Michael Macht: Hunger, Frust und Schokolade: Die Psychologie des Essens

Ein besseres Timing für das Erscheinen dieses Sachbuchs hätte man sich kaum ausdenken können. Jetzt, während der Pandemie, wo wir alle unserem Frust mit Essen begegnen und dadurch mehr zunehmen, als gut für uns ist, hilft diese Analyse unseres Essverhaltens.

Michael Macht, Psychotherapeut und Professor für Psychologie an der Universität Würzburg, legt hier sein erstes populärwissenschaftliches Buch vor. Und das ist ihm, meiner Meinung nach, durchaus gelungen.

In gut lesbarem, flott geschriebenem und leicht verständlichem Stil beschreibt er die Gründe für Hungergefühl, berichtet von verschiedenen Forschungsansätzen zu diesem Thema in der Vergangenheit und Gegenwart und reichert all das mit vielen anschaulichen und spannenden Beispielen an. Dass nicht immer ganz offensichtlich ist, ob es sich um authentische Beispiele aus der Praxis handelt oder um von ihm sehr kreativ erfundene, schadet dabei nicht. Er schildert nachvollziehbar die Probleme mit und vor allem die Ursachen für Essstörungen, wie beispielsweise Magersucht, Bulimie oder Binge-Eating. Weiterlesen

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Sylvie Schenk: Roman d’amour

Charlotte Moire ist im Buch Schriftstellerin und die Protagonistin. Für ihren „Roman d’amour“ hat sie einen Literaturpreis bekommen. Einen völlig unbedeutenden Preis, der zum ersten Mal verliehen wird und nur mit einem bescheidenen Geldbetrag ausgelobt ist. Zudem, so findet Charlotte, entspricht ihr Liebesroman gar nicht den Kriterien dieses Preises.  Dennoch freut sie sich darüber und reist über sechshundert Kilometer weit auf eine Nordseeinsel zur Preisverleihung. Vorab soll sie dort ein Interview mit einer Journalistin für einen Radiobeitrag führen.  Im Gespräch mit der Journalistin Frau Sittich, wird der Inhalt des Romans aufgerollt. So lesen wir von der Affäre eines verheirateten Lehrers, der sich auf eine Liebesbeziehung mit der älteren Rektorin Klara seiner Schule einlässt. Die Protagonistin hat ihre eigene Geschichte, die sie im Roman nacherlebt, in die Erzählung hineinverwoben. Weiterlesen

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David Klass: Klima

Wenn auch im Moment von Corona überschattet, ist der Klimawandel doch nach wie vor hochaktuell und in aller Munde. Das zeigt sich auch im belletristischen Bereich, wo mehr und mehr Bücher sich mit diesem Thema beschäftigen. Ein Beispiel dafür ist Dirk Rossmanns ‚Der neunte Arm des Oktopus‘. Nun ist im Goldmann-Verlag ein weiterer Klima-Thriller erschienen. Er stammt aus der Feder des amerikanischen Schriftstellers und Drehbuchautors David Klass.

Ein als ‚Green Man‘ bekannter Terrorist verübt Anschläge auf Ziele, die eine Umweltbedrohung darstellen. Er hat dies bereits in mehreren Fällen erfolgreich getan. Zuletzt sprengte er mit Hilfe einer selbstgebauten Drohne einen Staudamm am Snake River, gegen den Umweltschutzorganisationen lange vergeblich mit friedlichen Mitteln protestiert hatten.

Bei seinen Anschlägen nimmt er jedoch in Kauf, dass Menschen ums Leben kommen. Mit dieser Einstellung kann der junge FBI-Agent Tom Smith sich nicht anfreunden. Er war zwar selbst im Umweltschutz aktiv und sieht, dass es ‚Green Man‘ vor allem um den Schutz der Welt und der Menschheit geht. Doch die unschuldigen Opfer kann und will Tom nicht akzeptieren. Er setzt alles daran, ‚Green Man‘ zu fassen, um ihn an weiteren Anschlägen zu hindern. Weiterlesen

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Horst Evers: Wer alles weiß, hat keine Ahnung

Ich sitze mit meinem Buch in der Hand auf dem Hometrainer und schüttele mich vor Lachen. Stelle bei einem kurzen Blick über den Buchrand fest: Alle Achtung, schon 15 Km gefahren. Das muss man erst mal können, ein Buch zu schreiben, bei dessen Lektüre ich 15 km durchs Schlafzimmer düse, fast nebenbei. Horst Evers kann das.

Sein neuer Geschichtenband „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ ist sicherlich kein Ratgeber, aber ein bewährtes Hausmittel gegen Stimmungsschwankungen und aggressive Schübe. Bei mir sorgen seine Geschichten immer wieder für die zeitnahe Regeneration von guter Laune und Seelenfrieden.

So erfährt der geneigte Leser zum Beispiel, warum es sinnvoll ist, einen Doppelgänger zu haben oder wie man den flügge gewordenen Nachwuchs dazu bringt, mal wieder vorbei zu kommen – nach dieser Geschichte habe ich direkt meine Mutter angerufen.

Horst Evers beschreibt seinen Alltag und lässt den Leser an Beobachtungen, Verwirrungen und Fettnäpfchen teilhaben. Er ist der Mann mit dem Spiegel und immer wieder denke ich beim Lesen: ‚Ui, das bin ja ich, hoffentlich kriegt das keiner mit.‘  Selten kann ich so erfrischend über mich selbst lachen. Weiterlesen

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Meike Stoverock: Female Choice: Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation

„Der Mann ist die Norm, die Frau ist die Frau.“ Zack – willkommen in einem Sachbuch der etwas anderen Art. Mit viel wissenschaftlichem Verve serviert uns die Autorin eine Knallertheorie nach dem anderen. Sie lässt die Biologie Klartext sprechen. Dies dürfte bei Lesern jeglichen Geschlechts zwar an der einigen Stelle für Schnappatmung sorgen – aber genauso für Schmunzeln. Wichtigste Erkenntnis: In der Evolution waren Männer und Frauen die längste Zeit auf Augenhöhe, das „schwache Geschlecht“ ist lediglich eine kulturelle Erfindung. Die Absurdität beginnt bereits beim Begriff „Ernährer“. Bei unseren nomadischen Vorfahren brachten Frauen als Sammlerinnen 80 Prozent der Nahrung in den Stamm ein! Da Medizin, Macht und Geschichte jedoch über die letzten Jahrhunderte in den Händen von Männern lag, ist der „objektive“ Blickwinkel in Wahrheit männlich. Keine Frage: Die Lösungsansätze der Biologin und Evolutionsökologin am Ende des Buches sind so radikal wie provozierend. Falls Ihnen während der Coronakrise der intelligente Gesprächsstoff ausgegangen sein sollte, hier finden Sie genügend Material für abendfüllende Diskussionen!

Ein paar kleine Kostproben: Verabschieden Sie sich vom Ideal der Ehe. Diese ist aus evolutionsbedingter Sicht Nonsens. Die Natur hat für uns eine „serielle Monogamie“ vorgesehen. Es gibt jedoch einen Haken: Die Ehe war nötig, damit die Zivilisation in ihrer heutigen Form überhaupt entstehen konnte. DNA-Analysen haben aufgezeigt, dass die Menschheit genetisch gesehen viel mehr weibliche, als männliche Vorfahren hat. Warum? Zu Jäger-und-Sammler-Zeiten pflanzten sich 80 Prozent der Frauen mit nur 20 Prozent der Männer fort! Zu Beginn der Sesshaftwerdung soll das Verhältnis gar bei 95:5 gelegen haben, schließlich waren bei „Alpha-Männern“ neben Stärke und Geschick nun auch noch Intelligenz und Kreativität gefragt. Da fällt der Großteil „hinten runter“. Weiterlesen

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Elena Ferrante: Zufällige Erfindungen

Elena Ferrante kennt man bislang von mehreren erfolgreichen Romanen – unter anderem der vierbändigen Neapolitanischen Saga, die ihr eine weltweite Fangemeinde beschert hat. Dass Ferrante auch die Kunst der kurzen Geschichten beherrscht, zeigt sie in ihrem neuesten Buch „Zufällige Erfindungen“. Hierin liest man 52 Kolumnen, die sie ein Jahr lang vom Januar 2018 bis Januar 2019 jede Woche für den britischen Guardian verfasst hat. Aus einer Liste mit Themenvorschlägen hat sie sich spontan ausgesucht, über was sie schreiben wollte. Die Situation, sich zum Schreiben verpflichten zu lassen und sich durch die vorgegebene Form auch noch auf ein Minimum zu beschränken, war für die Romanschreiberin Elena Ferrante neu. Dennoch hat sie sich darauf eingelassen.

Den Kolumnenanfang macht die Schilderung eines ersten Mals. Das Ende des Buchs bezieht sich auf die Geschichte von einem letzten Mal. Dazwischen schreibt sie über unterschiedlichste Themen (einige der Titel lauten „Töchter“, „Zittern“, „Schlaflos“, „Schlechte Stimmungen“, „Lügen“, „Vegetation“, „Eifersucht“…). Immer wieder befasst sie sich mit dem Thema Schreiben. Einmal geht es um das Tagebuchschreiben, was Elena Ferrante (wie die Leser, die sie von ihren Romanen her kennen, wissen) selbst praktiziert. Unter anderem geht daraus hervor, dass die Autorin im Tagebuch alles aufschrieb, was sie lieber verschwiegen hätte und sich dabei auch eines Wortschatzes bediente, den sie nie in den Mund genommen hätte. Oder man liest, wie ihr Tagebuch selbst zu einer Erfindung wurde, weil sie ihre unaussprechlichsten Wahrheiten in erfundene Geschichten umlenkte. Weiterlesen

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Dolf Verroen: Traumopa

Der zehnjährige Thomas trägt zu seiner roten Kappe jetzt auch einen roten Schal. Der rote Schal gehörte seinem Opa, den er sehr liebte, der mit ihm über seine Träume sprach oder ganz viel mit seinen Händen machen konnte.

Als Thomas bei seinen Großeltern zu Besuch war, schlief sein Opa ein. Er stupste noch kurz seine Frau an, und dann schlief er für immer ein. Es dauert eine Weile, bis er abgeholt wird. Thomas erinnert sich an Opas lächelndes Gesicht. Es will so gar nicht zu der schimmernden Plane passen, unter der Opa verborgen liegt.

„… Das macht mich böse. Opa in einer Plane, als wäre er ein Ding. Es ist gemein. Er ist tot. Als ob das nicht genug wäre.“ (S. 16) Thomas weiß nicht, wie er mit Opas Fehlen umgehen soll. Er ist ratlos. „Leute in Geschichten weinen, wenn jemand tot ist. Meine Oma nicht. Ich auch nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich traurig bin. Es ist, als fehlte etwas. […] Keine Ahnung.“ (S. 20) Diese Leere beschäftigt ihn, und er glaubt, er hätte viel mehr als nur seinen Opa verloren. Weiterlesen

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Susanne Goga: Das Geheimnis der Themse

Zu diesem historischen Roman der Mönchengladbacher Autorin gibt es einen Vorgängerband mit dem Titel „Der verbotene Fluss“, den ich leider nicht gelesen habe. Doch auch ohne diese Vorgeschichte zu kennen, kann man das neue Buch verstehen und genießen. So man denn diese Romangattung mag.

Charlotte, eine junge Deutsche, ist seit zwei Jahren mit Tom verheiratet. Sie hat vor der Ehe als Gouvernante gearbeitet, er ist Autor und Rezensent von Theateraufführungen. Die beiden leben im London des Jahres 1894. Charlotte ist eine Frau mit einem für diese Zeit sehr ausgeprägten Unabhängigkeitsdrang. Sie hat durchaus ihren eigenen Kopf und sieht ihre künftige Rolle nicht ausschließlich als Ehefrau und Mutter. Wobei letzteres aktuell nicht zur Debatte steht, denn sie und Tom warten immer noch auf Nachwuchs, den sich vor allem Tom sehnlichst wünscht. Diese ungewollte Kinderlosigkeit ist eines der beiden Hauptthemen des Romans. Was natürlich vor dem Hintergrund der Zeit, in der der Roman spielt, besonders interessant ist.

Vorrangig geht es allerdings um Magie, Mystik und allerlei Geheimbünde, die in London existieren. Als eine junge Frau tot am Ufer der Themse gefunden wird und in der Nähe der Leiche offensichtlich ein Pentagramm aus Kerzen aufgebaut war, beginnen Charlotte und Tom nachzuforschen. Weiterlesen

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Pete Johnson: Wie man seine Eltern erzieht

Weil sein Vater einen anderen Job angenommen hat, muss Luis mit seiner Familie umziehen. An seiner neuen Schule sind – Luis zufolge – nur Streber und langweilige, humorlose Lehrer. Die vor allem eines nicht sehen: Sein Talent zum Comedy Star. Zu allem Überfluss scheint das neue Umfeld auch auf seine Eltern abzufärben.  Sie haben sich doch tatsächlich vorgenommen, seine schulischen Leistungen zu kontrollieren und zu fördern.

Da hilft nur eins: Er muss seine Eltern erziehen. Hilfe kriegt er dabei von seiner Freundin Maddy, die das schon einmal erfolgreich an ihren Eltern durchgeführt hat. Zum Beispiel mit

„Regel Nummer eins: Behandle deine Eltern wie Luft. Du darfst deine Eltern nicht einmal anschauen, außer es lässt sich wirklich nicht vermeiden. Das musst du Tag und Nacht durchhalten. Wenn einer von ihnen fragt:“ Warum beachtest du mich nicht?“, bist du auf dem richtigen Weg.“  (Seite 97) „Außerdem sollte man ab und zu einen so genannten ‚Killersatz‘ fallen lassen. Um seine Eltern total aus der Fassung zu bringen, empfiehlt Maddy Sätze wie ‚Ich habe nicht darum gebeten, in diese Familie hineingeboren zu werden‘ und ‚Ich wäre lieber in einem Kinderheim als bei euch.’“ ( Seite 99)

Aber keine Angst, liebe Eltern, am Ende stellen sich diese Regeln als nicht wirklich förderlich heraus. Weiterlesen

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Bernardine Evaristo: Mädchen, Frau etc.

Ein Buch, wie dafür geschaffen, es in einem Atemzug zu verschlingen. Evaristo legt ein mitreißendes Tempo vor. Mit Witz, Wagemut und sehr viel Empathie erzählt sie die Geschichten von 12 überwiegend schwarzen Frauen in England. Beginnend um die Zeit des Ersten Weltkrieges bis ins pulsierende London der Jetzt-Zeit hinein. Dabei geht es in ihrem Roman nicht nur um Rassismus. Es geht um sehr viel mehr: Die Rede ist von Feminismus, Gender, Sexualität, Generationenkonflikten, Klassenzugehörigkeit, Urbanisierung und Gentrifizierung. Evaristo setzt dort an, wo es zu offener oder verdeckter Ausgrenzung kommt. Und sei es nur, dass diese unbewusst in Gedanken stattfindet. Dabei ist Evaristos Botschaft universell. Es geht auch darum, den eigenen Platz in dieser Welt zu finden, im Wechselspiel mit den Bedürfnissen und Ansichten anderer Menschen. Kurz: Mit diesem Buch ist der britischen Autorin ein ganz großer Wurf gelungen. Sie erhielt völlig zu Recht als erste schwarze Autorin den Booker Prize im Jahr 2019.

Im Mittelpunkt steht Dramaturgin Amma, die ein neues Stück über historisch belegte Amazonen auf die Theaterbühne bringt. Der Weg dahin war steinig. Denn als schwarze, lesbische Frau aus bescheidenen Verhältnissen, ist sie gleich mehreren Vorbehalten ausgesetzt. Ihre Antwort darauf war Rebellion in jeglicher Form. Von denkwürdigen Auftritten mit ihrer alternativen Theatergruppe bis hin zu ihrer Unterstützung der Feminismusbewegung und LGTB-Community. Hat sie nun endlich ihr Ziel erreicht? Wird das provokante Stück beim Publikum ankommen? Weiterlesen

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