Nina Polak:  Zuhause ist ein großes Wort

Der Zugang zu „Zuhause ist ein großes Wort“ von Nina Polak fiel mir zugegebenermaßen schwer. Dabei ist die Protagonistin durchaus sympathisch, der Schreibstil ungewöhnlich und fesselnd, die Handlung interessant.

Die Skip genannte Nienke war mehrere Jahre auf den Meeren unterwegs und kehrt nun nach Amsterdam, ihrer Heimatstadt, zurück. Wieder wohnt sie, wie schon als junges Mädchen, bei den wohlhabenden Zenos, Niko und Mascha und deren Sohn Juda, der inzwischen ein Jugendlicher ist.

Nach und nach entdeckt sie die Stadt neu, findet sich in ihren Erinnerungen zurecht, trifft frühere Freunde und Bekannte und ihren Ex Borg, der eine Verlobte hat und doch wieder mit ihr etwas anfängt. Von Bedeutung ist Nienkes Verhältnis zu ihrer verstorbenen Mutter, nach deren Tod sie damals von den Zenos aufgenommen wurde. In einem Lagercontainer durchforstet sie die Habseligkeiten, die sie dort einlagerte, bevor sie, quasi eine Flucht, vor sieben Jahren aufbrach.

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Axel S. Meyer: Der Sonne so nah

Der Wunsch zu fliegen wird häufig mit Ikarus verbunden. Sein Erfolg, immer höher und höher zu fliegen, endete bekanntlich mit einem tödlichen Unfall. Manche mochten dies als Mahnung verstehen. Für Otto Lilienthal und seinen Bruder Gustav war es ein Traum. Wie ein Storch zu fliegen war ihr Ziel. Schon als Kinder glaubten sie, die an ihren Armen befestigten Flügel reichten für einen Flug aus. Sie wurden in der preußischen Kleinstadt Anklam, nördlich von Berlin geboren, Otto 1848 und Gustav ein Jahr später.

Solange die Brüder in Anklam lebten, nannte der örtlicher Pfarrer ihre Experimente eine Gotteslästerung, die nur mit einer Gefängnisstrafe geahndet werden könne. Trotz größter Armut und familiärer Schicksalsschläge wurden sie erfolgreiche Erfinder, die mit eigenständig entwickelten Flugapparaten Gleitflüge demonstrierten. Nur Otto Lilienthal kam als deutscher Luftfahrtpionier in die Geschichtsbücher. Der Erfinder Gustav Lilienthal machte sich unter anderem einen Namen als Architekt und seinen sozialen Projekten.

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Cecilia Joyce Röski: Poussi

Der Roman „Poussi“ von Cecilia Joyce Röski ist schon der zweite von mir rezensierte Roman, der ein Leben im Rotlichtviertel beleuchtet. Doch auch wenn das Thema dasselbe ist wie in „La Maison“von Emma Becker, erzählt Röski doch eine völlig andere Geschichte. Aus wie vielen Perspektiven lässt sich ein Leben betrachten? Von außen, von innen, in Wahrheit, in Selbstbetrug? Letzteres scheint in „Poussi“ der Fall zu sein.

Die Anfang 20-jährige Ibli lebt und arbeitet im „Palast“, einem Bordell, das ihr Vater, von allen nur Lackschuh genannt, gegründet hat und in dem schon ihre Mutter sich prostituierte. Ibli ist in dem Etablissement aufgewachsen und hat die Welt draußen schon lange nicht mehr betreten. Ihr ganzes Universum besteht aus ihrem kleinen Zimmer, in dem sie die „Poi‘s“ und „Adoinis‘se“ empfängt, schläft, isst, ihren Staubsaugroboter umsorgt und sich an ihre beste Freundin Zola kuschelt.

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Christoph Marx: Deutsche Geschichte in 100 Zitaten

Wer hätte gedacht, dass man Geschichte erzählen kann mittels Zitaten. Doch es gelingt, und zwar sehr interessant und abwechslungsreich. Der Publizist Christoph Marx versammelt 100 Zitate zu einem mehrere Jahrhunderte währenden Marsch durch die Deutsche Geschichte. Beginnend im ersten Jahrhundert nach Christus mit einem Tacitus zugeschriebenen Zitat, das seinem Erstaunen über das Erscheinungsbild der Germanen Ausdruck verleiht.

Im Mittelalter finden wir beispielsweise ein Zitat Walter von der Vogelweides, von wem auch wohl sonst. Aber auch der Wahlspruch der Hanse „Eintracht innen, draußen Frieden“ wird in der Zitatensammlung aufgeführt.

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Adriana Altaras: Besser allein als in schlechter Gesellschaft

Selten wurde mit so viel Witz, Lebensklugheit und Chuzpe über das Älterwerden geschrieben. Die jüdisch-deutsche Autorin Adriana Altaras illustriert diesen Vorgang in ihrem biografisch angehauchten Roman „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“ an zwei ganz unterschiedlichen Frauenfiguren. Dabei wird klar: Alter ist abhängig von der Einstellung, nicht vom Geburtsdatum! Da ist zum einen die 60-jährige Autorin, die in einer typischen Krise steckt: Ihr Mann hat sie nach 30 Jahren Ehe für eine Jüngere verlassen, die beiden Söhne sind ausgezogen, dazu kommt noch der Corona-Lockdown.

Sie fühlt sich allein, alt und ungeliebt. Eine ganz andere Einstellung hat ihre Tante Jelka. Sie wird in Kürze 100 Jahre alt! Momentan lebt sie in einem Pflegeheim in Mantua und blickt auf ihr ereignisreiches Leben zurück. Ihre spitze Zunge hat die mondäne, lebenslustige Dame trotz ihres bewegten Lebens zwischen Vertreibung, KZ und einer strengen italienischen Schwiegermutter nie verloren. Diese Spitzen bekommt die Autorin zu spüren – in herrlichen Telefondialogen schenken sich die beiden Damen nichts. Während die Jüngere jüdische Witze zum Besten gibt, kontert die Ältere mit druckreifen Lebensweisheiten. Motto: „Ein Leben lang mittags Pasta und man überlebt alles!“ 

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Alexandra Fischer-Hunold: Ewig & Immer: Die Geheimnisse der Lady Halewood

Im Roman von „Ewig & Immer“ von Alexandra Fischer-Hunold hat Juno frisch ihr Abi beendet und soll nun ein Jahr auf Staunton House, einem englischen Adelshaus, leben und einer alten Dame als Gesellschafterin dienen. Für die junge Abiturientin ein absoluter Traumjob! Was anfangs aber wie das absolute Highlight ihres jungen Lebens scheint, verwandelt sich schon bald in einen wahren Albtraum.
Warum kann Juno das Anwesen nicht mehr verlassen? Warum findet sich kein Funken moderner Technik im ganzen Haus und warum scheint keiner zu wissen, wovon sie spricht, wenn sie danach fragt? Und warum hört nur sie das seltsame Scharren und die Musik, die vom Dachboden zu kommen scheint?
Juno ist klar, sie ist da in etwas Großes reingeraten und sie muss herausfinden, was genau das ist. Doch wie soll sie gleichzeitig dem gutaussehenden Lord Witham widerstehen? Und wer ist eigentlich diese Isobel, von der immer die Rede ist?

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Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord (1937)

In „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis ist der erfolgreiche Börsenmakler Henry Preston Standish aus New York bereits dreizehn Tage an Bord der Arabella, als ihm sein eigenes Missgeschick zum Verhängnis wird: Er rutscht auf einem Ölfleck aus und stürzt ins Meer. 

Da es noch recht früh am Tag ist und die anderen Passagiere sich noch alle in ihren Kabinen aufhalten, bemerkt niemand das Unglück. 

Wohl wissend, dass nur wenige andere Schiffe auf der Reiseroute zwischen Honolulu und Panama unterwegs sind, die ihn, den Schiffbrüchigen, bemerken könnten, bleibt Standish dennoch zuversichtlich und ist überzeugt davon, dass die Arabella auf ihrer Route bald kehrt machen würde, um nach ihm zu suchen. Während er sich auf dem Wasser von dem kaum merklichen Wellengang hin- und herschaukeln lässt, fühlt er sich sogar wohl und trotzt seinem Schicksal in erstaunlicher Weise. – Was Standish zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht weiß, ist, dass es noch viele Stunden dauern wird, bis sein Verschwinden überhaupt auffällt und er lange Zeit weder von den anderen acht  mitreisenden Passagieren, noch von den Besatzungsmitgliedern vermisst werden wird.

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Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister: Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben in Deutschland

Ewald Frie hat zehn Geschwister. Der älteste Bruder wird 1944 geboren, die jüngste Schwester 1969. Ewald ist die Nummer neun. Familie Frie betreibt in Münster in Westfalen einen Viehzucht- und Milchviehbetrieb. Ewald Frie, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Tübingen, hat seine Geschwister interviewt und sie nach ihren Kindheits- und Jugenderlebnissen befragt. Anhand ihrer unterschiedlichsten Erfahrungen macht er den Wandel in der deutschen Landwirtschaft sichtbar. Er berichtet von der stillen Auflösung der bäuerlichen Gesellschaft. Haben die Ersten in der Geschwisterreihe noch Hilfskräfte am Hof erlebt, eine Gemeinschaft, in der beinahe jeder nach Stall roch und Pferde vor den Pflug gespannt wurden, so ist die Welt eine völlig andere, als die Jüngste, Martina, den Hof verlässt, um eigene Wege zu gehen. Bis ca. 1830 blickt der Autor in seiner Familiengeschichte zurück. So einschneidende Veränderungen wie zwischen 1950 und 1980 hat es niemals zuvor gegeben.

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Helga Schubert: Der heutige Tag: Ein Stundenbuch der Liebe

Die deutsche Psychologin und Schriftstellerin Helga Schubert (Jahrgang 1940) ist in Ost-Berlin geboren und aufgewachsen. Sie studierte an der Humboldt-Universität, arbeitete als Psychotherapeutin und schreibt. 2020 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis für „Vom Aufstehen“. Sie ist mit dem Psychologen und Maler Johannes Helm verheiratet und lebt in Mecklenburg-Vorpommern. Am 16. März 2023 erschien ihr Buch „Der heutige Tag – Ein Stundenbuch der Liebe“ bei dtv.

Und um es gleich vorwegzunehmen: „Der heutige Tag“ ist ein beeindruckendes persönliches Buch. Helga Schubert erzählt darin von ihrer über sechzig Jahre alten Beziehung zu ihrem Mann, dem sie in dem Buch den Namen „Derden“ gibt:

„Ich nenne ihn Derden.

Ich habe den Namen gegoogelt. Es gibt ihn noch nicht.“ (S. 34)

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Claudia Piñeiro: Kathedralen

Am Ende seines Lebens kommt Lías Vater Alfredo zu dem Schluss, jeder Mensch solle seine eigene Kathedrale errichten, einen Ort für das Wichtigste im eigenen Leben. Und weil jeder Mensch bekanntlich anders ist, sind diese wichtigen Dinge ebenfalls Unikate: Lías tote Schwester Ana hätte vermutlich in ihrer Kathedrale ihre Zeichnungen aufgehangen. Und bei Lía gäbe es statt der Ziegel Bücher.

Wäre Lía nach Anas Tod nicht nach Spanien geflüchtet, hätte ihr Leben zuhause in Argentinien eine andere Wendung genommen. Seit dreißig Jahren lebt sie in Santiago und führt ihren eigenen Buchladen. Das ständige Kommen und Gehen der vielen Pilger hat sie an ihrem damaligen Entschluss nie zweifeln lassen. Sie hätte auch ihre Muttersprache vergessen können, wäre da nicht der einzige Kontakt zu ihrem Vater Alfredo.

Dreißig Jahre tauschen sie sich über die Dinge des Alltags aus aber nie über Ana. Lía hat geschworen, erst dann wieder die Familie und Argentinien in ihr Leben zu lassen, wenn die Umstände von Anas Tod geklärt seien. Dass ausgerechnet der hartnäckige Alfredo die Hintergründe lüftet, verändert plötzlich alles.

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