeit lebt also Franny, bzw. wächst auf als eine Art Mischung aus Pippi Langstrumpf und Arielle der kleinen Meerjungfrau. Später dann eher als eine weibliche Form des Neptuns, wütend und unberechenbar! Franny hat schon als Kind eine intensivste Beziehung zu allem was lebt – und stirbt fast, wenn sie ein totes Tier sieht, vor allem wenn es ein Vogel ist. Weiterlesen

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Simon Beckett: Versteckt

… Ich kann mich nicht wirklich als Kurzgeschichtenautor bezeichnen. Die meisten … werden nie vollendet … während ich voll und ganz auf das Buch fokussiert bin. … Oft bleiben sie, wie sie gerade sind, … unter der Rubrik ‚Für später‘ …“ (Vorwort, S. 7)

„Für später“ ist in Simon Becketts aktuellem Buch gerade wahr geworden. Dank der Begleitumstände von Corona. Seine Kurzgeschichten wurden von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn übersetzt

Der Autor dürfte jeder/m LiebhaberIn von Kriminalromanen bekannt sein. Simon Beckett nannte seinen schmalen Kurzgeschichtenband »Versteckt«, weil nicht nur seine Texte in der berühmt-berüchtigten Schublade ruhten sondern auch wegen der darin verborgenen Geheimnisse, die auf ihre Entdeckung warten.

Natürlich packt er diese Geheimnisse in Mordgeschichten, die so unerwartet in das Leben der Protagonisten eindringen, dass die Betroffenen viel zu spät die Verbrechen als solche erkennen. Weiterlesen

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Han Kang: Weiß

Weiß wurde zu ihrer Projektionsfläche. Das reine Weiß, zart und zerbrechlich steht für ein Ereignis aus ihrer Vergangenheit und für Gegenstände, die mit der Farbe assoziiert werden können. Die Ich-Erzählerin leidet unter einer starken Migräne. Schon lange sucht sie nach erlösenden Gedanken und flieht in ein anderes Land, um in der Zurückgezogenheit klärende Einsichten unter anderem im Betrachten des Schnees zu finden.

„… Sie sitzt an ihrem Schreibtisch wie jemand, dem noch nie Leid geschehen ist. Nicht wie jemand, der gerade geweint hat oder es noch tun wird.“ (S. 105)

Der Trost der Vergänglichkeit tröstet sie nicht, denn …

„… Ich habe es noch nicht geschafft, mit mir ins Reine zu kommen.“ (S. 114)

Die Künstlerin und Autorin Han Kang gilt in Korea als wichtige Stimme. Mit ihrer Lyrik wurde sie 1993 bekannt, danach wechselte sie zur Prosa. In ihrem aktuellen Buch vereint sie Textminiaturen mit Elementen der Lyrik, die von Ki-Hyang Lee übersetzt wurden. Alle Kapitel zusammen könnte man mit einem Windspiel vergleichen, dass, mal hin und hergerückt, schließlich ein Gesamtbild kreiert. Weiterlesen

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Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

Mal unter uns, wer wusste über diesen Teil des Zweiten Weltkriegs Bescheid, dass die Sowjetunion in den vierziger Jahren Finnland annektieren wollte und die Finnen wiederum sich hilfesuchend an die Waffenbrüder des Nazideutschlands gewandt haben, um ihre Unabhängigkeit zu behalten, was ja, und das lag ja in der Natur des Nazi Verbrecher- und Mordregimes, a priori nicht möglich ist. (Also ich sag mal so, bei Jauch wäre ich früh gescheitert). Das als Hintergrundinfo zu einer bewegenden Geschichte, bzw. drei verschiedenen Geschichten, bei denen es allerdings immer um die gleiche Frau geht – die wiederum aber nicht zu Wort kommt. Als erster spricht Viljami zu uns, ein einfacher finnischer Bauernsohn, der, und er kann sein Glück nicht wirklich fassen, Lempi zur Frau bekommt, weil SIE das so wollte.

Lempi ist klug reizvoll und eigentlich „zu höherem“ berufen, als zu einer biederen Farmersfrau. Aber die beiden heiraten tatsächlich, haben ein schönes Jahr zusammen, dann muss Viljami an die Front. Er schildert vor allem seine Rückkehr drastisch und unendlich niedergeschlagen; vom Verlust seiner selbst und vor allem, vom Verlust seiner Frau Lempi. Weiterlesen

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Peter Stamm: Wenn es dunkel wird: Erzählungen

Unheimliche Geschichten seien in dem Erzählband „Wenn es dunkel wird“ von Peter Stamm versammelt, heißt es im Klappentext. Das Element des Unheimlichen kommt hier jedoch eher auf leisen Sohlen – oft fast unbemerkt – daher. Geister, Zombies und Vampire sucht man vergebens.

Am stärksten ist es vermutlich in der Geschichte „Supermond“ vertreten, als ein Mann, der kurz vor seinem Eintritt in den Ruhestand steht, mehr und mehr verschwindet. Seine Kollegen und auch seine Frau nehmen ihn immer weniger wahr – eine Art von Horror, mit der in milderer Form sicherlich auch im richtigen Leben so mancher Arbeitnehmer in einer vergleichbaren Situation zu kämpfen hat.

Besser ließe vielleicht von etwas „Untergründigem“ sprechen, das sich in auf den ersten Blick ganz normale Begebenheiten schleicht.

Wir treffen zum Beispiel eine junge Frau, die für eine Skulptur Modell steht und später eine fast schon krankhafte Hingezogenheit zu ihrem kunstvollen Ebenbild entwickelt, oder eine andere Frau, die sich beim Landgang einer Schiffsreise plötzlich in der Wohnung eines geheimnisvollen Wahrsagers wiederfindet. In einer weiteren Geschichte gibt sich ein Ehemann für den Liebhaber seiner Frau aus und tauscht mit ihr zweideutige E-Mails. Weiterlesen

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