Wiebke von Carolsfeld: Das Haus in der Claremont Street

Ein weiteres Debüt aus Kanada. Und was für eins. Die in Deutschland geborene Autorin, die als Regisseurin preisgekrönte Filme drehte, erzählt uns in ihrem fesselnden Roman das Psychogramm einer Familie. Dabei zeichnet sie so wunderbare Figuren und entwirft so bildhafte Szenen, dass die Leserin manches Mal nicht weiß, ob sie lachen oder weinen soll.

Die Familie, um die es geht, besteht aus so präzisen wie individuellen Charakteren, deren liebenswerte Egozentrik, würde man diesen Menschen im echten Leben begegnen, einen doch gelegentlich auf die nächste verfügbare Palme treiben würde.

Dabei dreht sich alles um den kleinen Tom, 9 Jahre alt und schwer traumatisiert. Seit er mitbekam, wie sein Vater seine Mutter erschlug und anschließend sich selbst erschoss, spricht er kein Wort. Er verkriecht sich in sich selbst, saugt permanent an seinem Daumen und fügt sich immer wieder möglichst heftige Schmerzen zu. Tom kommt zuerst zu seiner Tante Sonya, der ältesten Schwester seiner Mutter. Doch sie scheitert an dem Verhalten des Jungen, ist sie doch mit sich selbst ganz und gar nicht im Reinen.

Daraufhin wird Tom bei Rose einquartiert, der zweiten Schwester seiner Mutter. Diese lebt zusammen mit ihrem 15-jährigen Sohn Nick und ihrem Bruder Will in ihrem ehemaligen Elternhaus. Weiterlesen

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Nick Hornby: Just like you

Mir über diesen neuen Roman des beliebten und renommierten Autors ein Urteil zu bilden, fällt mir nicht leicht. Das Thema ist spannend und aktuell, der Stil ist erfrischend wie immer bei ihm und dennoch stellt mich das Buch nicht gänzlich zufrieden.

Das liegt vor allem an der Dialoglastigkeit. Der ganze Roman besteht größtenteils aus Dialogen, aus Gesprächen zu zweit, zu dritt. Bekanntlich sind ja etliche der Bücher von Nick Hornby erfolgreich verfilmt worden. Und da liegt meines Erachtens die Crux: der Roman wirkt wie ein Drehbuch, allerdings ohne die Regieanweisungen zu den Dialogen. Damit will ich sagen, dass die Gespräche über viele Seiten dahinplätschern, die Menschen dabei gerne aneinander vorbeireden oder die Botschaften zwischen den Zeilen verstecken, aber das „Leben“ beim Sprechen fehlt. Elizabeth George nennt das, was ich hier vermisst habe, in ihrem Buch Wort für Wort die „Geschwätzvermeidungsstrategie“. Dabei sind die Dialoge, wie immer bei diesem Autor, sehr spritzig, lebensecht, realistisch. So sprechen die Menschen heute, so reden Mütter mit ihren Söhnen, Frauen mit ihren Männern, Freundinnen miteinander.

Daneben verfolgt die Leserin die Handlung durch die Gedanken der Protagonisten, entweder aus der Sicht von Lucy oder aus dem Blickwinkel von Joseph, dem jungen Mann, in den sie sich verliebt. Weiterlesen

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Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

Die Zwillinge Stella und Desiree Vignes wachsen in Mallard auf, einem kleinen Ort in Louisiana, in dem die (ursprünglich dunkelhäutigen) Bewohner das Ziel haben, möglichst hellhäutig zu werden. Bei Desiree und Stella ist das bereits gelungen. Mit sechzehn kehren die beiden ihrem Heimatdorf den Rücken. Es hat ihnen nicht das zu bieten, was sie vom Leben wollen. Heimlich machen Sie sich auf den Weg nach New Orleans, wo sie sich mit verschiedenen Jobs über Wasser halten. Eine Rückkehr nach Mallard kommt für beide zu diesem Zeitpunkt nicht in Frage.

Obwohl die Initiative zum Aufbruch in die Stadt von Desiree ausgegangen ist, die schon immer schlagfertiger, frecher und aktiver war, ist es Stella, die eine günstige Gelegenheit ergreift, sich – sozusagen „undercover“ – auf die Seite der Weißen zu schlagen und sich von ihrem schwarzen Erbe abzuwenden. Sie verschwindet, ohne Desiree eine Nachricht zu hinterlassen. Jede Spurensuche ihrer verzweifelten Schwester führt ins Leere.

Desiree nimmt eine Stelle beim FBI an und wird Expertin für Fingerabdrücke. Sie findet im dunkelhäutigen Staatsanwalt Sam einen Mann, mit dem sie leben möchte und bekommt mit ihm eine Tochter: Jude. Doch die Ehe wird nicht glücklich, Sam beginnt, seine Frau zu schlagen. Einige Jahre nach ihrem Verschwinden wird Desiree mit einem kleinen Mädchen in Mallard gesichtet, dessen Existenz der Philosophie der Einwohner entgegensteht. Noch Jahre später erinnert sich Lou, der Betreiber des Diners, an seinen ersten Eindruck von dem Kind: „Blauschwarz“, sagte er. „Wie frisch aus Afrika eingeflogen.“ (Teil 1: Die verlorenen Zwillinge, Kapitel 1) Weiterlesen

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Maria Regina Kaiser: Selma Lagerlöf. Die Liebe und der Traum vom Fliegen

Die meisten Menschen denken wohl zuerst an den Winzling Nils Holgersson und seine wunderbare Reise mit den Wildgänsen durch Schweden, wenn sie den Namen Selma Lagerlöf hören. Doch die Autorin war eine außergewöhnliche, mutige Persönlichkeit und hat noch weitaus mehr zu bieten. Geradlinig und fleißig verfolgte sie ihren Plan, eine bekannte Schriftstellerin zu werden und wurde als erste Frau mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Sie engagierte sich für Frauen und deren Wahlrecht und setzte sich für die Flucht von Juden aus Deutschland während der NS-Zeit ein.

Den Grundstein für ihren Erfolg legten ihre Eltern, in Bezug auf das Schreiben vor allem der Vater, ein (ehemaliger) Leutnant, dessen heimliche Liebe der Literatur galt. Sie ermöglichten ihren Söhnen und Töchtern die bestmögliche Bildung, die sie sich leisten konnten (und manchmal auch mehr), was im 19. Jahrhundert auf dem Land in Schweden sicher nicht selbstverständlich war. Selma nahm diese Möglichkeit dankbar an. Wegen einer Gehbehinderung konnte sie als Kind oft nicht bei den Spielen der anderen mitmachen und wandte sich den Büchern zu, die sie in andere Welten brachten. Schon als Jugendliche verfasste sie Gedichte und Theaterstücke, die im Familien- und Bekanntenkreis aufgeführt wurden. Weiterlesen

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Clemens Berger: Der Präsident

Jay Immer arbeitet als Polizist in Chicago.  Wir schreiben die 1980-er Jahre. Geboren wird er 1926 als Julius Imre im österreichisch-ungarischen Grenzgebiet, dem Burgenland. Seine Eltern wandern mit ihm in die USA aus und weil dort niemand seinen Namen aussprechen kann, wird aus ihm Jay Immer.  Seine Frau Lucy meldet ihn ohne sein Wissen bei einem Wettbewerb an, bei dem eine Agentur Doppelgänger berühmter Persönlichkeiten sucht. Jay überzeugt als Ronald Reagan. Er quittiert seinen Dienst bei der Polizei und eröffnet, vorerst noch etwas unbeholfen, Vergnügungsparks, Autohäuser und Einkaufszentren. Das Geschäft läuft gut. Immer gewinnt an Sicherheit und lernt interessante Leute kennen. Vor allem jene, die mit Reagans Politik nicht zufrieden sind, kommen auf ihn zu. Er ist Reagan und auch wieder nicht.

Vorerst ist Jay darum bemüht, den Präsidenten so gut wie möglich zu imitieren. Bald kann ihn kaum jemand mehr von ihm unterscheiden.
Als Präsidentendouble beschäftigt er sich eingehend mit dem Original. Die Grenzen verschwimmen. Seine geliebte Gattin heißt zwar Lucy und nicht Nancy, aber er nennt sie schon mal liebevoll „First Lady“ und sie ihn „mein Präsident“. Außerdem wohnen sie ebenfalls in einem weißen Haus, wenn auch in Chicago.
Ein Besuch in der „alten Heimat“ Österreich wird für beide zu einem prägenden Erlebnis. Das Burgenland grenzt an den Eisernen Vorhang. Hier wird Weltpolitik spürbar. Weiterlesen

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Meg Wolitzer: Das ist dein Leben

Die amerikanische Erfolgs-Autorin Meg Wolitzer beschreibt in ihrem Roman „Das ist dein Leben“ den Werdegang dreier Frauen im Amerika der 70er-Jahre. Da ist zunächst die stark übergewichtige Dottie Engels, ein Comedian-Star, der auf der Bühne Witze über das Dicksein reißt. Und da sind ihre beiden Töchter Erica und Opal, die mehr von Babysittern erzogen werden als von der eigenen Mutter, die sie häufiger im Fernsehen sehen als zu Hause.

Besonders Erica, die ebenfalls zum Übergewicht neigt, leidet als Teenager unter der Situation.

Später ändert sich vieles. Dotties Stern verblasst mehr und mehr, sie erhält nur noch Engagements für Werbespots. Erica und Opal gehen eigene Wege, die nicht immer gradlinig und positiv verlaufen. Sie verlieben und entlieben sich – bis ein einschneidendes Ereignis die kleine Familie wieder zusammenrücken lässt.

​Meg Wolitzer schreibt – auch in ihren anderen Romanen – ausgesprochen geschmeidig ohne Ecken und Kanten. Störende Rückblenden, allzu verschachtelte Handlungskonstruktionen oder eine unübersichtliche Vielzahl von Figuren findet man bei ihr nicht. Man genießt ihre Bücher wie einen süffigen Wein, blättert Seite um Seite um und verfolgt mit großem Lesegenuss das Schicksal ihrer drei Hauptfiguren.  Weiterlesen

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Lisa Moore: Fremde Hochzeit: Erzählungen

Die Kanadierin Lisa Moore (Jahrgang 1964) ist Schriftstellerin. Ihre Bücher werden hierzulande im Münchner Carl Hanser Verlag veröffentlicht. So auch „Fremde Hochzeit“, ein Buch mit elf Erzählungen, das am 21. September 2020 in einer Übersetzung von Kathrin Razum erschienen ist. Darin finden sich Eleanor und Philip in der Titelgeschichte „Fremde Hochzeit“ auf einer Party anlässlich der Hochzeit von Constance mit Ted wieder. Bei viel Alkohol und dem Erzählen bedeutender Lebensmomente überlegt die Drehbuchschreiberin Eleanor mit einem der Gäste zu schlafen, während ihr Ehemann Philip mit Amelia Kerby aus British Columbia flirtet. Oder die Geschichte von Donna und Cy, in der er sie während der Schwangerschaft mit Marie betrügt.

In „Liebende, mit der Intensität, die ich meine“ trifft Jim Marissa während eines Schneesturms in einem Supermarkt wieder. Die beiden waren einst ein Paar. Jim ist mit Jillian verheiratet und Marissa hat gerade Angus, ihren Lebenspartner, verloren.

Während ihrer Schulzeit wird Melody von ihrer Freundin zu einer Abtreibung begleitet. Jahre später taucht sie unerwartet wieder bei ihr auf. Weiterlesen

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Richard Ford: Irische Passagiere: Erzählungen

Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Ford (Jahrgang 1944) hat uns 1995 den „Unabhängigkeitstag“ beschert und wurde dafür mit dem Pulitzer Prize geehrt. Es folgten zahlreiche erfolgreiche Romane und Kurzgeschichten. Richard Ford gilt als bedeutender, zeitgenössischer Autor der US-amerikanischen Literatur. Seine Geschichten zeichnen Bilder des Alltags in den Vereinigten Staaten von Amerika. Seine Figuren sind die ganz normalen Leute, oft Männer, die mittelmäßig erfolgreich ihr Leben leben. So auch in den neuen Erzählungen „Irische Passagiere“, die am 21. September 2020 in einer Übersetzung von Frank Heibert bei Hanser Berlin erschienen sind. Darin finden sich neun Erzählungen, die von Menschen handeln, die sich den Unwägbarkeiten des Lebens stellen müssen.

In „Nichts zu verzollen“ trifft der verheiratete Anwalt Sandy McGuinness seine Studentenliebe Barbara nach vielen Jahren in New Orleans wieder und widersteht nur knapp der Versuchung, mit ihr ins Bett zu gehen.

Happy (Bobbi) Kamper, die Bildhauerin, beklagt in der gleichnamigen Geschichte den Tod ihres Lebensgefährten Mick Riordan. Dazu besucht sie ehemalige gemeinsame Freunde in Maine. Aber findet sie wirklich Trost bei ihnen?

Henry Hardings Vater stirbt. Der Junge ist sechzehn und ziemlich verlassen. In der Schule hat er keine Freunde und seine Mutter ist mit ihrer Trauer beschäftigt. Dann lernt er Niall MacDermott von gegenüber kennen. Er glaubt einen Freund gefunden zu haben. Weiterlesen

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Andreas Wagner: Jahresringe

Schon wieder ein erstaunliches Debüt. Andreas Wagner, der aus der Region stammt, über die er schreibt, erzählt uns eine Geschichte über Flucht und Vertreibung, über Heimatverlust und Heimatsuche und er erzählt die Geschichte des Braunkohletagebaus zwischen Aachen und Köln. Der Autor hat dabei einen ganz eigenwilligen Stil, manchmal tiefgründig, manchmal mystisch, mal skurril und mal hochspannend.

Leonore Klimkeit flieht in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs „so weit nach Westen wie möglich“. Sie gibt vor, 21 Jahre alt zu sein, obgleich sie viele Jahre jünger ist, als sie Ostpreußen verlassen muss und schließlich nach einer zwei Jahre währenden Flucht in dem kleinen Ort Lich-Steinstraß in der Nähe von Jülich landet. Trotz der sehr heftigen und viele Jahre anhaltenden Ablehnung durch die Dorfbewohner als „Flüchtling“ findet sie Aufnahme bei Hannes Immerath und seiner Mutter. Hannes, oder Jean, wie er genannt wird, ist der Bäcker des Dorfes. Im Laufe der Jahre übernimmt Leonore nach und nach die Arbeit von Jean und erbt schließlich seinen Laden und die Backstube.

Sie bringt einen unehelichen Sohn, Paul, zur Welt, was zu noch mehr Ausgrenzung im Ort führt. Leonore fühlt sich so richtig heimisch nur, wenn sie im Wald ist. Der riesige und uralte Bürgewald schenkt ihr Geborgenheit und Zuflucht. Hier kann sie träumen und „schweben“, hier findet sie Ruhe und Kraft. Weiterlesen

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Dani Atkins: Wohin der Himmel uns führt

Wer die Bücher von Dani Atkins liest, weiß, was sie erwartet. Wer die Bücher von Dani Atkins liest, weiß, dass sie Taschentücher brauchen wird und dass es rührselig zugehen wird. So auch in diesem neuen Roman, in dem sich die Autorin ein wirklich heikles Thema vorgenommen hat.

Die Geschichte wird erzählt aus den Perspektiven der beiden jungen Frauen Izzy und Beth. Beth hat vor einigen Jahren ihren geliebten Mann Tim durch Krebs verloren. Bevor er starb haben sie drei Embryonen kryokonserviert, damit sie auch dann Kinder bekommen könnten, falls er durch die Krebsbehandlung unfruchtbar würde. Zwei Versuche sind bisher fehlgeschlagen, als Beth nun den Entschluss fasst, den dritten verbliebenen Embryo austragen zu wollen.

Izzy, deren Mann Pete vor kurzem ausgezogen ist, weil es in ihrer Ehe kriselt, ist eine überbesorgte Mutter und behütet den 8-jährigen Sohn Noah wie ihren Augapfel. Auch Izzy und Pete hatten Embryos eingefroren, aus einem von ihnen ist Noah entstanden.

Als Beth in der entsprechenden Klinik vorstellig wird, entdeckt man dort einen schweren, vor Jahren geschehenen Fehler: Die Embryos waren vertauscht worden, und Beths Kind war von Izzy ausgetragen worden. Es wuchs seit 8 Jahren bei Izzy und Pete als deren Sohn heran. Weiterlesen

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