Sybil Volks: Café Finito

Ein Buch über den Tod? Über sechs Trauernde, die mit dem Verlust eines Menschen leben müssen? Will man das lesen?

Man muss!

Sybil Volks hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben über ein Dutzend Menschen und über einen Friedhof, den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, dessen zahlreiche berühmte „Bewohner“ – von Fichte bis Hegel, von John Heartfield bis Otto Sander, von Herbert Marcuse bis Fritz Teufel – kleine Nebenrollen spielen.

Der Ort der Handlung ist real. Sein Verwalter Kristof, der dort ein Café betreibt, in dem sich für jeweils ein Jahr Menschen versammeln, um gemeinsam ihre Trauer zu verarbeiten, ist fiktiv. So wie die diesjährige Trauergruppe, die sich im Café Finito unter dem programmatischen Schild »Lost & Found« trifft.

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Caroline Wahl: Die Assistentin

Caroline Wahl (Jahrgang 1995) hat ihren dritten Roman innerhalb von drei Jahren geschrieben. Nach ihrem Debüt „22 Bahnen“ (2023) und „Windstärke 17“ (2024) erschien am 28. August 2025 „Die Assistentin“ im Rowohlt Verlag.

Darin die Geschichte von Charlotte, die als Assistentin eines Verlegers in München eine neue Stelle antritt. Caroline Wahl hat nach ihrem Studium selbst in mehreren Verlagen, darunter auch dem Diogenes Verlag, gearbeitet.

Bleiben oder gehen – Vom Umgang mit einem narzisstischen Chef

Charlotte bewirbt sich auf Anraten ihrer Eltern auf eine Ausschreibung für eine Assistentinnen-Stelle bei einem „renommierten“ Verlag in München. Gleich im ersten Satz des ersten Kapitels ihres Romans stellt Caroline Wahl klar, dass das eine „riesengroße Fehlentscheidung war“. So weiß jede Leserin und jeder Leser von Anfang an Bescheid. Aber das nimmt dem Buch wider Erwarten nicht die Spannung. Ganz im Gegenteil. Dieser erzählerische Kniff, der sich durch das Buch zieht, ist eine erfrischende Note in der deutschen Literatur. Eine Vorwegnahme dessen, was Wahl dann in mehreren Schleifen zu erzählen hat. Anfangs hadere ich mit dieser Erzählweise, die jedoch nach und nach ihren selbstironischen Reiz entfaltet. Weiterlesen

Kat Menschik/Volker Kutscher: Westend

Die Geschichte um den Kriminalkommissar Gereon Rath, der Ende der 20er und während der 30er Jahre in Berlin ermittelte, ist nach dem 10. Band endgültig und noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs zu Ende gewesen. Aber wie hat Gereon, wie hat Charlie, wie haben all die anderen diese Zeit überstanden?

Volker Kutscher lässt das in diesem Band Gereon selber erzählen. Dieser ist inzwischen ein alter Mann. Aber er erinnert sich noch sehr genau, auch wenn er das vor diesem Journalisten mit den vielen Fragen nicht immer zugeben mag. Obwohl es ihn selbst in den Westen verschlagen hatte, hatte er doch so einiges in Ostberlin zu erledigen. Dinge, über die er offenbar nicht gerne spricht. Und Dinge, die ganz grauenhaft schiefgelaufen sind, ob mit oder ohne seine Beteiligung. Denn seine Ex-Frau Charlie hatte sich in Ostberlin ein neues Leben aufgebaut, mit Mann und Sohn. Konnte er sich da wirklich so sehr raushalten wie er behauptet, oder ist er an der Verhaftung ihres Mannes in den 50ern doch beteiligt gewesen? Wie gesagt, er spricht nicht gerne darüber. Weiterlesen

Jill Johnson : Nachtschattengewächse

Stilistisch ist an diesem Roman nicht wirklich etwas auszusetzen, er liest sich recht flüssig, die Beschreibungen sind bildhaft, die Figuren scharf profiliert und das Erzähltempo ziemlich hoch. Dennoch hatte ich Probleme mit der Geschichte, der Plot schien reichlich wirr, die Protagonistin arg überzeichnet und Auflösung sowie Ende nicht so ganz schlüssig.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Ich-Erzählerin Eustacia Amelia Rose, Professorin der Botanik. Momentan ist die Spezialistin für toxische Pflanzen allerdings beurlaubt oder entlassen, das wird nicht so ganz klar, wegen eines Vorfalls im Labor der Universität, für den sie verantwortlich gewesen sein soll. Dieser Vorfall wird immer wieder erwähnt im Laufe der Geschichte, allerdings erst ganz am Ende wird erklärt, was damals geschah.

Wie überhaupt die Handlung durchzogen ist von Andeutungen und Anspielungen auf Vergangenes, was aufgrund der gewählten Ich-Erzählform einigermaßen unrealistisch erscheint, da die Erzählerin die jeweiligen Vorkommnisse, ihre eigenen Erinnerungen und Erlebnisse ja am allerbesten kennt. Weiterlesen

Barbara Handke: Bernadette ändert ihr Leben

An einem schönen Septembertag radelt Bernadette an der Elbe entlang, um sich mit ihrer besten Freundin und Kollegin Lotta in ihrem Stammcafé zu treffen. Ihr Blick auf das strömende, strudelnde Wasser im Sonnenlicht ist an diesem Tag ein anderer. Es ist ein wacher Blick, der ihr sagt, alles verändert sich im Leben. Warum nicht auch bei? Die Arbeit in der Redaktion der Zeitschrift Paradies gefällt ihr schon lange nicht mehr. Seit ihr Mann sie und ihre Tochter verlassen hat, leidet Bernadette unter einer Schaffenskrise: Sie kann nicht mehr schreiben, nur die Bilder für das Magazin kann sie bearbeiten. Und weil sie von allen Kolleginnen am besten die Bildstrecken zusammenstellt, darf sie nach wie vor in der Redaktion arbeiten. Inzwischen ist sie das Mädchen für alles geworden.

Auf dem Weg zu Lotta öffnet sich nicht nur Bernadettes Blick. Sie sieht die bisher verdrängte Wahrheit: Sie mag nicht mehr den obligatorischen Sekt im Café, nicht mehr Single sein, und sie will raus aus der selbstgeschaffenen Enge.

Kurz darauf erhält sie die Gelegenheit, an Stelle von Lotta nach Madrid zu fliegen. Ihre Reportage über die Königliche Teppichmanufaktur wird von einem renommierten Fotografen begleitet. Eins kommt zum anderen. Bernadette erkundet ihre neue Umgebung, findet Freunde, und dann verändert sie ihr Leben. Weiterlesen

Ursula Poznanski: Erebos 3

Schon zweimal musste Nick sich den Aufgaben des Spiels „Erebos“ stellen und eigentlich glaubte er, das endgültig hinter sich gelassen zu haben. Inzwischen ist er ein mäßig erfolgreicher Fotograf in London. Erebos ist ja dafür bekannt sich ungefragt und unerwartet in die Leben der zwangsrekrutierten Spieler einzumischen und so ist es auch dieses Mal. Nick versucht sich, dem Spiel zu verweigern, aber Erebos verdirbt ihm Jobchancen und mischt sich immer wieder in sein Leben ein. Bis er endlich nachgibt und wieder zu Sarius, dem Dunkelelfen, wird.

Und nicht nur einfach zu einem simplen Dunkelelfen, nein Sarius muss eine ganze Gruppe anführen, um ein Leben – im RealLife – zu retten. Nur wessen Leben das ist und wie er das anstellen soll, dazu schweigt sich das Spiel aus. Nicks Freundin Emily befindet sich gerade in den USA, das ist auf der einen Seite gut für ihn, denn sie würde ganz sicher nicht gutheißen, dass Erebos schon wieder sein Leben bestimmt. Auf der anderen Seite fehlt ihm ihre Unterstützung ganz furchtbar und er fühlt sich nicht gut damit, sie am Telefon ständig anlügen zu müssen. Dafür findet er in Victor einen guten Freund, wenn der auch das Spiel nicht immer so ernst zu nehmen scheint, wie man es muss. Weiterlesen

Lia Middleton: Confession Room

Das Internet macht süchtig und es ist meistens ein schlechter Gedanke, dort seine intimsten Geheimnisse auszubreiten. Trotzdem erfreut sich der „Confession Room“ großer Beliebtheit, auch bei Emilia. Seit dem gewaltsamen Tod ihrer Schwester arbeitet sie nicht mehr als Polizistin, aber als im Raum der Mord eines Mannes und einer Frau angekündigt wird, kann sie nicht anders, als zu ermitteln. Nur kommt sie zu spät, denn der Mord ist bereits geschehen.

Der Leser bewegt sich zwischen Emilias Schuldgefühlen, den Mord an ihrer eigenen Schwester nicht verhindert zu haben und ihrem Wunsch, auch als eine Art Wiedergutmachung, weitere Morde zu verhindern. Denn die Geschichte wiederholt sich. Bis es sogar Emilia selbst ist, deren Name als Opfer auftaucht. Aber was kann sie vor wie langer Zeit in diesem Raum gestanden haben, das den Rächer – als solcher sieht sich der Täter selbst – auf den Plan ruft? Weiterlesen

Henri Faber: Locked In

In Heidelberg verschwinden Menschen. Die Hoffnung, sie lebend wiederzusehen, schwindet von Tag zu Tag. Als Kommissar Paul Maertens endlich eine Spur entdeckt, kommt es bei der Festnahme zu einem fatalen Unfall: Der Täter fällt ins Wachkoma – und die Opfer scheinen verloren. Um sie zu retten, bleibt nur eine letzte Chance: Der berühmte Neurologe Linde hat eine Methode entwickelt, mit der er die Gedanken von Komapatienten lesen kann. Gemeinsam dringen sie in das Bewusstsein des Täters ein, um das Versteck der Entführten zu finden.

Henri Faber gelingt es, ein Buch zu schreiben, das durchweg fesselt und interessante Themen aufgreift. Spannungsgeladen fliegt man von Kapitel zu Kapitel und wird immer wieder geschickt auf falsche Fährten geführt.

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Kuhl + Sandrock: Bittere Nacht: Juha und Lux vom LKA Hamburg ermitteln

Der zweite Fall für das Hamburger Ermittlerduo Juha – mit finnischen Wurzeln und schon ein bisschen älter als sein Kollege – und Lux, eigentlich Lucas. Nachdem sie vor einiger Zeit gemeinsam sehr erfolgreich waren, sind sie zur Mordkommission des LKA in Hamburg gewechselt und stecken nun gemeinsam in den Ermittlungen zu einem Mordfall, der sie vor eine ganze Menge ungelöster Fragen stellt. An einem sehr frühen Januarmorgen stößt eine Stand-up-Paddlerin im Alsterkanal auf die Leiche eines jungen Mannes. Selbstmord? Unfall? Ein Anwohner meint, dass junge Leute von den Balkonen der Wohnungen am Ufer ins Wasser sprängen, sei nicht besonders ungewöhnlich. Komme immer mal vor, wenn heftig gefeiert werde. Das ist allerdings recht bald auszuschließen, denn in der Wohnung des Toten müssen Juha und Lux gleich den zweiten grausamen Fall verkraften. Weiterlesen

Marie-Luise von der Leyen: Die Skandalösen: Frauen, die sich ihre Freiheit genommen haben

„„Skandalös“ ist ein deutsches Adjektiv, das etwas beschreibt, das Empörung und Aufsehen erregt und als empörend, unerhört oder ungeheuerlich empfunden wird. Es bezieht sich auf Situationen, Handlungen oder Verhaltensweisen, die schockieren oder Anlass zu großer Kritik geben.“ Soweit die offizielle Definition des Wortes „skandalös“. Seine Bedeutung ist allerdings einem ständigen Wandel unterworfen, es kommt eben immer darauf an, welche gesellschaftlichen Werte und Normen gelten. Was als „akzeptiert“ oder eben als „anstößig“ galt oder gilt, ist heute etwas ganz Anderes als vor hundert oder zweihundert Jahren.

Marie-Luise von der Leyen hat sich die Mühe gemacht, uns die Biographien von neun Frauen aus der Zeit von Mitte des 17. Jahrhunderts bis Ende des 20. Jahrhunderts zu schildern und darzulegen, warum sie in ihrer Zeit als „skandalös“ gegolten haben. Manche der Namen, die hier auftauchen, sind sicher den meisten bekannt, von anderen haben Sie vielleicht noch nicht oder nur mal am Rande gehört. Zu den bekannten „mutigen, starken Frauen, die die Welt veränderten, Schranken durchbrachen, sich gegen starre Normen stellten und Risiken in Kauf nahmen“ gehören sicher Coco Chanel, Prinzessin Diana, George Sand und Lola Montez, vielleicht noch Franziska Gräfin zu Reventlow.  Aber es lohnt sich durchaus, auch die anderen Kurz-Biografien zu lesen. Immer etwa 20, 30 Seiten – allzu nicht allzu lange, gut zu lesen und mit häufig interessanten Erkenntnissen. Weiterlesen