„Komm, Mama“ zählt zur Kategorie der autofiktionalen Romane, die auf dem Buchmarkt mittlerweile immer häufiger zu finden sind.
Sirpa Kähkönen beschreibt darin nicht so sehr ihre eigene Geschichte, dafür die ihrer Familie und damit ihrer Herkunft. Vor allem geht es aber um eine schmerzliche Beziehung zu ihrer Mutter.
In ihrem Heimatland Finnland gilt sie als Bestsellerautorin und wurde 2023 für diesen Roman mit dem Finlandia-Preis ausgezeichnet.
Zum Inhalt:
Der Tod ihrer Mutter liegt bereits ein Jahr zurück und Sirpa nimmt des Nachts in ihren Gedanken Abschied von ihr, indem sie sich mit vielen zurückgebliebenen Gegenständen auseinandersetzt. Dabei geht es unter anderem um eine Strickjacke, eine Rute, oder Filzstiefel. Zu allen Objekten existiert eine besondere Geschichte. Sirpa befasst sich mit jedem einzelnen dieser Teile und verknüpft damit Erinnerungen. Diese Erinnerungen setzen sich teilweise aus früheren Erzählungen ihrer Familie zusammen. Dazu baut die Autorin eine weitere Figur ein: „Tuonis Tochter“, eine Figur aus der Unterwelt der finnischen Mythologie, deren Kopftuch aus Polarlicht besteht.
Sirpas Erinnerungen reichen zurück bis in die Welt ihrer Großeltern. So beginnt sie, das Leben ihrer Vorfahren und damit auch ihr eigenes besser zu verstehen.
Die Geschichte ihrer Familie wird damit gleichzeitig zur Geschichte ihres Landes, in dem das heutige Helsinki in den 1920er Jahren eine ostfinnische Provinz gewesen war.
Wir lesen von der finnischen Bürgerkriegszeit 1918, von der Gefangenschaft des Großvaters und vom Alltag der Menschen damals, der von vielen Mühen und einer Hungersnot im Winter geprägt war.
Wichtige Informationen liefern auch die Tagebucheinträge der Mutter. Als Kind hatte Sirpa sehr unter der Mutter gelitten, die nach Alkoholgenuss oft in eine psychotische Raserei verfiel.
Durch die Tagebucheinträge und das Verknüpfen verschiedenster Ereignisse wächst das Verständnis für die verstorbene Mutter. Sirpa taucht dabei in die Mädchenzeit der Mutter in den 1950er Jahren ein, als Frauen keine Gleichberechtigung, sondern eher Herabwürdigung erfahren haben. Mit dem Auflebenlassen ihrer eigenen Jugend in den 1970er Jahren findet sie zurück in die Gegenwart.
Durch ihre komplexen Reflexionen nähert Sirpa sich in aufwühlender und einfühlsamer Weise der verstorbenen Mutter an. Diese starken Emotionen berühren.
Sirpas stets präsente, imaginäre Kommunikation mit Tuonis Tochter aus dem Totenreich der finnischen Mythologie muten eher etwas gewöhnungsbedürftig und befremdlich an für LeserInnen anderer Kulturkreise.
Sirpa Kähkönen: Komm, Mama.
Übersetzung aus dem Finnischen: Stefan Moster.
Blessing, November 2025.
gebundene Ausgabe, 304 Seiten, 24,00 Euro.
Diese Rezension wurde verfasst von Annegret Glock.
