Adrienne Brodeur: Treibgut

Eigentlich sollte man sich dessen bewusst sein: Eine Familie ist stark und zerbrechlich zugleich. Alles hängt von aneinander ab und verändert sich. Unter anderem auch weil Familienmitglieder hinzukommen, während andere alt werden und irgendwann gehen.

Im zweiten Roman von Adrienne Brodeur steht die Familie Gardner gerade an einem Wendepunkt. Jeder von ihnen will auf seiner eigenen Spur bleiben und riskiert die immer größer werdende Distanz zu den anderen. Vielleicht wäre auch eine erneute Annäherung möglich. Hierfür müssten der alt gewordene Adam, sein Sohn Ken, der eine politische Karriere anstrebt und die Tochter Abby, die nie heiraten wollte und nun schwanger ist, jeweils ihre Perspektive und Gewohnheiten infrage stellen.

Weiterlesen

Irene Vallejo: Elyssa, Königin von Karthago

Aeneas ist nach der Ilias und der Odyssee (beide werden Homer zugeschrieben) das wohl drittwichtigste Epos der antiken Mythologie. Geschaffen wurde das Werk von dem römischen Autor Vergil. Auf den titelgebenden Held Aeneas geht die Gründung des Römischen Reichs zurück. So weit, so gut. Wie der Name vermuten lässt, liegt die Perspektive ganz auf der männlichen Hauptfigur. Die spanische Autorin Irene Vellejo rückt in ihrem Werk eine Herrscherin der Aeneas-Sage in den Vordergrund, die es in puncto Bedeutung locker mit Aeneas aufnehmen kann: Elyssa, Gründerin und Königin von Karthago. Warum hat es diese nicht zu derartigem Weltruhm gebracht? Wie so oft, ereilt Herrscherinnen in der antiken Mythologie ein viel zu frühes, tragisches Ende. Irene Vellejo mag am Tod Elyssas nichts ändern, stellt aber bewährte Rollenklischees auf den Kopf. Dafür bedient sie sich einiger Stilmittel, wie ungewöhnlichen Erzählperspektiven und der Verschmelzung von Zeitebenen.

Weiterlesen

Susan Sontag: Über Frauen

Dass Susan Sontags Gedanken ihrer Zeit immer ein Stück voraus waren, beweisen ihre intellektuellen Texte über Frauen in diesem Buch. Ihr Sohn David Rieff hat hier mehrere Essays seiner Mutter, die sie in den Siebzigerjahren, vor allem in New Yorker Magazinen oder der „Vogue publiziert hat, zusammen mit verschiedenen Interviews aus „Salmagundi-Magazinen herausgebracht.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, ist Susan Sontags Sichtweise noch immer bestechend klar und erfrischend aktuell.

Weiterlesen

Christian Handel: Die Nacht der Königinnen

Alix ist zwar eine Adelige, aber eher ein Wildfang. Das wird ihr noch zugutekommen. Erst einmal ist sie aber eingeladen. Denn der (verhasste) König möchte eine Braut. Zu diesem Anlass gibt er – wie in jedem guten Märchen – ein Fest und lädt die Adelstöchter des Königreiches im heiratsfähigen Alter dazu ein. „Einladen“ ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, denn weigern kann man sich so gut wie nicht – eine blitzschnelle Heirat mit irgendwem oder der Gang ins Kloster böte sich noch als Ausweg an. Alix reist also in die Stadt und wird von einer Verwandten auf die Festlichkeiten vorbereitet. Schon am Ende des ersten Abends läuft es ganz anders als geplant. Die Mädchen dürfen nicht nach Hause zurück, sondern ihre Sachen wurden bereits ins Schloss geholt und sie bekommen je zu zweit ein Zimmer – und nein, natürlich seien sie keine Gefangenen. Trotz Konkurrenz werden erste Freundschaften geschlossen, was nicht ganz so schwer ist, wie es sich anhört, weil ja eigentlich die Wenigsten den (verhassten) König heiraten möchten.

Weiterlesen

Brandon Sanderson: Weit über der smaragdgrünen See

Tress ist ein ganz gewöhnliches Mädchen, das auf einer Felseninsel inmitten des smaragdgrünen Ozeans lebt. Sie ist ganz sicher keine Heldin. Sie ist Fensterputzerin. Sie sammelt Tassen und backt Pasteten. Aber als ihre große Liebe Charlie, der Sohn des Herzogs, von einer Reise nicht zurückkehrt, macht Tress sich auf die gefährliche Fahrt über die Meere, um ihn zu suchen.

Nachdem sie sich von der Insel schmuggeln konnte – denn niemand darf den kargen Salzfels verlassen – fangen die Probleme erst richtig an. Denn das Meer ist kein normales Meer, wie wir es kennen, sondern besteht aus magischen Sporen, die von den Monden herabfallen und bei Kontakt mit Wasser tödlich werden können.

Ausgerechnet hier wird Tress dann auch noch von Piraten abgefangen und ihr Abenteuer nimmt seinen Lauf.

Weiterlesen

Tim Berger: Ein Häppchen Mord

Das Cover hat mich neugierig gemacht. Der Teller Spaghetti mit Tomatensauce, in dem senkrecht ein Messer steckt, rundum (Blut?)- dunkelrote Spritzer.

Blutrünstig ist dieser unterhaltsame, leichte Krimi allerdings überhaupt nicht. Gemordet wird hier mit Gift. Angeblich lässt diese Methode ja auf eine Frau als Täterin schließen, aber man soll ja keine voreiligen Schlüsse ziehen, schon gar nicht als Leser. Die einzig relevanten Frauen hier haben auch eigentlich überhaupt kein Motiv – sie würden sich nur selber schaden. Weder Gina, die Seniorchefin im „Salento“ noch Donatella, ihre Kellnerin, würden ja wohl einen Gast vergiften und so dem Ansehen der Trattoria Schaden zufügen. Und Camilla, Inhaberin und Küchenchefin im veganen Nobelrestaurant „Camilla’s“ hätte ja wohl schon überhaupt kein Interesse daran, ihren guten Ruf aufs Spiel zu setzen und den angestrebten ersten Stern, mit einem Giftmord leichtfertig aufzugeben. Pikantes Detail: in beiden Restaurants verstirbt am selben Abend und zur gleichen Zeit ein Gast, nachdem er Salsicce gegessen hatte.

Weiterlesen

Julja Linhof: Krummes Holz

Inzwischen ist Georg volljährig und verlässt das Internat, das die letzten fünf Jahre sein Zuhause war. Es war eine Zeit der Abstinenz von seinem Vater Georg, seiner Schwester Malene, der Großmutter Agnes und von Leander, dem Sohn des Hofverwalters. Georgs Ziel ist der elterliche Hof. Er trägt den Namen Krummes Holz und steht unter anderem für den nicht so ertragreichen Boden.

Schon vor Monaten hat Malene ihn gebeten, zurückzukommen, weil sie seine Hilfe braucht. Und kaum ist er angekommen, prallen Fremdheit und Vertrautes aufeinander. Der abgewirtschaftete Betrieb, die Abwesenheit des Vaters und eine demente Großmutter passen nicht zu einer Heimkehr, die ein Willkommen widerspiegeln sollte. Ohne darauf vorbereitet zu sein, spürt Georg die Narben auf seiner Seele. Sie wollen aufbrechen, während er krampfhaft versucht, sie mit Macht zusammenhalten.

Weiterlesen

Jan Schomburg: Die Möglichkeit eines Wunders

München, Fin de Siècle:  Kultur und Wissenschaft sind im Umbruch. Von moderner Kunst bis zur Eroberung des Luftraumes schwankt die Gesellschaft zwischen Ratio und Aberglaube. In einer sich immer schneller entwickelnden Welt sucht die vermögende Oberschicht Zuflucht im Okkultismus. Geister, Ektoplasma, schwebende Gegenstände …  dank moderner Gerätschaften kann man vieles davon nun „nachweisen“, aber genauso gut fälschen.

Mitten im Geschehen befindet sich der später titulierte „Geisterbaron“ Albert von Schrenk-Notzing, der sich zeitlebens über diesen Spitznamen geärgert hat. Schließlich will der therapeutische Hypnotiseur, Arzt und Forscher übersinnliche Phänomene rein wissenschaftlich ergründen. Ihn interessiert die Kraft des Geistes und der Seele (dank Sigmund Freud zusehends in Mode kommend!). Kann der Mensch durch bloße Willenskraft Dinge in Bewegung setzen? Ist er fähig, Visionen oder Geister zu empfangen, wenn sein „Ich“ mittels Hypnose außer Kraft gesetzt wurde?

Weiterlesen

George Saunders: Tag der Befreiung

Der US-Amerikaner George Saunders (Jahrgang 1958) erhielt 2017 für seinen Debütroman „Lincoln im Bardo“ den Man Booker Prize. Auch sein letztes Buch „Bei Regen im Teich schwimmen“ aus dem Jahr 2022 über die Geschichten russischer Schriftsteller wurde ein Bestseller. Am 13. März 2024 erschienen nun im Luchterhand Literaturverlag neun neue Stories von Saunders unter dem Titel „Tag der Befreiung“. Frank Heibert übersetzte sie aus dem amerikanischen Englisch.

Befreiung ist nicht gleich Freiheit

Die titelgebende Geschichte „Tag der Befreiung“ ist die längste und auch verstörendste Story in diesem Buch. Saunders erzählt von Menschen, die ihrer Identität beraubt wurden, künstlich mit Wissen versorgt werden und zum „Künden“ an Wänden fixiert werden. Wenn sie sprechen, ohne dass es ihnen erlaubt ist, riskieren sie eine Strafe.

Weiterlesen

Mary Beth Keane: Sieben Tage einer Ehe

Szenen einer Ehe: Emotionaler, aber etwas zäh erzählter Roman

Ein Ehepaar mit unerfülltem Kinderwunsch ist das Zentrale in diesem ruhig und einfühlsam geschriebenen Roman. Sprachlich reicht er an die früheren Werke der Autorin heran, dabei ist er jedoch irgendwie ein wenig leblos.

Malcolm, Barkeeper und damit in seinem Traumberuf tätig, hat sich vor einer Weile seinen größten Wunsch erfüllt und eine Bar als Eigentümer übernommen. Jess, überbeschäftigte Anwältin, wartet hingegen seit Jahren auf die Erfüllung ihres größten Wunsches, ein Kind.

Weiterlesen