Der Name Linden Hills steht für den nördlichen Abhang eines fruchtbaren Plateaus, der am unteren Ende am städtischen Friedhof endet. Und weil der felsige Boden für landwirtschaftliche Zwecke völlig ungeeignet ist, konnte 1820 der dunkelhäutige Luther Nedeed dieses 2,5 km lange Areal kaufen. Die Gemeinde lachte damals über diesen scheinbar dummen Menschen und freute sich schon am Tag des Eigentümerwechsels auf sein Scheitern. Doch was sie später erkannten, erschütterte ihre Erwartungen: Aus dem unwegsamen Gelände ist im Laufe der Jahre eine Heimat für Farbige geworden, die Luther Nedeeds Hütten angemietet oder auf einem gepachteten Grundstück Häuser gebaut haben, während ihr Vermieter und später sein Sohn, Enkel, Urenkel noch immer neben dem Friedhof leben und ihre Dienste für Beerdigungen anbieten. Seine Erfolgsgeschichte, der amerikanische Traum für Farbige, weckte die Neugier der Forscher, den Neid der weißen Nachbarn und die Sehnsucht zukünftiger Mieter und Pächter. Was vielen nicht auffiel, war der häufige Wechsel der Bewohner. Weiterlesen
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Georg Adamah: Dein Land in Schutt und Asche
Jede Geschichte beginnt mit einer Idee. Bei dem Autoren Georg Adamah entstand aus so einer Idee 2018 eine Erzählung, und 2020 arbeitete er diese zu einem Thriller aus. Die Brisanz des Themas könnte nahelegen, der aktuelle Bezug wäre der Motor für dieses Buch gewesen. Doch bei genauer Betrachtung geht Georg Adamah einige Schritte weiter, indem er den Titel Dein Land in Schutt & Asche für sich sprechen lässt.
2025 befindet sich der Wissenschaftler Ismael in einem moralischen Dilemma. Auf der einen Seite liebt er seine Frau und Tochter, und auf der anderen Seite ist seine erste Jugendliebe wieder da. Beide Frauen wollen von ihm eine Entscheidung. Während Hannah mit Ismael und Tochter so schnell wie möglich nach Algerien auswandern will, verlangt Sophia von ihm die Trennung von seiner Familie. Doch Ismael ist zu keiner Entscheidung fähig. Als ihn die politischen Ereignisse überrollen, kann er nur noch reagieren. Direkt vor seiner Haustür sieht er gewalttätige Demonstranten und die ebenso gewalttätige Reaktion von Polizei und Heer. Innerhalb weniger Stunden brennt seine Heimat. Es wird wild geschossen und niemand weiß so genau, wer Freund oder Feind ist. Weiterlesen
Alice Oseman: Nothing Left for Us
Dies vorab: Der Jugendroman Nothing Left for Us mit dem Originaltitel Radio Silence von Alice Oseman ist ein Superlativ geworden. Gründe gibt es hierfür viele, unter anderem ihr angenehmer Schreibstil. Die Erzählerin Frances erzählt einfühlsam und extrem spannend von ihren letzten Trimestern und ihrem Wunsch, einen Studienplatz in Cambridge zu bekommen. Seit vielen Jahren arbeitet sie auf dieses Ziel hin, wurde eine der besten Schülerinnen und Schulsprecherin. In der gleichen Zeit hat sie ihr Image des farblosen Nerds aufgebaut.
Wer die private Frances ist, bleibt privat. Diese andere Frances hat ein künstlerisches Talent, liebt bunte Kleidung und ist unter anderem ein großer Fan des Podcasts Universe City, in dem der oder die geheimnisvolle Radio Silence einen verzweifelten Hilferuf aus der Zukunft sendet. Inzwischen hat Frances die spannenden Folgen der Science Fiction-Serie in vielen Skizzenblöcken visualisiert und im Internet veröffentlicht. Am letzten Schultag vor den Sommerferien erhält sie vom Creator den Vorschlag, Universe City mit ihren Bildern zu ergänzen. Weiterlesen
Garry Disher: Stunde der Flut
Wer bereits das Vergnügen hatte, etwas von Garry Disher zu lesen, der ahnt, wie sich die Suche nach Verbrechern in der heißen australischen Landschaft anfühlen könnte. Wenn seine Ermittler zwischendurch versuchen, nassgeschwitzt in Shorts und T-Shirt ihr Privatleben im Griff zu behalten, sofern es überhaupt schon im Griff ist, dann spürt man bei der Lektüre fast schon den heißen Wind auf den spröden Lippen.
Im Prinzip sind Garry Dishers ermittelnde Polizisten immer im Einsatz, denn sie können nicht abschalten. Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen Getriebene. In seinem Kriminalroman Stunde der Flut steht der Polizist Charles Deravin im Fokus. Gerade spürt er die Folgen seiner Handgreiflichkeit gegenüber seinem Chef, der einem Vergewaltiger einen Freibrief geben will. Während seiner Suspendierung muss Charlie zu einer Psychologin und seine ungewohnte Freizeit mit neuem Leben füllen. Wie lange das Disziplinarverfahren gegen ihn laufen wird, steht in den Sternen. Was ebenfalls in den Sternen steht, ist, warum seine Mutter vor zwanzig Jahren aus dem trostlosen Menlo Beach spurlos verschwand und dies ausgerechnet aus einer Gegend, in der viele Polizisten wohnen. Damals hielt jeder seinen Vater, der ebenfalls Polizist war, für den mutmaßlichen Mörder. Doch ohne Leiche und mit einer Handvoll Indizien kann der Fall nicht abgeschlossen werden. Weiterlesen
Christiane Franke & Cornelia Kuhnert: Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke
Martha Frisch und Vera Malottke wohnen im ostfriesischen Leer von 1958 und sind Nachbarinnen. Während Martha Geschäftsinhaberin einer Heißmangel ist, legt Vera offiziell die Karten für betuchte Herren. Der wirtschaftliche Aufschwung ist besonders bei der mondänen Vera zu sehen, die einen roten Sportwagen fährt und ihre Wohnung modern eingerichtet hat. Natürlich glauben viele zu wissen, dass Fräulein Malottke nicht nur mit Karten reich geworden ist. Das Gerede über sie hätte so weiter gehen können, wenn Vera nicht Opfer eines Unfalls geworden wäre. Die örtliche Presse präsentiert das Foto ihrer Leiche und heizt damit neue Spekulationen an. Nur Martha lässt sich von den hetzenden Reden ihrer Kundinnen nicht anstecken. Denn sie mochte Vera und findet die Zurschaustellung ihres wehrlosen, leicht bekleideten Körpers alles andere als angebracht.
Kurz darauf wird Richard, der Sohn einer Freundin, verhaftet. Für Kriminalkommissar Onnen ist der junge Mann der ideale Verdächtige. Schließlich kannte er die ‚Dame‘ von früher und ist erst vor ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Seine Parole lautet: Wer einmal verurteilt worden ist, gehört zu den Gewohnheitsverbrechern. Dagegen gehören Veras Malottkes Kunden, alles Herren aus der ersten Gesellschaft, ausnahmslos in die Kategorie des ehrlichen, anständigen Bürgers und genießen ohne Zweifel die Unschuldsvermutung. Weiterlesen
Jessica Durlacher: Die Stimme
Fünfzehn lange Jahre ist Zelda der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses aus dem Weg gegangen. Mit der Zeit hat sie sich mit dem Nicht-daran-Denken-wollen arrangiert, bis sie von ihrem ältesten Sohn Philip Informationen erhält, die sie zwingen, sich zu erinnern.
Zelda erinnert sich unter anderem an die erschreckenden Begleitumstände ihrer Hochzeit und die neue Perspektive. Sie denkt auch an die wenigen Monate, in denen das Kindermädchen Amal ein Teil ihrer Familie war. Womit niemand rechnen konnte, war Amals verborgenes Gesangstalent. Anfangs ist es ein Geheimnis zwischen ihrem jüngsten Sohn Sam und Amal. Doch dann hören auch andere, wie grandios ihre Gesangsstimme ist.
Ein zweites Mal erfahren Zelda und ihre Familie, wie politische Ereignisse zu weitreichenden Folgen führen. Weiterlesen
T.J. Newman: Flug 416
Bill und Carrie führen mit ihren beiden kleinen Kindern ein privilegiertes Leben in Los Angeles. Als erfahrener Pilot hat Bill sich auf alles eingestellt, was man sich nach vielen Jahren harter Arbeit nur wünschen kann. Doch dann erlebt er einen Flug, der durch einen terroristischen Akt zu einem Todesflug werden soll. Gleichzeitig wird seine Familie von einem Terroristen entführt und mit dem Tod bedroht wird. Bill soll sich dem Willen der Erpresser beugen und entscheiden, wer überleben soll. Die Passagiere oder seine Familie. Bei einer Weigerung müsse er mit dem Eingreifen eines Attentäters an Bord rechnen, der ihn ebenfalls kontrolliert.
Es beginnen die längsten sechs Stunden Flug, die Bill jemals erlebt hat. Während das FBI unter Zeitdruck seine Familie sucht, arbeiten er und die Flugbegleiterin Jo fieberhaft daran, die Gefahrensituation an Bord zu reduzieren. Das Leben von über 140 Seelen steht auf dem Spiel, unter anderem.
Die Autorin T. J. Newman kennt als ehemalige Flugbegleiterin die Interna des Flugbetriebs und die Regeln in Notfallsituationen. Nachdem das World Trade Center durch terroristische Anschläge zerstört worden ist, hat sich in der Luftfahrt viel verändert. Doch die scheinbar schärferen Sicherheitsbedingungen haben Lücken. Auf sehr spannende Weise spielt T. J. Newman mehrere Szenarien durch, die von allen Beteiligten alles Menschenmögliche abverlangen. Weiterlesen
Jens Brambusch: Tausche Büro gegen Boot
Der Journalist Jens Brambusch stellte eines Tages fest, dass er in seinem Leben dringend etwas ändern müsse. Schließlich hat sich in seinem Umfeld insbesondere bei den Arbeitsbedingungen vieles verändert und dies leider nicht zum Guten. Statt genug Zeit für eine gründliche Recherche zur Verfügung zu haben, um die Menschen so objektiv wie möglich zu informieren, wurde er wie all seine Kollegen dazu angehalten, so schnell wie möglich einen Artikel abzufassen. Ausgewogener Journalismus wird nun der Aktualität geopfert. Systematisch hat er sich für die Arbeit aufgerieben, und dann ist da noch sein Sport, das Strandsegeln. Als sein Körper ihn zu einem Umdenken zwingt, bleibt sein Kopf beim Segeln. Wer sein Leben lang den Segelsport betreibt, kann sich auf diesem Weg auch neue Schritte denken, und zwar das Wohnen auf einem Boot.
Wie er dann tatsächlich sein Büro gegen ein Boot tauscht, nachdem er seinen kompletten Besitz verkauft hat, beschreibt er strukturiert in verschiedenen Kapiteln den Start in ein Leben als Aussteiger. In der Türkei findet er mit der Hilfe eines Freundes das passende Boot. Sein Heimathafen soll Kas werden. Weiterlesen
Raffaella Romagnolo: Das Flirren der Dinge
„Das Glück, Antonio. Hörst du nicht, dass es dich ruft?“ (S. 316)
Zunächst sieht Antonios Leben im Waisenhaus alles andere als glücklich aus.
Und wäre ihm in seiner Kindheit der Fotograf Alessandro nicht begegnet, wäre er vermutlich im Waisenhaus vor die Hunde gegangen. Wer wie er ganz unten in der Hierarchie der Kinder steht, lernt, sich unsichtbar zu machen. Und wer unsichtbar ist, wird weniger drangsaliert. Doch eines Tages steht wieder ein Fremder vor den aufgereihten Waisenkindern, um sich eine Arbeitskraft auszusuchen. Ausgerechnet Antonio will der Fotograf Alessandro als zukünftigen Assistenten mitnehmen, den unscheinbaren Jungen mit einem fast blinden Auge, das er unter einer Augenklappe verbirgt.
In der Zeit von 1867 bis 1915 betrachtet Antonio die gesellschaftlichen Ereignisse in Genua und in Mailand durch den Sucher und erfährt dabei, dass auch jenseits der Linse alles für ihn möglich ist. Er muss sich nur trauen und die Initiative ergreifen.
Und es dauert nahezu ebenso lange, bis er begreift, dass seine besondere Gabe nicht nur Fluch, sondern auch ein Segen sein kann. Weiterlesen
Goliarda Sapienza: Tage in Rebibbia (1983)
Irgendwann ging es nicht mehr weiter. Die Autorin Goliarda Sapienza (1924–1996) hatte alle Karten in ihrem Leben ausgereizt, und es schien, dass all ihre Entbehrungen umsonst gewesen waren. Zehn Jahre hatte sie an ihrem Lebenswerk geschrieben, unter Depressionen gelitten, und die Verleger lehnten ihr unkonventionelles Manuskript ab. Wäre sie ein Mann gewesen, hätten die Verleger vermutlich das umfangreiche Buch herausgebracht. Aber das literarische Werk hatte eine moderne, unabhängige Frau geschrieben. Mittel- und obdachlos stand sie da, und keiner wollte sie für ihre Arbeit entlohnen. Und weil sie eine Dekade lang nur für ihr Opus lebte, gab es in dieser Zeit auch keine Veröffentlichungen, die für sie sprachen.
Goliarda Sapienza hatte also alle Karten ausgespielt und wie jeder andere lebendige Mensch Hunger und andere Bedürfnisse. Wer keine Gönner oder Spender zur Hand hat, der greift schon mal zu. Also griff sie zu und erleichterte eine Bekannte. Statt den Wertgegenstand zu versilbern, wurde sie geschnappt, verurteilt und landete 1980 am Ende des Sommers für ein paar Monate in einem römischen Frauengefängnis. Dieses hatte gerade einige Reformen durchlebt: Es gab keine Nonnen mehr als Aufsichtspersonal, und die Gefängniskleidung wurde abgeschafft. Nun regelten die inhaftierten Frauen ihren Alltag zum Teil eigenständig. Weiterlesen