G.D. Adson: Blutrot ist das Schweigen

Es ist einfach, ein korruptes System zu tolerieren, wenn man unbehelligt durch den Alltag kommt. Kleine Fische schwimmen zu ihrem Schutz in Schwärmen, auch wenn Raubfische regelmäßig einen der ihren fressen.

In einem Schwarm, in dem russische Polizisten ihren Dienst verrichten, arbeitet Hauptmann Natalja Iwanowa. In Sankt Petersburg verfolgt sie in einer untergeordneten Abteilung Kapitalverbrechen. Hier ist sie aufgrund ihrer hohen Aufklärungsrate, Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit der Vorzeigefisch. Jeder Außenstehende soll an mit Blick auf Natalja an Verhältnisse im Polizeiapparat glauben, die besser sind als ihr Ruf.

Als eine politische Aktivistin im eiskalten Januar neben einem Straßengraben, halb vom Schnee verborgen, zufällig von einem urinierenden Polizisten gefunden wird, hat Natalja die Order, politische Mitstreiter als Hauptverdächtige zu überführen. Wie gewohnt beginnt sie die Ermittlungsarbeit in den Augen ihres Vorgesetzten völlig falsch, also viel zu gründlich. Und wieder deckt sie Ungereimtheiten auf, die in eine andere Richtung zeigen.

Viel zu schnell wird der Fall der nächsten Instanz übergeben, die ihn politisch lösen sollen. Das übliche Procedere vor der Ablage beginnt: In den Zeitungen wird die Ermordete als drogensüchtige Prostituierte beschrieben, die Opfer ihrer Lebensumstände sei. Weiterlesen

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Tove Alsterdal: Sturmrot

Eira Sjödins Karriere bei der Polizei hätte in Stockholm weiter gehen können. Doch sie wird zuhause in Kramfors gebraucht. Ihre Mutter ist an Demenz erkrankt und wird auf Dauer Hilfe brauchen, die ihr älterer Bruder Magnus nicht leisten kann. Sie beginnt den erhofften ruhigen Job auf dem Land, wo quasi jeder jeden kennt.

Zur gleichen Zeit kehrt Olof heim. Dreiundzwanzig Jahre war er weggeschlossen und als er nach seiner Freilassung seinen Vater Sven besuchen will, findet er ihn ermordet vor. Natürlich geschieht alles Weitere so, wie er es schon als Vierzehnjähriger erlebt hat. Olof steht im Zentrum einer arbeitsintensiven Ermittlung, bei der Eira und ihre Kollegen auf weitere Verbrechen stoßen.

Anfangs glaubt Eira, Olofs Rückkehr und der Mord an seinen Vater könnten miteinander zusammenhängen. Ständig denkt sie an die verschwundene Lina, die Olof als Jugendlicher im Wald umgebracht haben soll. Damals war sie noch ein Kind, das nur beiläufig die eine oder andere Information aufgeschnappt hat. Auch im aktuellen Fall will nichts zusammenpassen, dafür haben die Dorfbewohner und Hater im Internet bereits eine unumstößliche, folgenschwere Meinung. Weiterlesen

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Patrick Bard: Point of View: Wenn du nicht wegschauen kannst

Lucas Leben ist vollständig durcheinander. Er kann nicht mehr schlafen, seine Schulnoten sind unterirdisch, und er verliert völlig den Kontakt zu seinen Freunden. In seinem Kopf sind ständig diese Bilder und Szenen.

„Das Problem ist: Nur die Flucht in die Pornowelt lässt ihn zur Ruhe kommen. Dabei kann er loslassen und alles vergessen.“ (S. 88, 89)

Irgendwann erkennen auch seine Lehrer und Eltern, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Lange glauben sie, Strenge und Gespräche könnten helfen. Natürlich weiß Lucas aus eigener Erfahrung, dass das Aufhören nicht so einfach ist. Wie kann man mit etwas aufhören, das seine Gedanken vollständig beherrscht.

An dem Tag, an dem seine Eltern mit ihm eine neue Maßnahme ausprobieren wollen, trifft Lucas selbst eine Entscheidung, die drastisch und folgenreich wird.

„Er hatte sich von uns zurückgezogen“, wird die einzige vernünftige Antwort sein, die der Richter von Lucas Eltern herausbekommen wird, um zu erklären, warum Lucas […] auf der […] A11 […] bei 110 Stundenkilometern […] die hintere Autotür geöffnet hat und […] gesprungen ist.“ (S. 108)

Patrick Bards Romane wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Autor, Reiseschriftsteller und Fotojournalist aus Frankreich bearbeitet meistens die Themen Grenzen und Frauenfragen. Weiterlesen

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Gloria Naylor: Linden Hills (1985)

Der Name Linden Hills steht für den nördlichen Abhang eines fruchtbaren Plateaus, der am unteren Ende am städtischen Friedhof endet. Und weil der felsige Boden für landwirtschaftliche Zwecke völlig ungeeignet ist, konnte 1820 der dunkelhäutige Luther Nedeed dieses 2,5 km lange Areal kaufen. Die Gemeinde lachte damals über diesen scheinbar dummen Menschen und freute sich schon am Tag des Eigentümerwechsels auf sein Scheitern. Doch was sie später erkannten, erschütterte ihre Erwartungen: Aus dem unwegsamen Gelände ist im Laufe der Jahre eine Heimat für Farbige geworden, die Luther Nedeeds Hütten angemietet oder auf einem gepachteten Grundstück Häuser gebaut haben, während ihr Vermieter und später sein Sohn, Enkel, Urenkel noch immer neben dem Friedhof leben und ihre Dienste für Beerdigungen anbieten. Seine Erfolgsgeschichte, der amerikanische Traum für Farbige, weckte die Neugier der Forscher, den Neid der weißen Nachbarn und die Sehnsucht zukünftiger Mieter und Pächter. Was vielen nicht auffiel, war der häufige Wechsel der Bewohner. Weiterlesen

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Georg Adamah: Dein Land in Schutt und Asche

Jede Geschichte beginnt mit einer Idee. Bei dem Autoren Georg Adamah entstand aus so einer Idee 2018 eine Erzählung, und 2020 arbeitete er diese zu einem Thriller aus. Die Brisanz des Themas könnte nahelegen, der aktuelle Bezug wäre der Motor für dieses Buch gewesen. Doch bei genauer Betrachtung geht Georg Adamah einige Schritte weiter, indem er den Titel Dein Land in Schutt & Asche für sich sprechen lässt.

2025 befindet sich der Wissenschaftler Ismael in einem moralischen Dilemma. Auf der einen Seite liebt er seine Frau und Tochter, und auf der anderen Seite ist seine erste Jugendliebe wieder da. Beide Frauen wollen von ihm eine Entscheidung. Während Hannah mit Ismael und Tochter so schnell wie möglich nach Algerien auswandern will, verlangt Sophia von ihm die Trennung von seiner Familie. Doch Ismael ist zu keiner Entscheidung fähig. Als ihn die politischen Ereignisse überrollen, kann er nur noch reagieren. Direkt vor seiner Haustür sieht er gewalttätige Demonstranten und die ebenso gewalttätige Reaktion von Polizei und Heer. Innerhalb weniger Stunden brennt seine Heimat. Es wird wild geschossen und niemand weiß so genau, wer Freund oder Feind ist. Weiterlesen

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Alice Oseman: Nothing Left for Us

Dies vorab: Der Jugendroman Nothing Left for Us mit dem Originaltitel Radio Silence von Alice Oseman ist ein Superlativ geworden. Gründe gibt es hierfür viele, unter anderem ihr angenehmer Schreibstil. Die Erzählerin Frances erzählt einfühlsam und extrem spannend von ihren letzten Trimestern und ihrem Wunsch, einen Studienplatz in Cambridge zu bekommen. Seit vielen Jahren arbeitet sie auf dieses Ziel hin, wurde eine der besten Schülerinnen und Schulsprecherin. In der gleichen Zeit hat sie ihr Image des farblosen Nerds aufgebaut.

Wer die private Frances ist, bleibt privat. Diese andere Frances hat ein künstlerisches Talent, liebt bunte Kleidung und ist unter anderem ein großer Fan des Podcasts Universe City, in dem der oder die geheimnisvolle Radio Silence einen verzweifelten Hilferuf aus der Zukunft sendet. Inzwischen hat Frances die spannenden Folgen der Science Fiction-Serie in vielen Skizzenblöcken visualisiert und im Internet veröffentlicht. Am letzten Schultag vor den Sommerferien erhält sie vom Creator den Vorschlag, Universe City mit ihren Bildern zu ergänzen. Weiterlesen

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Garry Disher: Stunde der Flut

Wer bereits das Vergnügen hatte, etwas von Garry Disher zu lesen, der ahnt, wie sich die Suche nach Verbrechern in der heißen australischen Landschaft anfühlen könnte. Wenn seine Ermittler zwischendurch versuchen, nassgeschwitzt in Shorts und T-Shirt ihr Privatleben im Griff zu behalten, sofern es überhaupt schon im Griff ist, dann spürt man bei der Lektüre fast schon den heißen Wind auf den spröden Lippen.

Im Prinzip sind Garry Dishers ermittelnde Polizisten immer im Einsatz, denn sie können nicht abschalten. Sie sind aus den unterschiedlichsten Gründen Getriebene. In seinem Kriminalroman Stunde der Flut steht der Polizist Charles Deravin im Fokus. Gerade spürt er die Folgen seiner Handgreiflichkeit gegenüber seinem Chef, der einem Vergewaltiger einen Freibrief geben will. Während seiner Suspendierung muss Charlie zu einer Psychologin und seine ungewohnte Freizeit mit neuem Leben füllen. Wie lange das Disziplinarverfahren gegen ihn laufen wird, steht in den Sternen. Was ebenfalls in den Sternen steht, ist, warum seine Mutter vor zwanzig Jahren aus dem trostlosen Menlo Beach spurlos verschwand und dies ausgerechnet aus einer Gegend, in der viele Polizisten wohnen. Damals hielt jeder seinen Vater, der ebenfalls Polizist war, für den mutmaßlichen Mörder. Doch ohne Leiche und mit einer Handvoll Indizien kann der Fall nicht abgeschlossen werden. Weiterlesen

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Christiane Franke & Cornelia Kuhnert: Frisch ermittelt: Der Fall Vera Malottke

Martha Frisch und Vera Malottke wohnen im ostfriesischen Leer von 1958 und sind Nachbarinnen. Während Martha Geschäftsinhaberin einer Heißmangel ist, legt Vera offiziell die Karten für betuchte Herren. Der wirtschaftliche Aufschwung ist besonders bei der mondänen Vera zu sehen, die einen roten Sportwagen fährt und ihre Wohnung modern eingerichtet hat. Natürlich glauben viele zu wissen, dass Fräulein Malottke nicht nur mit Karten reich geworden ist. Das Gerede über sie hätte so weiter gehen können, wenn Vera nicht Opfer eines Unfalls geworden wäre. Die örtliche Presse präsentiert das Foto ihrer Leiche und heizt damit neue Spekulationen an. Nur Martha lässt sich von den hetzenden Reden ihrer Kundinnen nicht anstecken. Denn sie mochte Vera und findet die Zurschaustellung ihres wehrlosen, leicht bekleideten Körpers alles andere als angebracht.

Kurz darauf wird Richard, der Sohn einer Freundin, verhaftet. Für Kriminalkommissar Onnen ist der junge Mann der ideale Verdächtige. Schließlich kannte er die ‚Dame‘ von früher und ist erst vor ein paar Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden. Seine Parole lautet: Wer einmal verurteilt worden ist, gehört zu den Gewohnheitsverbrechern. Dagegen gehören Veras Malottkes Kunden, alles Herren aus der ersten Gesellschaft, ausnahmslos in die Kategorie des ehrlichen, anständigen Bürgers und genießen ohne Zweifel die Unschuldsvermutung. Weiterlesen

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Jessica Durlacher: Die Stimme

Fünfzehn lange Jahre ist Zelda der Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses aus dem Weg gegangen. Mit der Zeit hat sie sich mit dem Nicht-daran-Denken-wollen arrangiert, bis sie von ihrem ältesten Sohn Philip Informationen erhält, die sie zwingen, sich zu erinnern.

Zelda erinnert sich unter anderem an die erschreckenden Begleitumstände ihrer Hochzeit und die neue Perspektive. Sie denkt auch an die wenigen Monate, in denen das Kindermädchen Amal ein Teil ihrer Familie war. Womit niemand rechnen konnte, war Amals verborgenes Gesangstalent. Anfangs ist es ein Geheimnis zwischen ihrem jüngsten Sohn Sam und Amal. Doch dann hören auch andere, wie grandios ihre Gesangsstimme ist.

Ein zweites Mal erfahren Zelda und ihre Familie, wie politische Ereignisse zu weitreichenden Folgen führen. Weiterlesen

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T.J. Newman: Flug 416

Bill und Carrie führen mit ihren beiden kleinen Kindern ein privilegiertes Leben in Los Angeles. Als erfahrener Pilot hat Bill sich auf alles eingestellt, was man sich nach vielen Jahren harter Arbeit nur wünschen kann. Doch dann erlebt er einen Flug, der durch einen terroristischen Akt zu einem Todesflug werden soll. Gleichzeitig wird seine Familie von einem Terroristen entführt und mit dem Tod bedroht wird. Bill soll sich dem Willen der Erpresser beugen und entscheiden, wer überleben soll. Die Passagiere oder seine Familie. Bei einer Weigerung müsse er mit dem Eingreifen eines Attentäters an Bord rechnen, der ihn ebenfalls kontrolliert.

Es beginnen die längsten sechs Stunden Flug, die Bill jemals erlebt hat. Während das FBI unter Zeitdruck seine Familie sucht, arbeiten er und die Flugbegleiterin Jo fieberhaft daran, die Gefahrensituation an Bord zu reduzieren. Das Leben von über 140 Seelen steht auf dem Spiel, unter anderem.

Die Autorin T. J. Newman kennt als ehemalige Flugbegleiterin die Interna des Flugbetriebs und die Regeln in Notfallsituationen. Nachdem das World Trade Center durch terroristische Anschläge zerstört worden ist, hat sich in der Luftfahrt viel verändert. Doch die scheinbar schärferen Sicherheitsbedingungen haben Lücken. Auf sehr spannende Weise spielt T. J. Newman mehrere Szenarien durch, die von allen Beteiligten alles Menschenmögliche abverlangen. Weiterlesen

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