Fjodor Dostojewski: Aufzeichnungen aus dem Untergrund (1864)

Dostojewskis Kurzroman „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erschien 1864 in der Zeitschrift „Epoche“, deren Herausgeber er gemeinsam mit seinem Bruder Michail war.

Der Erzähler ist ehemaliger Beamter, der nach einer kleinen Erbschaft den Dienst quittiert und sich in seine Wohnung zurückgezogen hat. Er ist ein Außenseiter, hat keine Freunde und verabscheut seine Nachbarn. Verbittert, voller Rachsucht und Neid gegenüber den Menschen und in allen Punkten unzufrieden mit sich selbst, ist es ihm doch das größte Vergnügen, über seine Person zu schreiben. Er hält sich selbst für klug, für klüger als die meisten anderen und er beschreibt seine Klugheit als Fluch, weil sie ihn dazu verleitet, sich die Beweggründe seiner Handlungen vor Augen zu führen und zu erkennen, dass er genaugenommen nur aus Egoismus handelt.

Der Roman besteht aus zwei Teilen. Im ersten, eher essayistischen Teil lässt Dostojewski den namenlosen Erzähler seine Haltung zur Gesellschaft darlegen. Er hält sich bewusst abseits, zieht eine klare Trennung zwischen sich und den anderen und klagt über die Selbstzufriedenheit der „Menschen der Tat“, deren Dummheit jeden Zweifel an sich selbst verhindert.

Er zieht dabei den Bogen zu Zeitgeschehen und neuen Ideen. Der Erzähler wendet sich an imaginäre Gesprächspartner, die er mit „meine Herrschaften“ anspricht und diskutiert mit ihnen über das Wesen des Menschen, über Möglichkeiten, Menschen durch Bildung umzuerziehen und über die Definition von Vorteil und freiem Willen. Er vertritt die Meinung, dass Menschen zwanghaft wider die Vernunft handeln, um sich zu beweisen, dass sie es können. Ganz gleich, ob sie damit sich selbst schaden. Weiterlesen

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Antonio Muñoz Molina: Gehen allein unter Menschen

Das Buch „Gehen allein unter Menschen“ des spanischen Autors Antonio Muñoz Molina ist das Tagebuch eines Spaziergängers. Es gibt keine Handlung im klassischen Sinne. Der Erzähler durchstreift verschiedene Städte – Paris, Madrid, New York – er geht scheinbar ziellos durch Straßen, nur um des Gehens willen. Dabei beschreibt er seine Eindrücke, seine Gedanken. Er ist ein Sammler, er sammelt Worte, Meldungen, Gesprächsfetzen, Werbebanner. Er saugt jedes Stück Schrift und jede Information auf. Unterwegs mit Stift und Notizbuch, schreibt er auf, was ihm begegnet und was ihm dazu einfällt. Er bannt Geräusche mit der Aufnahmefunktion des Smartphones, sammelt Prospekte, Werbezettel, Plakate, um sie später in Collagen neu zu ordnen. Er zeichnet ein Porträt der Städte und der Menschen, die in ihnen leben.

Das Buch gliedert sich in viele kleine Abschnitte, meist nicht länger als eine Seite. Jeder Abschnitt beginnt mit einem fettgedruckten und programmatisch klingenden Satz, dessen Verbindung mit dem nachfolgenden Text sich nicht immer erschließt. Die Abfolge der beschriebenen Spaziergänge ist nicht linear, Ort und Zeit ändern sich von Seite zu Seite und sind auch nicht immer ersichtlich. Weiterlesen

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Raymond Chandler: Die Lady im See (1943)

„Die Lady im See “, im Original „The Lady in the Lake”, ist Chandlers vierter Roman. Er wurde im Jahr 1943 veröffentlicht und inzwischen auch schon mehrfach ins Deutsche übersetzt. Für die Neuedition hat der Diogenes Verlag in Robin Detje einen Übersetzer gefunden, der Chandlers Text gekonnt ins Deutsche übertragen hat.

Die Geschichte beginnt eher harmlos: Der Unternehmer Derace Kingley beauftragt Privatdetektiv Marlowe, seine Frau zu suchen. Chrystal Kingsley ist vor etwa einem Monat verschwunden. Sie war zuletzt in einer Blockhütte an einem kleinen See in den Bergen, bevor sie sich angeblich mit einem neuen Lover nach Mexico angesetzt hat. Kingsley will vor allem sicherstellen, dass seine zu Ladendiebstählen neigende Gattin ihm keinen Ärger macht. Marlowe fährt zum Ferienidyll der Kingsleys und findet eine Frauenleiche im See. Damit beginnt ein Verwirrspiel um Namen und Identitäten.

Die Tote wird als Muriel Chess identifiziert, die Frau des Hausverwalters Bill Chess, welcher behauptet, seine Frau habe ihn vor einem Monat nach einem Streit verlassen. In den weiteren Ermittlungen tauchen immer mehr Namen auf, vor allem blonde Frauen mit ausschweifendem Lebendstil, die selten sind, was sie zu sein vorgeben, und es gibt weitere Tote. Weiterlesen

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Jasmin Schreiber: Der Mauersegler

Mauersegler verbringen fast ihr ganzes Leben im Flug, selbst im Schlaf sind sie in der Luft.

Die Hündin Laika ist ganz allein in ihrer Raumkapsel gestorben.

Menschen machen manchmal die schlimmsten Dinge und haben doch die besten Absichten.

Prometheus rast im Auto, in seiner „Arztkutsche“, wie sein bester Freund Jakob sie genannt hat, gen Norden. Jakob ist nicht mehr da, er hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Prometheus war sein Arzt. Nun flieht er planlos und ohne Ziel – nur weg. Schuldgefühle und Verzweiflung bringen ihn immer wieder zum Schreien und Heulen.  Irgendwo am dänischen Strand versucht er, sein Auto ins Meer zu fahren. Der Versuch misslingt. Er wird von zwei älteren Frauen aufgestöbert.  Sie helfen ihm, sein Auto aus dem Sand zu ziehen und bieten ihm ein Zimmer auf dem Hof an. Aslaug und Helle führen ein einfaches und naturverbundenes Leben auf ihrem Pferde-Hof. Prometheus darf in einem ihrer Gästezimmer wohnen und die Miete mit Arbeit im Stall abgelten. Weiterlesen

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Isabell Beer: Bis einer stirbt: Drogenszene Internet

Mit 13 raucht Leyla ihren ersten Joint, ihr wird übel davon, doch sie will unbedingt die berauschende Wirkung spüren, von welcher die anderen schwärmen. Irgendwann funktioniert es und von da an raucht sie regelmäßig. Später kommen andere Drogen dazu, Kokain, Pep, schließlich auch Heroin. Sie will alles ausprobieren.

Josh hat seinen ersten Kontakt mit Marihuana mit 15 im Internat. Das Rauschmittel wird Teil seines Alltags, daran ändert sich auch nichts, als seine Eltern ihm wieder nach Hause holen. Die Schule wird immer uninteressanter, irgendwann geht er nicht mehr hin. Er experimentiert mit verschiedenen Stoffen, mit Amphetaminen, Ecstasy, mit Kräutermischungen, Marihuana, verschiedenen Medikamenten und Research Chemicals. Mehrere Male überlebt er nur knapp. Mit 19 stirbt er an einer Überdosis, bei der Obduktion wird eine Mischung verschiedener gefährlicher Stoffe nachgewiesen. Auf dem Buchcover steht vor seinem Namen ein Kreuz.

Beide Jugendlichen kommen aus einem fürsorglichen Elternhaus. Joshs Eltern trennen sich einvernehmlich und ohne Streit, nachdem er aus dem Internat zurückkommt, und ich hatte beim Lesen seiner Lebensgeschichte nie den Eindruck, dass seine Sucht Resultat dieser Trennung war. Sowohl Josh als auch Leyla werden Teil einer Community, Josh, der vorher nur für Computerspiele Interesse gezeigt hatte, schließt sich verschiedenen Gruppen im Internet an, findet online neue Freunde. Weiterlesen

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Paolo Cognetti: Das Glück des Wolfes

Paolo Cognetti entführt seine Leser in die Alpen, in raue Natur und grandiose Schönheit. Hier, inmitten von hohen Bergen, Gletschern und Naturgewalten, begegnen wir drei unterschiedlichen Menschen. Der Roman begleitet die Protagonisten über ein Jahr, zeigt sie in unterschiedlichen Jobs und Begegnungen, begleitet sie bei ihren Entscheidungen.

Der Schriftsteller Fausto findet nach der Trennung von seiner langjährigen Freundin Zuflucht dem kleinen Bergdorf Fontana Fredda am Fuße des Monte Rosa Massivs. Dort verdient er seinen Lebensunterhalt als Koch in der Dorfkneipe „Babettes Gastmahl“. Auch Silvia arbeitet bei Babette – als Kellnerin. Santorso, im Winter Schneeraupenfahrer auf der Skipiste und ehemaliger Forstpolizist, ist Stammgast im Lokal.

Zwischen Fausto und Santorso entwickelt sich im Verlauf des Jahres eine lose Freundschaft. Zwischen Fausto und Silvia entspinnen sich gleich zu Beginn unsichtbare Fäden, sie umwerben sich und werden ein Paar. Schlafen miteinander, erzählen sich von ihrem Leben und ihren Träumen. Beide sind auf der Suche – nach einem Platz, einem Ziel, einem Zuhause. Weiterlesen

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Margaret Atwood: Drei drollige Dramen

Laut Duden handelt es sich bei einer Alliteration um eine Stilfigur, bei der die betonten Silben aufeinanderfolgender Wörter den gleichen Anlaut haben. Wer wissen will, wie weit sich das Spiel mit dem Stabreim treiben lässt, dem empfehle ich dringend die Lektüre von Margaret Atwoods Buch für Kinder und Erwachsene „Drei drollige Dramen“. Es enthält, wie der Titel schon verrät, drei witzige Abenteuer, die sich jeweils einem oder zwei Buchstaben widmen

In Rüpel Ramsey und die rebellischen Radieschen rollt das R durch alle Sätze. In der Geschichte von Bedauernswerter Bob und düstere Dorinda werfen sich B und D die Bälle zu. Das W zeigt seine Wandlungsfähigkeit in Wandernde Wanda und Witwe Wischwaschs Wunderwäscherei. Schon die Überschriften lassen erahnen, was den Leser erwartet. Ein großes Lob geht dabei auch an den Übersetzer Ebi Naumann, der für den englischen Stabreimspaß ein gelungenes deutsches Äquivalent geschaffen hat.

Die Helden in Margaret Atwoods fantastischen Geschichten haben zunächst reale Probleme, und sei es nur die die rummotzende Restfamilie von Rüpel Ramsey, welche diesen veranlasst, Reißaus zu nehmen. Weiterlesen

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Hervé Le Tellier: Die Anomalie

Am 11. März 2021 gerät ein Flugzeug der Linie Air France auf seinem Weg von Paris nach New York kurz vor dem Ziel in einen schweren Gewitter- und Hagelsturm. Es gelingt dem Piloten, die Herrschaft über die Maschine zu behalten. Etwas angeschlagen landet sie schließlich auf dem Kennedy Airport.

Am 24. Juni 2021 befindet sich erneut ein Flugzeug der Linie Air France im Landeanflug auf New York. Der Pilot behauptet, soeben durch einen schweren Sturm geflogen zu sein. Nur, dass es an diesem Tag keinen Gewittersturm gab und die Maschine auch in keinem Flugplan vorgesehen ist. Sie wird von zwei Kampfflugzeugen zu einer Air Force Base in New Jersey eskortiert. Es stellt sich heraus, dass es sich um eine exakte Kopie der am 10. März gelandeten Maschine handelt. Der französische Autor Hervé Le Tellier beschreibt in seinem spannenden Roman die Folgen, welche ein solches Ereignis auslösen könnte.

In alle Eile werden zunächst Experten zusammengetrommelt, sie sollen eine Erklärung dafür finden, dass ein nahezu identisches Flugzeug mit genetisch identischen Passagieren und Crewmitgliedern auftaucht. Le Tellier lässt Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete die verrücktesten Theorien entwickeln. Weiterlesen

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Wolfgang Knauer: Black and Blue: Louis Armstrong, sein Leben und seine Musik

Black and Blue ist der Titel eines Songs von Fats Weller, den Louis Armstrong durch eine kleine Änderung im Text zu einer Anklage gegen die Diskriminierung der Schwarzen werden ließ.

Black and Blue ist folgerichtig der Titel von Wolfgang Knauers neu aufgelegter und erweiterter Biographie über Old Satchmo.

Knauer beschreibt den Werdegang Louis Armstrongs, von der Kindheit in New Orleans bis zu seinem  Tod am 06. Juli 1971. Er geht ausführlich auf jede Station ein, ob Chicago, New York oder seine Auftritte in Europa und Afrika. Ich lese von seinen vier Ehefrauen, von Freunden, von seinen Lebensgewohnheiten und Vorlieben, auch von liebenswerten Schwächen. Knauer schildert Armstrongs Lebensverhältnisse, sei es am Anfang, als er in New Orleans auf der Straße sang und spielte, um Geld zu verdienen, sei es später, als er finanziell erfolgreich war.

Parallel dazu hat Wolfgang Knauer die Karriere des Musikers Armstrong dargelegt. Ich erfahre, was ihn zum Musiker gemacht hat, welche Einflüsse es gab, von wem er lernte und wer ihn förderte. Wegbegleiter, Kollegen, Bands werden ausführlich besprochen. Weiterlesen

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Malachy Tallack: Das Tal in der Mitte der Welt

Das kleine Tal im Norden der Shetlandinseln beherbergt nur fünf Häuser, und seine Bewohner könnten unterschiedlicher nicht sein. David lebt schon seit seiner Geburt hier, seine Frau Mary ist nach der Heirat zu ihm gezogen. Sandy ist mit Emma, der Tochter von David und Mary, hierhergekommen, doch Emma hat ihn verlassen und ist aufs Festland zurückgekehrt. Die Schriftstellerin Alice hat sich nach dem Tod ihres Mannes ein Häuschen gekauft und arbeitet nun an einem Buch über das Tal, seine Bewohner und seine Geschichte. Terry hat ein Alkoholproblem und wurde von seiner Frau verlassen. Ryan und Jo haben sich in ein vorher leerstehendes Haus eingemietet, um Miete zu sparen. Während also für die einen das Tal ein Ort fürs Leben darstellt, ist es für andere nur Zwischenstation.

Der Text fließt gemächlich dahin, so gleichmäßig wie das Leben im Tal. Die Jahreszeiten und das Wetter sind die bestimmenden Elemente. Das Klima ist rau, der Winter lang und Sonnentage sind eher selten. Der Rhythmus des Lebens wird zudem bestimmt von den Erfordernissen der Schafe, die als Nebenerwerb gehalten werden. Vor allem in Szenen, die den Umgang mit den Tieren beschreiben, werden starke Emotionen spürbar.

Abgesehen davon bleibt der Text distanziert beobachtend. Mir fällt dabei auf, dass Tallack offene Konfrontationen meidet. Weiterlesen