Kaska Bryla: Roter Affe

Kaska Bryla legt mit „Roter Affe“ ihren Debütroman vor. Um es vorweg zu nehmen: Es ist ein starkes Erstlingswerk.

Wir lernen Mania kennen: Eine Protagonistin, die keinesfalls in den Mainstream passt und dennoch authentisch dargestellt wird und handelt. Mania ist auf der Suche nach Tomek. Nach Tomek, dem Jungen, den sie seit ihrer Kindheit kennt, ihrem besten Freund. Mit ihm verlor sie Kaja, Tomeks Mutter und auf eine Art auch ihre, durch Freitod. Mania war die erste, die Tomek in den Arm nahm, nachdem sich ein älterer Junge an ihm vergangen hatte. Und dennoch sind Mania und Tomek nie ein Liebespaar geworden oder doch?

Mania sucht Tomek. Es ist das Grundthema dieses Romans, der durchzogen wird von Erinnerungen, Tomeks Notizen und gegenwärtigen Handlungen. Mania sucht Tomek zusammen mit Ruth, ihrer besten Freundin, Zahit, einem syrischen Flüchtling, den Mania einst illegal über Ungarn nach Österreich schleuste und von Sue, Tomeks Hündin. Die Handlung wird aus diesen verschiedenen Perspektiven erzählt (ja, auch aus der Sicht von Sue). Zu viert sitzen sie im Mietwagen und fahren von Wien nach Warschau auf den Spuren des verschwundenen Tomek. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Zaia Alexander: Erdbebenwetter

Literaturkritiker Denis Scheck hat das Buch bereits als „modernen Hexenroman“ bejubelt. Dem positiven Tenor kann man nur zustimmen. Aber Obacht! Der Begriff Hexenroman könnte in manchen Lesern falsche Erwartungen wecken. In Zaia Alexanders Werk gibt es keine übernatürlichen Kräfte, Zaubersprüche und Hexentränke, erst recht keine Frauen, die auf Besen durch die Nacht fliegen. Ihr Hexenroman ist viel subtiler. Es geht um Themen wie Selbstfindung, Abhängigkeiten und Potentialentfaltung. Darum, den richtigen Weg einzuschlagen, dabei die Zeichen und Menschen zu erkennen, die einen auf diesen Weg führen.

Auf einen wichtigen Hexenbegleiter wollte die Autorin in ihrer modernen Version allerdings nicht verzichten: Katzen! Diese nehmen in dem Roman eine wesentliche Rolle ein, sie erfüllen die Funktion eines zweibeinigen Handlungsträgers, agieren gleichwertig mit den menschlichen Figuren. Eine ungewöhnliche Perspektive, die nicht nur Katzenliebhaber begeistern dürfte. Auch die zweiten Wegbegleiter sind ungewöhnlicher Natur: Kinder. Die Autorin tauscht gekonnt die Blinkwinkel und lässt jene Schutzbefohlenen, die eigentlich von einem Erwachsenen erzogen oder domestiziert werden, zu den eigentlichen Lehrmeistern der Protagonistin werden. Auch sonst ist nichts so, wie Leser es bei einem konventionellen Hexenroman erwarten würden. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ali Smith: Winter

Die schottische Schriftstellerin Ali Smith (Jahrgang 1962) lebt und arbeitet im englischen Cambridge. „Winter“ ist der zweite Band ihres Jahreszeitenquartetts, den der Luchterhand Literaturverlag in einer Übersetzung von Silvia Morawetz am 2. November 2020 veröffentlichte. Der erste Band „Herbst“ erschien 2019 auf Deutsch.

„Gott war tot: das gleich vorweg“ so beginnt Ali Smith ihren Roman „Winter“ und stürzt ihre Leserinnen und Leser in eine Aufzählungswelle toter Dinge. Heiligabend: Sophia Cleves sieht einen Kopf ohne Körper. Ihr Sohn Arthur, genannt Art, schreibt einen Blog („Art in Nature“), ansonsten kontrolliert er Copyright-Verletzungen für eine Unterhaltungsfirma. Er wurde gerade von seiner Freundin Charlotte verlassen und soll Weihnachten bei Sophia in ihrem Haus in Cornwall verbringen. Art heuert das ihm völlig unbekannte Mädchen, das sich Lux nennt, an, ihn als Charlotte zu begleiten. Sophia will keinen Weihnachtsbesuch, entsprechend frostig werden Art und Lux „Charlotte“ empfangen. Lux, die fremde junge Frau, entwickelt einen Draht zu Sophia, Art nicht. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist schwierig. Sie rufen Iris an, Sophias Schwester und die „Rebellin“ der Familie. Iris und Sophia haben sich jahrzehntelang nicht gesehen. Damit beginnen Weihnachtsfeiertage, in denen die Welten und Wirklichkeiten dieser vier Menschen aufeinander prallen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Andrea Petkovic: Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht: Erzählungen

Tennisprofi Andrea Petkovic, die zeitweilig unter den Top 10 der Weltrangliste stand, ist unter die Buchautorinnen gegangen. In ihrem Buch „Zwischen Ruhm und Ehre beginnt die Nacht“ hat sie 18 autobiografische Erzählungen zusammengefasst, in denen der Leser nicht nur viel über die heute 33-jährige deutsche Sportlerin mit Wurzeln in Bosnien-Herzegowina erfährt, sondern auch allgemein über das Leben eines Tennisprofis.

Weil ihr Vater in Darmstadt als Tennistrainer arbeitete, wurde der Tochter das Tennisgen früh eingeimpft. Den Großteil ihrer Freizeit als Kind und Jugendliche verbrachte sie auf dem Tennisplatz. Später gehörte verbissenes Training zu ihrer Tagesroutine.

Zweifel und die Einsamkeit in irgendwelchen sterilen Hotels kommen genauso vor wie Freundschaften, Momente des Glücks oder der Angst vor dem Versagen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Emma Becker: La Maison

„Und irgendwer muss doch darüber sprechen.“, sind die letzten Worte in Emma Beckers frisch erschienenem Roman „La Maison“, einem Buch, das mich wie nur wenige bisher verführt hat und bei dem ich das Gefühl bekomme, dieses Verb sei eigens dafür erfunden worden. Und wenn nicht für diesen Roman, dann für das, wovon er handelt. Wenn ich verführt sage, dann meine ich die Anmut der Weiblichkeit, die die Welt an sich bindet, den Geruch von frisch gewaschener Haut und süßem Parfüm, dann meine ich die Erregung, wie bei flüchtig getauschten Blicken zwischen tanzenden Körpern, ein erstes anziehendes Annähern, eine Verführung voll Licht und Schatten, geheimnis- und verheißungsvoll.

Emma Becker zieht mich zwischen die Seiten ihrer Geschichte und ich komme nicht dazu, mich zu wehren, denke gar nicht daran. Die Intimität ihrer Erzählung, von einem Zuhause, das nur wenige je als solches betiteln würden, von dem Kollektiv einer erkauften Schwesternschaft und nicht zuletzt von reinem, menschlichem Sex, macht mich sprachlos und ist so intensiv, dass sich meine Gedanken noch jetzt, ein paar Tage nach Auslesen des Buches, dagegen sträuben, geordnet zu werden. Sie spricht ein Thema an, das so alt ist wie die Menschheit selbst und über das dennoch, oder gerade deswegen, nie gesprochen wird. Ich meine nicht Sex, dieses Tabuthema entfaltet sich mehr und mehr, nein, was ich meine, was sie meint, ist das Bordell. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Michael Christie: Das Flüstern der Bäume

Im Jahr 2038 arbeitet Jacinda Greenwood, genannt Jake, als Naturführerin auf einer Insel vor der kanadischen Küste. Diese Insel ist einer der letzten Orte der Erde, an dem noch Primärwald zu finden ist und wo man noch frei atmen kann. Spätestens seit dem Großen Welken ist die Welt sehr unwirtlich geworden. Der Klimawandel führte dazu, dass sich die Klimazonen schneller verändern, als die Bäume sich anpassen können. Dies hat ihre Fähigkeit zur Abwehr von Schädlingen geschwächt und die meisten Bäume zum Tode verurteilt. „Während weltweit immer mehr Primärwälder absterben, trocknet der Boden aus […] und es entstehen tödliche Wolken aus Staub so fein wie Mehl, die das Land ersticken. […] Landwirtschaftsbetriebe machen Konkurs, der Aktienmarkt bricht ein, die Arbeitslosenzahlen steigen, unkontrollierte Waldbrände, Ausschreitungen und Plünderungen sind an der Tagesordnung.“ (Zitat: Kapitel „Das Große Welken“)

Ein interessantes Szenario, es ist aber nicht das Hauptthema des Romans, sondern lediglich der Rahmen, in den die Geschichte eingebettet ist. Am Anfang des Buches ist der Querschnitt eines Baumstammes abgebildet. Anhand der Jahresringe eines Baumes kann man sein Alter bestimmen, sie verraten aber auch etwas darüber, unter welchen Umweltbedingungen der Baum herangewachsen ist. Kräftiges Wachstum erzeugt breite Ringe, schmale Ringe verweisen auf schlechte, vielleicht zu trockene Jahre. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Annegret Held: Eine Räuberballade

Hier nun der dritte Band der Trilogie um das Westerwälder Dorf Scholmerbach. Diesmal verlegt die Autorin die Geschichte an das Ende des 18. Jahrhunderts.

Tatsächlich gemahnt der Roman an eine Ballade. Er erzählt von Hannes, dem Sohn von Wilhelm. Die beiden sind so grundsätzlich verschieden – aufsässig, wild, ungebärdig der Sohn; fromm und vom Leben gezeichnet der Vater. Es kommt eines Tages zum Eklat und Hannes geht fort. Er schließt sich einer Bande von Räubern an und lernt, wie ein Auszubildender, das Handwerk der Räuberei. Dabei steht er sich reichlich oft selbst im Weg, verstößt er doch auch hier immer wieder gegen die Regeln und bringt mehr als einmal die ganze Bande in Gefahr.

Derweil ist Wilhelm immer verzweifelter, er hat ja auch noch seine schwer kranke Frau und die kleine Tochter, die er versorgen muss. In der Hoffnung auf Hilfe begibt er sich auf eine Wallfahrt und tatsächlich, als er nach Hause kommt, scheint es seiner Frau besser zu gehen.

Und da gibt es noch Gertraud, die beim Müller als Magd unterkommt. Gertraut passt so gar nicht in das Bild der fügsamen, dem Manne gehorchenden Frau. Sie widersetzt sich den Anweisungen der Müllerin, streitet auf das Heftigste mit dem Müller und schikaniert den Knecht. Doch gerade ihre forsche Art sorgt dafür, dass sie oft die Geschäfte für den Müller abschließt, da sie sehr gut verhandeln kann mit den Bauern, die das Korn bringen und das Mehl holen. Und Gertraud ist stark, sie hat so gut wie vor nichts Angst. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Susan Sontag: Wie wir jetzt leben: Erzählungen

Die Autorin und Kritikerin Susan Sontag (1933-2004) lebte und arbeitete in New York City. Sie war als intellektuelle und kritische Stimme in den USA und darüber hinaus bekannt. Vor allem ihre Essays über Fotografie sind viel beachtet. Am 21. September 2020 veröffentlichte der Carl Hanser Verlag Susan Sontags Erzählungen erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Wie wir jetzt leben“ in einer Übersetzung von Kathrin Razum. Die Originalerzählungen erschienen zwischen 1984 und 1992.

In dem schmalen Buch finden sich fünf Erzählungen, von denen die erste  und titelgebende „Wie wir jetzt leben“ und die letzte „Wallfahrt“ die herausragenden sind.

In „Wie wir jetzt leben“ schreibt Susan Sontag über einen Freund, der an Aids erkrankt ist. Sie nennt die Krankheit nicht bei ihrem Namen, doch jeder weiß was gemeint ist. Sie lässt die Freundinnen und Freunde des Mannes sprechen. Er selbst bleibt ohne Namen. In einem atemlosen Schwall von Meinungen, Kommentaren und Beschreibungen, in den Sontag kaum einen Punkt setzt, reden die Freunde über ihren nun kranken Freund: „Erst hat er nur abgenommen, sich nur etwas angeschlagen gefühlt, sagte Max zu Ellen, und Greg zufolge war er nicht zum Arzt gegangen, weil er es schaffte, mehr oder weniger im gleichen Rhythmus weiterzuarbeiten, allerdings hörte er, wie Tanya anmerkte, mit dem Rauchen auf, was nahelegt, dass er Angst hatte, aber auch, dass er, mehr als ihm bewusst war, gesund sein wollte, oder jedenfalls gesünder, vielleicht wollte er auch nur wieder ein paar Kilo zunehmen, sagte Orson, denn, fuhr Tanya fort…“ (S. 9). Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

E.M. Lindsey: Irons & Works 01: Unsere Liebe auf deiner Haut

Derek hatte keine schöne Kindheit. Er und sein Zwillingsbruder Sage wurden misshandelt, was den jungen Tätowierer noch heute verfolgt. Zwischen Albträumen und Panikattacken muss er sich auch noch mit seinem todkranken Vater herumschlagen. Für eine Beziehung fehlt Zeit und Vertrauen. Als der gehörlose Basil ihn jedoch nach einer Panikattacke beruhigt, geht er ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Auch Basil kann diese Begegnungen nicht mehr vergessen, hat der geheimnisvolle Fremde doch etwas in ihm geweckt, an das er längst nicht mehr glaubte. Doch der Florist hat sich geschworen nie wieder etwas mit einem Hörenden anzufangen.

Die Zufälle häufen sich und die beiden kommen sich näher. Doch hat diese Beziehung wirklich eine Zukunft? Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jacky Durand: Die Rezepte meines Vaters

Dieser Roman handelt von einer ganz besonderen Vater-Sohn-Beziehung und beginnt mit dem zu Ende gehenden Leben des Vaters:  Als Henri im Sterben liegt, verbringt Julien die letzten Tage seines Vaters an dessen Sterbebett. Hier lässt er das Leben des Vaters, das auch sein Leben maßgeblich geprägt hat, Revue passieren.

Nachdem Henri mit seinem Freund Lucien aus Algerien zurückgekehrt war, eröffneten die beiden ein kleines Bistro. Henri kochte und Lucien war „Mädchen für alles“. Die Gäste kamen teilweise aus entfernten Gegenden um Monsieur Henris Kochkunst zu genießen. Dabei war Henri ein Koch der alten Garde, der nur wenige Gerichte anbot. Die Zutaten und Mengen mischte und wog er nach Gefühl ab und fand dabei immer genau das richtige Maß. Wenn Julian seinen Vater in der Küche unterstützte, musste er sich alle Verrichtungen mit Augen und Ohren aneignen, denn der Vater behielt all die Tricks und Kniffe seiner Kochkunst für sich. Henri vergötterte Juliens intellektuelle Mutter. Jeden Tag kochte er für sie und Julien etwas Besonderes, nie servierte er ihnen das Tagesessen. Die Mutter hatte den Vater stets bedrängt, seine unvergleichlichen Rezepte aufzuschreiben. Schließlich durfte sie sich Notizen machen, die Monsieur Henri ihr diktierte. Nachdem Julien von einem Ferienaufenthalt ohne die Eltern nach Hause zurückkehrte, war das Glück zerbrochen. Weiterlesen

Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: