Baptiste Giabiconi: Karl und ich

Baptiste wächst mit zwei Schwestern auf. Seine Mutter erzieht die Kinder alleine, der Vater hat die Familie früh verlassen. Sie wohnen in einem Vorort von Marseille, das Umfeld ist geprägt von hart arbeitenden „kleinen Leuten.“  In der Schule langweilt sich Baptiste zu Tode. Eine Ausbildung in der Gastronomie erfüllt ihn nicht. Er wird Monteur in einer Helikopterfirma, bis ein Fotograf ihn entdeckt und sich für ihn die Türen in die Modewelt öffnen.  Als Karl Lagerfeld sein Foto in einer Zeitschrift sieht, holt er Baptiste in den Olymp der Modebranche. Er erinnert ihn an seine Jugend. Der Modegott und der 18- jährige Monteur ohne Ausbildung oder Lehre werden Freunde.

Denn zwischen uns bestand ein Band, das nur der Tod auflösen konnte – an den ich damals natürlich keine Sekunde dachte. Mir ging es nicht darum, ihn zu besitzen. Karl ging es nicht darum, mich haben zu wollen. Unser Band bestand aus aufrichtiger, zärtlicher Zuneigung, die über jeden Anspruch erhaben war.“ (S. 14) „Ihn faszinierte meine Jugend, meine Frische und Unbeschwertheit, er wiederum kitzelte bei mir den Rebellen, Provokateur und verrückten Spinner heraus, was ihm auch gut gefiel.“ (S. 75)

Karl lässt Baptiste in einer seiner Wohnungen wohnen, fördert und fotografiert ihn, nimmt ihn an seiner Seite überall hin mit und macht ihn weltberühmt.  Er trifft die Reichen, die Schönsten der Schönen, die Künstler und Stars der globalen High Society, lebt ein Luxusleben ohne Gleichen.  Wohnsitze an den malerischsten Flecken Europas und ein Privatjet versetzen ihn in unbändiges Staunen, werden aber irgendwann selbstverständlich. Dennoch versucht Baptiste am Boden“ zu bleiben, „seine Leute“ nicht zu vergessen. Bald wird er zum weltweit gefragtesten Männermodel. Weiterlesen

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Anne Mette Hancock: Leichenblume

Den Namen dieser Autorin werde ich mir merken. Ihr Roman, der erste und bereits mehrfach ausgezeichnete der Dänin, bricht in Dänemark und anderswo bereits Verkaufsrekorde. Und ich möchte sagen, ziemlich zu Recht.

Heloise Kaldan, Investigativjournalistin in Kopenhagen, sitzt in der Bredouille, denn offensichtlich ist sie auf eine falsche Informationsquelle hereingefallen und hat nun heftigen Ärger mit ihrem Chefredakteur und auch im Kollegenkreis. In diese Situation hinein platzt ein Brief, den sie erhält. Absender ist eine seit Jahren gesuchte Mörderin, Anna Kiel. Sie macht in diesem und weiteren Briefen mysteriöse Andeutungen, bezieht sich auf Ereignisse aus Heloises Leben, die sie nicht wissen kann.

Im Zuge ihrer Nachforschungen trifft Heloise auf Kommissar Erik Schäfer, der im Fall der Anna Kiel die Ermittlungen leitete und nun die neue Spur verfolgt. Beide kommen gut miteinander aus und verbinden ihre Recherchen. Heloise, die unter anderem die Familie des damaligen Mordopfers aufsucht und die Eltern von Anna Kiel trifft, erhält weitere Briefe, die sie stets mehr verunsichern, deuten sie doch Dinge aus Heloises Vergangenheit an, die sie lieber für immer vergessen hätte. Weiterlesen

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Ingrid Noll: Kein Feuer kann brennen so heiß

Köstlicher schwarzer Humor und Männer, deren forciertes Ableben nonchalant, fast schon beiläufig erfolgt: Seit nunmehr 30 Jahren ist dies das unschlagbare Erfolgsrezept der Bestsellerautorin Ingrid Noll. Auch in diesem Roman geht die Rechnung voll und ganz auf. Zwei Frauenfiguren, die eher auf der Schattenseite des Lebens stehen, wachsen im Plot über sich selbst hinaus. Wehe, wenn die Alten, Hässlichen, Ungeliebten oder anderweitig zu kurz Gekommenen losgelassen werden!  Herrliche Dialoge, schrullige Charaktere und das „vermeintlich“ starke Geschlecht, dass sich permanent selbst bloßstellt. In „Kein Feuer kann brennen so heiß“, zeigen Nolls Protagonistinnen, dass sie ihrem Gegenüber bei Bedarf ordentlich einheizen können. Wenn Leidenschaft nur noch Leiden schafft, ist mit diesen Frauen nicht zu spaßen.

Im Mittelpunkt steht die 30-jährige Lorina, die im Leben zu kurz gekommen ist. Das Aussehen eines „Plumploris“, dazu noch Tollpatschigkeit und ihr wohl größter Fehler – kein ersehnter Stammhalter geworden zu sein – haben ihr von Kindheit an den Ruf des hoffnungslosen Mauerblümchens eingebracht. Mit Dreißig noch Jungfrau, stützt sich Lorina in ihren Beruf als Altenpflegerin, in dem sie endlich Erfüllung findet. Denn den Alten, Behinderten, Vergessenen ist ihr Äußeres samt mangelnder Grazie egal. Mit ihrer neuen Stelle in der noblen Villa von Frau Alsfelder hat sie das große Los gezogen. Die Arbeitsbedingungen sind angenehm luxuriös, zudem scheint die einsame Alte sie nicht nur als bloße Pflegekraft, sondern auch als Gesellschafterin zu schätzen. Frau Alsfelder schwimmt zwar in Geld, doch nach einem Schlaganfall wurde sie von ihrem Mann verlassen und ist als halbseitig Gelähmte nicht nur auf die Hilfe der Pflegerin angewiesen, sondern auch auf die Unterstützung ihres großspurigen Neffen Christian, der ihre Finanzen regelt. Wohl nicht ganz uneigennützig … Weiterlesen

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Laura Purcell: Die stillen Gefährten: Eine viktorianische Geistergeschichte

Elise war voll des Glücks, hatte sie doch einen nicht nur reichen, sondern auch umschwärmten Junggesellen geehelicht. Nicht zuletzt verdankt ihr Bruder dem Adeligen, dass seine Fabrik vor dem Ruin bewahrt wurde. Zu ihrem Glück, der Londoner High Society anzugehören und die Ballsaison am Arm ihren Bräutigams zu besuchen, gesellt sich bald die freudige Nachricht, dass sie schwanger ist. Dann aber verstirbt ihr Mann unerwartet – die gute Sitte verlangt es, dass Elise sich zur Trauer die nächsten Jahre auf das abgelegene Familienanwesen zurückzieht. Schon die Fahrt in die Provinz, nur begleitet von der Cousine ihres verstorben Gatten, erweist sich als herausfordernd. Die Straßen sind bessere Feldwege, die Kutsche bleibt im Schlamm stecken, zu allem Übel fällt die Witwe hin und verunstaltet sich und ihre Robe. So kann, so will sie sich ihren neuen Untergebenen natürlich nicht präsentieren.

Als sie das heruntergekommene Anwesen, The Bridge, erstmals erblickt, ahnt sie, dass sie hier nicht glücklich wird. Statt im London des Jahres 1866 rauschende Bälle zu besuchen und das Zentrum der Society zu sein, nun also triste Provinz. Dazu kommt, dass haltlose Gerüchte die Runde machen, dass sie vielleicht gar am Ableben ihre Mannes nicht ganz unschuldig sein könnte. Kein Wunder, dass sie nicht einschlafen kann, und zusammen mit ihrer Zofe den merkwürdigen Geräuschen im Haus nachspürt. Sie stoßen auf eine verschlossene Tür, hinter der ein Geheimnis ihrer harrt. Eine Holzfigur, eine stille Gefährtin sowie Tagebücher der ehemaligen Hausherrin offenbaren eine wahrlich grausame Familientragödie – deren Auswirkungen sie zu spüren bekommen … Weiterlesen

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Anna Dewdney: Lama Lama lernt teilen

Lama Lama lernt teilen ist der fünfte Band der Lama Lama-Serie. Sämtliche Titel dieser Reihe standen auf der New York Times-Bestenliste und wurden millionenfach verkauft.

Wie in den anderen Bänden geht es auch in diesem Buch um eine gängige und gleichzeitig ganz wichtige Thematik im Kleinkindalter – hier, wie der Titel schon besagt, um das Teilen von Spielsachen mit anderen Kindern:

Die neuen Nachbarn kommen zu Besuch und mit dabei ist Nelly Gnu. Während die Mütter zusammensitzen, nimmt Nelly Gnu die Spielsachen von Lama Lama unter Beschlag. Als sie sich dann auch noch das Kuscheltier von Lama Lama nimmt, ist es aus mit dem Frieden. Im Streit reißt der Arm von Kuscheltier Wuschel ab. Zum Glück kann die Mutter helfen und den Arm wieder annähen. Danach wird alles wieder gut. Lama Lama und Nelly Gnu finden nach langsamen Annäherungen zum gemeinsamen Spiel. Weiterlesen

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Yanick Lahens: Sanfte Debakel

Der Richter Raymond Berthier ist tot. Brutal ermordet von mächtigen Männern, deren kriminellen Machenschaften er zu nahe gekommen ist. Seine Frau Thérèse und seine Tochter Brune trauern – jede auf ihre Weise. Während Thérèse sich an Rituale klammert, um nicht unterzugehen, verarbeitet Brune ihren Verlust mit Hilfe der Musik. Die junge Frau ist eine hervorragende Sängerin, die ihre ganzen Gefühle in ihre Lieder legt: „Im Gesang, in der Sprache erfinde ich, was fehlt, um im Grau der Tage auszuhalten.“ (Seite 146)

Pierre, Brunes Onkel, versucht zu ergründen, was mit seinem Schwager Raymond passiert ist. Über seine Beziehungen beschafft er sich die Ermittlungsakten. Doch die Polizei hält sich bei ihren Untersuchungen vornehm zurück. In Pierres Haus verkehren einige junge Leute, Freunde von Brune. Da ist Ézéchiel, arm, intellektuell, wütend und hungrig nach Nahrung und Gerechtigkeit. Nur seine Freundin Nerline kann ihn ab und zu besänftigen. Doch auch sie kämpft: für die Rechte der Frauen. Waner dagegen hält es mit der Gewaltlosigkeit und entkommt der Armut und der Bedrängnis in der Stadt, indem er einen Hof auf dem Land bewirtschaftet.

Bei einem von Brunes Auftritten lernen die Freunde Francis kennen, einen französischen Journalisten. Sie nehmen ihn in ihren Kreis auf und zeigen ihm ihre Stadt. Brune sagt zu ihm: „Weißt du, hier darfst du deine Träume nicht trödeln lassen. Hier ähneln sich Leben und Tod wie ein Ei dem anderen. Du lebst schnell. Du lässt die Worte, die Farben und die Noten umherwirbeln. Du betrachtest die Schwindel, die dich befallen.“ (Seite 46) Brune ist eigentlich mit Cyprien zusammen, einem jungen, ehrgeizigen Anwalt. Weiterlesen

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Saša Stanišić: Hey, hey, hey, Taxi!

Saša Stanišić kennt man gemeinhin durch seine erfolgreichen Romane. 2019 hat er mit „Herkunft“ den deutschen Buchpreis gewonnen. Nun hat er sein erstes Kinderbuch zusammen mit seinem vierjährigen Sohn geschrieben. Man merkt, dass Stanišić nah am Kind und an der kindlichen Fantasie ist. Wie sonst könnte er sich solch kuriose Geschichten wie in diesem Kinderbuch ausdenken? In seinem Vorwort (im Buch witzigerweise „Vorort“), das er an die erwachsenen Vorleser richtet, erläutert Stanišić, wie die ganzen Taxi-Geschichten entstanden sind. – Eigentlich ganz einfach, denn er erzählte sie dem Vierjährigen meist spontan. Beim Zähneputzen, beim Wandern und vorm Einschlafen. Das Schöne an diesen Geschichten ist, dass sie zum Miterzählen animieren. Für Kinder und Vorleser machen diese ungewöhnlichen Abenteuer gleichermaßen Spaß, macht man doch mit ihnen ganz unerwartete Bekanntschaften bei den Ausfahrten mit dem Taxi, bei denen alles ganz anders ist, als bislang bekannt. Weiterlesen

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Matt Haig: Die Mitternachtsbibliothek

Wer kennt ihn nicht, den alten Schwarz-Weiß-Film „Ist das Leben nicht schön“ mit James Stewart, den man jedes Jahr um die Weihnachtszeit im Fernsehen anschauen kann. An diesen Film erinnert mich der neue Roman des britischen Autors Matt Haig.

Nora Seed, Mitte Dreißig, ist in ihren eigenen Augen eine komplette Versagerin. Sie verliert ihren Job, ihre Katze wird überfahren, ihre beste Freundin hat den Kontakt zu ihr abgebrochen und ihr Bruder will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Nora beschließt, es ist Zeit, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Doch statt zu sterben, landet sie in der Mitternachtsbibliothek. Diese heißt so, weil dort die Uhr stets auf Mitternacht steht. In dieser Bibliothek finden sich alle Bücher ihres Lebens, der Leben, die sie hätte führen können, wenn sie an dieser oder jener Wegkreuzung anders abgebogen wäre. Nora bekommt die Gelegenheit, diese möglichen Lebenswege auszuprobieren, um herauszufinden, ob sie wirklich sterben will. Die „Bibliothekarin“ in der Mitternachtsbibliothek, die für Nora die passenden Bücher heraussucht, ist Mrs Elm, die während Noras Schulzeit die Bücherei leitete und zu der Nora eine enge Beziehung hatte. Mrs Elm fragt Nora nach den Entscheidungen oder Handlungen in ihrem Leben, die sie am meisten bereut. Davon ausgehend wählt Nora beispielsweise das Buch, welches ihr das Leben zeigt, das sie als Polarforscherin geführt hätte. Oder das Leben als erfolgreiche Schwimmerin. Doch wenn die Lebensalternativen ihr nicht zusagen, kommt sie stets zurück in die Mitternachtsbibliothek. Weiterlesen

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Mirna Funk: Zwischen Du und Ich

Das ist wieder einmal so ein Roman, bei dem es schwerfällt, sich ein eindeutiges Urteil zu bilden. Das Thema, dessen sich die in Ost-Berlin geborene Autorin annimmt, ist interessant und kann nicht oft genug angesprochen werden. Der Stil ist modern, rasant, brachial, aber auch verstörend, nicht einfach zu lesen. Die Figuren sind es aber vor allem, die diesen Roman zu einer schwer verdaulichen Lektüre machen.

Die junge Nike, in Berlin beim DAAD arbeitende Jüdin, hadert mit ihrem Leben, mit ihrer Familie, mit sich selbst. Sie hat Erfahrungen hinter sich, die sie physisch und psychisch beschädigt haben, über die sie aber weder mit anderen noch mit sich selbst reflektieren kann. Ganz spontan beschließt sie, für ein Jahr nach Israel zu gehen und sich dort für den DAAD einzusetzen. Sie tauscht mit einer Israelin die Wohnung und findet in Tel Aviv auch recht gut Anschluss an die dortigen Kolleginnen.

Noam, der in Tel Aviv beim Haaretz als Journalist tätig ist und dort eine regelmäßige Kolumne veröffentlicht, ist ein ähnlich zerrissener Charakter. Auch er hat in Kindheit und Jugend schlimmste Erlebnisse verarbeiten müssen bzw. hat sie bis heute nicht verarbeitet. Weiterlesen

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Thomas Ziebula: Abels Auferstehung

„Die große Kreuzung […] war von demonstrierenden Menschen, berittenen Soldaten und Kraftwagen der Reichswehr verstopft. Gewerkschaften und linke Arbeitervereine protestieren gegen die geplante Erhöhung der Fahrpreise für die Elektrische und die Besetzung Leipzigs durch General Maerckers Truppen. Geschrei, Sprechchöre und Schüsse waren zu hören.“ (S. 443)

In Leipzig brodelt es. 1920 stehen viele Veränderungen an. Während in der Politik mit harten Bandagen gekämpft wird, kommen traumatisierte Soldaten aus der Gefangenschaft zurück. Jeder von ihnen braucht einen Brotberuf. Doch nicht jeder bekommt auch einen. Gleichzeitig werden viele Frauen aus ihrem Beruf und in die Verarmung gedrängt. Auch die Karriere von Kommissarinspektor Paul Stainer ist in Gefahr. Nach der Beerdigung seiner Frau muss er den Mord an einen Künstler aufklären, der sich vor kurzem duelliert hat.

Weitere Morde folgen, und es sieht so aus, als handele es sich um einen Einzeltäter. Während Stainer und seine Kollegen nach dem verbindenden Motiv suchen, intrigieren ein paar seiner Kollegen gegen Stainer. Ihm droht die Degradierung.

Thomas Ziebula schickt seine Leser auch in seinem zweiten Kriminalroman in die Vergangenheit. Sein Kriminalinspektor Paul Stainer kämpft mit den Folgen traumatischer Erlebnisse und trauert um seine Edith. Der Autor zeigt einen sympathischen, klugen Ermittler, der viele Widrigkeiten gleichzeitig händelt. Weiterlesen

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