Orna Donath: #regretting motherhood

Die meisten von uns kennen keine Mutter, die offen ausspricht, dass sie die Mutterschaft bereut. Manchmal sagen Mütter zwar, dass sie die Freiheiten vermissen, doch darauf folgt dann sofort ein: „Aber ich würde mich trotzdem wieder so entscheiden“. Es gibt sie aber: Frauen, die sich nicht mit der Mutterrolle identifizieren können. Frauen, die diese Entscheidung bereuen. Frauen, die unter der Mutterschaft leiden. Dieses Gefühl ist gesellschaftlich jedoch so stark tabuisiert und stigmatisiert, dass es selbst in feministischer Literatur nur selten thematisiert wird.

Um diesem Tabu entgegenzuwirken, hat die Soziologin Orna Donath Forschungsarbeiten durchgeführt, in denen sie anonymisierte Interviews mit Müttern geführt hat, die lieber keine Mütter wären. Über die individuellen Erfahrungen dieser berichtet sie in dem Sachbuch „#regretting motherhood. Wie Frauen mit einem unerlaubten Gefühl leben“. Heranwachsende Personen, die noch nicht wissen, ob sie ein Kind haben wollen, sollten dieses Buch unbedingt lesen, um eine andere Sichtweise auf diese Thematik kennenzulernen. Für Mütter, die insgeheim nicht glücklich mit dieser Rolle sind, kann dieses Buch darüberhinaus einen wertfreien Raum schaffen, in dem sie endlich unter Gleichgesinnten sind.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Sarah Lotz: Ist es Liebe? Nein – es ist … unmöglich

Wer hätte das gedacht? Dieses Buch von Sarah Lotz überrascht und das auf jeder Seite. Wer aufgrund des (leider ziemlich unpassenden) Titels „Ist es Liebe? Nein – es ist … unmöglich“ einen seichten, vorhersehbaren Liebesroman erwartet, wird vielleicht enttäuscht, bekommt dafür aber einen absolut spannenden Roman mit fesselnder Handlung und vielen erstaunlichen Wendungen.

Aus diesem Grund ist es aber fast unmöglich, die Handlung in einer Rezension zusammenzufassen, denn dann würde man genau das spoilern, was diesen Roman ausmacht. Ein Versuch: Bee, ihres Zeichens Schneiderin, die ihr Geld mit dem Umarbeiten ehemaliger Brautkleider verdient, bekommt eines Tages eine fehlgeleitete Mail. Absender ist Nick, ein eher weniger erfolgreicher Krimiautor, der sein Geld vorrangig als Ghostwriter verdient.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Thomas Raab: Peter kommt später: Frau Huber ermittelt 03

Tja – wo anfangen in diesem von Figuren überbordenden Buch „Peter kommt später“ von Thomas Raab? Im Dorf Glaubenthal wird die Senior-Wirtin Antonia Bruckner tot aufgefunden. Erstickt an Kaiserschmarrn. Unter dem Fenster des Tatortes wird eine Herrenarmbanduhr mit der Originalunterschrift von Peter Alexander gefunden. Größter Fan von Peter Alexander im Ort ist Waldemar Wurm, der im Buch als „unterbelichtet“ beschrieben wird. Soweit, so gut. Die Ermittlungen nehmen der chauvinistische Kommissar Wolfram Swoboda und seine Kollegin Unterberger-Sattler auf. Swoboda ist heimlich in Unterberger-Sattler verliebt. Die aber ist verheiratet mit ihrem Martin und hat vor einer Woche das dritte Kind bekommen.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Ali Smith: Gefährten

AliSmith, die 1962 im schottischen Inverness geboren wurde, lebt und arbeitet im englischen Cambridge. 2021 schloss sie mit „Sommer“ ihr hochgelobtes Jahreszeitenquartett ab, das auch hier besprochen wurde. Am 24. Mai 2023 veröffentlichte der Luchterhand Literaturverlag ihr Begleitstück zu dem Quartett unter dem Titel „Gefährten“. Auch hier übersetzte Silvia Morawetz den Text aus dem Englischen.

Darin erhält Sandy nach dreißig Jahren 2021 den Anruf einer Frau, die sich als Martina Pelf geb. Inglis vorstellt. Sie ist eine ehemalige Studienkollegin, an die sich Sandy kaum erinnert. Aufgeregt berichtet Martina ihr von einem Erlebnis am Flughafen, bei dem sie von der Polizei festgehalten wurde. Als Mitarbeiterin eines Museums hatte sie ein mittelalterliches, geschmiedetes Truhenschloss (das Boothby-Schloss) aus einer Wanderausstellung zurück nach England überführt. Während der Wartezeit in einem von außen verschlossenen Raum hört Martina eine Stimme, die „Curlew oder curfew. Du entscheidest“ sagt. Sie fragt Sandy, was das zu bedeuten hat. Und schon wird Sandy neugierig.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Abdulrazak Gurnah: Die Abtrünnigen

Abdulrazak Gurnah verleiht der Region Sansibar eine literarische Stimme. Wenig ist über die Insel im Osten Afrikas bekannt. Das Schicksal der Nation ähnelt denen vieler afrikanischer Länder. Sklavenhandel, Besetzung durch Kolonialmächte, Revolutionen, Putschversuche und Unruhen nach der Unabhängigkeit von England, Vielvölkergemisch aus Afrikanern, Arabern, Indern, Europäern. Ein Land, das seine Zeit benötigt, um zu sich selbst zu finden. Menschen, die dies ihr Leben lang nicht schaffen. Zerrrissen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe, zwischen Liebe und familiären Erwartungen. In diesem meisterlich geschriebenen Roman zeichnet der Autor die Geschichte des Landes anhand eines Familienschicksal von den 1890er bis 1960er Jahren nach. Im Mittelpunkt steht eine tragische, verbotene Liebe.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Freya Sampson: Menschen, die wir noch nicht kennen

Wie in ihrem Debütroman „Die letzte Bibliothek der Welt“ finden sich auch im neuen Buch „Menschen, die wir noch nicht kennen“ der englischen Autorin Freya Sampson Menschen zusammen, die alle ihr Päcklein zu tragen haben und durch Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen sowohl zueinander wie auch aus ihren Problemen heraus finden.

Das könnte kitschig und rührselig sind, ist es auch an mancher Stelle, doch die mit so feiner Feder und viel verständnisvoller Beobachtungsgabe gezeichneten Figuren machen das wett. Zwar ist auch diesmal, wie im Vorgängerroman, das Ende ein bisschen zu süßlich, aber auch das empfindet man nicht als störend, weil es einfach zum Roman passt.

Auch die Vorhersehbarkeit nimmt man gerne in Kauf bei einer so liebevoll erzählten Geschichte. Protagonistin ist Libby, die von ihrem Freund quasi vor die Tür gesetzt wurde, weil er sich in ihrer Beziehung langweilt. In Ermangelung anderer Optionen schlüpft sie bei ihrer Schwester unter, die sie gleich als kostenlosen Babysitter zwangsverpflichtet. Im 88er Bus trifft Libby auf Frank, einen sehr alten und bereits leicht unter Demenz leidenden Mann, der seit 60 Jahren immer mit diesem Bus fährt, weil er damals dort seine Traumfrau traf, nur um sie unmittelbar danach wieder zu verlieren.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Dror Mishani: Die Möglichkeit eines Verbrechens

Inspektor Avi Abraham kommt im Roman „Die Möglichkeit eines Verbrechens“ von Dror Mishani aus einem langen Urlaub zurück. In Brüssel hat er sich verliebt und den unglücklich verlaufenden letzten Fall verarbeitet, bei dem die Leiche des verschwundenen Jungen nicht mehr gefunden werden konnte. Kaum ist er zu Hause, sind die Gedanken zum vergangenen Fall wieder präsent, ohne dass Avi etwas dagegen unternehmen kann.

Sein neuer Chef und der von der Kollegin verfasste Bericht über Avis Ermittlungsfehler führen dem Urlaubsheimkehrer vor Augen, dass sein Ruf mindestens einen Kratzer bekommen hat. Seine Kollegin weist ihn darauf hin, eine schnelle Klärung des aktuellen Falles sei für ihn hilfreich, damit niemand mehr über die Vergangenheit spricht.

Wie so oft ist auch der neue Fall mehr, als der erste Augenschein vermuten lässt. Er beginnt mit der Bombenattrappe in der Nähe eines Kindergartens und Drohanrufen, die von der Kindergartenleiterin geleugnet werden.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

T. J. Klune: Die unerhörte Reise der Familie Lawson

Die Menschen waren verloren und einsam – deswegen schufen sie, ihrem inneren Drang zu schöpfen und echte Freunde zu finden, Kunstwesen, denen sie vertrauen, die sie lieben konnten. Natürlich trauten sie auch diesen, die ihnen immer ähnlicher wurden, nicht lange. Die Menschen konnten so sehr hassen, wie sie lieben konnten und sie fürchteten, was sie nicht verstanden. Ein verheerender Feuersturm tötete die meisten von ihnen, die Maschinen, die Androiden, blieben zurück.

Dies ist die Geschichten einer Schicksals-Gemeinschaft – Giovanni, ein alter Androide, der sich in den großen Wald zurückzog, dort ein Baumhaus errichtete und einen Pflegejungen, einen Menschen zu sich nahm und aufzog. Victor, so der Name des Jungen, hat dann vom nah gelegenen Schrottplatz einen defekten Saugroboter sowie einen Krankenschwester-Roboter besorgt, sie repariert, und ein wenig verbessert. Seitdem sind die Beiden, einander immer ein wenig aufziehend – auch Victor wird ordentlich auf die Schippe genommen, insbesondere seine a-Sexualität hat es der Schwester angetan – an der Seite des Jungen, wenn er auf dem Schrottplatz nach neuen Platinen und sonstigem nützlichem Überbleibseln sucht.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Kim Selvig: Mutterliebe

Eine Mutter kann nicht anders, als ihre Kinder zu lieben und zu beschützen. Das hat die Natur so vorgegeben. Das haben wir alle schon so oder ähnlich gehört und gelernt. Vielleicht ist das der Grund, warum die Reporterin Kiki Holland von Anfang an daran zweifelt, dass die Angeklagte wirklich versucht hat, ihre beiden Kinder im Wald zu töten. Sie soll beiden Kindern mit Schlafmittel versetzten Tee gegeben und dann ihren kleinen Sohn erwürgt haben, die Tochter hat überlebt.

Der Leser zweifelt erst mal nicht an dem Vorgang, hat er ihn doch bereits auf der ersten Seite miterlebt. Hat er das? Der Roman ist prinzipiell aus Kikis Sicht erzählt, enthält jedoch kursive Einschübe. Da diese mit X-Stunden/Tage/Monate vor der Tat betitelt sind, ist eigentlich nicht zu bezweifeln, dass sie die Geschichte von Sylvia und ihren beiden Kindern erzählen. Zweifel kommen zunächst mal nur Kiki und sie zieht den Leser damit mit.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten:

Jess Kidd: Die Insel der Unschuldigen

Ein auf zwei weit auseinanderliegenden Zeitebenen erzählter Roman, vielschichtig, geheimnisvoll und mystisch – das ist „Insel der Unschuldigen“. Dabei immer wieder erschreckend und auch brutal, nichts für zartbesaitete Gemüter. Jess Kidd ist eine ganz wunderbare Autorin mit überbordenden Fantasie.

In ihrem neuen Roman verfolgen wir die beiden Kinder Mayken und Gil. Mayken ist neun Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Kinderfrau Imke im Jahr 1628 auf das Schiff Batavia geht, um zu ihrem ihr unbekannten Vater nach Java zu reisen. Der ebenfalls neunjährige Gil kommt 1989 nach dem Tod seiner Mutter zu seinem ihm unbekannten Großvater auf eine winzige Insel. Dort forscht eine Gruppe von Wissenschaftler an dem Wrack eines vor Jahren gesunkenen Schiffes.

Weiterlesen
Teilen Sie den Beitrag mit Ihren Freunden und Kontakten: