Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen

Die Figuren in Ralf Rothmanns neuem Erzählband sind stark problembehaftet. Neben Verflechtungen mit der Vergangenheit und inneren Unsicherheiten spielt vor allem die Angst eine zentrale Rolle in den elf Geschichten.

In der ersten Geschichte Wir im Schilf ist eine Geigerin die Hauptfigur. Kurz vor ihrem anstehenden Konzert trifft sie eine unerwartete, endgültige Entscheidung.

Die Buchtitel gebende zweite Geschichte, Hotel der Schlaflosen, ist nichts für zarte Gemüter. Erzählt wird von der Konversation des Gefangenen Isaak Babel, einem jüdischen Schriftsteller, der auf seine Erschießung wartet, mit seinem Peiniger und Vollstrecker Wassili Blochin. Der Text ist ein albtraumhaftes, ergreifendes Szenario mit allem erdenklich geschilderten menschlichen Leid der einen und eisigkalter Übermacht der anderen Figur: Die linke Hand, an der drei Fingernägel fehlten…. Spitz die Nase, bleich das stoppelige Gesicht mit den gelbgrünen Flecken über dem Jochbein und dem geronnenen Blut im Ohr… (eBook S. 28).

In der Erzählung Das Sternbild der Idioten lesen wir von der Tragödie eines Filmkomparsen, an der die anderen Komparsen ungewollt beteiligt sind. Dies ist abermals ein außergewöhnlich mitleiderregendes Schicksal eines Menschen inmitten einer aberwitzigen Handlung. Weiterlesen

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Sorj Chalandon: Wilde Freude

Eine arrogante Prinzessin aus Saudi-Arabien geht mit ihrer unscheinbaren Assistentin bei einem Pariser Nobeljuwelier einkaufen. Draußen vor der Tür lauert eine Frau mit einer wilden Afroperücke in den Nationalfarben Serbiens und einer Hacke. Ihre Kollegin ist mit einer Spielzeugpistole bewaffnet. Die vier Frauen planen einen völlig verrückten Überfall, wollen seltene Schmuckstücke stehlen. Eine Kamikaze-Aktion. Doch die Freundinnen haben nichts mehr zu verlieren. Drei von ihnen haben Krebs, sie alle wurden von ihren Liebsten im Stich gelassen, ihnen bleibt nichts mehr außer ihrem fragilen Leben. „Wir machen gerade eine Dummheit?“, fragt die eine. Eventuell ja. Eventuell aber einen genialen Coup.

Wie es dazu kommen konnte, erzählt die Ich-Erzählerin Jeanne in folgendem Plot: Die schüchterne Buchhändlerin erhält die Diagnose Brustkrebs. Ihr Ehemann kommt mit der Situation nicht zurecht und verlässt sie. Bei der Chemotherapie lernt sie die selbstbewusste, lebensfrohe Brigitte kennen, die sich ihrer annimmt und Jeanne in ihre WG einlädt. Dort trifft sie auf die ebenfalls krebskranke, junge Mélody und Brigittes Partnerin Assia, die einzig Gesunde des Quartetts. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beginnt sich Jeanne zu öffnen und zieht sogar bei ihren Leidensgenossinnen ein. Sie unterstützen sich gegenseitig, feiern das ihnen verbliebene Leben. Dabei erzählen sie sich gegenseitig ihre Lebensgeschichten.

Der Plot darauf hin, dass der Krebs die Symptome vergangener Tragödien aufzeigt. Ob verlorene Kinder, ein Gefängnisaufenthalt oder ein Verbrechen, dass sogar mehrere Generationen zurückliegt. Die These, dass sich unbewältigte Traumata körperlich manifestieren und Krebs zur Folge haben können, ist schon länger Bestandteil des medizinischen Diskurses. Der Autor greift dies subtil auf. Fest steht jedoch wie bei jedem Katastrophenplot – die Krise bringt zum Vorschein, was unter der Oberfläche brodelt. Weiterlesen

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Thilo Krause: Elbwärts

Also, ich sage es mal ganz vorsichtig: man könnte vermuten, ich hoffe, ich liege vollkommen falsch, der Autor und Ich Erzähler Thilo Krause hat oder hatte eine schwere Zeit hinter sich, so in Richtung Melancholie und Depression, und seine in Anspruch genommene psychotherapeutische Begleitung hat ihm geraten, alles mal aufzuschreiben. Da war das Ganze wohl noch nicht als Roman gedacht, aber es entpuppte sich nach und nach als Möglichkeit, sich von seinem traumatischen Ballast zu befreien. Ich meine, das Buch bei aller romantischer Naturnähe, zieht einen doch ziemlich runter.

Es ist die Geschichte zweier Jugendfreunde, die in der DDR aufgewachsen sind, und zwar in der Nähe des Elbsandsteingebirges im südlichen Sachsen an der Grenze zu Nordböhmen, also der damaligen Tschechoslowakei mit der Elbe als Grenzfluss! Diese bizarren Felsformationen waren für Vito und dem Erzähler – er bleibt immer ohne Namen – das geheimnisvolle Rückzugsgebiet. Auch von der Schule und den Jungen Pionieren, und all dem Scheiß. Hier atmeten sie tief die Freiheit ein, die Natur, die Wolken, geheimnisvolle Baumkronen und Wipfel und eben die Steine und Felsen. Sie krochen durch Spalten und Kamine und fanden Plätze und Höhlen, die vor ihnen wahrscheinlich nie jemand betreten hat.

Bei einem dieser Abenteuer gibt es beim Klettern ein Unglück und Vito verliert nach seinem Absturz ein Bein, bzw. es bleibt nur noch ein Stumpf nach verpfuschter OP. Weiterlesen

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Sophie Bienvenu: Sam ist weg

Sophie Bienvenu – was für ein schöner Name – hat einen herzberührenden und zugleich optimistischen Roman geschrieben. Es ist einer dieser Romane, die vor allem wegen der Hauptfigur in Erinnerung bleiben. Und damit eine Antwort auf die immer mal wieder gestellte Frage, wie wichtig für einen Roman die sorgfältige Ausarbeitung der Charaktere ist.

Sie erzählt uns die Geschichte von Mathieu, einem jungen Mann auf den Straßen von Montreal, der alles verloren hat im Leben außer seiner geliebten Hündin Sam. Mathieu hat etliche tiefgreifende Erlebnisse hinter sich, die ihn zu einem Leben auf der Straße zwingen. Einzig dank Sam erlebt er Wärme, Zuwendung und Liebe.

Doch eines Tages ist Sam plötzlich verschwunden. Darüber geht Mathieu fast zugrunde. Er beginnt sie zu suchen, taucht ein in Abgründe der Großstadt, lernt aber auch Hilfsbereitschaft und Unterstützung kennen. Während seiner Suche erinnert er sich an seine Kindheit und Jugend, vor allem an seine Mutter. Er begreift, was er besaß, was er verlor und er begreift, was Schicksal ist, unabwendbar, unergründbar. Weiterlesen

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Rye Curtis: Cloris

Cloris ist der Vorname der einen Protagonistin dieses wirklich erstaunlichen Romandebüts des jungen Texaners Rye Curtis. Cloris Waldrip ist 72 Jahre alt, als sie sich zusammen mit ihrem Mann, den sie stets nur Mr.Waldrip nennt, auf einen Rundflug über die Bitterroot Mountains begibt. Doch das kleine Flugzeug stürzt mitten in der Wildnis ab und nur Cloris überlebt, so gut wie unverletzt. Nur mit ihrer Handtasche, dem Pullover des toten Piloten und einigen Karamellbonbons bricht sie auf, in der Hoffnung auf Rettung.

Die zweite beeindruckende Protagonistin ist Debra Lewis, Rangerin im National Forrest. Als sie von dem Flugzeugabsturz erfährt, glaubt sie als Einzige fest daran, dass Cloris überlebt hat und macht sich auf die Suche nach ihr.

Cloris kommt aufgrund ihres Alters und weil ihr jede Kenntnis von Überlebensstrategien in freier Natur fehlen, nur sehr langsam voran. Doch es scheint, als hielte jemand seine schützende Hand über sie. Irgendwer hilft ihr, Feuer zu entzünden, versorgt sie mit Essbarem und bewahrt sie vor Unfällen. Es dauert lange, bis sich ihr geheimnisvoller Beschützer zu erkennen gibt und sie mit ihm Freundschaft schließen kann. Weiterlesen

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Sibylle Lewitscharoff & Heiko Michael Hartmann: Warten auf

Unverhofft findet sich Gertrud Severin im Jenseits wieder – das vermutet sie jedenfalls, denn wer weiß schon, wie es dort aussieht. Die 52-Jährige ist verwirrt. Sie hat keine Ahnung, wie sie hierhergekommen ist. Zwar fühlt sie sich etwas seltsam, aber sie weiß noch, wie sie heißt, wo sie herkommt und kann sich an einiges aus ihrer Vergangenheit erinnern. Ihr Körper ist verschwunden, ihre Stimme funktioniert allerdings noch und nervt ihren Nachbarn, der sich schon mit seinem Tod abgefunden hat. „Lassen Sie mich in Ruhe. Ich bin tot! Gestorben! Jetzt grade.“ (Seite 9)

Doch da sie nur zu zweit in dieser seltsamen Zwischenwelt festhängen (und Gertrud sich schon immer gerne unterhalten hat), kommen die beiden ins Gespräch. Gemeinsamkeiten finden sie nur wenige. Verständnis und Unverständnis wechseln sich ab, auf Annäherung folgen Meinungsverschiedenheiten, Widerspruch ist angesagt.

Kein Wunder. Während Gertrud ein geselliger Mensch war, Kunst und Kultur mit allen Sinnen genossen hat und auch jetzt noch an den christlichen Gott und seine Gerechtigkeit glaubt, weiß der eigenbrötlerische, namenlose Herr neben ihr kaum mehr, wer er war (oder ist). „Sie scheinen geradezu das Gegenteil von mir zu sein. Ich bin purer Gedanke, befreit von mir selbst weiß ich nichts von mir außer dem, was ich gerade denke.“ (Seite 10) Weiterlesen

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Burhan Sönmez: Labyrinth

Worte. Sind sie es, die den Dingen Bedeutung verleihen oder tun dies die Dinge selbst? Und ist es dasselbe mit Namen? Verleiht ein Name seinem Träger eine Identität? Und wer ist die Person auf der anderen Seite des Spiegels?

Fragen wie diese werden in Burhan Sönmez Anfang 2020 erschienenem Roman Labyrinth auf jeder Seite geboren und nicht wieder vergessen. Dabei ist das Vergessen präsent in jeder seiner Zeilen und gräbt sich in den nicht zweifelsfrei als Boratin zu benennenden Protagonisten ein. Denn Boratins Existenz verschwand bei einem Sprung von der Bosporusbrücke und ließ einen jungen Mann ohne Erinnerungen zurück. Ein junger Mann, der durch die Straßen des ihm nun fremden Istanbuls irrt, sich nicht zwischen seinem jetzigen Ich und dem früheren Boratin entscheiden kann, weder den einen noch den anderen kennt und versucht, dem Gesicht im Spiegel eine Identität zu geben.

Diese Suche nach sich selbst birgt auch die Suche nach dem Warum. Warum der Sprung von der Brücke, warum der Tod? Was ist mit dem Knoten geschehen, der Boratin dazu trieb, sein Leben den Wellen des Bosporus zu opfern? „Den bist du losgeworden,“, sagt ein vermeintlicher Freund des Nachts. „nicht durch Sterben, sondern durch Vergessen.“ Klingt da Neid in seiner Stimme mit? Ist es ebendies Vergessen, das der damalige Boratin bezwecken wollte? Für den Gedächtnislosen scheint dieser Zustand alles andere als erstrebenswert zu sein. Zwischen Tagen und Nächten verschwimmt seine Zeit, wird durch das Ticken der Uhr bedeutungslos, gestern und die Antike gleichen sich bis aufs Haar, lassen sich nicht unterscheiden, er kennt keines von beiden und driftet dahin auf ungleichmäßigen Wellen ohne Bedeutung und Klang. Weiterlesen

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Heinrich Steinfest: Der Chauffeur

Heinrich Steinfest ist ein von mir hochverehrter, moderner Märchenerzähler. Seine Ideen und Romaninhalte sind bisweilen von absurder Unwahrscheinlichkeit, die aber durch seinen launischen, aber immer hoch unterhaltsamen Erzählstil, ganz plausibel erscheinen. So auch in seinem neuen Werk mit einem Chauffeur, der auf Grund eines tragischen Ereignisses, seinen eigentlich sehr gemochten Job (fährt gern in einem Audi der Extraklasse einen ambitionierten Politiker und Kanzlerkandidaten durch die Lande) eben diesen aufgeben muss. Auf Grund einer falschen, schrecklichen Entscheidung nach einem schrecklichen Unfall. Es sind immer diese bizarren Ereignisse, quasi vorbestimmte Zufälle – die es folglich nicht gibt, weil vorbestimmt – die dem Leben immer eine Wendung geben, die sich Paul Klee, ja so heißt er wirklich, nie hätte träumen lassen. „Zufällig“ trifft er Inoue, die ihm als Maklerin ein Haus zeigt, in dem er fortan seine Vorstellung von der Führung und Gestaltung eines Hotels, realisieren möchte. Inoue, welch eine schicksalhafte Begegnung (einmal mehr), wird zur geliebten Frau und Geschäftspartnerin im „Hotel zur kleinen Nacht“. Weiterlesen

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Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau

Über Auschwitz sind schon viele Bücher geschrieben worden. Aber erst jetzt ist im Schöffling-Verlag eines erstmals auf Deutsch erschienen, das die polnische Autorin Seweryna Szmaglewska bereits 1945 verfasst hat – also unmittelbar nachdem sie dem berüchtigten Todesmarsch kurz vor der Befreiung des Lagers durch die Russen entkommen konnte.

Man merkt dem Buch die zeitliche Nähe zu den grausigen Geschehnissen und die unmittelbare Betroffenheit der Autorin an – sie überlebte von 1942 bis 1945 das Frauenlager in Auschwitz-Birkenau: Alle Beschreibungen wirken direkt und unmittelbar. Man wird als Leser tief in die Atmosphäre aus Hunger, Tod, Kälte, grausamen und menschenverachtenden SS-Aufsehern, der Selektion auf Leben und Tod an der Rampe und dem Geruch der Krematorien gestoßen. Und das, obwohl (oder gerade weil?) sich die Autorin einer relativ nüchternen Sprache bedient, die das Buch zu einer Mischung aus Roman und Sachbuch macht. Weiterlesen

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Jean-Paul Dubois: Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise

Ein hochverdienter Preisträger: Der Prix Goncourt Gewinner 2019 ist ein Roman, der uns Leser emotional sofort in seinen Bann zieht. Dies liegt vor allem an dem hervorragend entworfenen Hauptakteur Paul Hansen, dem der Autor die vielen Licht- und Schattenseiten des Menschseins auf den Leib geschrieben hat. Dubois hat einen „literarischen Adam vor dem Sündenfall“ geschaffen. Einen Menschen, der sein Leben lang Gutes getan hat, doch eines Tages jemanden umbringen will. Wie konnte es dazu kommen?

Diese Kernfrage treibt von Anfang an den Plot voran und uns Leser um. Was ist dem Protagonisten Furchtbares zugestoßen, das ihn zu so einer Tat hingerissen hat? Dubois lässt Paul aus dem Gefängnis heraus in Rückblenden von seinem Leben erzählen. Dabei schafft er konträre Bilder, die sich ins Bewusstsein einprägen und Pauls Absturz umso mehr verdeutlichen. Er erinnert sich an Szenen seiner Kindheit, während sein Zellenkollege, ein Hells Angels Mitglied, vor seinen Augen auf der Toilette defäkiert. Wie kann man unter solchen Umständen seine Würde bewahren? Wie die Hoffnung nicht verlieren? Weiterlesen

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