Die Frauen des Chaos Computer Clubs haben weibliche Vorbilder, erklärt die Autorin Vera Weidenbach im Vorwort ihres Buches. Eine von ihnen ist die Mathematikerin Ada Lovelace, die 1843 das erste Computerprogramm veröffentlicht hat. Ihr Ausgangspunkt war die zweite mechanische Rechenmaschine von Charles Babbage.
Augusta Ada Byron (1815-1852) war die Tochter des Dichters Lord Byron und der Mathematikerin Anna Isabella Wentworth. Kurz nach Adas Geburt zerbrach die Ehe und wurde geschieden. Die Berichte über Lord Byrons Sexualverhalten beendeten seine Karriere. Nur die Scheidung verlief ohne den sonst öffentlichen Pranger.
Adas Leben und privater Unterricht fand in einem gesicherten Umfeld statt, denn ihre Mutter war auch eine reiche Geschäftsfrau, die für Ada einen adeligen Heiratskandidaten suchte. Doch der typische Unterricht für diese Lebensrolle fand nur am Rande statt. Recht schnell bemerkten die Hauslehrer, wie begabt Ada war und wie schnell sie lernen konnte. Ihre Mutter unterstützte auch diesen „anderen“ Unterricht, solange sich Ada von der gefährlichen Lyrik fernhielt.
Ada nahm ihr Schicksal an. Sie heiratete einen Adeligen, der sie zur Lady Lovelace machte, gebar drei Kinder und führte mehrere Haushalte. In ihrer Freizeit studierte sie privat bei den besten Lehrern Mathematik, weil sie an keiner Universität studieren durfte.
Frauen unterlagen dem Diktat ihrer „weiblichen Verpflichtungen“. Selbst die adelige Ada konnte ihre Abhängigkeit nicht umgehen. Sie hatte nur das Glück, dass der häufig abwesende Ehemann ihr Studium der Mathematik erlaubte. Finanziell hielt er sie trotzdem an der sehr kurzen Leine. Ada verfügte über so geringe Geldmittel, dass sie für ihre Kinder keine Privatlehrer einstellen konnte. Diese kamen unter die Obhut der Großmutter.
Als Ada im Alter von siebzehn Jahren in die englische Gesellschaft eingeführt wurde, lernte sie den Mathematiker und Erfinder Charles Babbage kennen. Bei einem Empfang stellte Ada ihm so viele kluge Fragen, dass er sie zu sich nach Hause einlud. Womit der Erfinder nicht gerechnet hatte, waren Adas mathematischen Kenntnisse und ihre Intelligenz. Aus ihren Gesprächen und Briefwechseln entstand eine enge Zusammenarbeit an der zweiten Rechenmaschine, die sie beide mehr herausforderte, als sie ahnen konnten.
Nach ihrem Studium der Philosophie, Biologie und Politik besuchte die Autorin Vera Weidenbach die Journalistenschule. 2020 erhielt sie den deutschen Reporterpreis. In ihrem ersten Buch Die unerzählte Geschichte schrieb sie über viele Frauen, die Großes leisteten und trotzdem von der Geschichte wenig wahrgenommen worden sind. Für ihr zweites Buch wählte sie das ungewöhnliche Leben der Ada Lovelace aus, um an ihr mathematisches Vermächtnis zu erinnern. Insbesondere konzentriert sie sich auf Adas Arbeit und ihre Weggefährten, mit denen ein Austausch und gemeinsames Forschen möglich war. In diesem Zusammenhang beschreibt Vera Weidenbach auch die Gefahr, mit der eigenständige Mathematikerinnen rechnen mussten: Der Vater der Mathematikerin Mary Sommerville zum Beispiel hatte Angst um seine Tochter.
„…, wir müssen dem einen Riegel vorschieben, sonst sitzt Mary hier in ein paar Tagen in einer Zwangsjacke.“ (S. 91)
Mary Sommervilles gesellschaftlicher Stand und ihre materiellen Möglichkeiten waren so gering, dass sie leicht angreifbar war. Bei Ada Lovelace wurden andere Geschütze aufgefahren. Vera Weidenbach beschreibt anschaulich die Verleumdung ihrer intellektuellen Fähigkeiten.
Einem Menschen seine Leistungen abzuerkennen, weil es sich erstens nur um eine Frau handelt, der zweitens unmoralischen Verhalten unterstellt wird, hat den gleichen Effekt wie ungleiche Bedingungen bei einem 400-Meter-Lauf. Man stelle sich folgende Szene vor: Im Startblock warten sieben Männer und eine Frau auf den Startpfiff. Die Männer tragen beste Laufschuhe und die Frau aufgrund des Diktats der Etikette ein Korsette sowie elegante Schuhe mit Bleistiftabsätzen. Nach dem Anpfiff rennen sie los, die einen im sportlichen Wettkampf trainiert und die eine geübt in Handarbeit, Konversation und Musizieren. Und falls diese eine Frau wider Erwarten das Rennen mitbestimmen sollte, dann ist sie in den Augen der Teilnehmer vermutlich ein Alien oder Schlimmeres.
Vera Weidenbach: Ada Lovelace: Visionärin und Genie
Rowohlt Hardcover, August 2025
256 Seiten, gebundene Ausgabe, 24,00 Euro
Diese Rezension wurde verfasst von Sabine Bovenkerk-Müller.
