Charlotte Schallié (Hrsg.): Barbara Yelin, Miriam Libicki, Gilad Seliktar: Aber ich lebe

Die Geschichte des Holocaust in Form eines Comics, als Graphic Novel? Kann das funktionieren? Daran zweifelte ich, als ich dieses Buch im Programm des C.H. Beck Verlags entdeckte, ich zweifelte, war aber auch neugierig. Daher habe ich es mir angeschaut und bin darin eingetaucht. Denn: es funktioniert fabelhaft.

„Vier Kinder überleben den Holocaust“, so lautet der Untertitel. Und genau darum geht es auch, um die Geschichten von 4 ganz unterschiedlichen Menschen, die in unterschiedlichen Ländern auf ganz unterschiedliche Weise die grausamen Schrecken überlebten.

Da ist zuerst Emmie Arbel, deren Geschichte Barbara Yelin aufzeichnet (nie war dieses Wort treffender). Emmie, die heute in Israel lebt, wurde in den Niederlanden geboren und war gerade einmal viereinhalb Jahre alt, als sie zusammen mit ihrer Familie in ein Lager kam.

Dann lernen wir David Schaffer kennen, 1931 in der Bukowina geboren, das damals zu Rumänien gehörte. Er überlebte, weil er sich nicht an die Regeln hielt. Seine Geschichte zeichnete Miriam Libicki. Weiterlesen

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Matthias Heine: Ausgewanderte Wörter

Dass wir in unserem Alltag viele eingewanderte Wörter verwenden, ist nicht neu. Jeden Tag sprechen wir von Computer, Fisimatenten oder ähnlichem. Aber aus unserer Sprache sind auch ganz viele Wörter ausgewandert, in alle Himmelsrichtungen und zu allen Zeiten.

Davon erzählt Matthias Heine in seinem Buch, das etliche Beispiele aufzählt. Viele davon sind bekannt, zum Beispiel Rucksack oder Kindergarten. Aber wer hätte gewusst, dass in Samoa das Wort „Fünfer“ angekommen ist oder im Ungarischen das Wort „Kupplung“.

Besonders spannend fand ich auch den „Perückenmacher“ im Russischen oder das „Hofbräuhaus“ in Korea – obwohl, das wundert dann doch eher nicht.

Interessant sind dabei die Geschichten dahinter, wie und warum kam dieses deutsche Wort in das fremde, oft weit entfernte Land. Bei manchen überrascht die Erklärung nicht, wenn zum Beispiel die Auswanderer das Deutsche mitnahmen nach Amerika. Aber wie kam der „Schraubenzieher“ ins Serbokroatische? Dabei erkennt man als Deutsche das Wort dann oft gar nicht wieder, wird es doch in den Sprachduktus und natürlich auch in die Schrift des Auswanderungslandes übernommen. Weiterlesen

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Elyas Jamalzadeh & Andreas Hepp: Freitag ist ein guter Tag zum Flüchten

Wann ist man wirklich angekommen? Wann ist eine Flucht wirklich zu Ende? Und wann ist das neue Zuhause Heimat? Und schließlich die Frage, die mich während der Lektüre dieses Buches immer wieder beschäftigte: Wie verkraftet man solche Erlebnisse?

Elyas Jamalzadeh erzählt auf ganz ungewöhnliche Weise von seinem Leben auf der Flucht. Er wurde quasi auf der Flucht geboren, denn seine Eltern waren bereits aus Afghanistan geflohen, bevor er auf die Welt kam. So wurde er im Iran geboren und war dadurch weder das eine noch das andere, weder noch Afghane noch schon Iraner. Obwohl seine Familie viele Jahre im Iran lebte, kamen sie dort nie wirklich an, wurden nie anerkannt und blieben illegal. Was bedeutete, dass keiner von ihnen offiziell arbeiten durfte, die Kinder durften nicht in die Schule und Unterstützung bekamen sie auch nicht. Er war schon fast erwachsen, als die Familie beschloss, erneut zu fliehen, und zwar nach Österreich, wo eine seiner Schwestern bereits lebte. Weiterlesen

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Melissa Harrison: Weißdornzeit

Es geht in diesem Roman vor allem ruhig zu, betulich, beschaulich. Trotzdem entwickelt diese Geschichte eine gewisse Spannung, eine Art Faszination.

Mehrere Handlungsfäden laufen langsam aufeinander zu, erzählt aus den jeweiligen Perspektiven. Da sind zum einen Kitty und Howard, die ihren Lebensabend auf dem Land verbringen wollten und daher vor einiger Zeit aus London fort und in ein kleines Dorf gezogen sind. Kitty vor allem erfüllt sich damit einen Lebenstraum, sie findet im der Landschaft immer wieder Motive für ihre Malerei. Howard, dessen Hobby alte Radiogeräte sind, fühlt sich auf dem stillen Land nicht ganz so wohl, er vermisst das Getriebe der Großstadt.

Schon immer im Dorf gewohnt hat der junge Jamie, der nicht so recht weiß, wohin ihn sein Leben führen soll. Er arbeitet und spart vor allem für sein Auto, das er hegt und pflegt. Dabei ist er ein rechter Außenseiter, insbesondere, seit seine Kindheitsfreunde, die Nachbarskinder, fortgingen. Weiterlesen

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Robert Habeck & Andrea Paluch: Sommergig

Andrea Paluch und Ihr Ehemann Robert Habeck (ja, genau der) schreiben ja schon eine ganze Weile zusammen Romane, vor allem Jugendbücher. Dieses, im Original bereits 2009 erschienen, war nun das erste, das ich von dem Autorenpaar las und ich muss sagen, es hat sich gelohnt.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 17jährige Tom, der mit seinem Vater zusammenlebt. Seine Mutter ist vor Jahren gestorben, Vater und Sohn haben lange Zeit in Amerika gelebt. Als Tom nach Deutschland zurückkam und als Neuer in die Schule eintrat, begegnete er zum ersten Mal der Mädchenband Penny or Dime. Die vier Schülerinnen, Penny, Anna, Britt und Ilayda werden für ihn regelrecht zum Zentrum seines Lebens. Vor allem um Penny, die Sängerin der Band, drehen sich seine Gedanken. Zu dumm nur, dass diese ausgerechnet mit Aikal, Ilaydas Bruder, geht, der auch Toms bester Freund ist.

Die Band gewinnt eine Einladung auf ein Nachwuchsfestival in Kopenhagen und Tom darf die Mädchen dorthin chauffieren. Hitze, Alkohol, Eifersucht und Missverständnisse bringen die Gruppe fast zum Auseinanderbrechen. Als schließlich auch noch ein syrischer Flüchtling um ihre Hilfe bittet, eskaliert die Lage. Weiterlesen

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Karin Kalisa: Fischers Frau

Die Geschichten zweier Frauen, die sich nie begegneten, erzählt mit hoher sprachlicher Finesse.

Ende der zwanziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts ereilte die Fischer der Ostsee ein dreijähriges Fangverbot. Nun mussten sie nicht nur eine Beschäftigung, sondern auch vor allem neue Einkommensquellen finden. Da überrascht es, dass ihnen ausgerechnet das Knüpfen von Teppichen geeignet erschien. Doch in der Tat begannen die Fischer, feinste Teppiche zu erschaffen, nach unterschiedlichen Knüpftechniken, mit immer wechselnden Motiven aus ihrem Alltag, Schiffe, Fische und das Meer.

Einhundert Jahre später erhält die spröde, sehr zurückgezogen lebende Kuratorin Mia Sund eines Tages einen derartigen Teppich zugeschickt, der jedoch noch viele andere Motive zeigt, einen Namen zu nennen scheint wie eine Signatur und in welchen viele geheimnisvolle Zeichen eingeknüpft sind. Weiterlesen

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Annika Büsing: Nordstadt

Die kämpferische Bademeisterin Nene und der zurückhaltende Boris, das Liebespaar des Jahres. So könnte man den Debütroman der im Ruhrgebiet geborenen Autorin zusammenfassen. Die beiden jungen Menschen sind Außenseiter: Sie ist traumatisiert von einer gewalttätigen Kindheit, von Einsamkeit und Lieblosigkeit. Er verdankt der Nachlässigkeit seiner Mutter die Erkrankung an Kinderlähmung, deren Folgen ihm bis heute Schmerzen und Ausgrenzung verursachen.

Ihrer beider Geschichte erfahren wir aus dem Mund Neles, unverblümt kotzt sie die Sätze aus, erratisch erzählt sie von ihrer wachsenden Zuneigung zu diesem verstörten Jungen, der ständig lügt und ihr Dinge vorgaukelt, die so nicht existieren. Boris ist so ganz anders als die Männer und Jungs, die sie bislang kennt, und er lässt sie nicht so einfach und schnell in sein Herz.

Wie es ihr gelingt, sich dennoch dort hineinzuschleichen, wie sie die Mauern überwindet, die er um sich herum errichtet hat und dabei auch ihre eigenen zum Wanken bringt, das beschreibt die Autorin in einem ganz eigenen, eigenwilligen Stil. Der aber so fulminant gut zu der Figur der Nene passt, als wäre er für sie erfunden. Weiterlesen

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Marcel Huwyler: Das goldene Taschenmesser

Seine Romane um die Auftragsmörderin Violetta Morgenstern sind ein Genuss, ein herrliches Lesevergnügen. So habe ich dem Beginn seiner neuen Romanreihe geradezu entgegengefiebert.

Dieser Roman also schildert den ersten „Fall“ von Eliza Roth-Schild (!), der frisch verwitweten und abrupt gänzlich mittellosen Unternehmergattin. Ihr Mann hat nämlich beim versuchten Versicherungsbetrug sich selbst zusammen mit ihrer Villa in die Luft gesprengt, so dass Eliza zusätzlich auch noch obdachlos ist.

Doch sie ist weder auf den Kopf gefallen noch so leicht unterzukriegen. Recht schnell erkennt sie das Potential in ihrem Doppelnamen, zusammengesetzt aus ihrem Mädchen- und ihrem Ehenamen. Aber nicht nur das, auch andere sehen in ihr Talent und Möglichkeit und so kommt es dazu, dass sie für einen Unternehmer einen anderen ausspionieren soll.

Unterschlupf während dieser Anbahnung neuer Geschäftsmöglichkeiten findet Eliza bei Fabio, einem jungen und unternehmungslustigen Bühnenbildner mit Nebenbeschäftigung. Er bewundert die ältere Frau, doch Eliza empfindet für ihn lediglich Freundschaft. Weiterlesen

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Mala Kacenberg: Malas Katze

Dieses Buch ist kein Roman, sondern die Erzählung der Erlebnisse der Autorin als Kind und Jugendliche während des Zweiten Weltkriegs. Die Jüdin Mala Kacenberg wurde 1927 in Polen geboren und wuchs in einem kleinen Dorf auf, in einer kinderreichen, armen Familie.

Als die Deutschen in Polen einmarschieren und schließlich auch in ihr Dorf eindringen, als dort die Juden verraten, verfolgt, verjagt und getötet werden, flieht das Mädchen, das dank seiner blonden Haare und hellen Augen so gar nicht jüdisch aussieht. So überlebt sie als einzige der Familie, alle anderen werden deportiert und sterben.

Auf ihrer Flucht wechselt sie immer wieder die Identität, reist bis nach Deutschland, wo sie als Zwangsarbeiterin bei einer ihr freundlich gesonnenen Familie unterkommt. Immer dabei hat sie ihre Katze Malach, deren Name das jüdische Wort für Schutzengel ist.

Mala ist ein tapferes Mädchen, das sich immer wieder durchschlägt, mit Wagemut, Ideenreichtum und Pfiffigkeit und auch dank ihrer Stärke, die sie auch die schwerste Arbeit bewältigen lässt. Weiterlesen

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Lina Jansen: Fräulein Stinnes und die Reise um die Welt

Romane, die wie dieser auf realen Ereignissen basieren, haben mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass man den Ausgang der Geschichte kennt. Dennoch Spannung aufbauen zu können, zeugt also von Talent. Und das trifft auf diesen Roman zu, der die wahre Geschichte von Clärenore Stinnes erzählt, die als erste Frau im Automobil die Welt umrundete. Das immerhin im Jahr 1927!

Fräulein Stinnes ist die Tochter des steinreichen Unternehmers Hugo Stinnes und seiner Frau Cläre. Insbesondere mit der Beziehung zwischen Tochter und Mutter beschäftigt sich der Roman, der sich so nah wie möglich an den tatsächlichen Geschehnissen orientiert, trotzdem aber seine fiktiven Teile hat.

Clärenore Stinnes, nach dem Tod des Vaters entgegen dessen Wunsch von der Mutter von jeder Unternehmensleitung ausgeschlossen, sucht die Herausforderung, sucht die Anerkennung der Mutter. Diese jedoch hält Frauen für minderwertig und bevorzugt ihre Söhne. Damit haben Clärenore und ihre jüngere Schwester Hilde stets zu kämpfen, wobei sich letztere der Mutter unterordnet. Weiterlesen

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