John Ryan Stradal: Die Bierkönigin von Minnesota

Ich gebe zu, dass ich dieses Buch in die Leseliste aufgenommen hatte, war ein Freud’scher Verleser – ich hatte „Bienen“ statt „Bier“ gelesen. Daher habe ich die Lektüre auch ein wenig vor mir hergeschoben. Doch einmal angefangen, konnte ich die Geschichte kaum mehr aus der Hand legen – das Buch hat mich von der ersten Seite gepackt.

Im Zentrum des Romans stehen drei Frauen: Helen, die mit 15 zum ersten Mal Bier getrunken hat, lebte von da an nur für ein Ziel – sie wollte selbst Bier brauen. Um ihre Brauerei finanzieren zu können, überredete sie ihren Vater, seine Farm zu verkaufen und ihr das gesamte Erbe zu überlassen. Ihre Schwester Edith ging leer aus und verweigerte fortan den Kontakt Helen.

Nach dem Unfalltod ihrer Tochter nimmt Edith ihre 15jährige Enkelin Diana bei sich auf. Diese unterstützt ihre Oma, indem sie neben der Schule arbeiten geht, aber auch durch den Verkauf gestohlener Werkzeuge. Bei einem dieser Einbrüche wird sie erwischt und einigt sich mit dem Besitzer auf einen Deal – sie darf in seiner Brauerei arbeiten, um die Schulden abzugelten. Dabei erliegt sie der Faszination des Getränkes. Weiterlesen

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Martin Becker: Kleinstadtfarben

Kommissar Peter Pinscher wird strafversetzt nach Mündendorf, wo er als Bezirksdienstbeamter eingesetzt werden soll. Heißt im Klartext: Bürgersprechstunde, Gewaltprävention an Schulen, Puppentheater in Grundschule und Kindergarten und was sonst noch anfällt. Der Grund: Pinscher hält sich nicht an Regeln und fällt immer wieder durch ruppiges Verhalten gegenüber Bürgern und Kollegen auf.

Also Versetzung, muss er akzeptieren. Von der Großstadt am Rhein in die Kleinstadt am Rand des Mittelgebirges – Mündendorf – ausgerechnet Mündendorf. Da kommt er her. Da steht das Häuschen, indem er seine Kindheit verbracht hat. Da wohnt seine demente Mama im Altersheim.

Letzteres ist ist zumindest ein Pluspunkt. Für seine Mama tut er alles und nun kann er sie täglich besuchen.

Auf der Minusseite: In Mündendorf trifft er auf alte Schulkameraden – vor allem auf Goranek, der jetzt sein Chef ist. Und was außer ihm keiner weiß: In Mündendorf holen ihn die Ängste ein, vor denen er schon seit langem davonläuft. Vor allem sein Elternhaus, welches er ohne Wissen seiner Mutter verkauft hatte, birgt viele schlimme und schreckliche Erinnerungen. Weiterlesen

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Pajtim Statovci: Grenzgänge

Manche Bücher eröffnen neue Welten. „Grenzgänge“ von Pajtim Statovci ist eines davon. Der Roman erzählt die Geschichte von Bujar, der ein Junge ist, aber ein Mädchen sein möchte. Erzählt von Flucht und der Suche nach Wertschätzung und nach Liebe.

Bujar wächst in Albanien auf, beim Sturz der letzten kommunistischen Regierung ist er vierzehn Jahre alt. Kindheit und Jugend sind geprägt von den Geschichten, die der Vater erzählt – von Helden und Gleichnissen, von Skanderbeg und dem Adler und vom Stolz darauf, ein Albaner zu sein.

Im Frühling 1991 stirbt sein Vater, seine Schwester verschwindet und die Mutter versinkt in Trauer.  Bujar verlässt mit seinem Freund Agim sein Elternhaus. Im Sommer 1992 kaufen sie sich ein kleines Motorboot und wagen die Überfahrt nach Italien.

Bujar verbringt mehrere Jahre in Rom, wo er seine Träume von einem erfolgreichen Leben schwinden sieht. Er ertrinkt fast in dem Gefühl, unbedeutend zu sein, wagt schließlich nach einem misslungenen Selbstmordversuch einen neuen Anfang. Die Suche nach dem neuen Leben führt ihn nach Berlin, Madrid, New York und schließlich nach Helsinki. Er gibt sich mal als Mann, oft als Frau, erfindet seine Lebensgeschichte immer wieder anders. Weiterlesen

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Petros Markaris: Das Lied des Geldes: Ein Fall für Kostas Charitos

Der saudische Investor al Fallah wird in einem Vorort von Athen in der Nähe der Küste durch mehrere Messerstiche getötet. Er wollte in diesem Gebiet einen Yachthafen und ein Hotel bauen lassen. Zeugen gibt es nicht, allerdings hat ein Wachmann zur Tatzeit die Melodie eines Schlagers, in dem es um Geld geht, gehört. Kommissar Charitos muss nicht nur den Mörder finden, sondern auch den saudischen Botschafter beschwichtigen und verhindern, dass der Fall in der Presse ausgewalzt wird. Während die Ermittlungen langsam erste Erfolge versprechen, geschieht ein zweiter Mord: Im Exarchia-Viertel wird ein chinesischer Investor tot aufgefunden. Das ruft nicht nur die chinesische Botschaft auf den Plan, sondern könnte auch dafür sorgen, dass die dringend gesuchten ausländischen Investoren sich aus Griechenland zurückziehen. Und vom Täter gibt es auch hier keine Spur, er agiert offenbar sehr geschickt.

Zudem beschäftigt Kommissar Charitos noch ein ganz anderes Problem: Sein alter Freund Lambros Sissis, ein desillusionierter Altkommunist und Betreuer eines Obdachlosenheimes, hat mit den Bewohnern seines Hauses und anderen Obdachlosen die Linke symbolisch zu Grabe getragen und ruft damit eine neue Bewegung der Armen ins Leben. Er plant regelmäßige Kundgebungen. Da seine Freundschaft zum Kommissar bekannt ist, könnte diesen das in Schwierigkeiten bringen, vor allem dann, wenn sich Randalierer unter die Demonstranten mischen. Es gibt also einiges zu tun. Weiterlesen

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Monika Held: Der Schrecken verliert sich vor Ort

Der Roman „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ von Monika Held hat mich tief berührt. Er thematisiert die Schrecken des Konzentrationslagers Auschwitz und ist gleichzeitig die Geschichte einer Liebe. Wie kann das zusammenpassen?

Lena lernt Heiner im Gerichtsgebäude in Frankfurt kennen. Von 1963 bis 1965 findet in der Stadt der erste Auschwitz-Prozess statt. Lena arbeitet beim Gericht als Dolmetscherin. Heiner ist als Zeuge nach Frankfurt gereist. Er ist einer der wenigen, die die Lagerhaft überlebt haben. Im Prozess muss er erleben, wie seine Aussagen von der Verteidigung angezweifelt und seine Beobachtungen unglaubwürdig gemacht werden. Er sieht in den Gesichtern der Täter keine Reue, eher Hohn. Als er schließlich im Flur des Gerichtsgebäudes zusammenbricht, findet ihn Lena und hilft ihm.

Lena und Heiner verlieben sich, sie heiraten und kaufen sich ein Haus auf dem Land irgendwo im Norden Deutschlands. Das Zusammenleben ist nicht leicht. Heiner verkraftet keinen normalen Arbeitsalltag, er schreit nachts und kann ohne Licht nicht schlafen. Auschwitz lässt ihn nicht los, er hat das Lager ertragen, weil er eine Mission hatte: Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein. Jedem Besucher zeigt er sein Senfglas, welches auf den ersten Blick mit Sand gefüllt scheint, aber in Wirklichkeit Asche und Knöchelchen von Verbrannten enthält. Weiterlesen

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Luisa Neubauer & Bernd Ulrich: Noch haben wir die Wahl: Ein Gespräch über Freiheit, Ökologie und den Konflikt der Generationen

Am 26. September 2021 haben wir die Wahl: Mit der Abstimmung über eine neue Bundesregierung werden auch die Weichen für die künftige Klimapolitik gestellt. Die Fridays-for-Future Aktivistin Luisa Neubauer und Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur der „Zeit“, haben gemeinsam ein Buch über unseren Umgang mit der ökologischen Krise geschrieben. Die als Gespräch aufgebauten Texte behandeln umfassend verschiedene Aspekte der mit der Klimakrise verbundenen gesellschaftlichen Prozesse. Dazu gehört zum einen die Bestandsaufnahme – die Wahrnehmung des Phänomens Klimawandel aus unterschiedlichen Blickwinkeln, die Folgen der Politik der Regierung unter Angela Merkel, die Rolle der Medien bei der Beschreibung von klimatischen Veränderungen und bei der Berichterstattung über Klimaaktivisten, die Auswirkungen der Coronapandemie auf die Klimadebatte oder auch die Haltung der politischen Parteien in Bezug auf die Problematik.

Zum anderen geht es auch um mögliche Folgen im nationalen und globalen Rahmen und zugleich um Strategien für nachhaltiges Wirtschaften. Wichtig dafür ist die Diskussion des Freiheitsbegriffes, der nach Ansicht beider Autoren neu definiert werden muss. Weiterlesen

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Herman van Veen: Solange es leicht ist – Geschichten übers Älterwerden

Das Älterwerden beginnt mit dem Tag der Geburt und endet mit dem Tod. Dazwischen geschieht so allerlei. In seinem Buch „Solange es leicht ist – Geschichten vom Älterwerden“ schreibt Herman van Veen über die kleinen und großen Ereignisse, die einen vom Älterwerden ablenken und auch von denen, die uns daran erinnern. Er erzählt von Begegnungen mit anderen Menschen, bekannten und unbekannten, beschreibt das Haus seiner Kinderjahre, von Alltag und Urlaub mit der Familie. Erinnerungssandalen tragen mich vom Strandurlaub mit Muscheln und Eimerchen in Katwijk aan Zee bis zum ersten Kuss in der Abschlussklasse der Oberschule. Herman van Veen teilt seine Erinnerungen an Reisen, an Lesungen und Konzerte, lässt mich seine Freude am Musizieren miterleben.

Und auch seine Freude am Zeichnen: Jedem Kapitel ist eine der Grafiken vorangestellt, welche beim Schreiben des Buches entstanden.

Die meisten Geschichten haben so etwas wie einen roten Faden, aber er trägt nicht auf. Es ist, als ob man sich mit jemandem unterhält, ein Satz ergibt den nächsten, ein Bild erzeugt ein weiteres, das Gespräch fließt dahin. Und doch behält der Autor sein Thema immer im Auge. Jeder Text beschäftigt sich auf seine Weise mit der Frage, was es mit dem Älterwerden auf sich hat, wie Menschen ihre Zeit füllen, wie sie sich verändern. Weiterlesen

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Hallgrimur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

Gestatten: Toxic, also eigentlich Tomislav Bokšić, gebürtiger Kroate, von Beruf Profikiller bei der kroatischen Mafia. Bisher hat er 66 Aufträge erfolgreich ausgeführt. Na gut, Nummer 66 hatte einen Schönheitsfehler, der Typ war vom FBI. Deswegen ist Toxic jetzt auf der Flucht. Beim Check-in am Flughafen entgeht er nur knapp einer Verhaftung, indem er, professionell, aber ungeplant und deswegen recht riskant, die Identität von Nummer 67 „übernimmt“. Dumm nur, dass sich hinter Nummer 67 der Prediger David Friendly verbirgt, welcher auf dem Weg nach Reykjavik ist. Dort wird er, also Father Friendly, schon erwartet, er ist in eine Fernsehshow eingeladen. Toxic spielt mit, er lebt für einige Tage bei einem isländischen Priester und dessen Frau und tritt mehrmals in der Show auf. Die Tochter der Familie erweist sich als „Tag 1“-Frau: „Wenn sie die einzige Frau in unserer Einheit wäre und wir einen Monat in den Bergen festsäßen, würde ich am Tag 1 anfangen, vor ihr zu träumen.“ (S. 47) Weiterlesen

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Pankaj Mishra: Freundliche Fanatiker

„Man muss seine Feinde kennen, um sie besiegen zu können.“, sagte einst der chinesische General und Philisoph Sunzi. Zumindest auf der argumentativen Ebene erweist sich das Buch von Pankaj Mishra als gute Hilfe.

Als „freundliche Fanatiker“ bezeichnet der indische Autor die Ideologen des Neoliberalismus. Er beschreibt, wie sie den ideellen Unterbau des auf Freihandel und Gewinnmaximierung ausgerichteten Prinzips der Ökonomisierung und Globalisierung fast aller Lebensbereiche erdachten/erdenken und verbreiten. Selbst weitgehend im Hintergrund – ich kannte zugegebenermaßen kaum einen der genannten Autoren – liefern sie Politikern und Wirtschaftsvertretern die Argumente. Die Ideologie des Liberalismus wird als ultimative Lösung für die Menschheit dargestellt, sie beanspruchen die Deutungshoheit über unsere Wahrnehmung. Was nicht passt, wird weggelassen oder bis zur Unkenntlichkeit relativiert, Ungleichheit und Ausbeutung werden höchstens am Rande erwähnt und beschönigt.

Das Buch enthält Essays aus den Jahren 2011 bis 2020. Der Autor setzt sich mit den gängigen Narrativen westlicher Überheblichkeit auseinander, mit dem „Wir sind die Guten, also dürfen wir alles.“ Er ergänzt die weggelassenen, weil störenden Fakten. Weiterlesen

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António Lobo Antunes: Bis die Steine leichter sind als Wasser

Der Vater, Leutnant in der portugiesischen Armee im Krieg in Angola, zerstört mit seinen Leuten ein Dorf, mordet, brandschatzt. Stellt sich schützend vor einen schwarzen Jungen, dessen Eltern er zuvor getötet hatte. Nimmt das Kind mit nach Portugal und an Sohnes statt auf.

Viele Jahre später sticht der Sohn den Vater beim Schlachtfest nieder und wird darauf von den Nachbarn erschlagen. Das ist der Rahmen und er wird gleich auf den ersten Seiten aufgebaut.

Der Autor António Lobo Antunes war selbst in Angola, hat den Krieg miterlebt, die Gräuel, das Leiden. Das Buch ist ein Zeugnis davon. Es ist keine leichte Lektüre. Der Autor lässt abwechselnd Vater und Sohn sprechen, lässt den Leser in die Gedankenwelt eintauchen. Die Stimme des Vaters ist voller Resignation, voller Enttäuschung und schwer fassbarer Schuld. Die Bilder der Kriegserlebnisse beherrschen sein Denken, überschatten alltägliche Geschehnisse. Die Gespräche mit dem Psychologen konnten daran nichts ändern. Die Stimme des Sohnes ist voller Zynismus, genährt aus Demütigungen durch Familie und Ehefrau. Er ist zwischen allen Welten und nirgends zu Hause. Er fährt mit seiner Ehefrau, die er spöttisch als Exzellenz bezeichnet und die ihn verachtet, obwohl sie von seinem Geld lebt, ins Dorf zu seinen Eltern, die nicht wirklich seine Eltern sind, wo Schlachtfest gefeiert werden soll. Weiterlesen

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