Einfach genial: Die 2020 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin beherrscht nicht nur Kurz-, sondern auch Kürzestgeschichten. Unglaublich, wieviel Leben sie auf eine Seite packen kann. Helga Schubert hat den Blick für die kleinen Spitzen des Alltags, für das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen. Bei diesem Erzählband handelt es sich um Schuberts Frühwerk, ihrem ersten Erzählband aus dem Jahr 1975. Obwohl ihre Geschichten vor 47 Jahren in der damaligen DDR spielen, wirken sie erstaunlich zeitlos. Ob Single-Frauen, Haustiere, Affären, Theaterinszenierungen HINTER dem Vorhang, das Verhalten von Menschen auf Seminaren – die Autorin überwindet im wahrsten Sinne des Wortes Mauern und Dekaden. Witzig, hintergründig, großartig!
„Er sitzt an der Bar. Mit einem nackten Gesicht. Wimpern und Augenbrauen und Haare haben eine Tarnfarbe.“ (S.41). Mit wenigen Worten macht Schubert einen Charakter lebendig, bei dem wir von Anfang an ahnen, dass seine Flirtversuche zum Scheitern verurteilt sind. Sprachlich virtuos löst die Autorin in nur eineinhalb Seiten den Titel der Erzählung „Taube Ohren“ auf. Durch ein geschmeidiges Stakkato an kurzen, treffsicheren Sätzen.
Zum Niederknien komisch ist die Erzählung „Der Hund“. Ein Kind möchte einen Hund als Haustier, was die Eltern aus verschiedenen Gründen nicht billigen. Nun wird es mit einem Ersatztier – genauer: zwei Vögeln – abgespeist. Mit mäßigem Erfolg. Ihr schlechtes Gewissen treibt sie zu weiteren Anschaffungen tierischer Art. Die Lage eskaliert. Weiterlesen








