Inspektor Avi Avraham aus Tel Aviv überlegt schon seit einer Weile, dass sich in seinem Leben etwas ändern sollte. Das ewige Klein-Klein in der Ermittlung von Verbrechen scheint jeden
Tag mehr an Banalität zu gewinnen. An dem Tag, an dem er mit seinem neuen Chef über seine berufliche Orientierung sprechen will, ereignen sich zwei Fälle, die er zunächst völlig voneinander losgelöst betrachtet. Denn was soll ein ausgesetztes Frühchen und die von einem Touristen nicht bezahlte Hotelrechnung auch schon gemeinsam haben? Während seine Kollegin nach der Mutter des Babys sucht und alle anderen gerade auch beschäftigt sind, fährt Avi zu dem Hotel, in dem der Tourist logierte. Was ihn dort erwartet, könnte wieder ein Beispiel für die Banalitäten seines Arbeitsalltages sein. Denn nach der Aussage des Rezeptionisten habe sich die Angelegenheit erledigt. Die Rechnung sei von zwei männlichen Verwandten des Touristen beglichen worden, und sie haben das Gepäck abgeholt. Doch einige Fragen bleiben offen: Warum hat der Tourist nicht selbst ausgecheckt? Wo ist er jetzt? Warum haben sich die zwei Männer so lange im Hotelzimmer aufgehalten? Warum gab der Tourist einen falschen Namen an, während die beiden Männer ohne Identitätsnachweis mit dem Gepäck verschwanden? Weiterlesen
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Hoeps & Toes: Der Tallinn-Twist
Für Außenstehende mag es eine Beförderung sein, doch für die betroffene Marie Vos sieht die Entsendung nach Tallinn schwierig und zugleich gefährlich aus. Sie soll den ermordeten Assistenten der Leiterin der Taskforce ersetzen und inoffiziell den Maulwurf finden, der Russland mit Insiderwissen versorgt. Im Mittelpunkt stehen die unterbrochenen Vertragsverhandlungen über Tallinns Wasserwerke und eine Privatisierung mit weitreichenden Folgen. Kaum ist Marie in Tallinn eingetroffen, gipfeln die politischen Unruhen in Gewaltausbrüchen. Unterschiedlich motivierte Gruppierungen schüren in der Bevölkerung Ablehnung und Hass auf die EU, so dass Mordanschläge jede Bewegungsfreiheit der EU-Vertreter nahezu unmöglich macht. In diesem aufgeputschten Gerangel um Meinungs- und Machthoheit sucht Marie den Verräter.
Das deutsch-holländische Autorenduo Hoeps & Toes hat nach dem erfolgreichen Polit-Thriller Die Cannabis-Connection ein brisantes Thema aufgegriffen. Der Themenbereich Korruption mit EU-Geldern und der Kampf um Ressourcen wird am Beispiel von Estland aufgezeigt. Im Fokus stehen dabei auch die Tricksereien, mit denen Russland in osteuropäischen Ländern systematisch Einfluss gewinnt. Weiterlesen
Asako Yuzuki: Butter
Die Journalistin Rika befindet sich in einer vertrackten Situation: Sie arbeitet mehr als ihre männlichen Kollegen und trotzdem scheint sie noch immer vor einer gläsernen Barriere zu stehen. Ein Interview mit der vermutlich mehrfachen Mörderin Manako Kajii könnte ihrer Karriere helfen. Bisher hat Manako jede Interviewanfrage abgelehnt. Mit einer Finte gelingt Rika der erste Kontakt. Es folgen weitere Verabredungen. Rika lässt sich von Manako in die Welt des Genusses entführen. Bisher lebte sie asketisch und entsprach optisch den Idealen einer japanischen Frau, die sehr dünn, fleißig und gehorsam sein muss. Doch nun eröffnen sich für die Journalistin Gaumenfreuden, die ihr neue Perspektiven zeigen.
Rika, die bisher nie freiwillig gekocht hat, lernt zum Beispiel Butter lieben. Für das versprochene Interview geht sie auf eine lukullische Reise, die an ihr nicht spurlos vorbeigeht. Die junge Frau nimmt zu und glaubt, wenn sie so weiter macht, würde sie dick werden. Ihr fehlt noch das Maß. So ähnlich scheint es auch bei der unersättlichen Manako zu sein. Und je mehr sie sich dieser mutmaßlichen Mörderin annähert und sie zu verstehen glaubt, um so größer wird die Gefahr, sich von dieser hemmungslosen Frau manipulieren zu lassen. Denn Rika vermutet, dass auch andere von ihr manipuliert und instrumentalisiert worden sind. Weiterlesen
Katharina Bendixen: Taras Augen
Taras Augen haben es ihm angetan. Alún kann sie einfach nicht vergessen. Vierzehn Jahre lebten sie nebeneinander. Anfangs waren sie Nachbarn, dann Freunde. Mit der Pubertät kamen die Liebe, erste Missverständnisse und Verletzungen. Wäre die Explosion nicht gewesen, wäre vielleicht alles anders gelaufen. Aber die Explosion hat alles verändert. Sie hat die nähere Umgebung vergiftet, Menschen getötet und Häuser zerstört.
Alún hat Tara buchstäblich aus den Augen verloren. Seine Eltern sind Ärzte und waren bei den ersten Anzeichen der Explosion extrem schnell, sich und ihre drei Kinder zu retten. In der gesicherten Zone lebt er nun wie ein Fremder. Seine Eltern streiten sich, und seine beiden Schwestern versuchen wie er, irgendwie mit der ständigen Überwachung und Ausgrenzung klarzukommen. Nur das Zeichnen und Malen gibt Alún Halt. Er hat angefangen, Taras Augen auf Kacheln zu malen. Sie sehen so lebendig aus, als würden sie ihn direkt ansehen. Eines Tages erhält Alún von Tara eine Textnachricht. Sie verändert alles. Weiterlesen
Ralf Langroth: Ein Präsident verschwindet
Wenn 1954 ein hochrangiger Politiker, und in diesem besonderen Fall der Präsident des Verfassungsschutzes, verschwindet, ein paar Tage später in Ost-Berlin vor Presseleuten eine kommunistische Rede schwingt, sind einige Fragen zu beantworten. Dies soll der Bonner Kriminalhauptkommissar Gerbe
r vom BKA für Adenauer erledigen. Schon zu einer früheren Zeit gelang es diesem, brisante Unterlagen für den Bundeskanzler zu sichern. Nun steht er wieder an der Front zwischen den Geheimdiensten. Angeblich soll neben dem ‚übergelaufenen‘ Dr. John auch Gerbers Freundin, die Journalistin Eva Herden, in Ost-Berlin gesehen worden sein. Sie habe Dr. John interviewt und über die Grenze begleitet. Gerber sieht von den beiden Fotos und ist irritiert. Hat Eva die ganze Zeit gelogen? Hat sie seine Kontakte möglicherweise für Spionagezwecke missbraucht? Zweifel und Angst um Eva begleiten seine Ermittlungen.
Normalerweise sollte ein Polizist an keiner Ermittlung beteiligt sein, wenn dessen Angehörige im Zentrum von möglichen Straftaten stehen. Doch Adenauer ist der Meinung, dass gerade die enge Verbindung zwischen Gerber und Eva Herden höher zu bewerten sei als eine Befangenheit. Natürlich sehen Kollegen vom Nachrichtendienst der Organisation Gehlen (ORG) dies anders. Während Gerber den Spuren eines Auftragsmörders folgt, der systematisch alle wichtigen Zeugen in West-Berlin umbringt, entwickelt sich seine Ermittlung in eine politisch hochexplosive Richtung. Weiterlesen
Henriette Valet: Madame 60a (1934)
Henriette Valet (1900 – 1993) war in Paris Schriftstellerin und Journalistin. Sie schrieb für linke Arbeiter- und Gewerkschaftsblätter, Romane und darüber hinaus Theaterstücke. In der Szene linker Intellektueller lernte sie den marxistischen Philosophen und Soziologen Henri Lefebvre kennen, den sie 1936 heiratete. Nach 1946 verlieren sich ihre literarischen Spuren. Ihr Roman Madame 60a wurde 1934 veröffentlicht und erfuhr mehrere Auflagen.
Und dies zu Recht. Die Autorin thematisiert die Situation von ledigen schwangeren Frauen, die aus der ehrbaren Gesellschaft verstoßen worden sind. Deshalb sollen sie wieder brav und fügsam sein, still leiden und fleißig arbeiten. Für ihre Würde und Rechte gibt es wenig Raum. Sogar untereinander scheint es wenig Unterstützung zu geben. Denn die Schwangeren loten untereinander ihre eigene, gnadenlose Hackordnung aus, die von den verheirateten Frauen angeführt wird. Danach kommen die Arbeiterinnen und die Dienstmädchen. Und am Ende die Huren, Bettlerinnen und Polinnen, die auf fremden Feldern schwere Arbeit verrichten und in Baracken hausen. Sie alle haben einiges gemeinsam: Armut, wenig Bildung und eine ungewollte Schwangerschaft. Weiterlesen
Thomas Enger & Jørn Lier Horst: Bluttat
Für Kriminalkommissar Alexander Blix ist ein Alptraum wahrgeworden. Seine Kollegin Kovic wird in ihrem Haus ermordet, und seine Tochter Iselin, die einzige Zeugin dieses Mordanschlags, kann sich nur knapp über eine Flucht durch ein Fenster vor den Mörder retten. Am nächsten Tag wird Iselin entführt. Jetzt gilt Blix als befangen und darf die Ermittlung nicht mehr leiten. Doch er kann nicht loslassen. Jede Sekunde, Minute und Stunde zählt. Blix will seine Tochter unbedingt retten. Dabei missachtet er alle Regeln der Polizeiarbeit.
Auch die mit ihm befreundete Kriminalreporterin Emma Ramm ignoriert Regeln. Im Wettlauf mit der Zeit bringen sie nicht nur sich und ihre Reputation in Gefahr. In seiner Angst um seine Tochter setzt Blix bei seinen heimlichen Ermittlungen buchstäblich alles auf eine Karte.
Die Thrillerautoren Thomas Enger und Jørn Lier Horst haben sich entschlossen, zusammen an einer Serie zu schreiben. Beide haben in der Vergangenheit alleine Bestseller geschrieben. Während der studierte Publizist Thomas Enger am liebsten aus der Perspektive von Journalisten, Kriminalfälle offenlegt, erzählt Jørn Lier Horst, wie die Osloer Polizei Verbrecher jagt. Mit seinem Insiderwissen zeigt er sehr detailliert, in welche Fallen Ermittler geraten, wenn sie persönlich angegriffen werden. Sein Leitgedanke findet sich im Klappentext: Wie kann ein Mann mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit als Täter ins Zentrum einer Mordermittlung kommen? Weiterlesen
Djaimilia Pereira de Almeida: Im Auge der Pflanzen
Kapitän Celestino, der ehemalige Pirat, verlässt die Meere und zieht in das Haus seiner verstorbenen Mutter. Was ihn erwartet, ist alles andere als einladend. Das leerstehende Gemäuer und der verwahrloste Garten haben schon lange keine pflegende Hand mehr erlebt, und dann sind da noch die Nachbarn, die von seiner gewalttätigen Vergangenheit wissen. Einige von ihnen planen, den gefährlichen Kapitän bei der ersten Auseinandersetzung aus dem Dorf zu vertreiben. Doch mit Celestino gibt es keinen Ärger. Hinter der hohen Hecke beginnt er mit den Instandsetzungsarbeiten. Irgendwann ist aus dem Garten eine blühende Oase und aus dem ehemaligen Piraten ein Gärtner geworden.
„Die Pflanzen sahen den Gärtner so, wie Pflanzen sehen. Sie empfanden keine Dankbarkeit. […] Ihnen war es egal, ob ein Mörder sich um sie kümmerte, ob die Hände […] schmutzig waren und was vor der Liebe gewesen war, die er ihnen schenkte. […] die Pflanzen lebten und starben ungerührt.“ (S. 48)
Djaimilia Pereira de Almeida wurde 1982 in Luanda, Angola, geboren. Sie promovierte in Literaturtheorie und schreibt für Zeitschriften und Magazine. Bisher erhielt sie verschiedene Preise und Auszeichnungen. Weiterlesen
Alexis Ragougneau: Opus 77
Der Komponist Dimitri Schostakowitsch schrieb das Opus 77, als Stalin regierte. Es war sein erstes Violinkonzert und zugleich seine Antwort auf die allgegenwärtige Unterdrückung. „Nie hat Musik wohl mehr den Kampf des Lichts gegen die dunklen Mächte symbolisiert.“ (S. 147)
Ausgerechnet dieses Werk spielt die Pianistin Ariane Cleassens anlässlich der Beerdigung ihres Vaters, der in Genf ein berühmter Dirigent war. Sie widmet ihr Konzert auch ihrem abtrünnigen Bruder David, der mit dem gemeinsamen Vater sein ganzes Leben lang tiefgreifende Differenzen austrug. Denn nie hörten Ariane und David ein Lob. Also spielten sie gemeinsam um ihr Leben und gaben sich dabei gegenseitig Halt.
Und während Ariane zum Abschied für Vater und Bruder dieses Opus spielt, lässt sie ihre schwierige Kindheit mit dem häufig abwesenden Vater Revue passieren. Sie denkt unter anderem an ihren geliebten Bruder, der im Finale des Concours Reine Elisabeth auftrat. Die wichtigsten Kritiker verfolgten diesen Kraftakt, bei dem es für den Solisten nur wenige Pausen gibt.
Davids alter Lehrer meinte, um Opus 77 zu spielen, müsse man ganz unten gewesen und dort eine Weile geblieben sein. Für David war dies kein Problem, denn er war ganz unten angekommen. Nun ging es dank seines Talents und seiner exzellenten Technik aufwärts. Ariane erlebte ein tiefgreifendes Konzert, das sie niemals vergessen wird. Auch für den Dirigenten, Davids Vater, blieb es unvergesslich. Weiterlesen
Mariana Enriquez: Unser Teil der Nacht
Schon früh begreift Gaspar, dass das Zusammenleben mit seinem Vater Juan besonders ist. Sie wohnen allein in einer vernachlässigten leeren Villa. Obwohl Juan keiner geregelten Arbeit nachgeht, haben sie stets genug Geld, und Juan erhält häufig medizinische Hilfe in einer Privatklinik. Mit der Zeit lernt Gaspar, mit der Angst um das Leben seines Vaters zu leben. Doch was geschieht mit ihm, wenn die Ärzte seinem Vater nicht mehr helfen können?
Aus irgendeinem Grund hat Gaspar zu der Familie seiner verstorbenen Mutter keinen Kontakt, und der Bruder seines Vaters soll irgendwo im Ausland leben. Gaspars brüchige Erinnerungen will der schweigsame Juan nicht klären. Auch wenn sie sich echt anfühlen, sollen sie nur schlechte Träume sein.
Und während Juan von Jahr zu Jahr immer kränker und gewalttätiger wird, vergisst Gaspar seine Erinnerungen. Sie verschwinden, als wären sie nie da gewesen. Dafür beherrscht sein Vater seine Gedanken. Er lässt ihn glauben, Gaspar sei ein ganz normaler Junge. Dass er von seinem Vater außergewöhnliche Talente geerbt hat, bleibt für Gaspar lange ein vager Verdacht. Weiterlesen