Jonas Jonasson: Der Massai, der in Schweden noch eine Rechnung offen hatte

Wieder hat der Autor des „Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg“ eine herrliche Satire vorgelegt, ein furioser Spaß mit absurden Verstrickungen und kuriosen Verwicklungen und vor allem mit genial verrückten Figuren.

Zwar schießt Jonas Jonasson manches Mal über das Ziel hinaus, verläuft sich in Nebenhandlungen und verliert den Faden im Gewirr der Geschicke seiner Charaktere, aber das trübt nicht die Freude bei der Lektüre seines neuesten Machwerks.

Es gibt viele verschiedene Handlungsstränge, die dennoch zu einem haltbaren Konstrukt verwebt sind. Da haben wir den Kunsthändler Viktor, der sich auf üble Weise die Kunsthandlung seines Schwiegervaters erschleicht, dann aber unmittelbar nach dessen Tod seine Frau, die Tochter ebendieses Kunsthändlers, quasi mittellos vor die Tür setzt. Da haben wir Kevin, den möglicherweise Sohn von Viktor, den seine Mutter kurz vor ihrem Tod in Viktors Obhut gibt, was diesem jedoch keineswegs in den Plan passt. Also setzt Viktor Kevin, als dieser kurz vor der Volljährigkeit steht, mitten in Afrika in der Savanne aus, hoffend, die hungrigen Löwen würden sein Problem lösen. Weiterlesen

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Annie Ernaux: Der Platz

In ihrem autobiografischen Buch „Der Platz“ schreibt die 1940 geborene Annie Ernaux vom Leben ihres Vaters, was natürlich auch mit ihrem eigenen Aufwachsen im Elternhaus in der Normandie verbunden ist. In Frankreich erschien das Buch „La place“ bereits 1983.

Wie in den beiden hier bereits besprochenen Büchern der Autorin „Eine Frau und „Erinnerung eines Mädchens bleibt Ernaux ihrem sehr persönlichen, eindringlich emotionalen Stil treu.

Ausgehend vom Tod des Vaters ruft sie die mit ihm verbundenen Erinnerungsbilder in sich wach.

Aus einfachem Bauernstand stammend und geprägt von den Kriegsjahren war dem Vater geistige Kultur fremd. Vom Fabrikarbeiter arbeitet er sich zum Kolonialwaren- und Kneipenbesitzer hoch, worauf er stolz ist. Doch das Stigma vom armseligen Leben der Unterschichtenklasse wird er zeitlebens nicht los. Weiterlesen

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Pierre Lemaitre: Spiegel unseres Schmerzes

Bewegend, hochspannend, mit einer starken Heldin: Autor Pierre Lemaitre widmet sich in diesem Roman einer der finstersten Epochen seines Landes. 1940 kann die französische Armee den Angriffen der deutschen Wehrmacht nicht mehr standhalten, die Nationalsozialisten fallen in Frankreich ein und erobern Paris. Dies löst unendliches Leid aus, sowohl an der Front entlang der Maginot-Linie als auch bei der Zivilbevölkerung, die in endlosen Flüchtlingsströmen gen Süden aufbricht. Hungernd, entkräftet, ohne Perspektive außer dem täglichen Überlebenskampf, schafft es nicht jeder bis ans Ziel. Verwundete werden zurückgelassen, Eltern von ihren Kindern getrennt. Inmitten des Durcheinanders zeigen Menschen ihr wahres Gesicht. Und so blitzt aller Tragik zum Trotz immer wieder Mitgefühl und Menschlichkeit auf.

In diesen Kriegswirren kreuzen sich die Wege der Protagonisten, jeder für sich von diversen Traumata gezeichnet. Da ist die attraktive Louise Belmont, die weder ihre Kindheit im Schatten der depressiven Mutter, noch ihre eigene Unfruchtbarkeit überwunden hat. Noch dazu ist sie einem finsteren Familiengeheimnis auf der Spur. Da ist Monsieur Jules, Besitzer eines Cafés, in dem die Lehrerin Louise an Samstagen arbeitet. Er hat seine große Liebe nie bekommen können. Da ist der Soldat Gabriel, einst friedliebender Mathematiklehrer, der von den harten Umständen an der Front überfordert ist. Auch von seinem Kameraden Raoul Landrade, der in illegale Schmuggelgeschäfte verstrickt ist, ihn erpresst und drangsaliert. Da ist der Mobilgardist Fernand, der zwischen Pflicht und Gefühl wählen muss. Er erhält den Befehl einen Gefangenentransport zu eskortieren, muss aber gleichzeitig seine kranke Frau Alice in Sicherheit bringen. Weiterlesen

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Diane Setterfield: Was der Fluss erzählt

Es war einmal ein Wirtshaus …“ (S. 11). So beginnt dieser märchenhafte Roman, der zugleich spannend, mystisch, amüsant, poetisch, fantastisch und sogar ein wenig gesellschaftskritisch ist.

Mit liebevollem Augenzwinkern sowie hin und wieder einem zarten Hauch von Ironie erzählt die Autorin von geheimnisvollen Ereignissen gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Oberlauf der Themse. Es beginnt eines Abends in besagtem Wirtshaus, als ein schwer verletzter Mann die Schenke betritt, in den Armen ein kleines Mädchen. Sie ist tot, so hat es den Anschein und so beurteilt es auch Rita, die erfahrene und stets pragmatische Krankenschwester des Ortes. Doch das täuscht, die Kleine erwacht und von nun an steigt die Spannung von Seite zu Seite.

Denn nicht nur, dass Rita zu verstehen versucht, wieso das Kind, das so eindeutig tot war, wieder zum Leben erweckt wurde. Es erheben mehrere Menschen „Anspruch“ auf das kleine Mädchen. So vor allem das Ehepaar Vaughan, dessen kleine Tochter vor zwei Jahren entführt wurde und spurlos verschwand. Helena Vaughan ist fest davon überzeugt, dass das jetzt aufgetauchte Mädchen ihre Tochter Amelia ist. Und da ist die scheue Lily White, die sich sicher ist, das Mädchen ist ihre kleine Schwester Ann. Oder ist die Kleine vielleicht doch Alice, die Tochter von Robin Armstrong? Keiner der Beteiligten ist sich ganz sicher oder kann etwas komplett ausschließen. Dabei spielen nicht alle mit offenen Karten. Weiterlesen

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Cécile Chomin: Schneeflockenmagie

Im ersten Satz von Cécile Chomins Roman „Schneeflockenmagie“ taucht bei insgesamt sieben Wörtern vier Mal „Mist“ auf. Ein Indiz, der auf die Qualität des Romans verweist? Mitnichten, eher der Fingerzeig auf den Humor in der Erzählweise. Kurzum, ein Anfang der neugierig macht.

Die Leichtigkeit der Sprache, die sich hier andeutet, wird konsequent durchgehalten. Anders ausgedrückt: Hier wurde fleißig aufgeschrieben, was die Figuren gerade über sich und die anderen denken. Warum auch nicht?

Flüssig, flüchtig fliegt LeserIn über die Seiten und wird von keiner allzu komplizierten Handlung ausgebremst. Die Handlung ist in der Tat kurz erzählt und kommt bei oberflächlicher Betrachtung wie schon mal gehört vor. Weiterlesen

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Hallgrímur Helgason: 60 Kilo Sonnenschein

In Island wurde er als bester Roman des Jahres ausgezeichnet. Kein Wunder: Hallgrímur Helgason hat ein aberwitziges, fantasievoll überbordendes Stück Literatur geschrieben, einen Grenzgänger zwischen Prosa, Saga und Lyrik. Er begleitet seine Landsleute auf dem Weg in die Moderne, zwischen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Während der Rest der Welt schon volle Dampfkraft voraus im motorisierten Zeitalter angekommen ist, leben die ausgemergelten Bewohner in den abgelegenen Fjorden Islands noch im Steinzeitalter. So etwas prägt die Menschen. Diese kennenzulernen mit ihren Macken, Hoffnungen und Lastern bereitet Leselust vom Feinsten!

Eine Kirche, die von einem Wintersturm über den Fjord gefegt wird, gleicht einem „Jesus läuft übers Wasser“-Wunder. Frauen, deren Röcke beim Pipimachen vom Sturm erfasst und die bis auf den kilometerweit entfernten Nachbarhof geweht werden, gehören schon eher zum isländischen Alltag. Familien binden sich nachts mit Seilen im Schlaf aneinander, um im Falle einer Schneelawine schneller gefunden zu werden. Leichen, die im Dauerfrostboden nicht tief genug eingegraben wurden, schwimmen im frühjährlichen Tauwetter wieder munter durchs Meer. Dafür endet der Gang eines dauerbetrunkenen Pfarrers in einem offenen Grab. Weiterlesen

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Fiona Mozley: Elmet

Elmet, so erfahren wir am Anfang des Romans, war das letzte unabhängige Königreich der Kelten in England. Es befand sich im Tal von York. In den vereisten Mooren, in diesem Ödland versteckten sich noch bis in das 17. Jahrhundert Gesetzesflüchtige.

Fiona Mozleys Debütroman spielt in dieser Gegend, jedoch in der Gegenwart. Der Ich-Erzähler Daniel, sein Vater und die Schwester Cathy bauen sich hier, im Land des ehemaligen Königreichs Elmet, mit eigenen Händen ein Haus.

Daniel erzählt uns die Geschichte abwechselnd in kurzen Sequenzen aus der Gegenwart, aus denen er in die Vergangenheit zurückblickt. Mozleys kurzweiliger Erzählstil verhindert, dass die Leserin/der Leser durch die Zeitsprünge aus dem Lesefluss gerissen werden. Ein gutes Beispiel wie Rückblenden literarisch opportun gestaltet werden können. Das literarische Wagnis gelingt auch, weil sowohl Vergangenheit als auch Gegenwart wie zwei, zwar miteinander verbundene, eigene Handlungsstränge funktionieren.

Daniel erinnert sich also an die Mutter, die nur zeitweise bei ihnen war und wenn, dann nur schlief, an die Grandma Morley, die sich liebevoll um die Kinder kümmert und sich doch mit dem Geist zuweilen ganz woanders war. Und an den Vater, der Geld mit illegalen Faustkämpfen verdiente. Bis zu dem Tag, an dem der Grundbesitzer des Stückchen Landes, auf dem Vater, Cathy und Daniel ihr Haus errichtet hatte, sie heimsuchte. Weiterlesen

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Lionel Shriver: Die perfekte Freundin

Eine verzwickte Dreiecksgeschichte mit all ihren kleinsten Stimmungs-Verästelungen und -Verwirrungen beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Lionel Shriver (geboren 1957) in ihrem dünnen Roman „Die perfekte Freundin“. Weston und Jillian waren früher mal ein Paar. Jetzt treffen sie sich noch dreimal pro Woche zum Tennis spielen. Das gefällt Westons neuer Freundin Paige überhaupt nicht. Sie will nur in Westons Heiratspläne einwilligen, wenn er Jillian für immer verlässt und verspricht, sie nie wiederzusehen.

Das stürzt den etwas entscheidungsfaulen Weston in tiefe innere Konflikte. Jillian, eine als etwas schrill und exaltiert beschriebene Hobbykünstlerin, scheint davon nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Kurz vor der Hochzeit macht sie dem Brautpaar ein geradezu bombastisches Geschenk, was die Gesamtsituation nicht eben erleichtert. Weiterlesen

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Elke Heidenreich: Männer in Kamelhaarmänteln: Kurze Geschichten über Kleider und Leute

Protect me from what I want“ So steht es jetzt auf den T-Shirts einer Frau, die sich immer wünschte, mit einem Musiker zusammenzuleben und die bekam, was sie sich wünschte ….

Ein prickelndes, erfrischendes Potpourri aus Anekdoten, Erinnerungen und skurrilen Geschichten findet sich in dem neuen Buch der bekannten Autorin Elke Heidenreich. Sie erzählt aus ihrer Kindheit und der Zeit ihrer Pubertät, als Kleiderfragen dem Alter entsprechend lebenswichtig wurden. Sie berichtet von Treffen mit Berühmtheiten, zu denen sie völlig unpassend gekleidet erschien. So geschehen bei einem Interview mit Heinz Rühmann, bei dem sie zu einer ihrer eigenen Jeans eine geliehene Seidenbluse trug, was dazu führte, dass der Schauspieler sie während des Gesprächs völlig ignorierte. Elke Heidenreich blickt auch zurück auf ihre Beziehung zu ihren Eltern und besonders zu ihrem Vater, „der einzige Mann, der Kamelhaarmäntel tragen konnte“.

Was die Autorin, die ich auch wegen ihrer anderen Bücher sehr schätze, in diesem Band in kleinen, feinen Geschichten zeigt, ist vor allem, was Kleider aus den Menschen machen können, im positiven wie im negativen, wie wichtig Kleidung für das Ego ist und wie fatal falsche Kleidung am falschen Ort für Reputation oder die eigene Selbstsicherheit sein kann. Weiterlesen

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Mary Beth Keane: Wenn du mich heute wieder fragen würdest

Eine Familiengeschichte, eine Liebesgeschichte, eine Geschichte von Schuld und Verantwortung, all das ist dieser Roman. Ein Roman mit präzise ausgearbeiteten Figuren, lebensecht, sympathisch, mit Fehlern, Ängsten und Störungen, mit starken Persönlichkeiten und scheiternden Charakteren.

Kate und Peter wachsen auf als Nachbarskinder in einer Kleinstadt in der Nähe von New York. Ihre Väter sind beide Polizisten und haben kurz nacheinander die benachbarten Häuser in Gillam gekauft. Francis und Lena Gleeson haben drei Töchter, die jüngste ist Kate. Sie wird nur wenige Monate nach Peter geboren, dem einzigen Kind von Brian und Anne Stanhope. Während Lena in ihrer Familie zu Hause und mit Haushalt und der Erziehung der Kinder ausgelastet ist, kommt Anne nie wirklich im Kleinstadtidyll an und wird im Laufe der Jahre psychisch immer labiler. Das zeigt sich besonders in ihrem Umgang mit ihrem Sohn Peter und ihrer strikten Ablehnung seiner Freundschaft mit Kate. Schließlich ist genau das der Auslöser einer schlimmen Katastrophe, die das Ende der Freundschaft zwischen den Familien und die Trennung von Kate und Peter bedeutet. Sie verlieren sich aus den Augen. Weiterlesen

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