Ben Smith: Dahinter das offene Meer

Schon nach den ersten Zeilen wusste ich, woran mich der Roman erinnerte:  „Die Straße“ von Cormac McCarthy. Ich schrieb damals (2007): „Gäbe es einen Oscar für die düstersten Endzeit – Geschichten, Cormac McCarthy hätte bisher nicht nur einen geschnappt. Dieses Drama, im wahrsten Sinne des Wortes, ist ein Kammerspiel, welches dermaßen unter die Haut geht, dass man jederzeit anfängt zu frieren, wenn man an das Buch denkt“. In „Die Straße“ geht es um einen Vater mit seinem Sohn, der in einer, von was auch immer, verlorenen Welt, ihren Weg gehen. Und schließlich ankommen an einem finsteren Strand, am offenen Meer.  Und im vorliegendem Roman haben wir ein ähnliches Ausgangsszenario: man weiß nie wirklich was mit der Welt gelaufen ist, ob es der Klimawandel oder eine sonstige weitere Verrohung der Menschheit war, was die beiden Protagonisten zwingt, in diesem dystopischen System von tausenden, kaum noch funktionierenden Windrädern, ihren Job zu machen.

Es spielen mit: „der Alte“ und „der Junge“. In diesem gigantischen Offshore Windpark haben sie die Aufgabe, die Systeme, bzw. die Rotoren und Maschinen zu  warten. Man erfährt allerdings nie, für wen der Strom noch produziert wird. Es ist ein jahrelanges Drama, im Roman zwei Mal unterbrochen von einem surrealen „Versorgungsschiff“, welches in nicht zu bemessenden Abständen Lebensmittelkonserven bringt, wobei der Schiffsführer gleichzeitig einen ominösen Handel mit technischen –  oder sonstigen Abfallprodukten aus dem Windpark, betreibt. Weiterlesen

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Jenny Fagerlund: 24 gute Taten

Eigentlich habe ich diesen Roman zu früh gelesen. Er wäre die geeignete Lektüre für die Adventszeit, bei Kerzenschein, prasselndem Kaminfeuer und dampfendem Kräutertee, dazu reichlich Schneefall vor dem Fenster.

Wie der Titel vermuten lässt, hat nämlich die Handlung etwas mit der Adventszeit und den 24 Tagen bis Weihnachten zu tun. Die junge Emma hat vor zwei Jahren ihren Lebensgefährten just an Heilig Abend bei einem Unfall verloren und trauert immer noch. Sie kapselt sich ab und hat sich selbst in ihrer Trauer verloren. Selbst ihr kleiner Laden für Geschenkartikel und Innendekoration kann sie kaum aus ihrer Depression reißen. So droht ihm wegen fehlendem Umsatz die Pleite.

Emmas ältere Schwester Magda mischt sich ein, um ihr zu helfen, schießt dabei aber immer wieder über das Ziel hinaus, so dass Emma sich eher bedrängt fühlt. Magda schlägt Emma unter anderem vor, sich ein Hobby zu suchen, um wieder unter Menschen zu kommen. Doch Emma will nicht töpfern oder afrikanische Tänze lernen.

Da kommt ihr passend zur Jahreszeit der Gedanke, 24 gute Taten zu vollbringen und sie erstellt sich auch gleich eine Liste, welche Tat sie an welchem Tag machen will. Doch wie so oft macht das Leben ihr einen Strich durch ihre Liste. Weiterlesen

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Michael Wildenhain: Die Erfindung der Null

Blutverschmierte Kleidung, ein Gürtel mit Spermaspuren, merkwürdige Überbleibsel im Müll des Hotels – die 47-jährige Susanne Melforsch ist nach einer Wanderung durch die Alpes-de-Haute-Provence spurlos verschwunden. Alles deutet auf ein Verbrechen hin. Ihre Urlaubsbegleitung Martin Gödeler, Doktor der Mathematik, gerät ins Visier der Ermittlungen. Der ehrgeizige junge Staatsanwalt will Gödeler überführen, doch als Person ist der Verdächtige kaum zu fassen. Er gibt sich äußerst auskunftsfreudig, doch wirft seine Geschichte immer weitere Fragen auf.

Einst ein gefeierter Gelehrter auf der Überholspur, gerät Gödeler in einer Abwärtsspirale. Das Thema seiner Habilitationsschrift entgleitet ihm zusehends, für eine Affäre mit unglücklichem Ausgang opfert er sein Familienleben. Als Nachhilfelehrer endet er schließlich in einer trostlosen Souterrain-Wohnung in Stuttgart, ein Schatten seiner selbst. Seine Ambitionen hat er ebenso aufgegeben wie die tägliche Körperpflege. Doch plötzlich entdeckt er unter den Jugendlichen ein Mathematikgenie. Jurek, ein schüchterner Junge mit Sprachfehler, scheint über außergewöhnliche Begabungen zu verfügen, ebenso wie seine Freunde Zacharias, ein afghanischer Flüchtling und Juno, die aus einem sozialen Brennpunkt stammt. Gödelers Lebensgeister sind wieder geweckt. Doch die Jugendlichen verfolgen eigene Pläne. Als Susanne Melforsch in Stuttgart vor seiner Türe steht, mit der er vor Jahren einmal im Bett gelandet war, überschlagen sich die Ereignisse. Im Hintergrund laufen Fäden zusammen, die Gödeler erst nach und nach durchschaut. Weiterlesen

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Bas Kast: Das Buch eines Sommers

Seinen Ernährungskompass, der so viele Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste der Sachücher war oder vielleicht sogar immer noch ist, habe ich sehr gerne gelesen. Das Buch ist informativ, flüssig und in flottem Stil geschrieben und brachte, zumindest für mich, interessante Informationen. Also war ich gespannt, wie der Autor nun eine fiktive Geschichte in einen Roman zu packen vermochte.

Bas Kast erzählt von der Lebenskrise eines erfolgreichen Mannes. Nicolas, der als Junge Schriftsteller werden wollte wie sein geliebter Onkel Valentin, hatte stattdessen die Firma des Vaters übernommen, ein Unternehmen, das zum Zeitpunkt der Handlung ein Präparat zur Verzögerung des Alterungsprozesses beim Menschen entwickeln möchte. Nicolas ist glücklich verheiratet mit Valerie und Vater des kleinen Julian.

Der plötzliche Tod des Onkels, den Nicolas trotz der großen Zuneigung nur noch selten und zuletzt vor längerer Zeit besucht hatte, bringt ihn dazu, sein Leben zu überdenken. Er stellt sich die Frage, ob er das Leben lebt, das er sich erträumt hatte bzw. warum er eben gerade dieses Leben nicht führt. Auch seine Beziehung zu Valerie, seine Einstellung zu seiner Firma, all das stellt er auf den Prüfstand. Angefacht durch die Begeisterung seines kleinen Sohnes für erfundene Geschichten lässt Nicolas immer öfter auch seiner Fantasie freien Lauf. Weiterlesen

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Candice Carter-Williams: Queenie

„… Kyazike lachte. ‚Denkst du, das Leben ist ein Film? Und selbst wenn es einer wäre, Fam, wir sind schwarz. Egal, in welcher Schattierung‘, ahmte sie meine Stimme nach, ‚wir wären die Ersten, die sterben müssen.‘“ (S. 372) Die Auszeit sollte befristet sein. Dies hatten Queenie und Tom vereinbart. Danach wollten sie wieder für ein Gespräch zusammenkommen, um ihre Beziehung zu kitten. Mit viel Hoffnung zog Queenie aus der gemeinsamen Wohnung, die sie allein nie hätte finanzieren können. Eine bezahlbare Wohnung in London zu finden, bedeutet für sie, in einer Bruchbude ein WG-Zimmer zu mieten. Und während sie auf das Ende der Auszeit wartet und sich auf ein gemeinsames Leben mit Tom freut, stürzt Queenie von einem Chaos ins nächste. Anfangs dachte sie, wenn sie sich eine Liste mit Vorsätzen schreibt, hätte sie einen Leitfaden für ein ruhigeres Leben. Sie glaubt, Regeln reduzieren automatisch das ständige Chaos in ihrem Leben. Gleichzeitig lässt sie sich auf Parties mit den falschen Männern ein. Schneller als gedacht, erlaubt sie eine Ausnahme und dann nach eine, bis Queenie schließlich wieder all ihre Regeln bricht. Das Chaos wächst, bis eine heftige Panikattacke sie zum Nachdenken zwingt.

Candice Carty-Williams arbeitet unter anderem als Journalistin und Drehbuchautorin. Der Roman Queenie ist ihr überzeugendes Debüt, in dem sowohl kurzweilige Unterhaltung, Drama aber auch aktuelle Gesellschaftspolitik miteinander verbunden sind. Henriette Zeltner-Shane übersetzte den gelungenen Roman. Weiterlesen

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Gabriele Kögl: Gipskind

„Die Kleine“ wird in den 1960-er Jahren geboren und wächst auf einem Bauernhof in Österreich auf. Die Verhältnisse in ihrem Elternhaus sind eher mittelalterlich als neuzeitlich und die Ansichten sind es dem entsprechend auch.

Es gibt keine Zentralheizung und keine Toilette im Haus. Der ältere Bruder nächtigt auf einem Sofa in der Stube, das tagsüber hochgeklappt wird. Es ist kein eigenes Zimmer für ihn vorhanden. Als die Kleine im Gitterbett absolut nicht mehr Platz hat, weil die Beine durch die Stäbe schauen, stirbt glücklicherweise der Großvater. Sie darf zur Oma ins Doppelbett ziehen und schläft fortan bei ihr.

Die Großmutter realisiert auch, dass die Kleine nicht laufen kann, weil eine Fehlstellung der Hüfte nicht erkannt- auf alle Fälle aber nicht korrigiert wurde. Man muss etwas unternehmen, sonst wird sie ihr Leben lang nicht gehen können. Es folgen für das Kind unzählige Krankenhausaufenthalte und ein Martyrium im Gipskorsett. Nur die Großmutter nimmt sich seiner liebevoll an und transportiert das „Gipskind“ im Leiterwägelchen an die frische Luft, damit es nicht wochenlang in seinem Bettchen liegen muss.

Das Leben der Eltern ist von harter Arbeit geprägt. Für Hätscheleien und zärtliche Worte gibt es keine Zeit. Die Kleine ist nur Ballast. Weiterlesen

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Victoria Mas: Die Tanzenden

„,Louise. Es ist Zeit.‘ Mit einer Hand zieht Geneviève die Decke weg, unter der zusammengekauert auf der schmalen Matratze der schlafende Körper der jungen Frau liegt.“

So wünscht sich LeserIn den Beginn einer Geschichte. Ohne Umschweife hinein in die Handlung. Impliziert mit Fragen, die sich aufdrängen und neugierig machen: Wer ist Louise? Wer ist Geneviève? In welcher Beziehung stehen die beiden zueinander?

„Die Tanzenden“ ist der Debutroman von Victoria Mas und wurde mit dem Preis des besten Debuts in Frankreich ausgezeichnet. Ein solcher Preis kann zuweilen eine Bürde sein.

Mit Louise und Geneviève stellen sich zwei der drei Protagonisten gleich am Anfang vor. Später kommt mit Eugénie die Tochter eines angesehenen Pariser Notars hinzu, die von ihrem Vater in das Hôpital de la Salpêtrière gebracht wird, weil nur hier sie den Familiennamen nicht entehren kann.

Im Hôpital de la Salpêtrière leben um 1885 rund 100 Frauen in einem großen Schlafsaal. Sie alle eint, dass sie in den Augen der Pariser Bürger geisteskrank, irre oder einfach verrückt sind. Louisa und Eugénie sind Insassinnen des Hôpital de la Salpêtrière, während Geneviève die Oberaufseherin ist. Weiterlesen

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Sien Volders: Norden

Die 1983 geborene Sien Volders siedelt ihren Debütroman im hohen Norden Kanadas an. Das einstige Goldsucherstädtchen Forty Mile bietet vor allem jenen, die sich nach Einsamkeit und der Wildnis sehnen, ein Podium. Es ist ein ganz besonderer Menschenschlag, der    dort gestrandet ist. Genau an diesen Ort verschlägt es auch die Protagonistin Sarah auf ihrer Suche nach sich selbst und einer wichtigen Entscheidung, die sie treffen muss. In Vancouver hat sie sich einen Namen als erfolgreiche Designerin und Silberschmiedin gemacht und dabei über ihrem Ehrgeiz und Fleiß nicht nur ihre Freunde vernachlässigt sondern schlichtweg vergessen zu leben. So ist sie nun eine ganze Woche mit dem Auto unterwegs um die Strecke von Vancouver nach Forty Mile zurückzulegen.

Mary, die in Forty Mile einen kleinen Kolonialwarenladen mit Poststelle unterhält und Sarah spontan ein Zimmer anbietet, entpuppt sich als eine Art Seelenverwandte durch viele Parallelen, die die Lebenswege der beiden Frauen aufweisen.

Die alte Kneipe in Forty Mile ist Treffpunkt für die Bewohner ringsum. Adam und Jakob treten dort als Musiker auf und pflegen einen außergewöhnlichen, sehr lokalen Musikstil. Beide Männer werden zu einer wichtigen Verbindung für Sarah. Weiterlesen

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Mercedes Spannagel: Das Palais muss brennen

Spritzig, provokant, klug – Mercedes Spannagels Debütroman „Das Palais muss brennen“ trifft einen wunden Punkt des aktuellen europäischen Zeitgeschehens. Mit ihrem inhaltlich und sprachlich hochmodernen Erstlingswerk ist die bereits vielfach ausgezeichnete Wienerin für den österreichischen Buchpreis in der Kategorie „Debütpreis“ nominiert.

„Ich streichelte TTs Arm und TT streichelte mir die Wange und er fragte leise, ob wir miteinander schlafen wollten. Ich sagte, dass ich lieber kein rechtes Gedankengut in mir hätte.“

Protagonistin Luise ist die Tochter der rechtskonservativen Bundespräsidentin Österreichs und rebelliert auf ganz eigene Weise gegen ihre Mutter. Als Reaktion auf deren überzüchtete Windhunde legt sich Luise einen Mops zu, den sie demonstrativ Marx tauft und während sie mit ihren Freunden alle Annehmlichkeiten des Lebens im Palais genießt, hält sie der österreichischen Elite von innen heraus den Spiegel vor. Alkohol und andere Drogen stehen täglich auf dem Speiseplan der „Kinder der Nazis“, wie sie sich selber nennen, wenn sie sich in schicken Cafés, Bars, Clubs und dem Palais treffen. Einerseits geben sie sich intellektuell und philosophisch, andererseits akzeptieren sie verzogen und gelangweilt ihre Privilegien. Luise begegnet dem rechten Milieu um ihre Mutter frech und vorlaut, meist bleibt es allerdings bei rebellischen Phrasen. Das soll sich beim legendären Wiener Opernball ändern, doch die geplante Kunstaktion verläuft anders als gedacht. Weiterlesen

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Abbas Khider: Palast der Miserablen

„‚Und mein Vater?‘

‚Er ist zu Hause. […] Morgen reden wir weiter. Morgen reden wir über den Palast der Miserablen.‘“

Mit diesen lauernd drohenden Sätzen entlässt Abbas Khiders neuester Roman „Palast der Miserablen“ in eine Todesszene, deren Kontrast zur restlichen Handlung nicht gravierender sein könnte, in eine Tragik, die von Anfang an gefürchtet, doch stets durch Hoffnung überwunden wurde.

Es ist ein Ende, das wütend macht und erschüttert, das dazu bewegt, die Welt mit Füßen treten zu wollen und aller Gewalt ins Angesicht zu spucken. Abbas Khider, durch seine eigene Kindheit und Jugend im Irak, verschiedene Festnahmen und die Flucht nach Deutschland geprägt, schafft mit seinen Werken genau das, übt Kritik an den Zuständen in seinem Heimatland und weckt Aufmerksamkeit, indem er seine Erzählungen so persönlich und realitätsnah gestaltet, dass es einfach fällt, ihnen zu verfallen. So bin auch ich hineingezogen worden in die quirlig-bunte, von immerwährendem Krieg, Wirtschaftsembargos und Armut geprägte Welt des jungen Shams Hussein, begleite ihn auf seinem Weg ins Erwachsenwerden, durch verschiedene Selbstfindungsphasen bis hin zu dem Moment, an dem in einer einsamen Zelle im Bauch eines Militärkrankenhauses seine Hoffnung zu sterben droht. Weiterlesen

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