Thommie Bayer: Das Glück meiner Mutter

Thommie Bayers Protagonist Philipp Dorn ist Autor. Auf einer Italienreise verarbeitet er das Verhältnis zu seiner verstorbenen Mutter und zu seiner letzten Lebensgefährtin Bettina.

Der Schriftsteller gönnt sich also einen Urlaub und fährt mit seinem neuen Auto, das er übrigens Joe nennt und mit dem er immer wieder mal spricht, in die Toskana, wo er sich ein Haus gemietet hat. Hier will er entspannen, hier kann er nachdenken über seine gescheiterte Beziehung zu Bettina und über seine Mutter, mit der er zum Schluss auch oft in Italien gewesen war. Oft hatte sie das Gespräch zu ihm gesucht, um über sehr Privates zu reden, was Philipp jedoch immer unangenehm gewesen war und deshalb nie hören wollte.

In der Nacht bemerkt er, dass eine Frau im Pool seines Feriendomizils badet, die sich anschließend wieder davonschleicht. Nachdem diese Szene sich in der nächsten Nacht wiederholt, legt er es darauf an und kommt mit der fremden Schönen ins Gespräch, die sich als seine Vermieterin Livia, die im Nachbarhaus wohnt, entpuppt. Es wird ein langes Gespräch, das in der darauffolgenden Zeit immer wieder aufgenommen wird. Philipp versteht sich gut mit Livia und sie erzählen sich gegenseitig aus ihrem Leben. So erfahren wir von Philipps Kindheit im Pfarrhaus, vom kühlen Verhältnis seiner Eltern zueinander, von seinem Vater, der nicht in der Lage war zu verzeihen und von seiner schönen Mutter, die letztlich ihr Glück für ihn, Philipp, geopfert hat. Weiterlesen

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Farah Mendlesohn & Edward James: Eine kurze Geschichte der Fantasy

Mit den beiden Autoren widmen sich zwei ausgewiesene Fachleute einem komplexen, für viele bereits unüberschaubarem Genre, bei dem bereits die begriffliche Abgrenzung durchaus schwierig und oft umstritten ist. Mendlesohn und James legen hier tatsächlich einen knappen Abriss vor, der aber nicht nur als Einstieg für den interessierten Fantasy-Leser, der ein bisschen mehr von der unglaublich vielfältigen Phantastischen Literatur wissen und verstehen möchte, dient, sondern darüber hinaus auch dem profilierteren Kenner noch viel zu bieten hat.

Bei ihrer Darstellung (ursprünglich 2012 erschienen) gehen sie einerseits streng chronologisch vor; sie beginnen mit den tatsächlichen Wurzeln der Fantasyliteratur, wie z.B. dem Alexanderroman aus dem 3. Jahrhundert vor Christus oder den Märchen aus Tausendundeine Nacht, und enden circa im Jahr 2010. Dazwischen gibt es zwei Kapitel, die sich den vielleicht prägendsten Autoren etwas genauer widmen: Das sind natürlich einerseits die Ahnherren der modernen Fantasy J.R.R. Tolkien („Der Hobbit“ und „Der Herr der Ringe“) und C.S. Lewis („Die Chroniken von Narnia“) und andererseits die populärsten Vertreter seit den 1980er Jahren: Terry Pratchett mit seinen „Scheibenwelt“-Romanen, J.K. Rowling (7 Bände „Harry Potter“) und Philip Pullman („His Dark Materials“-Trilogie). Die Autoren vermitteln dem Leser auf gut 250 Seiten nicht nur einen guten Überblick und damit ein erstes Raster über das Genre, sie halten dankenswerter Weise auch nicht mit ihrem eigenen Urteil hinterm Berg. Weiterlesen

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Willem Asman: Enter: Die Wahrheit wird dich töten

Ein furioser Action-Thriller, rasant und hochspannend, mit Schauplätzen in Amsterdam, London, New York und Miami. Geschickt konstruiert und packend geschrieben, mit einer vielschichtigen Protagonistin.

Der niederländische Autor vermischt Agentenstory mit Familiendrama und Verbrechergeschichte. In Amsterdam lebt Tyler Young mit ihrer 15-jährigen Tochter Charlie. Was Charlie nicht weiß: Tyler hat eigentlich einen ganz anderen Namen und lebt im Zeugenschutzprogramm mit einer neuen Identität. Ihrer Tochter hat sie erzählt, Charlies Vater sei tot, bei einem Brand umgekommen, zusammen mit dem Familienhund Buster. In Wahrheit hat Tyler vor Jahren gegen ihren Mann ausgesagt und musste danach untertauchen.

Doch Charlie, in der Pubertät und entsprechend aufsässig, hat heimlich in den Unterlagen ihrer Mutter gesucht und beginnt nun nach vermeintlichen früheren Familienmitgliedern zu suchen. Auf einer Klassenfahrt in London wird sie jedoch entführt. Als Tyler bei der Schutzorganisation, die ihr die neue Identität gegeben hatte, um Hilfe bittet, beginnt eine abenteuerliche Jagd von Amsterdam über London nach Amerika. Weiterlesen

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Vicki Baum: Hotel Berlin (1944)

Vicki Baums „Hotel Berlin“, erschienen 1944, ist der etwas weniger bekannte Roman der Autorin, verglichen mit „Menschen im Hotel“.

In der 2021 erschienenen Neuauflage von „Hotel Berlin“ findet sich Vicki Baums Vorwort von 1946. Hier erzählt die Autorin etwas über ihre Art zu schreiben und den Hintergrund des Romans: Jeder Schriftsteller trage „eine kleine Welt, in der Landschaften, Städte, Gärten, Häuser, Zimmer mit Wesen seiner eigenen Fantasie bevölkert sind“ in sich.  Dies trifft auf beide Hotel-Romane zu, es begegnen einander an symbolträchtigem Ort alle möglichen Menschen, ihre Beziehung zueinander ist mal flüchtig, mal intensiv, und keiner verlässt das Hotel als derjenige, der er einmal gewesen ist.

„Hotel Berlin ist spannend erzählt, auf altmodische Weise herrlich kitschig und für heutige Leser auf beklemmende Weise „wahrhaftig“, kennt man doch den Ausgang des Krieges und die Menschen im Hotel Berlin scheinen vertraut: Martin Richter, Student und Widerstandskämpfer, liebt die Dinge, die Deutschland verloren hat, will einfach die letzten Tage des Krieges überleben und wird von der berühmten Schauspielerin Lisa Dorn vor der Gestapo im Hotel versteckt. Nicht nur er verliebt sich in Lisa, auch General von Dahnwitz liebt sie, und um diese Dreiecks-Beziehung und den Versuch, Martin die Flucht zu ermöglichen, entspinnt sich die Handlung. Weiterlesen

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Stella Starling: Rosavia Royals 01: Royaler Rebell

Edwin Blom, genannt Eddie, arbeitet in der königlichen Bibliothek. Nachdem er von seinem Freund Hans verlassen wurde, ist er am Boden zerstört. Als er auf der Eröffnungsfeier seine kleine Schwester vor dem berüchtigten Rebell und Thronfolger Leopold retten will, wendet sich das Blatt. Schon bei ihrer ersten Begegnung springt der Funke über und sorgt für Herzklopfen. Doch das Edwin bei dem offiziell heterosexuellen Prinzen überhaupt eine Chance? Und was ist mit Leo? Wie geht er damit um, dass seine Eltern ihn zwingen in einem Monat den Partner fürs Leben zu finden?

„Royaler Rebell“ ist der erste Teil der Rosavia Royals Reihe von Stella Starling und hat mich positiv überrascht. Ich hatte erwartet auf Klischees zu treffen, wurde aber durch die ansprechende Schreibweise und die Ideen regelrecht erfrischt.

Leo und Eddie dabei zu verfolgen, wie sie ihren Alltag meistern, sich neuen Prüfungen stellen und sich langsam ineinander verlieben war wirklich schön. Es hat einfach Spaß gemacht zu erleben, was die beiden erleben. Weiterlesen

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Conny Bischofberger: Herzschweißen

Die österreichische Top-Journalistin Isabella Mahler ist die Hauptperson in diesem Buch. Sie interviewt Politiker, Künstler und Stars. Ihre Kolumnen werden gerne gelesen und sind geschätzt. Sie wohnt in Wien, ist 57 Jahre alt, hat zwei erwachsene Söhne und eine Ehe hinter sich. Eines Tages bleibt ihr Blick an Christoph Regner hängen. Er, der neue Chef von Amnesty International Österreich, wird in einer Fernsehsendung vorgestellt. Isabella ist elektrisiert. Sie schreibt ihm ein Mail, Regner antwortet. Sehr schnell (meines Erachtens zu schnell) geht es darum „… Alltagsmasken abzulegen und sich ein Stück weit zu zeigen.“ (S. 26) Bald spielen sie ein intensives intellektuelles und auch erotisches Mail-Ping-Pong. Reale Begegnungen gibt es nur zwei Mal. Regner ist verheiratet, hat Familie. Wenn sie sich treffen, ist die Stimmung magisch.

Sie schreiben einander, tasten sich mit Worten ganz aneinander heran, bis Regner den Kontakt einstellt. Einfach so. Ohne einen Grund zu nennen.

Offen gestanden, ein bisschen kitschig kommt sie schon daher, die Korrespondenz von Isabella Mahler und Christoph Regner. Von Seelenverwandtschaft und tiefstem Gleichklang, von nie dagewesener emotionaler Intensität ist die Rede. „Liebe Isabella! Deine Sprache klingt in mir nach. Deine Sätze berühren meine Seele, mein Innerstes, wärmen mich und stärken mich. Du bist so ein liebenswerter Mensch […] Christoph“ (S.265) Weiterlesen

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Finn-Ole Heinrich & Dita Zipfel: Schlafen wie die Rüben

2020 haben die Autoren Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel den deutschen Jugendbuchpreis erhalten.

In diesem Bilderbuch geht es Drunter und Drüber vorm Einschlafen.

Jeder Abend bringt einhundertdrei kleine Details in der Rübenhöhle, in der Familie Rübe „wegschluumt“. Hier wird gehüpft, der Esel Olga muss geschüttelt, der Himmel gestriegelt und die Betten verdaut werden. Oder stimmt hier etwa etwas nicht? – Das Durcheinander in den Reimen wird durch die passenden witzigen Bilder pointiert. Weiterlesen

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Lone Theils: Falsche Gesichter

Die dänische Journalistin Nora Sand wird nach Nordengland in die Stadt Toppingham geschickt, um über die ungewöhnliche Ermordung des Kriminalkommissars Crow zu berichten. Der Leiter der Sittenabteilung wurde entführt und dessen Tötung in einem Video veröffentlicht. Während viele einen Bezug zum IS sehen wollen und Crow öffentlich in den höchsten Tönen loben, sieht Nora zunächst einige Unstimmigkeiten. Wie kann sich ein Beamter einen so teuren Wagen leisten? Und warum kommen kritische Äußerungen so verhalten? Wie ein eigenwilliger Spürhund folgt Nora ihrem Instinkt.

Kurz darauf muss sie beobachten, wie unsensibel die örtliche Polizei mit den Nöten junger Mädchen umgeht. Eine von ihnen ist Laura, die volltrunken jemandem in einem Imbiss vorwirft, an Mels Tod schuld zu sein. Als Nora in Lauras Umfeld recherchiert, geschieht ein zweiter Mord. Dieser stellt nicht nur die bisherige Richtung der polizeilichen Ermittlung in Frage sondern bestätigt auch Noras Zweifel. Je mehr Bewohner sie befragt, um so deutlicher spürt sie, dass hinter der Fassade der Normalität nichts mehr normal sein kann. Weiterlesen

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Delphine de Vigan: Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin

Ein geradezu grausames Buch, das umso wirkungsvoller ist, da diese Geschichte jedem von uns jeden Tag passieren könnte. So realitätsnah ist sie. Und so erschütternd gut ist sie geschrieben.

In die Protagonistin dieses kleinen Romans kann sich jeder, der berufstätig ist, mit Leichtigkeit einfühlen. Mathilde, früh verwitwet, lebt allein mit ihren drei Söhnen, ein Zwillingspaar und deren älterer Bruder. Sie liebt ihre Arbeit, bei der sie sich immer anerkannt fühlte und wo sie bisher erfolgreich und beliebt war. Doch das ändert sich schlagartig, ohne dass es ihr gelingt, die Ursache für diese gravierende Änderung zu ergründen.

Mathilde hatte auch zu ihrem Vorgesetzen bislang eine, wie sie glaubte, gute und tragfähige Beziehung. Doch von einem Tag auf den anderen beginnt er, sie zu mobben, ja regelrecht zu drangsalieren. Zuerst denkt sie an ein Missverständnis, erträgt die Schikanen, sucht das Gespräch mit Jacques, ihrem Vorgesetzten. Doch der weigert sich, mit ihr zu sprechen, ihr irgendetwas zu erklären. Die Dinge eskalieren immer mehr, Mathilde wird von wichtigen Besprechungen ausgeschlossen, Benachrichtigungen erreichen sie nicht mehr, schließlich wird sie sogar aus ihrem Büro verdrängt. Weiterlesen

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Roberto Camurri: Der Name seiner Mutter

Für Pietro ist der Name der Mutter, der Name einer Fremden. Sie hat ihn verlassen, als er noch sehr klein war. Seit diesem Tag wächst er bei seinem Vater Ettore im ländlichen Norditalien auf. Der schweigsame Ettore erzieht Pietro so, wie er es von seinem schweigsamen Vater gelernt hat. Sie sprechen nur das Nötigste, weil die tägliche Arbeit im Vordergrund steht. Pietro wächst zu einem Mann heran, der nur eine strenge Erziehung und wenig Liebe kennt.

Noch immer schweigt sein Vater das Thema Mutter aus. Auch die Großeltern schweigen über die verschwundene Tochter, die alles hinter sich gelassen hat, die Familie, ihren Sohn, das Dorf und die an sie gesetzten Erwartungen. Und dann wird Pietro selbst Vater, und es sieht so aus, als könnten sich bestimmte Unzulänglichkeiten wiederholen.

Roberto Camurri gewann 2018 mit seinem ersten Roman A Misura d’Uomo gleich zwei Preise. Mit seinem zweiten Roman, Der Name seiner Mutter, übersetzt von Maja Pflug, stellt sich der Autor erstmalig dem deutschen Publikum vor. Weiterlesen

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